Die Struktur des Autors

Man könnte ihn als einen der eifrigsten und regelmäßigsten Blogger bezeichnen, wenn es denn seinerzeit bereits ein solches Kommunikationsmedium gegeben hätte: Vom Jahre 1894 an bis zu seinem Tode 1945 schrieb er täglich: morgens zwischen fünf und acht Uhr. Und zwar in seine Cahiers. Die Rede ist von Paul Valéry. Es handelt sich bei dieser Arbeit jedoch nicht um ein Tagebuch im herkömmlichen Sinne, wie etwa bei Thomas Mann, der dort von seiner Verdauung schreibt oder über Schriftstellerkollegen spricht (die höfliche und diskrete Formulierungsvariante). Auch fließen in die Cahiers nicht nur unmittelbare Reflexionen oder Assoziationen ein, welche in die Schrift gebracht werden, sondern vielmehr geht es um den Strom des Bewußtseins mitsamt seinen Verzweigungen und Umwegen, um Gedanken und Einfälle, Aperçus, Aphorismen, Vergewisserung des Selbst, kürzere oder längere Sentenzen, Reflexionen, Beobachtungen, welche teils der Intuition folgen, teils komponiert wirken. Kurz und gut: es handelt sich bei diesen Heften um jenes über sich selbst reflektierende Subjekt, welches dabei über sich selber hinaus schreibt. Die Cahiers liefern Bedingungen der Konstitution, Analysen, Untersuchungen, in denen Denken verströmt. Schreiben in einem solch unwillkürlichen und zugleich äußerst strengen Modus forscht die eigene (Geistes-)Existenz aus (Monsieur Teste), notiert die Ideen, die Entwürfe, die Fragmente, es überläßt sich jenem Fluß. Hinzu kommen in Valérys Cahiers Zeichnungen und Skizzen, sogar Aquarelle.

Diese Cahiers lassen sich keiner Sorte von Text so recht zuschlagen. Sie sind keine Prosa, kein Essay, keine Philosophie, keine Lyrik, kein innerer Monolog, aber auch kein rhizomhaftes Wurzelwerk, weil auch dieses Gebilde immer noch von einem Nexus ausgeht. Valéry beschäftigte sich mit mit Mathematik, mit Physik, insbesondere der Thermodynamik, Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Dennoch: In diesem Gewebe und Dickicht von Text konstituiert sich ein Autor-Subjekt, welche jedoch nicht mit der hergebrachten Form von Subjektivität gleichzusetzen ist. Zwar handeln diese Cahiers von „geistig-seelischen Vorgängen“, von Gefühlen über Wünsche, Emotionen und Träumen bis hin zum menschlichen Willen, aber in ihrer Komplexität und ihrer Struktur erschöpfen sie sich doch nicht in der bloßen Subjektivtät des Bewußtseins. Was bei Valéry im Akt des Schreibens sowie im Modus der Schrift zu einem unerschütterlichen Fundament der Erkenntnis sich steigern sollte, gerät wider den Autor zu einem Hypertext. Die von Valéry zu recht geforderte Klarheit und Strenge des Schreibens (und Denkens) bordet über. In solcher Bewegung des Suchens nach jenem unerschütterlichen Fundament der Erkenntnis steht Valéry ganz auf der Seite Descartes – und es läßt sich sagen, daß fast die gesamte französische Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung mit Descartes ist: bis hin zu Sartre.

Seit jener Gewitternacht von Genua (4-5 Oktober 1892) perspektivierte sich für Valéry der Gang seines Denkens anders als bisher, es war Valérys Abschied von der Literatur. Jene Nacht brachte eine Wandlung, und sie gehört zu jenen Daten (auch der Literatur), welche den Einschnitt ausmachen und eine Wendung ums ganze ergeben: So etwa dieser Abend am 13. August des Jahres 1912, als Franz Kafka auf einer kleinen Gesellschaft bei Max Brod jene Felice Bauer traf: dieses leere Gesicht, wie er es in seinem Tagebucheintrag vom 16. August schrieb. Diese Nacht von Genua mag als Auslöser für jenen radikalen Zweifel, der sich im Schreiben zur Höhe trieb, gedient haben, folgt man dem Mythos der Literaturgeschichte.

