Esoterik, Asiatisches und Okkultes

„Mit Recht fühlen die Okkulten von kindisch monströsen naturwissenschaftlichen Phantasien sich angezogen. Die Konfusion, die sie zwischen ihren Emanationen und den Isotopen des Urans anstiften, ist die letzte Klarheit. Die mystischen Strahlen sind bescheidene Vorwegnahmen der technischen. Der Aberglaube ist Erkenntnis, weil er die Chiffren der Destruktion zusammen sieht, welche auf der gesellschaftlichen Oberfläche zerstreut sind; er ist töricht, weil er in all seinem Todestrieb noch an Illusionen festhält: von der transfigurierten, in den Himmel versetzten Gestalt der Gesellschaft die Antwort sich verspricht, die nur gegen die reale erteilt werden könnte.

VI. Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle. Die Subalternität der Medien ist so wenig zufällig wie das Apokryphe, Läppische des Geoffenbarten. Seit den frühen Tagen des Spiritismus hat das Jenseits nichts Erheblicheres kundgetan als Grüße der verstorbenen Großmutter nebst der Prophezeiung, eine Reise stünde bevor. Die Ausrede, es könne die Geisterwelt der armen Menschenvernunft nicht mehr kommunizieren, als diese aufzunehmen imstande sei, ist ebenso albern, Hilfshypothese des paranoischen Systems: weiter als die Reise zur Großmutter hat es das lumen naturale doch gebracht, und wenn die Geister davon keine Notiz nehmen wollen, dann sind sie unmanierliche Kobolde, mit denen man besser den Verkehr abbricht. Im stumpf natürlichen Inhalt der übernatürlichen Botschaft verrät sich ihre Unwahrheit. Während sie drüben nach dem Verlorenen jagen, stoßen sie dort nur aufs eigene Nichts. Um nicht aus der grauen Alltäglichkeit herauszufallen, in der sie als unverbesserliche Realisten zu Hause sind, wird der Sinn, an dem sie sich laben, dem Sinnlosen angeglichen, vor dem sie fliehen. Der faule Zauber ist nicht anders als die faule Existenz, die er bestrahlt. Dadurch macht er es den Nüchternen so bequem. Fakten, die sich von anderem, was der Fall ist, nur dadurch unterscheiden, daß sie es nicht sind, werden als vierte Dimension bemüht. Einzig ihr Nichtsein ist ihre qualitas occulta. Sie liefern dem Schwachsinn die Weltanschauung. Schlagartig, drastisch erteilen die Astrologen und Spiritisten jeder Frage eine Antwort, die sie nicht sowohl löst, als durch krude Setzungen jeder möglichen Lösung entzieht. Ihr sublimes Bereich, vorgestellt als Analogon zum Raum, braucht so wenig gedacht zu werden wie Stühle und Blumenvasen. Damit verstärkt es den Konformismus. Nichts gefällt dem Bestehenden besser, als daß Bestehen als solches Sinn sein soll.“

(Th. W. Adorno, Minima Moralia in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, S. 277)

12 Gedanken zu „Esoterik, Asiatisches und Okkultes

  1. Das ist derart krudes Zeuch, was der sich da zusammen fantasiert, und dann noch so triumphal gepostet :D – und wo versteckt sich da Ches Materialismus, nun die Philophie par excellence, zumindest, wenn man sie mit der „Astralwelt“ kontrastiert, die im Bestehenden Sinn sucht? Ob man nun Kerzenmagie betreibt, ein „höheres Selbst“, das als Bestandteil anderer Dimensionen Erfahrungen besorgt, denkt, oder ob planetarische Energien Prinzipien symbolisieren, die z.B. revolutionäre Zeitqualitäten indizieren, mit Affirmation des Bestehenden hat das nun aber so was von gar nichts zu tun auch dann, wenn man es für idiotischen Hokuspokus hält. Das sind alles entweder auf gegenwärtige oder zukünftige Wandlung bezogene Denkarten, oder sie rekurieren auf etwas, das hinter, über, außerhalb des Bestehenden wirkt. Selbst die „Es gibt nur das Jetzt“-Philosophien affirmieren nicht einfach so, sondern verstehen sich als emphatische Offenheit, die all dem egobetonten Schindluder, der z.B. der Kapitalismus ist, etwas entgegen setzt und verstehen sich explizit als Ideologiekritik und gegen menschliches Leiden gerichtet.

