Einige Bemerkungen zu Israel, zum Iran und zum Grasstext

Zu einem Teil ist dieser kleine Text auch als Antwort an Hanneswurst geschrieben: Ich lasse die ästhetischen Kriterien in der Sicht auf den Grasstext einmal beiseite, obwohl dies sichtlich schwer fällt, denn warum nennt der Mann das, was er schreibt, Gedicht? Darauf wüßte ich gerne eine Antwort. Grass‘ Kokettieren mit den Figuren von Schweigen und Reden ist schlechterdings albern. Es gab genug Gelegenheiten, sich zu äußern. Und sollte Grass nicht stark genug im Diskurs des Politischen positioniert sein, um dem Vorwurf des Antisemitismus standhalten zu können? Ach, und dieses Hin- und Herschieben der Antisemitismusvorwürfe beider Seiten erscheint mir nur lächerlich und es geht mir zudem am Arsch vorbei. Vielleicht bin ich ein Antisemit oder ein Anti-Antisemit, aber dafür dann doch ein netter. Und ausgerechnet am Karfreitag schreibe ich einen solchen Text. Ob der Papst wohl die Juden in seinem Karfreitagsgebet in seine Fürbitte mit einschließen wird? Ach, der Mann am Kreuz. Dionysos gegen den Gekreuzigten fällt mir da mit Nietzsche ein, und ich denke daran, welche beiden Flaschen Rotwein ich heute Abend mir auftue. Tuet auf, damit euch aufgetan wird! Na, dann tue ich heute mal wieder den Korken auf(machen). Doch ich schweife in die Regionen des Weinbaus, dort wo ich im Grunde am liebsten verkehre.

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Zunächst einmal: Wie die hauptamtlichen Medien mit Günter Grass‘ inhaltlichen Auslassungen umgehen, das kennen wir im Grunde nur aus der DDR: es ist der eine Sound des ND, um es ein wenig überspitzt zu formulieren. Der Oberton ist ein Herfallen über Grass. Damit hat man nun eine Grass-Debatte, eine Mediendebatte, eine Antisemitismus-Debatte und keine, der es um die Politik im Nahen und Mittleren Osten geht. Darin steckt sicherlich zum großen Teil auch eine Strategie der Entschärfung.

Es wäre also zu sprechen über die Waffenexporte von BRD-Unternehmen, nicht nur nach Israel. Diese Unternehmen liefern an jeden. Sie würden, wenn sie dürften, der Logik der Verwertung folgend, auch den Teufel beliefern. (Und wer von Waffenexporten spricht, sollte insgesamt vom Kapitalismus und seiner Logik nicht schweigen.)

Es wäre zu sprechen vom Umgang Israels mit den Palästinensern. Ein Staat Palästina, der aber bloß einen Flickenteppich darstellt und von Gnaden der Israelischen Armee existiert, ist kein eigenständiger Staat. Wer Palästinenserinnen und Palästinenser andauernder Schikane unterzieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn jene dagegen Protest anmelden oder sich wehren. Auf diese Weise, wie Israel seine Siedlungspolitik betreibt, wird sich die Spirale der Gewalt nicht lösen. Die Israelis wollen Sicherheit und erhalten durch die Politik des Staates Israel das Gegenteil.

Zudem: Staaten mit Konflikten stehen sich als Konkurrenten gegenüber, zumindest in der Logik dieses Systems, in dem in dieser Welt mit Konflikten umgegangen wird. Wenn es ein autonomes Palästina gibt, werden diese Konflikte sich verschärfen. Einer davon wird der um den Rohstoff Wasser sein.

