No Go Area

Lost in music. Das ist eine feine Sache, das mag in den wenigen geglückten Augenblicken des Lebens passieren, und wenn man in den Bassy Club in Berlin taumelt, dann kann man womöglich etwas erleben. Schade, daß ich nicht mehr rauche, denn es gibt dort einen richtig guten, großen Rauchersalon. Aber da die anderen rauchen, ging ich, um nicht allzu allein und dumm dazustehen, mit hinein in jenen Raum, und so kommt, wie nach dem Madeleinegenuß samt Tee, unwillkürlich das Gefühl vergangener Zeiten wieder auf, die Lunge atmet tiefer, der Rauch der Vergangenheit strömt, „Erinnere Dich!“ ruft es, und das Denken und das Früher kommen zu sich selber. Fumo punitur qui fumum vendidit. The young ones, aber natürlich nur in der Punk-Version. Und wie mit Derrida alles in Rauch aufging und Feuer und Asche wurde. Die Frage der Frau. Die Frage des Stils, ich habe meinen Regenschirm vergessen. Ihre roten Gauloises, meine Luky Strike ohne Filter. Von wem war diese Punk-Version von „The young ones“ nochmal? Ich weiß es gar nicht mehr. Egal, ich höre jetzt nicht die alten Platten durch, um das herauszukriegen, und wahrscheinlich kommt das Stück auch gar nicht auf einer Platte vor, sondern lagert auf irgend einer Ferrochrome-Kassette.

In so einer Lokalität wie dem Bassy Club trinkt man besser Bier als Wein, weil die Trinkende, der Trinkende niemals genau wissen können, was in den Flaschen genau sich befindet. Wir hatten zwar vorher bereits zusammen mit Besuch zum Essen einen Riesling, einen Grauburgunder und einen Primitivo getrunken, dazu gab es als Nachtisch einen wunderbaren Marillenlikör von feinster Qualität und anschließend als Verdauungstrunk einen sehr guten Obstbrand, der als weich und samtig sich erwies. Aber so recht warm werde ich mit den höherprozentigen Sachen nicht, mein Getränk bleibt der Wein. Nun wirkt es sich freilich nicht zum Vorteil aus, wenn auf Wein Bier folgt, aber Bier paßt in solchen Zusammenhängen gut, und wir sind beide trinkfest, wenngleich wir uns vornehmen, zuweilen am Wochenendabend mal weniger zu uns zu nehmen. Ach, wir machen das wie Nick und Nora Charles in „The thin man“: wie um alles in der Welt können zwei Menschen nur so stilvoll miteinander trinken? Ich habe mir immer eine Frau gewünscht, die beim dritten Glas nicht aufhört, und wenn sie dieses mit mir trinkt, dann nicht herumlabert, sondern genauso kreativ, phantasievoll und witzig spricht wie vorher. Zuweilen meint es das Leben gut mit einem.

Aber ich wollte gar nicht so sehr über die vielen Vorzüge des Alkohols schreiben, sondern von einem Konzert um Bassy Club berichten.

Alexander Scheer spielte dort am Freitag zusammen mit einer Band. Ich werde bereits sehr skeptisch und reagiere ungnädig bis ungehalten, wenn auf der Bühne eine Band mit mehr als vier Musikern auftritt – ausgenommen es handelt sich um eine Brass-Band, eine Marching Band, eine Karnevalsband oder einen Spielmannszug; was weiß ich: bei Popmusik sind mehr als vier Musiker zu viel. Schon auf der Bühne tummelten sich also eine Anzahl von Menschen, die mein intuitives, auf unmittelbarer Wahrnehmung beruhendes Zählvermögen überstieg. Es heißt, daß die Menschen bei mehr als fünf oder sieben Dingen die Anzahl derselben nicht mehr unmittelbar auffassen, sondern zählen müssen. Auf dieser Bühne, an diesem Ort verhielt es sich in genau dieser Weise. Sie groovten und bewegten sich im Takt ihrer eigenen Musik, und diese Musik war schlecht, sehr schlecht sogar, irgend etwas zwischen deutschsprachigem Rock und Blues, Langsames mit Texten, die dem Schlager entsprungen waren, höre ich da auch Blumfeld heraus? Im Grunde aber spielte die Band und sang der Sänger Schmuserock und Wohlfühlmusik. Mag der dekonstruktive Kritiker nun entgegen: „Aber das ist ja Diskursrock!“, so sage ich: Nein, das ist Scheißrock, wer Herz auf Schmerz reimt, macht einen Fehler. Und wenn ein Konzertpublikum friedlich mit den Schultern wiegt, dann ist etwas faul im Staat, aber das ist es sowieso, und wenn es im Staats- und Politikwesen bereits faulig zugeht und die Verhältnisse angefressen sind, so will ich doch wenigstens am Abend gut unterhalten werden.

