100 Jahre „Morgue“ von Gottfried Benn – mit einem Seitenblick auf Robert Frost (1)

Es ließe sich mittlerweile wohl jede Woche ein Text zu einem Werk der klassischen (ästhetischen) Moderne schreiben, welches seinen 100. Jahrestag begeht – neben der Antike und der Renaissance eine der wohl bedeutendsten Epochen für die Kunst, namentlich deshalb, weil sich in dieser Zeit die Grenzen zwischen europäischer und nichteuropäischer Kunst langsam öffnen. Andererseits sind solche Kategorisierungen im Detail zugleich haltlos: als ob die Kunst, welche unter dem Titel Barock firmiert, nicht ebenfalls Werke hervorbrachte, die einen Schlag versetzten.

Erinnert aber sei hier im Blog nur an wenige Werke der Klassischen ästhetischen Moderne: an das, was bleibt, was in der ästhetischen Kritik besteht, und dazu gehört Gottfried Benns Gedichtband „Morgue“, welcher im März 1912 in Meyers „Lyrischen Flugblättern“ erschien – jene Rue Morgue in Paris, die als Synonym fürs Leichenschauhaus stand und sich in dem Begriff „Morgue“ verdichtete. Am Freitag stand zu diesem Gedichtband ein Text von Friederike Reents in der FAZ.

Ein bisher nie gehörter Ton wurde in diesen Gedichten von einem bis dahin fast unbekannten 26jährigem Dichter angestimmt und Bilder geboten, die der Kälte und der Mitleidslosigkeit entnommen waren, zu der einzig der analytische Blick fähig ist – fast möchten wir annehmen, daß dazu nur die Sicht der Medizinerin, des Mediziners geeignet scheint, die in aller Klarheit sehen (müssen), weil es ihre Arbeit ist, genau in dieser Weise wahrzunehmen – nicht getrübt von den Sentimentalitäten. Der Crayon wandelt sich zum Seziermesser. Die gewöhnliche Zartheit für die Dinge, welche bereits Hegel in seiner Logik beklagte, die dann von Adorno freilich als die Freiheit zum Objekt unter den Bedingungen des Spätkapitalismus eingefordert wurde, geht dem medizinischen Blick ganz zu recht ab – dort wo ein Schnitt getätigt werden muß, schneidet das Messer ohne Rücksicht und aus der Notwendigkeit heraus.

„Morgue“ hieß bereits ein Gedicht von Rainer Maria Rilke in „Neue Gedichte“ (1907), aber es ist völlig anders gebaut als das, was dann fünf Jahre später bei Benn erscheinen wird, wenngleich sich über das Motiv der Leiche und über Baudelaires „Ein Aas“ aus den „Fleurs du Mal“ Korrespondenzen ergeben. Dennoch: der Ton Rilkes unterscheidet sich grundsätzlich von dem Benns. Wo Rilke noch reimt und schweift, da reduziert Benn und schraubt in diesem Verfahren der Minimalisierung zugleich die Taktzahl hoch.

Das Anfangsgedicht von Benns „Morgue“ – jede/r kennt es – ist die „Kleine Aster“, wo Natur zu toter Natur sich gesellt; der Reim nur noch als Bruchstück, genau an zwei Stellen erkennbar vorhanden.

Kleine Aster
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

Lakonisch, deutlich und klar. Das letzte Geleit: es gilt der Blume (welche zugleich die Metapher für das dichterische Wort ist, wenn man nach der antiken Rhetorik geht: flos orationis), jener dunkel-hell-lila-farbenen Blume. Die Aster aber wird, in der Brusthöhle mit der Holzwolle gebettet, ebenso welken, wie der Bierfahrer bereits tot ist. Er hat es hinter sich. „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch.“ Dem Bürger des frühen 20. Jhds, welcher sich selber den Sinn für die schöne und erbauliche Kunst zuschreibt, aus dem er seinen Distinktionsgewinn bezog, stieß solches Gebaren eines Gedichts übel auf. 30 Jahre später treibt derselbe Bürger mit seinem Kunstsinn in Deutschland diesen Satz von der Krone der Schöpfung auf eine nicht dagewesene Weise in die Wirklichkeit hinein.