    Das braucht auch alles niemanden zu interessieren, man kann es dümmlich oder unsinnig finden, aber das, was Adorno sich da zu recht denkt, um sich der Erbsünde hinzugeben, die DdA ist ja u.a. ein Buch darüber, hat mit dem Gegenstand, über den er sich auszulassen vorgibt, gar nichts zu tun. Das ist zudem durch und durch gnostisch gedacht, das Bestehende als das Schlechte und Sinnlose zu deuten. Was auch insofern bermerkenswert, dass, obgleich es auch eine jüdische Gnosis gab, z.B. bei Marcion ein theologischer Antisemitismus sich zeigte, die den jüdischen Schöpfergott als Demiurgen auswies. Der Kanonisierungsprozess der frühen Katholischen Kirche bestand u.a. darin, über das Matthäus-Evangelium wie auch die Geburtsstory in Bethlehem eine Rückkopplung an das Judentum zu ermöglichen, um Judenchristen ins Boot zu holen, durch das Johannes-Evangelium sich jedoch als exklusiven Weg zu präsentieren. Und gleichzeitig die gnostischen Paulus-Briefe an diese Konstruktion anzugleichen, indem man sie redigierte. Das zu Ches Gnosis, und das sind alles wirkungsgeschichtlich so ungeheuer wirksame Fragen, das gerade angesichts der Shoah solche theologischen Fragen in den Werken Horkdornos wie auch Benjamins eine große Rolle spielen. Auch, weil die Paralleldiskussion eben all dessen meines Wissens im Talmud ja auch statt fand.

    Übrigens ist die DdA auch ein Buch darüber, das aus der Vernunft heraus kein Argument gegen den Mord vorzubringen sei, nebenbei. Und Adornos und Benjamin Kumpel Scholem hat die Mystik der Kabbala wieder ausgebuddelt, die zentral für viele Okkultisten des 19. Jahrhunderts war und auch für das Tarot, was nun kein Argument für diese darstellt, aber der Vollständigkeit halber erwähnt sei.

    Es gibt so Texte von Adorno, die man als Bestehendes lesen sollte, in dem kein Sinn zu finden ist :) …

  2. Aber das ist doch genau der Schindluder, welchen diese Esoterik, Astrologie betreibt: die Affirmtion des Bestehenden, ohne jedes kritische oder reflektierende Bewußtsein, es werden da irgendwelche Mantras vorgetragen. Vorgestanzte Erfahrungen, die in ihrer Nichtigkeit und im platten Salbadern nicht zu unterbieten sind. Adorno geht es in seiner Kritik um diese Instrumentalisierungen, welche in solchen astrologischen oder okkultenn Welten des Obskurantismus stecken. Und Adorno kritisiert eine Form von Philosophie, welche als Lebenshilfe auftritt, und dabei doch nur die Antagonismen verdeckt und überspülen möchte.

    Die von Dir aufgeführten theologischen Aspekte sind ja nicht falsch, und da kann dann sicherlich ein Denken ansetzen. Alledings: in einer falsch eingerichteten Welt gibt es keine Ganzheit, und Theorie und Praxis klaffen auseinander. Es bleibt immer dieser Spalt und dieses Dazwischen übrig. Widerssprüche lassen sich nicht per ordre oder über Wunscherfüllungsmaschinen wegzaubern.

    Soviel in kürze.

  3. Es hätte mir ja besser gefallen, Du hättest zur Kenntnis genommen, was ich geschrieben habe – es ist nicht so, dass Adorno-Text die Welt sind, in denen alles Wissen sich zeigte, so das man in sie gucken könnte und daraus erführe, was Stephen Arroyo geschrieben hat. Du weißt wie Adorno gar nicht, wovon Du gerade schreibst.

    Weltmeister der Rechtfertigung des Bestehenden ist übrigens euer anderer Messiahs, der olle Hegel. Der leitet das sogar noch als Bewegung des Geistes selbst her.

  4. Nein, ich kenne in der Tat die Texte von Stephen Arroyo nicht. Wenn Du magst, so kannst Du aber seine Position mir darstellen. Ich bin diesbezüglich und auch darin, anderes zu erfahren immer neugierig. Ich vermute jedoch daß ich das, was er schreibt, wenn ich es läse, sicherlich widerlegen würde. Leider reicht meine Lebenszeit aber nicht aus, jede Theorie zu rezipieren und insofern kapriziere ich mich dann aus sozusagen zeitökonomischer Perspektive auf die Positionen der Philosophie, die relevant sind. Dazu gehört in der Tat Hegel. Daß es nicht um die pure Affirmation Hegels geht und auch nicht darum, seinen Text nachzubeten und ich dies auch nirgends betreibe, dies, denke ich, weißt Du selber. Insofern ist Hegel auch nicht (m)ein Messias. In der Philosophie gibt es keine Heiligen, denn Philosphie als Wissenschaft betreibt keine Kirche, sondern beschäftigt sich mit dem Glauben lediglich in theoretischer und kritischer Hinsicht.

    Hegel rechtfertigt das Bestehende nicht, ganz im Gegenteil. Er zeigt allerdings notwendige Bedingungen, unter denen eine bestimmte gesellschaftliche Formation seine Existenz hat, und Notwendigkeiten auf. Dies geschieht jedoch keineswegs in normativer Absicht.

  5. Es ist dann schon ein Unterschied, ob nun Feld-Wald und Wiesenesoterik, Astrologie oder die Großsysteme okkultistischer Neognostiker wie Steiner, Ra oder im weiteren Sinne Spalding Gegenstand der Kritik sind. Letztere nahmen ja für sich in Anspruch, den ungeoffenbarten, geheimen Wahrheitskern hinter allen Religionen zu kennen. Darum, nicht um sonstige Esoterik ging es in dem von mir verlinkten Text.