Ein Schauspieler, so mochte man rufen, und das ist Alexander Scheer nun auch: diesmal spielt er die Rolle des Sängers, der sich hin und her wiegt, sich ans Mikrophon klammernd, während er diese Schmelzscheiße haucht. Der Bassist rieb seinen Bass, strich über ihn und machte Posen, als riebe er seinen Schwanz. Die Sache wäre gut gewesen, wenn die Band irgendwann aufgehört hätte. Das tat sie aber nicht. Die Bands, welche besonders schlechte Musik erzeugen, hören nicht auf. Und sie führen zudem immer einen Chor von Claqueuren mit sich im Troß, der sie unaufhörlich ermuntert, doch weiter zu machen und noch eine Zugabe zu spielen. Wohlwollend tut die Band das dann.

Wir setzten uns ein wenig nach draußen, am Rande der Schönhauser, um uns abzureagieren, weil diese schreckliche Musik nun einmal durch den ganzen Klub drang und es kaum einen Platz gab, der Sicherheit und Schutz vor ihr bot. Auch mein Geschimpfe im Konzertsaal und der Ruf „Aufhören!“ – der Mut ihn auszustoßen war sicherlich ein wenig dem Wein geschuldet – zog keine Verhaltens- oder Musikstilspieländerung der Band nach sich. Während ich einsam im Gang wartete und J. auf der Toilette sich frisch machte und das tat, was Frauen dort eben so tun, fluchte ich im Gang also vor mich hin und ein Herr mit Cowboyhut hörte mein Fluchen und der Herr stimmte mir bei: „Wenn ich das vorher gewußt hätte, was die hier machen, hätte ich die niemals gebucht.“ Sehr wohl getan, denn solche Art von Musik paßt kaum in den Bassy Club.

Alexander Scheer sieht sympathisch aus, sicherlich werde ich ihn mir gerne weiterhin als Schauspieler ansehen, so wie in Castorfs Endlosstück „Berlin Alexanderplatz“, aber niemals mehr als Musiker anhören. Warum muß eigentlich jede Schauspielerin, jeder Schauspieler eine Band gründen und musizieren? Steht das in den Arbeitsverträgen? Wohin das Musikantentum der Schauspieler am Ende führt, kann man gut an Herbert Gönemeyer beobachten. Alexander Scheer: der Herbert Grönemeyer von Berlin-Mitte.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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19 Antworten zu No Go Area

  1. hanneswurst schreibt:

    Primitivo? Eine gute Gelegenheit meinen Lieblingswein für den Alltag anzupreisen, da: http://www.jacques.de/product_info.php/info/p1584_2010-SAN-MARZANO-Primitivo.html

    Ein schöner Grauburgunder, das ist natürlich was, mit den Rieslingen komme ich noch nicht so zurecht. Außer natürlich zu Forelle blau.

    Sehr schade, dass Ihnen die Schnäpse nicht so schmecken. Auch ohne guten Whisky kann ein schöner Abend doch kaum stattfinden. Hier möchte ich deshalb eine Whisky-Empfehlung abgeben: http://www.whisky-fox.de/ardbeg-blasda-p-1951.html

    Der Rest der Reportage hat mir natürlich auch gefallen, und die Moral von der Geschichte ist doch wohl, dass man sich zwar die Frauen, jedoch nicht die Musik schönsaufen kann.

  2. Bersarin schreibt:

    Alles richtig: Aber: eine Frau würde ich mir nie schönsaufen, da ich nur mit Frauen ausgehe, befreundet bin, nur Frauen liebe, die schön sind. Der Alkohol dient mir nicht dazu, daß die Dinge schöner werden, sondern er ist Moment gesteigerten Geistes. Eigentlich müßte ich koksen.