Dicht liegt der Mensch in Benns Lyrik bei der Natur, aber es ist dies nicht die schöne oder erhabene, sondern – ganz in der Tradition eines Baudelaire, dem die Natur zuwider war: es zählten schließlich nur die „künstlichen Paradiese“ – eine Natur, die ohne jede Absicht und ohne irgend ein Telos wirkt. Benn tilgt das Schöne, und der Mensch ist nicht mehr, wie in Rimbauds „Der Schläfer im Tal“ in die Natur gebettet, wie es der erste Blick vorgibt, und liegt im grünen Gras oder im Klee, obgleich bereits (von einer Kugel) tot, wie der zweite, der genauere Blick es dann zeigt, sondern Tod, Natur und Mensch verquicken sich ohne Distanz in den Bildern. Es ist nicht mehr die gütige oder schöne Natur, die als Selbstzweck zwar, aber doch nicht grausam, dem Subjekt gegenübersteht – gleichsam als unvermittelt scheinende Natur. Die Grausamkeit der Natur wird bei Benn mit Lakonie apparathaft registriert. Es sind Röntgenstrahlen, Messer, Gerätschaften des Zugriffs, eben die entfaltete Technik, welche die Register erzeugt. Zugleich sedimentiert sich in diesen Bildern der Gedichte damit das Moment der Gesellschaft.

Kreislauf
Der einsame Backzahn einer Dirne,
die unbekannt verstorben war,
trug eine Goldplombe.
Die übrigen waren wie auf stille Verabredung ausgegangen.
Den schlug der Leichendiener sich heraus,
versetzte ihn und ging für tanzen.
Denn, sagte er,
nur Erde soll zu Erde werden.

Es sind dies Totenbilder, die das Vanitasmotiv in die Moderne der Großstadt herüberretten. Ein solches Gedicht steht für sich, ohne jeden Ton, fast wie eine Photographie, über dem Seziertisch gemacht. Auch Tanzen zu gehen kann notwendig sein und erfordert Einsatz.

Gleichsam als Gegenpol ließen sich die Gedichte von Robert Frost (26. März 1874 ­– 29. Januar 1963) nennen, an die ich vor ein paar Monaten auf die amüsante Weise eines Zwischenspieles geriet. Lange hatte ich diese Gedichte vergessen, sie fanden irgendwann in der sogenannten Jugend zu mir, aber der ästhetisch ausgebildete Schüler ließ dann die Finger davon, weil die Texte nicht auf der Höhe ihrer eigenen Zeit waren, und trieb sich in der Moderne herum. Wer eine Auswahl dieser Gedichte lesen mag: Beim C.H. Beck Verlag erschien 2011 eine Gedichtsammlung von Frost mit dem etwas blöden Titel „Promises to keep“ in der Reihe textura. Für Frosts Gedichte passend gestaltet und mit einem kleinen Nachwort versehen.

Interessant scheint es mir dennoch, diese so unterschiedlichen Lyriker, welche in etwa zur gleichen Zeit lebten, nebeneinander zu stellen. Der eine: Dichter der Großstadt, der Moderne, der Stille (und beinahe schriebe ich „der Stile“), der andere hingegen: Dichter der Natur, der Innerlichkeit, dem 19. Jahrhundert verhaftet. Der Gegensatz könnte größer nicht ausfallen. Reaktionär freilich waren beide, Benn jedoch sprengte die ästhetische Form und erweiterte ihre Möglichkeiten, öffnete die Tore der klassischen Moderne weit. Frost trug das Reaktionäre noch bis in die Form hinein. Klangbilder, welche den Abglanz einer vergangenen Epoche bilden.