Diese Aufzeichnungen Valérys stehen vermittels des Subjektbegriffes samt der Sistierung desselben in der Tradition Pascals, welchen er allerdings vehement kritisierte, und mehr noch Montaignes. Was ihn in den Bezug zu Montaigne setzt, ist sicherlich diese Weise der Selbstvergewisserung, die ausschweift und in die Weite geht. Zugleich löst sich der Text Valérys jedoch vom herkömmlichen Begriff eines Subjekts ab – trotzdem er auf die Formen der Wissenschaft rekurriert und jener cartesianische Zweifel und der Gang hin zur Gewißheit die Basis seines Schreibens/Denkens ausmachen.

„Die Person des Autors ist das Werk seiner Werke.

Mein Charakter bringt mich dazu, das, was geschrieben wird, als Exerzitium zu betrachten, als äußeren Akt, als Spiel, als Anwendung – und mich zu unterscheiden von dem, was ich ausdrücken kann.

Gl
Meine Verse hätte ich nicht geschrieben, wenn ich nicht durch die Anzahl der Bedingungen, die ich ihnen auferlegte und die nicht alle sichtbar sind, ihre Entstehung fast verhindert hätte.

Das Wesentliche ist für mich nicht das Werk (Mißverständnis) – es ist die Erziehung des Urhebers.“

(Paul Valéry, Cahiers 1, S. 332, Frankfurt/M 1987)

Nun eignen sich solche Hefte freilich gut als Steinbruch für Zitatesammlungen, um irgend etwas, irgend eine Befindlichkeit oder eine Stimmung mit einer Sentenz zu illustrieren, ohne daß das Zitat im Zusammenhang einer Reflexion steht. Um diese Reflexion aber geht es diesem Text – ebenso wie dem Valérys. Denken, das sich auf die Form richtet – auf die Bedingungen der Möglichkeit von Subjektivität und Autorschaft. Jener Cartesianische Zweifel, der am Ende zur Gewißheit finden will, kann unter den Bedingungen der Moderne bloß noch die Spaltung des Subjekts hervorbringen – daß das Ich in verschiedenen Perspektiven aufscheint und dies eben ist mit Nietzsche das Signum nicht nur der ästhetischen Moderne zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Georg Lukács fand für diesen Zustand in seiner „Theorie des Romans“ den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“.

„Ich sinke zu Boden unter der Last all dessen, was ich nicht getan habe.“ (Cahiers 1, S. 61)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Die Struktur des Autors

  1. guidorohm schreibt:

    Danke dafür. Habe ich mit Genuss und Gewinn gelesen.

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank, und – natürlich – herzlich willkommen auf diesem Blog!

  3. guidorohm schreibt:

    Vielen Dank, werde gerne immer wieder einmal reinschauen.

  4. Noergler schreibt:

    Es gibt von Thomas Mann jedoch auch bedeutsame, uns Spätere seherisch anrufende Tagebucheintragungen, etwa diese: „Golo – ein schreckliches Kind.“

  5. che2001 schreibt:

    Was Seherisches angeht finde ich unerreicht, dass Pablo Pcasso mit 13 Jahren gefragt wurde, was er werden wolle, wenn er groß wäre und erwiderte: „Der erfolgreichste Maler aller Zeiten.“ Er hat´s einfach gemacht.

  6. hllizi schreibt:

    Ähnliche Geschichten erzählt man allerdings auch von Arnold Schwarzenegger.

  7. Bersarin schreibt:

    @ Nörgler
    In der Tat bewies Thomas Mann in diesem Eintrag die nötige Vorausschau.

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