    Ich danke Ihnen vor allem aber für die Empfehlungen. An Whisky wage ich mich demnächst, ich erhielt dazu vom Nörgler einige gute Hinweise.

  3. fk schreibt:

    toll wie hier gesoffen und geschrieben wird.
    mach bitte weiter so!

    hgfk

  4. hanneswurst schreibt:

    Ich wollte keinesfalls darauf anspielen, dass Sie sich Ihre Begleitung schöngesoffen haben. Das ist ja wohl auch kaum möglich, da Sie sich ja schon vor dem Betrinken der Erscheinung Ihrer Begleitung bewusst waren und meiner Erfahrung nach das sogenannte „Schönsaufen“ nur bei neuen Bekanntschaften, die in alkoholisierter Verfassung gemacht werden, funktioniert.

    Ich bin in solchen Dingen jedoch kein Experte, sondern spreche nur aus der Erinnerung an meinen sexuell aktiven Lebensabschnitt. Meiner heutigen Meinung nach ist es nicht schicklich, im betrunkenen Zustand Damen zu umwerben. Deshalb habe ich mich für das Trinken und gegen die Liebe entschieden.

  5. Bersarin schreibt:

    @ fk
    Aber sicher doch, und gerne mache ich beides. Und die Rubrik „Der Blogtrinker“ wird hier demnächst aktiviert. Ich muß halt nur einen tag finden, der diese Hemmungslosigkeit auch zuläßt.
    ___________

    Da, werter Hanneswurst, gebe ich Ihnen in vollem Umfang recht: „Deshalb habe ich mich für das Trinken und gegen die Liebe entschieden.“ Das Glück des Trinkens ist von Dauer, das der Liebe flüchtig, gar ephemer, selbst wenn die Geliebte bleibt: Die Liebe welkt am Ende, Alkohol nur bei unsachgemäßer Lagerung.

  6. Hank Bassy schreibt:

    … der Mann hat recht !!
    Ich war der mit dem Hut …. ich habe die Band (aus alter Freundschaft und Geselligkeit ) gebucht …. …. es war scheußlich !!!

    Obgleich die Musik (die alte + ihre Wurzeln und so ..) der Grund für den Laden ist …..
    Na ja …. passiert halt ein zwei mal im Jahr …
    jedenfalls biete ich dem Autor hiermit 2 Freikarten für kommenden Freitag … mein persönliches Konzert des Jahres (falls man die ersten Singles von Tina Turner mag ) …
    The Excitements
    http://www.facebook.com/pages/The-Excitements/107151905995882
    einfach ne mail an : XXXXX

  7. Noergler schreibt:

    Spiritus longus, penis brevis.

  8. julepi schreibt:

    Lieber Hank Bassy, großartig, denn ich bin die Frau, wegen der die Männer zu trinken anfangen. Das wird den Umsatz Ihres schönen Clubs am Freitag hochtreiben. Schließlich trinke ich gerne mit.
    Ansonsten, liebe Männer, nicht nur der Alkohol währt ewig, während die Liebe verkümmert, verschrumpelt und verschimmelt. Als gebürtige Schwäbin fällt mir ein altes Sprichwort ein:
    Liebe vergeht, Hektar besteht.
    Leider kann dies Bersarin kein Trost sein – als Kapitalismuskritiker ist ihm solch‘ Materialismus fremd. Also kein Trostpreis für dich, Bersarin, nur eine Flasche Grauburgunder/Riesling/Primitivo.
    @Nörgler: A propos primitivo, was nun auch ursprünglich heißt, also unverschwurbelt: Haha! Sehr gelacht! (Wir Frauen lachen da ja eher als die Männer…)

  9. Bersarin schreibt:

    @ Hank Bassy
    Many thanks!!!

    @ Nörgler
    Diese traurige Wahrheit ist leider eine der sinnlichen Gewißheiten, die sich durch keinen dialektischen Trick hintertreiben lassen.

    @ Julepi
    Verrate doch nicht, daß mein Herz links schlägt, Du vernichtest mir meinen Ruf als vollständig apolitischer Ästhetiker der Kierkegaardschen Provenienz! Denn ich liebe den Kapitalismus, solange er mir die Weine beschert, die ich mag.