Frosts Gedichte sind im Grunde antiquiert, von den Metaphern und dem poetischen Sprechen her ganz im 19. Jahrhundert und in einer Naturlyrik verwurzelt. Mancher Vers siedelt nahe am Kunstgewerblichen, allenfalls als Klanggebilde mag das Gedicht überzeugen. Aber Leserin und Leser wiegen am Ende und trotz des Wohlklangs doch skeptisch den Kopf, denn die Moderne der Europäischen Lyrik scheint an Frost vorübergegangen zu sein. Andererseits mag man bei Frost einen amerikanischen Weg der Modernen ausmachen. Um das zu goutieren, muß die Kritik allerdings den Begriff des avanciertesten Materials beiseite stellen, was innerhalb dieser Epoche des frühen 20. Jhds freilich schwer fällt.

Die Moderne mit ihren Exzessen, mit ihren Steigerungen in der Technik höhlte solche ästhetische Form wie sie Frost Gedichte darbieten, aus. Sie erweist sich als zurückgeblieben – ein wenig eben Schüler:innenlyrik und für solche gemacht, denen es in Gedichten um ihr eigenes Stimmungsbarometer geht und welches vom lyrischen Ich borgt. Das Gedicht steht hier in einem subjektiven Funktionszusammenhang der Selbstbespiegelung; und teils wird es auf die Situationen appliziert, wie es sich etwa für jenes „The road not Taken“ anbietet: zwei Wege und der Aspekt der Zeit, die verging, in die Natur verlegt. Eben jene Unmittelbarkeit, die Adorno nicht müde wurde als ästhetische Banauserie zu bezeichnen. Und da ist mir Benn in seiner Distanz und seiner Vivisektion sehr viel näher: Birth of the cool. Und wer reimt schon, allerdings an anderer Stelle und nicht in den Morgue-Gedichten, so elegant Teetisch auf Fetisch?

„Morgue“ bietet uns als Auftakt der lyrischen Moderne des 20. Jahrhunderts Natur und Subjekt gleichermaßen als Rattennest an.

Schöne Jugend
Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Im zweiten Teil des Essays dann ein wenig mehr zu den Gedichten Frosts als Gegenpart.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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15 Antworten zu 100 Jahre „Morgue“ von Gottfried Benn – mit einem Seitenblick auf Robert Frost (1)

  1. momorulez schreibt:

    Oh dass wir unsere Ururahnen wären, ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor, und Mann und Fraue gehen durch eine Krebsbaracke – Erinnerungszitatfetzen, ja. Auch der Gedichtwechsel mit Else Lasker-Schüler – Gieselheer dem Heiden, „aber wisse – ich lebe Tiertage. Ich bin eine Wasserstunde. Meine Liebe weiß nur wenig Worte: Es ist so schön an Deinem Blut.“, auch aus der Erinnerung zitiert. Wundervoll.

    Zu den Momenten meiner Biographie, für die ich mich nicht schäme, gehört, zu Beginn der 80er Dichterlesungen mit Friedenslyrik gehalten zu haben, mit einem Kumpel in der Schulbibliothek. Mitten hinein habe ich damals „Schöne Jugend“ verlesen, weil mich dieses „Gedicht“ gleichermaßen faszinierte und sprachlos machte. Weil eigene Sprache verlosch und ich nur noch vorlesen konnte. Das ist ja Splatter pur und taucht sogar im Teenie-Horror wieder auf – und trotzdem kommt es mir auch heute noch wie eine Zäsur vor, nicht wie etwas, das man mit den Mitteln der Kunstgeschichtsschreibung entschärfen könnte. Das zielt auf Effekt und ist doch wahr, trotz aller späteren Reden an Emigranten – ich weiß nicht, ob all die Nennungen des Begriffs „Morgue“ etwas zum Verständnis des Werkes eines Mediziners, meines Wissens Facharzt für Geschlechtskrankheiten, Pickel am Penis, Ausfluss aus der Vagina, Syphilis, Tripper, beiträgt.

    Das Interssante war die Empörung damals nach der Lesung in der Schulbibliothek. Die fanden uns süß, wie wir da unsere juvenilen Sprachwerke vortrugen – aber das mit dem Benn, also, dieses „Schöne Jugend“, das hätten sie ja nicht verstanden, was das sollte.

