Daily Diary (23) – 500. Blogbeitrag – die Fiktionen des Realen

„Siehst Du den Mond über Soho?“
„Nein!“
„Ich sehe ihn auch nicht!“

Die Fiktionen des Realen, welche uns in den vielfältigsten Weisen begegnen. Die Täuschungen, das postmoderne Simulacrum – als Slogan gebraucht –, daß das, was ist, nicht so ist, wie es scheint, die unendlichen Verweise, was man insbesondere durch Roland Barthes „Mythen des Alltags“ erfahren kann, es ist alles zeichenhaft aufgeladen, Zeichen verweisen auf andere Zeichen, egal wo: im Bordell, im Supermarkt, im Konzertsaal, ein Automobil, sogar im Automobil verweisen die Zeichen, eine Schockphotographie, im Raum der Straßenszenen. Reklame verweist auf Literatur, eine Ware verweist auf die nächste und auf die Warenwelt insgesamt, ein Frauenkörper auf ein Gedicht von Baudelaire. Hypertrophe Wahrnehmungen, die in den Bildern sich bannen. Alles korrespondiert mit einem anderen, und dies teils in einem wilden Rahmen der Assoziation, und zugleich muß der flanierende Ästhetiker acht geben, nicht in den Zustand des magischen Denkens zu verfallen, wo ein jedes Ding beseelt und aufgeladen ist, sondern die Verweise und das wilde Denken in die Analyse, in die Kälte des sezierenden Blickes zu überführen. Diese hypertrophen Wahrnehmungen in dialektische Bilder zu bringen, ist die Aufgabe der Photographie und der Ästhetik gleichermaßen. Diese Zeichenräume wollen durchstreift, erfahren und zugleich gedacht werden, was an die Theorie des Flaneurs in jenem Sinne, wie ihn Walter Benjamin konzipierte, erinnert. Und diese Räume werden, wie hier in diesem Blog sowie auf Proteus Image, abgebildet beziehungsweise in eine Darstellung transformiert. In ihrem Verfahren, diese Zeichenräume abzubilden, zu dokumentieren, wie immer man es nennen mag: sie ins Bild zu bringen, besitzt die Photographie gegenüber der Malerei einige Vorteile. Ich schreibe dies, ohne das eine Medium gegen ein anderes auszuspielen, sondern vielmehr motiviert hier die Technik zu solchen Differenzierungen.

Partikelstürme, die Tage über. Fluchtreflex shoppen. Der schöne Körper ist im beständigen Training zum Schlachtfeld der Disziplin geworden.

Auf Proteus Image zeige ich einige Photographien, welche an diesen Tag andocken. Ich hielte es für falsch, sie in diesen Text einzubauen, weil die Photographien den Fluß und die Brüche hemmen. Sie bauen nicht auf ein Kontinuum, sondern sie zeigen womöglich einen ganz anderen Tag.

Der einzige Zustand, in dem es sich leben und ertragen läßt, ist der des Ästhetikers, welcher sich in die Unendlichkeit der Betrachtungen und die Unendlichkeit der Begebenheiten versenkt, welcher in der Zeit untergeht und sich durch die Straßen treiben läßt, und zwar nicht mit einer Frau, sondern mit einem Photoapparat. Oder besser noch: mit einem Photoapparat samt einer Frau, die ebenfalls mit einem solchen Photoapparat ausgestattet ist, um zu flanieren, um die Dinge nicht auf einem Negativ mehr, sondern, ganz in der Spätmoderne angekommen, im Digitalen festzuhalten; Licht, das sich wandelt, transformiert und auf einen Sensor fällt. Es gibt kein Negativ mehr. Die Photographie im Zeitalter ihrer unendlichen Reproduzierbarkeit, denn es existiert kein Trägermaterial. Schuß und Gegenschuß. Überblendungen. Sich aneinander in der Kreativität und in den Augenblicken aufzusteigern – als jene Flaneure in den Straßen Berlins, während wir schlendern, Arm in Arm und manchmal geht der Griff zur Kamera. „Der Mann mit der Kamera“. Nicht in der Schrift oder in einer unendlichen schriftlichen Korrespondenz, sondern in den Akten der Wahrnehmung sowie der Aufmerksamkeit potenziert sich die Intensität des Lebens, sofern dieses Leben überhaupt noch zu leben vermag. So z. B. wenn wir nachts aus einer Bar herausfallen. Wir wollen immer so weiterleben, und wir werden niemals aufhören, so zu leben, wie dies R. Goetz schrieb. Das unendliche Sprechen an einem Abend im März, wie es die Romantik, in einer anderen Form freilich, ebenso kannte. Und zugleich geht dieses Immer-so-weiter – auf Dauer gestellt – nicht, denn es sind diese exzeptionellen Momente, welche als jene „Verzückungsspitzen des Daseins“ (Nietzsche) an der Einmaligkeit des Augenblickes haften. Dieser Satz von Rainald Goetz läßt sich nur im Konjunktiv II formulieren. Wir wollten immer so weiterleben … Zugleich ist dies die Form der Vergangenheit. Am Ende kommt alles auf die Form an.

