Usedom – Flaneure des Außerordentlichen

Ich kann keine Reiseberichte schreiben. Zumindest solche nicht, die positiv und rund geraten; die in der Weise ablaufen wie: Die Weite des weißen Strandes erstreckte sich ins Unendliche. Als wir in der Ferne des abendlichen Sonnenstrahls jenes gastliche Fischrestaurant erblickten, in das wir einkehrten und wo uns die Eingeborenen freundlich bewirteten, kam das stille Glück über uns. Bei mir ginge das dann eher so: Unsere Jeeps preschten in der glutheißen Sonne den grellen, schmierigen Strand entlang, und bevor wir jene Hütte betraten, setzten wir das Feuer unserer AK-47 dort hinein, und das auf einem der Jeeps montierte M2 tat ein übriges. Die Frau, welche uns zuvor mit diesem viel zu freundlichen Lächeln und den Willkommensfrüchten in der Hand entgegentrat, hielten wir schlicht für eine Konterrevolutionärin. Aber bevor wir sie dazu weiter befragen konnten, hatte Commandante Bersarin schon die Handgranate nach ihr geworfen. Ob die Kinder um sie herum auch der Konterrevolution dienten? Wir werden es nicht mehr erfahren. Weiter ging es ins Landesinnere.

Zum Glück geht es auf Usedom nicht ganz so martialisch zu. Mit dem Auto benötigen die Reisenden von Berlin aus etwa zweieinhalb Stunden, ein großer Teil der Strecke führt über Landstraßen, wo häufig festinstallierte Blitzanlagen stehen, so daß ich nicht zu schnell fahren darf. Manchmal ragen am Straßenrand Kreuze. Es freut mich, daß die Menschen im Osten zur Religion gefunden haben und – bescheiden zwar mit ihren geringen Mitteln – kleine und kleinste Andachtszeichen für den Herrn Jesus oder die Jungfrau Maria an den Rändern der Straße zu Feld, Wald oder Wiese hin erreichten, wie sie in Bayern – naturgemäß prächtiger – als winzige Kapellen stehen. Die Ortschaften, durch die wir zuckeln, ließen sich allesamt für meine Serie „Ausgewählt öde Orte“ abbilden. Eine solche Tour haben wir bereits prospektiv, mithin in unseren Gedanken geplant. Höhepunkt einer solchen Reise wird Anklam sein. Diese Stadt besitzt sogar ein Theater, an dem Frank Castorf zu DDR-Zeiten (strafversetzt) inszenieren mußte.

Halbzehn Uhr morgens im deutschen Osten und es befindet sich kein einziger Mensch auf den Straßen oder Gehsteigen des Ortes Pasewalk. Oder doch: Da! Da geht einer und ein paar Minuten später sehen wir eine Frau auf einem Fahrrad. Sonst aber niemanden. Wobei „Niemand“ kein Eigenname ist, dies sollte man seit Polyphem wissen. Der Osten lebt! Es gibt Autos, die parken am Straßenrand oder vor den grauen bzw. graubraunen Häusern, und es existieren Fahrräder. Am Ortsausgang eine Mausefalle. Aber sie kriegen uns nicht. À bout de souffle.

Bansin ist ein Ort, wo es – zumindest in Strandnähe – an fast keiner Stelle erlaubt ist zu parken. Aber das Hotel Buchenpark besitzt einen Platz, wo der Autofahrer für 5 Euro Aufpreis sein Automobil abstellen darf. Das Hotel ist schön und es ist alt. J. und ich fühlen uns sichtlich wohl. Und ich bemerke, daß ich ja doch Reiseberichte schreiben kann, wenn ich mir nur Mühe gebe und wenn ich will. Wie es hier im Hause wohl zu DDR-Zeiten aussah? Mir egal. In einem Nebenflügel des Hotels findet ein Tanzkursus oder eine Tanzveranstaltung statt, wir schauen neugierig in die Fenster, ich sehe einer mitteljungen Frau in einem silberschwarzen, enganliegenden Kleid auf den Hintern, und auch J. bemerkt zu mir hin, daß jene Frau einen hübschen Arsch mit sich führt. Dem stimme ich zu. Endlich einmal eine Frau, die mir keine Vorhaltungen macht, wenn ich nach einer anderen Frau schaue. Wir also auf die Zimmer rauf, machen uns kurz frisch. Das Zimmer ist klein, aber gemütlich, es gibt einen Wintergarten, in dem man, nach links blickend, auf das Meer sehen kann. Dort werden wir abends sitzen und jenen schweren italienischen Wein zu uns nehmen, den ich mitgenommen habe, der mir seinerzeit von einem Vertreter des Vatikan geschenkt wurde. Wir laden unsere Taschen aus, für eine Nacht benötigt man nicht viel.