  2. summacumlaude schreibt:

    Wichtig ist der von Dir so zu Recht herausgestellte Blick des Mediziners; neben dem ästhetischen oder/und dem ironischen Blick das letzte, was bleibt, wenn weder Religion noch die Ersatzreligion Kunst (you know, 19.Jhd. das Gesamtkunstwerk!) den Blick auf die Welt reflektieren und adäquat kommentieren können. Diagnose vor Synthese, vor Therapie, vor Empörung… Der Blick der Moderne auf sich selbst ist der Blick des mitleidlosen Diagnostikers.

    Immer wieder fällt mir auf, dass schreibende Mediziner diesen geläufigen, unwillkürlichen Blick haben, der doch einigen anderen Schriftstellern fehlt. Das offenbart sich v.a. dann, wenn Nicht-Mediziner über Medizin schreiben; z.B. bei Grünbein stechen die verkrampft herbeigedichteten Metaphern sehr in das Auge.
    Ganz anders Benn, Brecht (hat ja beginnend Medizin studiert und stand auch im Sektionssaal), Döblin (die Stelle im Alexanderplatz, wo sich die Ärzte angesichts Franz´Essensverweigerung über psychogene Leiden unterhalten p.382ff der alten dtv-Ausgabe), Büchner, auch Schiller (Tod durch Tbc, bei einer klinischen Sektion angesteckt), Bulgakow. Und so viele, ja von mir aus auch Tellkamp.

    Erstaunlich wird es, wenn Nicht-Mediziner kraft ihrer Gabe, exakt zu lauschen, dem lakonischen Medizinbetrieb ein Schnippchen schlagen und ihn darstellen können, als hätten sie nie etwas anderes im Leben getan. Th. Mann zuallererst sei genannt. Die Krankheit des Individuums demaskiert das Leben. Das ist großartig. Und Benn selbst wundert sich über einen gewissen Maxence van der Meersch und dessen Roman „Leib und Seele“, einem Roman, der praktisch nur das Schicksal französischer Ärzte darstellt, ihre Karrieren, ihre Triumphe, ihr Scheitern. Nach einer hymnischen Besprechung – „Die Schilderung eines solchen klinischen Vorgangs (ein Kaiserschnitt mit fatalem Ausgang, meine Anm.) in dieser Meisterschaft ist mir aus der ganzen Weltliteratur nicht bekannt“ – schreibt Benn im Nachsatz: „Eben höre ich von maßgeblicher französischer Seite in Berlin, van der Meersch sei kein Arzt. Das wäre dann allerdings das Erstaunlichste, ja Unglaubhafteste an diesem Buch.“

    Es gibt übrigens die interessante Aussage, dass diejenigen Ärzte nur ihr Fach komplett beherrschen, die andererseits auch Gammler, Landstreicher, Alkoholiker, Dichter hätten werden können. Kurzum: Nur diese Ärzte haben den oben beschriebenen (bösen?) Blick. Nur sie gehen von der Blinddarmoperation direkt in die Krebsbaracke wie der Tod

    „Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich.“

    Sei gegrüßt.

  3. Bersarin schreibt:

    @ momorulez
    Gerade das Vorlesen ist eine hohe Kunst und Mittel des Ausdrucks, das sehe ich ganz ähnlich. Und sagen wir es mal so: auch ich war in den frühen 80ern zu den Friedensbewegungszeiten ein Schüler und da gab es die Lilallatzhosenfraktion und die welche Lederjacken trugen und etwas wilder waren. Bei W. Borcherts „Sag Nein“ und wenn die Schule zur Atomwaffenfreien Zone erklärt wurde, war ich allerdings ein wenig skeptisch.