Und ich höre auch nicht, wie das Herz schlägt und ich möchte es auch nicht wahrnehmen. Oder doch nur zeitweise will ich es hören. Die S-Bahn fährt im Untergrund. Ich nähme heute Abend gerne einen kleinen Umtrunk zu mir, weil dies mein 500. Beitrag in diesem Blog ist, doch haben J. und ich beim Vietnamesen und dann hinterher in einer Art Bar derart viel Grauburgunder getrunken, daß ich noch heute die Finger vom Wein lasse. Wir müssen vernünftiger leben. Ich entsteige dem Untergrund an der Oranienburger Straße wie einst Orpheus, aber noch ohne Eurydike im Arm, und gehe zu Fuß zum Rosa-Luxemburg-Platz, wo wir uns treffen. Jüdisches Leben hinter Polizeiabsperrungen und Pollern, Parken verboten, alles verboten. Ein Lieferwagen fährt langsam vorbei, ich denke mir, jetzt lösen sich die Schüsse eines MG und ein zweiter Wagen fährt mit Sprengstoff beladen und in irrsinnigem Tempo durch die Poller, ich schmeiße mich zur Erde, reiße die D 300 heraus, und halte auf den Auslöser, alles friedlich, es wird nichts mit dem Pressephoto des Jahres 2012, hundert Meter weiter ist Räumungsverkauf.

X

X

„Die Materie, die der Urstoff aller Dinge ist, ist also an gewisse Gesetze gebunden, welchen sie frei überlassen nothwendig schöne Verbindungen hervorbringen muss. Sie hat keine Freiheit von diesem Plane der Vollkommenheit abzuweichen. Da sie also sich einer höchst weisen Absicht unterworfen befindet, so muss sie nothwendig in solche übereinstimmende Verhältnisse durch eine über sie herrschende erste Ursache versetzt worden sein, und es ist ein Gott eben deswegen, weil die Natur auch selbst im Chaos nicht anders als regelmässig und ordentlich verfahren kann. (I. Kant, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels)

In der Neuen Schönhauser Straße geht eine Mutter mit ihrem Kind den Gehsteig entlang in Richtung Münzstraße, und das Kind singt „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle“, ganz zart, ganze leise klingt diese Kinderstimme. Ein japanisches Restaurant, gemacht für die Touristen, alles dort ist gemacht für sie, aber im Winter sind es nicht viele, man kann sogar über die schöne Kastanienallee unbehelligt gehen. Ich mag zuweilen Mitte, ich mag den Prenzlauer Berg, ich mag diese Ecken von Berlin, welche früher einmal anders waren. Gleich werde ich am Rosa-Luxemburg-Platz ankommen. Noch fünf oder zehn Minuten, je nachdem und in welcher Weise mein photographischer Blick obsiegt, mich aufhält oder weil er langweilt, mich vorantreibt.

A une passante

Ein Lärm war um mich, der sich durch die Straße schob,
als eine Hochgewachsene an mir vorüberschritt,
die, Haltung wahrend, tief an einer Trauer litt
und mit der Hand den rauschend vollen Rocksaum hob.