Und dann an den Strand. Eisiger Wind, oh eisig, wirklich eisig und in Böen nicht nur auffrischend, sondern beständig als eine dauernde intensive Böe wehend, Tiefeiswind, der vom Meer her kommt, obwohl es doch sieben Grad plus sind. Im Auto war es wärmer, und am Strand jagt ein Hund die Möwen. Und zwei Krähen fressen an einem toten Vogel herum.

Bevor wir einen längeren Strandspaziergang tätigen und uns in jene Gefilde versetzen, die in dem Roman „Der Zauberberg“ in bezug auf das Vergehen der Zeit beschrieben werden, so zum Beispiel in dem Kapitel über den Strandspaziergang, wo ausführlich über das Wesen der Zeit reflektiert wird, wollten wir jedoch ein Fischbrötchen essen und uns stärken.

Nach einem kleinen Strandspaziergang in Richtung Heringsdorfs führte uns unser Weg in jenes winzige Einkaufszentrum von Bansin, welches ich in meinem letzten Eintrag beschrieb. Zum Kaffeetrinken zog es uns aber doch an einen anderen Ort, und so fuhren wir in Richtung Westen ins Ostseebad Zinnowitz, vorher noch einen Abstecher zum Achterwasser tätigend, wo ich auf einem Bootssteg fast schon Sorge trug, der Wind wehe uns unmittelbar ins Achterwasser hinein.

Am Abend speisten wir in Bansin in einem Fischlokal, welches ein Gast mit sicherem Geschmacksempfinden nicht ohne weiteres betreten hätte – Rentnergäste saßen da und Schlagermusik wehte durch die Räume, und inmitten dieser Menschen wir: jung, wild, verwegene Intellektuelle und Künstlerin. Doch wir sind die Ethnologen des Außergewöhnlichen und beim nächsten Mal geht es dann als Ausgleich in ein gutes Sternerestaurant. Man muß immer wissen, wo der Stil (oder der Trieb) es einem gebietet, sich niederzulassen. Aber irgend etwas ließ uns wittern, daß es hier an diesem Ort gutes Essen gäbe, und so war es dann auch. Ich bin kein Gastrokritiker und mag mich nicht in die Details der Gerichte ergehen, aber alles war frisch zubereitet, die Soße nicht aus der Fertigpackung, der Wein soweit in Ordnung, der Aquavit zum Schluß so wie ein Aquavit schmecken muß. J. trank dann meine Hälfte mit, weil ich nach den ersten Schlucken nicht recht mochte.

Aber genug im Text abgeschweift. Schöne, wunderbare und intensive Momente mit einem Menschen lassen sich nicht in der Sprache verewigen. Es sollen nun von Usedom einige weitere Photographien gezeigt werden, die auf „Proteus Image“ ausgestellt sind, wie immer in der bewährten und von Leserinnen und Lesern geschätzten Qualität.

Nachts befand sich dann die ortsansässige Polizei, vertreten durch zwei ihrer Sheriffs, unter unserem Fenster, um Ruhe einzufordern. Was es damit freilich auf sich hatte, überlasse ich der Phantasie der Leserinnen und Leser.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Usedom – Flaneure des Außerordentlichen

  1. Nörgler schreibt:

    „(…) Ob die Kinder um sie herum auch der Konterrevolution dienten? Wir werden es nicht mehr erfahren.“
    „Manchmal ragen am Straßenrand Kreuze. Es freut mich, daß die Menschen im Osten zur Religion gefunden haben (…)“

    Hahaha! So liebe ich das, so muß es sein!

  2. summacumlaude schreibt:

    Kopetzkes MP bellte kurz auf, dann war Ruhe…
    Das kommt davon, wenn Western-Fans in den wilden Osten reiten und den Peacemaker sprechen lassen.
    Die meisten Blitzanlagen sind übrigens nicht „bestückt“. Potjemkinsche Blitze gewissermaßen.

  3. Bernd Kasseler schreibt:

    Oh glücklicher Bersarin, der Du die Stimmungen von Mensch und Natur einfangen kannst, wie der Usedumer Strand die Schaumkronen der Imissionssubstrate. – Ein befreundetes Ehepaar fährt seit nunmehr 15 Jahren regelmäßig nach Usedum und kommt immer geistig und körperlich erfrischt zurück. Ob ihr nächtlicher Aktionspegel abgeflachter oder der Pensionswirt toleranter ist? . Sie schwiegen dazu mit dem hintergründigem Grinsen des Eingeweihten.

  4. Bernd Kasseler schreibt:

    Prost!

  5. Bersarin schreibt:

    @ Nörgler
    Vielen Dank. Ja, solche Berichte entstehen in den besonderen Momenten, die aus dem Leben herausragen und wenn ich mit einer Frau an diesen Orten bin, wo man sich gegenseitig beeinflußt und kreativ anregt. Solches ist leider selten. Aber dazu demnächst mehr von mir.

    @ summacumlaude
    Danke für diesen Hinweis, ich werde mein Fahrverhalten entsprechend anpassen, wenn ich einmal wieder in den Osten einreite.

    @ Bernd Kaseler
    Natürlich schweige ich, denn alles ist möglich.

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