„den Verursacher der erkennbaren Gefahr“, so dichtet es Grass, was bedeutet, es gäbe in dieser Region nur einen einzigen Verursacher. Dies zeugt von unglaublicher Naivität. Allerdings muß mit Gegenwehr rechnen, wer sagt: „Ich treibe den Staat Israel ins Meer!“ Diese Aussagen zum zukünftigen Status Israels sind kein bloßes Maulheldentum. Sie können zwar strategisch motiviert sein, um am Verhandlungstisch einen besseren Platz zu erhalten, ebenso mögen sie auch ernst gemeint sein. Zuweilen auch beides. Daß aus Absichtsbekundungen Taten folgen können, scheint mir angesichts der Betrachtungen in die Geschichte hinein nicht vollständig abwegig zu sein.

Ahmadinedschad ist alles andere als ein bloßer Maulheld. Der Iran ist eine Regionalmacht, alles andere als die verfolgte Unschuld und sie versucht, sich in der Region des Nahen und Mittleren Ostens strategisch zu positionieren. Eigentümlich ist es allerdings, wenn Länder, die Atomwaffen besitzen und nicht bereit sind, diese zu reduzieren oder (geordnet) abzubauen (wie immer das gehen mag), anderen Ländern den Besitz derselben vorhalten. Diese Anklage besitzt insofern einen schalen Beigeschmack. (Aus der Perspektive instrumenteller Machtpolitik ist sie freilich stringent, und sich darüber zu wundern, ohne Systemfragen zu stellen und Weisen des zweckrationalen Denkens in die Kritik zu nehmen, zeugt wiederum von Naivität.)

Wenn ausgerechnet Ahmadinedschad sich um Palästinenser sorgt, scheint mir das ausgesprochen verlogen, diese dienen ihm als Verhandlungsmasse und innerhalb des Raumes Israel/Palästina/Arabien als strategische Ressource. Und daß er in seinen Atomanlagen bloß ein wenig Stromerzeugung betreibt, halte ich für ebenso fragwürdig. Wieweit hier wer die Wahrheit sagt, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

(Daß Ahmadinedschad ein Folterknecht ist, steht dabei noch auf einem ganz anderen Blatt. Das Problem des Konfliktes Israel/Iran, Israel/Palästina: es hängt eine Vielzahl an politischen Konstellationen daran. Dies macht die Lage sehr unübersichtlich und einfache Antworten sehr schwierig. Ich gestehe, daß ich keine richtige weiß.)

Eine Kritik am Staat Israel sollte mit einer gewissen Vorsicht zu erfolgen haben, dies sei vorausgesetzt und diesen Aspekt betont auch Grass. Es bedeutet diese Vorsicht freilich nicht, daß der Staat Israel bzw. dessen Politik nicht kritisiert werden dürfe, auch dies sieht Grass richtig. (Ob es dazu aber dieser eigenwilligen Prosa bedurft hat?) Die Frage ist allerdings, in welcher Weise die Kritk da vorgeht. Ist Israel ein Kriegstreiber? Hier mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten, scheint mir zu einfach und verkennt die komplizierte Lage, in der Israel sich befindet. Zudem muß ich bekennen, daß ich mich mit der geopolitischen und strategischen Lage, mit den politischen Aspekten in dieser Region zu wenig auskenne, um adäquat urteilen zu können. Kritiker und Affirmierer sitzen allesamt weit weg im gemütlichen Deutschland.

Richtig ist es, ebenfalls Grass‘ inhaltliche Ausführungen zu betrachten und nicht nur auf den ästhetischen Aspekt zu schauen. Teils sind diese Ausführungen dürftig. Aber immerhin, das mag richtig sein: er legt einen Finger auf eine Wunde. Die Weise, in der er das betrieb, mißlang jedoch ums ganze. Und da er seinen Text nun einmal „Gedicht“ nannte (er hätte diesen Text ebenso anders bezeichnen können), habe ich ihn zunächst als solches wahr- und in die Kritik genommen. Dies – wie gesagt – entbindet nicht von einer Kritik an Israel, an den USA, an der BRD, am Iran, an einige anderen Regional- und Subregionalmächten. Und es zeigt sich auch hier: Einzig der kritische Weg bleibt offen.