    @ summacumlaude
    Danke für diese Ausführungen, ich glaube, so etwas wäre einen ganz eigenen Blogeintrag wert und hochinteressant: der medizinische Blick. (Und das von mir, der ich eine Ärztephobie habe.) – gerade in bezug auf Thomas Manns „Zauberberg“; und natürlich ist Döblin zu nennen. Grünbeins frühe Gedichte halte ich für gut, insbesondere „Schädelbasislektion“.

    Vielleicht magst Du mehr zum medizinischen Blick schreiben, Du hast mich sehr neugierig gemacht, und ich stelle den Text dann hier als einen Gastbeitrag ein.

    Tja, Tellkamp: ich frage mich immer wieder: Soll ich den nun lesen? „Der Eisvogel“ steht im Regal – ungelesen.

  4. che2001 schreibt:

    Der „Ärzteblick“ ist ja auch einer in der politischen Theorie – Karl Heinz Roth hatte aus der Kritischen Medizin eine Perspektive in der Geschichts- und Politikwissenschaft abgeleitet mit der These, dass die Triage nicht nur eine Praxis der Kriegs- und Katastrophenmedizin sei, sondern Grundlage sowohl der NS“Rassen“politik als auch der Entwicklungspolitik: Ausmerze, Überleben lassen und Förderung als Grundelemente des Teile und Herrsche. Die Texte von Götz Aly und Susanne Heim zur Shoah sind ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Mit uns am Tisch in Berlin saß übrigens eine Expertin zu diesem Thema.

  5. summacumlaude schreibt:

    Das Angebot nehme ich an, ein Essay mit dem Titel „Diagnose und Pathos“ könnte es werden. Der Abgabetermin sollte aber offen sein.

    Der Ärzteblick ist natürlich auch der Blick der Selektion, der Blick – heute – auf Minderbegabte, auf „Ausschuß“, der dann hintenan zu stehen hat. Eliteförderung! „Sozialverantwortung“ (im FDP-Sinn)! Wahnsinn!
    Gleichzeitig ist die Medizin ein großer Fundus sehr unguter Metaphern; der „Volkskörper“ z.B., dessen „Auswüchse“, „Krebsgeschwüre“, „Eiterbeulen“ zu exstirpieren sind. In der internen Rechtfertigung des großen Mordes an den europäischen Juden spielten diese Metaphern eine überragende Rolle. Das schaffende, das raffende Kapital: Der gute Volkskörper schafft, der böse Krebsjude, der rafft und zerstört damit das Volksganze. Da muß man ja vorgehen wie ein Arzt, nicht wahr…..und man ging vor wie ein Arzt.
    Die medizinische Krebsforschung war bei den Nazis übrigens „Chefsache“, Hitler, ein militanter Nicht-Raucher, förderte die Krebsforschung sehr und erwartete Ergebnisse passend zu seiner ideologischen Praeferenz. Vor den epidemiolog. Studien der 60er Jahre zeigten damals schon deutsche Mediziner den Zusammenhang zwischen Tabakrauchen und Krebs auf.

    Ist das nun die Folge des kalten, diagnostischen Blickes? Oder gibt es nicht doch auch eine pathetische, heroische Seite der Medizin, die zunächst emphatisch daher kommt, dann aber sich als viel gefährlicher erweist, weil man mit gutem Gewissen, mit Liebe mordet? So etwa in diese Richtung könnte der avisierte Essay gehen, wenn denn Interesse besteht.

  6. Bersarin schreibt:

    @ che und summacumlaude
    Ja, es wäre interessant, wenn sich diese Aspekte zusammenführen ließen. Und insofern würde ich mich über einen Essay von summacumlaude freuen. Der Abgabetermin ist natürlich offen, und das, was Du ankündigtest, scheint mir interessant, insbesondere deshalb, weil ich mich in diesem Bereich sehr wenig auskenne. Allenfalls ist mir Foucaults Text „Die Geburt der Klinik“ bekannt.

  7. ziggev schreibt:

    ja, danke, Bersarin, gern gelesen, und dann irgentwann in Bälde ein Vergleich, zu den Dingen gehen, sie sprechen lassen! – ich bin gespannt, und natürlich auch auf summacumlaudes weitere Beiträge, die, so zu hoffen, ja noch kommen!