Wie eine Statue hat sie Bein vor Bein gesetzt;
Ich aber mußte wild verzückt aus ihren Augen
die Sonne eines schwerverhangnen Himmels saugen:
die Süße, die verlockt; die Lust die mich zersetzt.

Ein Blitz, – dann ging die Schönheit in das Dunkel hin,
aus deren Blick ich grade neu geboren bin.
Soll ich dich in der Ewigkeit erst wiedersehen?

Im Irgendwo? Im Irgendwann? Vielleicht auch nie?
Wir wissen voneinander nicht, wohin wir gehen;
Du, die ich lieben könnte, ja – du wußtest wie!

Es sind dies Bilder, wie zum Abschied gemacht, dieser eine Augenblick, dieser eine versäumte Moment, in das Nichts hineingeschrieben, ein Sonett, gefertigt für den Augenblick jener 1/250 Sekunde, in einer Großstadt, in welcher die Menschen aneinander vorbeitreiben, dieser kurze Blick, welcher im Grunde ein Nichts ist und auf der Ebene narzißtischer Fiktionalisierung und Fixierung sich tätigt, und zugleich funktioniert dieses Gedicht wie eine Photographie, in der sich jenes punctum niederschlägt, welches Roland Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie“ darlegt, phänomenologisch entfaltet und dabei im Gang der Reflexion wieder durchstreicht. Zugleich entfaltet dieses Gedicht Baudelaires das Wesen der Großstadt, jene Menge an Menschen, wo in der Vergänglichkeit, in all den Konstellationen von Zufall und dem Wirbel kurz nur diese Ewigkeit aufscheint. Nicht anders als in T.S. Elliots „Waste Land“, der sich dabei am Schluß dieser Zeilen explizit im Zitat auf Baudelaire bezieht:

„Unreal City,
Under the brown fog of a winter dawn,
A crowed flowed over London Bridge, so many,
I had not thought death had undone so many.
Sighs, short and infrequent, were exhaled,
And each man fixed his eyes before his feet.
(…)
You! Hypocrite lecteur! – mon semblable, – mon frère!“
(T.S. Eliot, The Waste Land)

Nein, keine Brüderlichkeit, keine Schwesterlichkeiten und bitte auch keine Nähe. Und ich selber lege mich nun auf meine Couch, und es wird das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ gegeben. So gleite ich in die Nacht auf meiner Reise.

6 Gedanken zu „Daily Diary (23) – 500. Blogbeitrag – die Fiktionen des Realen

  1. Ein toller 500. Text. Den lade ich mir nun hinüber auf meinen Kindle, damit ich ihn morgen in der Bahn noch einmal (und noch einmal) lesen kann. Danke für so einen schönen Abendgruss in einen ansonsten nicht ganz so schönen Tag!

    Herzlich
    Melusine

  2. Das freut mich, und ich höre statt Wagner nun gerade doch Billy Bragg!

  3. Außer diesem Text von Bersarin kenne ich bislang überhaupt keine vernünftige Theorie des Photographischen.

  4. Ja, Texte zu einer solchen Theorie sind in der Tat rar, und die Texte, welche ich gelesen habe, handeln allenfalls von einer Theorie der Photographie – allen fehlt etwas. Und es ist insofern auch aus diesem Grunde unendlich schade und traurig, daß Walter Benjamin nicht länger lebte. Adorno selbst interessierte sich kaum oder erst sehr spät für dieses Medium. Daß er gleichwohl davon fasziniert war, zeigt jenes eigenwillige Selbstportrait:

    Und zuweilen ist es dann sehr traurig, daß ich nicht die Zeit habe, diese Dinge weiter auszuführen und zu entwickeln – um ein wenig einen Terminus aus der analogen Photographie zu verwenden.

  5. Ja, danke, ich habe wie in einem Fluß geschrieben. Solche Momente sind sehr selten. Die Arbeit an einer materialistischen Ästhetik – gleichsam mit W. Benjamin gesprochen. Ja, ich hoffe, diese Serenade zu Dritt läßt sich fortsetzten. Ich will man sehen, was das späte Frühjahr bringt. Oderspätestens der Sommer. Entweder hier oder in Deiner Region.

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