So, und nun hoffe ich, über die paar freien Tage mich nicht damit zu beschäftigen, auf Antisemitismus- und Anti-Antisemitismus-Vorwürfe eingehen zu müssen. Im Grunde habe ich hier ein paar tentative Gedanken ausgeführt. Diesseits des ästhetischen Diskurses.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Einige Bemerkungen zu Israel, zum Iran und zum Grasstext

  1. hanneswurst schreibt:

    „Aber immerhin, das mag richtig sein: er legt einen Finger auf eine Wunde.“ Das ist als Rechtfertigung des Texts meiner Meinung nach ausreichend. Dass der Text als Gedicht deklariert wurde, hat vielleicht den Vorteil, dass er in zukünftigen Gedichtbänden erscheinen wird und tatsächlich niemand behaupten kann, nicht gewusst zu haben, dass ein Präventivschlag gegen den Iran (über dessen mögliche Auswirkungen auch die Experten streiten) wahrscheinlicher wird.

    In diesem Zusammenhang sollte man sich auch noch einmal mit dem Libanonkrieg 2006 befassen (http://de.wikipedia.org/wiki/Libanonkrieg_2006). Zur Bösartigkeit Irans: ich weiß nicht, ob Ahmadinedschad wirklich zu Protokoll gegeben hat, er treibe den Staat Israel ins Meer. Es könnte auch ein ähnlicher Schlüsselsatz sein, wie der hier diskutierte: http://www.sueddeutsche.de/kultur/umstrittenes-zitat-von-ahmadinedschad-der-iranische-schluesselsatz-1.287333

  2. Bersarin schreibt:

    „Das ist als Rechtfertigung des Texts meiner Meinung nach ausreichend.“ Nein, das ist es nicht, denn wenn ich einen Text an seinem eigenen Anspruch messe und dieser Text tätigt den Abbruch, indem er seinem Begriff nicht genügt, so ist der Text gescheitert. Sprache ist einer Sache nicht äußerlich.

    Besser sollten die zukünftigen Gedichtbände von solcher Lyrik verschont bleiben. Die Kritik an Israel und am Iran ist ganz gut in den Geschichtsbüchern aufgehoben.

    Der Topos des Ins-Meer-Treibens ist eine Metapher für die Aussage, daß der Staat Israel vertilgt gehört. Ach-mach-doch-mal-Dschihad (wie che ihn so schön nennt) hat das in dieser Formulierung wohl nicht gesagt. Aber das dürfte in der Konsequenz egal sein. Ob ich nun sage: „Ich hau Dir in die Fresse“ oder „Ick hau Dich auf die Omme“ ist ein Unterschied in den Begriffen, nicht in der Sache.

    Zudem: es geht nicht um die Bösartigkeit des Iran oder Israels, sondern um die Bösartigkeit bestimmter politischer Konstellationen. Länder sind erst einmal nicht bösartig. Wohl aber deren Despoten.

  3. Nörgler schreibt:

    Dem Nationalstaat als solchem inhäriiert das Bösartige, da er mit den anderen Nationalstaaten um die besten Verwertungsbedingungen des nationalen Kapitals konkurriert.

    Wie Bersarin bereits sagte, ist in der in Rede stehenden Region das Wasser ein hochbedeutsames Konkurrenzobjekt.

    Wo kein Nationalstaat – da kein eigenes Konkurrenzproblem. Deshalb läßt Israel einen Palästinenserstaat nicht zu.

    Etwa der Spruch „mit letzter Tinte“ ist so unsäglich affig und outriert, weil der Autor damit seinen Worten die Wahrheit des gleichsam testamentarisch aus dem Grabe Gesagten erschleichen möchte.
    Von einem Schriftsteller erwarte ich, dass er weiß, was sprachlich-tonal geht und was nicht. Seit Jahrzehnten vertrete ich die Auffassung, dass Grass sich an den Grenzen dieses Wissens bewegt.