  8. hf99 schreibt:

    Der Gedichtband hieß „Morgue und andere Gedichte“, Berlin 1912. Für die Lektüre empfehle ich die Hillebrand-Werkausgabe. Als benn-leser sind ja beide Ausgaben vonnöten, die Stuttgarter und die sehr viel preiswertere (Fischer-TB) von Hillebrand. (Die Editionsprinzipien der St.A wurden mir nie wirklich klar…Band 1 einfach benns Auswahl von 56, meine Güte, welcher teufel hat gerhard Schuster da eigentlich geritten? Die „Morgue“ muss man sich aus Band 1 und 2 regelrecht zusammenklabüstern…)

    Das Gedicht iV („Negerbraut“) heute etwas unbekömmlich. („Ein Nigger neben ihr…“), muss aber aus der Zeit heraus verstanden werden: Carl Einstein (bis 1933 gut mit Benn befreundet) arbeitete damals über „Negerplastik/Negerkunst“, wie man damals herzlich unbedarft noch sagte. Dass alerdings die – durch koloniale verbindungen gestärkte – Blicke auf Afrika rassistisch waren, sollte man schon so sagen dürfen.

    Nur die ersten 5 Gedichte des Zyklus behandeln das Thema Morgue direkt, wobei hier nicht nur die Leichenhalle selber Gegenstand wird, sondern – und das unterscheidet Benn eben von anderen Morgue-Gedichten (dasjenige Georg Heyms wäre noch zu erwähnen) – die ärztliche Tätigkeit in ihr: Die Sektion von Leichen. Im späteren Teil des Zyklus geht es neben anderen medizinischen Aspekten („Krebsbaracke“) ums berliner Nachtleben, um Kasino-gespräche kaiserlicher Offiziere etc. Interessant sind auch formale Aspekte: Freie Verse allerorten – und dann und wann, viermal, ein stringent durchgereimtes Gedicht. Die formale Klassizität kontrastiert dort genial mit den Sujets – Requiem, Blinddarm, Saal der kreißenden Frauen, Herbst. „Herbst“ ist deswegen ein so fulminanter Abschluß des Zyklus, weil er hier schon wieder in an almost classical mode verfährt. Er hat alles gebracht, den Blinddarm, die Krebsbaracke, die kleine Aster, die schöne Jugend…und am Ende heißt es „Vereinzelt trösten Wegwart und Skabiose“

    na, haste mir ja Arbeit abgenommen, besten Dank. Mein Georg heym will sich immer noch nicht so richtig finden – die Gesamtschau eines Werks darf ja nicht zu Allgemeinphrasen verkommen („mit solchen Tanzstundensätzen kann man nicht über Tolstoi sprechen“), sondern muss sich punktuell bescheiden. Mal sehen, vielleicht heute Nacht. Es wird auch um die Frage gehen, ob dem Expressionismus innere Bezüge zum NS nachgewiesen werden können. Ich darf soviel verraten: wirklich verneinen werde ich die Frage nicht… Es wird wohl doch einen Freispruch geben, aber nur einen zweiter Klasse, und mit einigen Bedenken.

  9. hf99 schreibt:

    Überhaupt, Schriftsteller und ihre Berufe. zwei stechen da besonders hervor: Arzt oder Jurist.

    Hier die Ärzteriege (ich zähle frech Apotheker und Studienabbrecher hinzu!): Schiller, Büchner, Fontane (Apotheker), Trakl (Apotheker, wichtig wg der Pülverlein, ähem), Ernst Weiß (wichtig, summa! weißt Du aber auch), Brecht (cand. med.), Döblin, Benn, etcetc. Thomas Mann war begeisterter, allerdings auch hypochondrischer Medizin-Laie. (Ist wohl jeder Medizin-Laie) Freud war ganz korrekter Dr. med.