  6. Und es sollte vermieden werden, die heutige Dimension von Esoterik auf die Aussagen Adornos anzuwenden. Okkultismus zu Adornos Zeiten war etwas entschieden Anderes als Horoskope, Tarot, Homöpathie und analogisierende symbolhafte Denkpraktiken bevorzugt im Gesundheits- und Psychotherapieumfeld mit Anbindung an ein grünes Milieu.Schon die New Age-Bewegung, Bhagwan/Osho und, ja auch Hubbard haben da so einiges verändert, von dem heute dann sozusagen die kleine Hausgebrauchform übrig geblieben ist.

    Noch in den Zwanzigern traten die Vordenker der verschiedenen okkultistischen Schulen hingegen mit dem Anspruch auf, die Geheimlehre, die hinter allen Religionen stehe zu kennen und einen Gegenentwurf zum Denken der Moderne, des „Materialismus“ zu vertreten. Man lese mal Steiners „Aus der Akasha-Chronik“, wo der Autor von „Wurzelrassen der Menschheit“ wie Rmoahals, Lemurern, Atlantern, Tolteken, Semiten und Ariern, ihrer physikalischen, ätherischen, astralen und geistigen Natur dahersinniert, und dass der Autor in dieser Chronik gelesen hätte, in der alles steht, was je geschah und was noch kommen wird, Elisabeth Haichs „Einwehung“, wo die Autorin schildert, wie sie allmählich zu dem Bewusstsein gelangte, die Reinkarnation einer alten Ägypterin aus der Zeit der Ersten Dynastie zu sein, Gustav Meyrinks „Das grüne Gesicht“, in dem der Protagonist Ahasver, dem Ewigen Juden begegnet oder Baird Spalding, der in seinem „Leben und Lehre der Meister im Fernen Osten“ behauptete, auf einer Himalaya-Expedition dem leibhaftigen Jesus begegnet zu sein, der dort einer „weißen Loge“ aus zum Teil Tausende Jahre alter körperlich unsterblicher Männer vorsitzen solle. Noch Heinrich Himmler plante, mit dieser Loge in Kontakt zu treten.

    Josef Anton Schneiderfranken aka Bo Yin Ra wiederum, dessen Lehre ich selbst als junger Mann einige Jahre gefolgt bin erklärte, dass die Steiners und Blavatsky dieser Welt alles große Scharlatane wären, die selber sehr der Belehrung bedürften, er im Gegensatz zu diesen „aufgestiegenen Meistern“ ein „herabgestiegener Meister“ sei, den die weiße Loge selbst entsandt hätte. Der wiederum warnte vor okkultistischen Experimenten; alle Fälle von Spiritismus, bei denen es sich nicht um Fälschungen oder Selbsttäuschungen handle seien Kontakte zu von ihm Lemuren genannten Wesen aus den höheren Dimensionen des Raumes, die menschliche Seelen fressen würden (so in etwa wie Lovecrafts Yog Sothoth. In solchen Sphären spielte sich das Gedankengut des klasssischen Okkultismus ab, über den nicht nur Adorno, sondern auchOssietzky und Tucholsky heftig ablästerten-

  7. Ich habe ja gar nichts dagegen, wenn da jemand gegen ablästert (die Akasha-Chronik heißt übrigens heute „göttliche Matrix“ und wird an Interpretationen der Quantenphysik gekoppelt), ich fände es nur schön, wenn man da was entgegen setzt, was mit dem zu tun hat, worüber man ablästert, und nicht mal eben das los wird, was man sowieso gerade los werden möchte, aber den Gegenstand verfehlt.

  8. Bei der nächsten Volkszählung sollte ich in das Feld „Religion“ doch mal „ästhetizistisch-orthodox“ Eintragen und gucken, was passiert.

  9. Der Che sollte mal aufrollen, was es mit dieser Großokkultistikiste wirklich auf sich hat. Interessante Andeutungen immer mal wieder, ja, auch Erzählungen im real life, aber eine Gesamterzählung fehlt. Ästhetizistisch-orthodox als Religionsbezeichnung ist höchst witzig, ich würde dem Autobastler-praktisch-sexuell-versaut-landfriedensbrecherisch entgegensetzen. Oh je! Wo lande ich denn da?

  10. ästhetisch-orthodox klingt aber so, dass ein Standes- oder Steuerbeamter es als Religionszugehörigkeit akzeptieren würde. Ich zum Beispiel bin auf dem Papier armenisch-orthodox, das ist fast kein Unterschied.

  11. Da landest du nirgendwo. Ästhetisch-orthodox liest sich hingegen so, dass Standes- und Steuerbeamte es akzeptieren würden. Ich bin zumindest auf dem Papier armenisch-orthodox, da merken die doch gar keinen Unterschied;-)

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