    Inhaltlich sagt Grass „Dinge, die nun mal so sind wie sie sind“ (DonAlphonso).
    Was er sagt, kann man seit Jahr und Tag in der „Haaretz“ lesen.

  4. hanneswurst schreibt:

    @Nörgler: Sie kritisieren den Stil und bezeichnen den Inhalt als zutreffend, aber banal. Das ist ja OK, erklärt aber die Aufregung um das Gedicht nicht. Ich behaupte, dass diese Aufregung – qualifiziert oder nicht – politisch mehr bewegt hat als alle politischen Demonstrationen der letzten zehn Jahr in der BRD. (Da kann man natürlich auch sagen: also nichts.) Ich bin sogar der Meinung, dass die Wirkung des Texts jetzt schon legendär ist. Allein deswegen ist es müßig, sich fortgesetzt mit den vermeintlichen stilistischen Defiziten des Texts zu beschäftigen.

  5. Bersarin schreibt:

    @Hanneswurst
    Die Aufregung um Grass‘ Äußerungen zu Israel sind morgen vergessen, sobald irgend ein anderes Ereignis auf der Tagesordnung steht. Mich interessiert in diesem Punkt mittlerweile sehr viel mehr die mediale Inszenierung und wer da auf dem Rücken von Israel sein mediales oder politisches Süppchen kocht.

    Was Grass sagt, wird doch schon lange diskutiert, und was nun in den öffentlichen Blick gerückt ist, das ist nicht die (teils berechtigte, teils unberechtigte) Kritik an Israel bzw. an der gegenwärtigen und auch der vorhergehenden Regierungen, mithin die Politik des Staates Israel, sondern Grass selber. Wir haben eine Grass-Debatte und keine um Waffenexporte der BRD.

    „Allein deswegen ist es müßig, sich fortgesetzt mit den vermeintlichen stilistischen Defiziten des Texts zu beschäftigen.“

    Nein, das ist es nicht. Wer sagt, er schreibe ein Gedicht, der wird auch ästhetisch wahrgenommen. Warum, und diese Frage beantwortete mir bisher keiner, sagte Grass nicht: ich mache einen Text, ein Rede, eine Anklage, gebe ein politisches Statement? Wenn Ich Ihnen, Hanneswurst, sage, „Ich backe Ihnen einen Kuchen, den ich dann zum Kaffee bei Ihnen auftische!“ und ich bringe ihnen statt dessen einen Blumenkohl mit, so werden Sie mich auch beim Wort nehmen und mich an mein Versprechen erinnern. Denn Blumenkohl paßt schlecht zum Kaffeetrinken. Wenn jemand sagt, er operiere erstklassig am Herzen und hinterher stirbt der Patient, weil der Operateur seiner Tätigkeit nicht recht mächtig war, so vermute ich, wird es Protest geben und die Gerichtsmedizin wird schauen, was da abgelaufen ist.

    Ja, das Gedicht kann ein Mittel ästhetischer Darstellung sein, weil es – unter anderem – sein Wesen ist, zu verdichten und in eine besondere Sprache zu bringen – siehe etwa die Gedichte von Brecht. Radwechsel oder jenes Gespräch über Bäume und selbst die sogenannten Liebesgedichte könnten Leserin und Leser als politisches Gedicht lesen. Insofern ist es nicht unklug, daß Grass diese Form wählte. Er hat aber sein Versprechen nicht eingelöst und daran wird man ihn erinnern müssen. Vielleicht nicht unbedingt zeitlebens, aber doch auf den Moment hin.

    Wenn Grass der sogenannten guten Sache, was immer die sei, einen guten Dienst hätte erweisen wollen, so ginge er das anders an. Nein, man wird in zehn Jahren davon nichts in den Schulbüchern lesen – allenfalls peinlich berührt sein und mit dem Kopf schütteln.

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