    Juristen: Goethe, ETA Hoffmann, Storm, Georg Heym (cand. jur.), Tucholsky, natürlich Kafka und Brod undundund.

    jeweils Studien, die zwar ansatzweise wissenschaftlich sind, jedoch zugleich den Einzelfall, die Praxis, hervorheben. In diesem Zusammenhang darf man wohl auch den Kapitän zur See Conrad erwähnen. (Meteorologie, Seefahrtskunde, aber auch und hier vor allem praxis, praxis, Praxis).

  10. hf99 schreibt:

    Und hier noch mal ein kurzer Auszug aus Heyms Morgue (übrigens ein ganz ordentliches, aber nicht überragendes gedicht, vor allem ist es zu lang. Er hat bessere geschrieben). Er zeigt literarische identitäten, aber auch Unterschiede zwischen heym und benn sehr gut auf. beide kannten und schätzten sich übrigens:

    Und der Verwesung blauer Glorienschein
    Entzündet sich auf unserem Angesicht.
    Eine ratte hopst auf nacktem zehenbein,
    Komm nur, wir stören deinen Hunger nicht.

    Wir zogen aus, gegürtet wie Giganten,
    Ein jeder klirte wie ein Goliath.
    Nun haben wir die Mäuse zu Trabanten.
    Und unser Fleisch ward dürrer Maden Pfad.

    Das Gedicht stammt aus Heyms nachlaß, Ersveröffentlichung im Nachlaß Heyms Umbrae vitae 1912, benn könnte/sollte es also gekannt haben. Interessant. Obwohl Benn mediziner war und wusste, wovon die rede ist, bedurfte es ggfls der Anregung eines literarischen Freundes (can jur), um das Sujet auch literarisch zu verarbeiten. Dass Benns literarische Lösung eigenständig ist und er Heym hier nicht plagiiert, bedarf angesichts der Texte und ihrer Unterschiede – formal, stilistisch, vom Blickwinkel her – keiner näheren stilkritischen Ausführungen.

  11. hf99 schreibt:

    sorry bersarin (du kannst meine postings gerne zusammenführen, aber die Kommentierenden können nunmal leider nicht editieren), noch einmal: ergänzend: Heyms Morgue stammt definitiv aus dem Herbst 1911, ist also älter als Benns Texte.

  12. hf99 schreibt:

    arg, bemerke gerade, welche Irrtümer mir da unter laufen sind. ächz. aber „Herbst“ wurde am 1.12.1912 (isoliert) veröffentlicht, also nachdem benn die Morgue veröffentlichte. Das ist auch ein Kommentar über das, was bis dato war.

    sorry to the nation, peinlich…

  13. Pingback: Benn, Gottfried, Morgue und andere Gedichte, Berlin-Wilmersdorf 1912 « Kritik und Kunst

  14. Bersarin schreibt:

    @ hf99
    Ich danke Dir für diese Hinweise und Ergänzungen. Ich bin allerdings etwas kurz angebunden, weil das Wetter so dermaßen gut ist, daß ich kaum Zeit für die Welt der Blogs habe.

  15. hf99 schreibt:

    gerne geschehen, trotz des peinlichen Fehlers mit „Herbst“. „Kasino“ fand sich auch nicht in der Morgue (das hat der Stabsarzt Benn sich denn doch nicht getraut), gehört aber stilistisch zumindest eindeutig in den Umkreis der Morgue-gedichte. Es wäre jetzt wichtig zu wissen, ob Benn „Herbst“ ggfls etwa schon vor Jahren mal irgendwo eingereicht hat und es dann eben nur zufällig erst Dezem 1912 veröffentlicht wurde, oder ob er hier einen (bewussten?) stilistischen Rückschritt vorgenommen hat. „Herbst“ ist kein schlechtes Gedicht, aber eben im Großen und Ganzen doch ein konventionell gearbeitetes, typisches, einigermaßen begabtes 1910er-fien-de-siecle-Gedicht, nicht mehr, nicht weniger. Wäre es wirklich der Morgue-Abschluß gewesen, wäre es allerdings ein großartiger Kommentar zu den übrigen Gedichten.

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