  10. Noergler schreibt:

    Auch ich bin keinesfalls Kapitalismuskritiker, sondern nur Mitglied im „Verein der Freunde der politischen Ökonomie und ihrer Kritik“.
    Soweit ich jedoch schon Dinge über Kapitalismuskritiker von Rang gehört habe, so sind sind sie weder theoretisch noch praktisch Verächter des Materialismus. Kommunismus heißt Luxus für alle. Anders ist er garnicht zu rechtfertigen.

  11. Noergler schreibt:

    Meinen Verleser des Tages verdanke ich julepi. Es sagte nämlich jemand vom „Spiegel“ über sie:

    “Ich habe mit Juliane Pieper zwar nur ein Mal gearbeitet – aber das war großartig: Sie war schnell, einfallsreich, belastbar und hat die Nacht durchgezecht, um am nächsten Morgen beste Ergebnisse vorweisen zu können. Frau Pieper? Kann man empfehlen!”

    Da stand aber nicht „durchgezecht“, sondern „durchgezeichnet“.

  12. julepi schreibt:

    Ach Nörgler. Schon ist mein Ruf auf diesem Blog ruiniert. Da muss ich wohl die (Durch)Zeche zahlen.

  13. Bersarin schreibt:

    @ julepi
    Aber mitnichten: hier auf diesem Blog treffen sich die Menschen, welche in allen Dosierungen, aber doch mit viel Freude, Wonne und Lust den Drogen frönen. Langeweilerinnen, die im IndoChine oder in der Bullerei nach dem zweiten Glas Rotwein aufhören, sind unerwünscht. Und Du weißt ja: Große Attraktoren haben kurze Beine ;-)

  14. julepi schreibt:

    Kurze Beine habe ich mitnichten, denn ich bin sechs Meter groß und alles ist wichtig. Außerdem esse ich nur im China-Imbiss an der Schönhauser und niemals im Indoscheiß.

  15. Bersarin schreibt:

    „Fütter mein Ego“. Passend, sehr passend in diesem Falle.

  16. hanneswurst schreibt:

    @Noergler: Wo kann ich mein Beitrittsgesuch für den „Verein der Freunde der politischen Ökonomie und ihrer Kritik“ einreichen? Ich bin bereit, als Neuling einige lästige Dienste zu verrichten.

  17. hllizi schreibt:

    Ein Praktikant!

  18. xxxicarus schreibt:

    @hanneswurst:

    “Meiner heutigen Meinung nach ist es nicht schicklich, im betrunkenen Zustand Damen zu umwerben. Deshalb habe ich mich für das Trinken und gegen die Liebe entschieden.“

    — großartig, das…!
    Bitte hiermit ergebenst um Zitiererlaubnis zu gegebenen Anlässen (etwa: aufdringlich alkoholisierte Heut-nacht-will-ichs-nochmal-wissen-Mitvierzigerinnen, frischverliebte moralpredigende Weinschorlentrinker, und als Thekenmantra für Momente in denen man an der generellen Gesundheit der Entscheidung FÜR das nächste BottomsUp und gegen MopsUndBein zweifelt..).

    Da aber klare Statements wie gehabt danach schreien, gebrochen zu werden und derartige Maximen die nicht zu unterschätzende Selbstüberschätzung des Jägers im Rausch nur noch peripher interessieren, bleibt, da ist nichts zu machen, trotz jeder Entscheidung die – mich zuletzt auf einem feuchtfröhlichen Kulturfest im Grünen mit gar zu inspirierender Streichquartettbesetzung besprungen habende – BEGIERDE…:::

    Abendtrieb

    Über allen Kipferln
    Ist ruh.
    Von deinen Schwipferln Schwankest du –
    Mann bist du drauf..
    Cellistinnen geigen im Walde.
    Warte nur, balde
    Geigst du Sie auch.

    (JottWeDe., frei nach J.W.G.)

    Schöne Runde habt’s hier! – ich schau wieder rein.
    Gruß, C.

    ————-
    hardtravelinberlin.blogspot.com
    (soontobewordpress…?)

  19. Bersarin schreibt:

    Schöner Kommentar, sowas gefällt mir. Bitte mehr davon! Und gerne immer mal wieder hier hereinlesen.

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