Blog-Geburtstag. Oder: Wenn die Zeit vorübergeht und Menschen streift

Drei Jahre betreibe ich diesen Blog nun, schreibe hier relativ regelmäßig Texte, und das ist sicherlich ein Grund zum Feiern, zur Freude an der hier auf „Aisthesis“ dargebotenen Ästhetik, der ästhetischen Theorie, den Photographien und dem Erkenntnisgewinn, wie auch immer Sie, liebe Leserinnen und Leser, dies sehen und beurteilen mögen. Zuweilen lieferte ich auch ein Stück Musik, das Leserin und Leser sich abspielen können, um ebenso dem Geschmack und den stillen Gefühlen zu huldigen. Manches Projekt wurde angegangen und dann nicht vollendet, aber dabei stellt sich die Frage, ob es im essayistischen Denken eines Blogs, der als ein Notizheft fungiert, überhaupt so etwas wie ein vollendetes Ganzes gibt und nicht vielmehr das Fragment und die Splitter eines Kaleidoskops das Schreiben motivieren und daß zur Form sich drängt, was in den Zwischenräumen und den Faltungen seinen Ort hat und das dennoch einen Platz benötigt, um sich zu entäußern.

Gedanken, Fragmente, Theorien wurden auf „Aisthesis“ in unterschiedlicher Weise dargeboten, manche Frau fiel in diese Zeit. Es war Gutes und weniger Gutes dabei. Und so verhält sich das auch mit den Texten. Es gab Debatten, einige fielen heftig, andere eher mild aus. Und zu meiner Freude hat sich ein doch relativ stabiler Stamm an klugen Kommentatorinnen und Kommentatoren ausgebildet, die auf „Aisthesis“ ihre Gedanken zu den Texten schreiben. Denn das darf und sollte beim Bloggen, beim Schreiben nicht vergessen werden: Ohne die, welche Kommentare verfassen und ihre Überlegungen beisteuern, ist ein Blog im Grunde nur ein halber Blog; denn das, was dem Denken opponiert oder andere Aspekte als das bereits Gedachten aufzeigt, vermag zuweilen einen Text, samt dem ihn strukturierenden Kalkül des Denkens, der formalen Konstruktion sowie dem Moment der Phantasie weiterzutreiben – zumindest dann, wenn es ein produktiver, anregender Kommentar ist, der auf die Sache geht. Deshalb möchte ich auch in diese Runde der Kommentatorinnen und Kommentatoren meinen großen Dank auszusprechen: Mange tak!

Geben drei Jahre überhaupt einen Grund zum Feiern ab, oder handelt es sich nicht vielmehr um eine eher kurze Spanne der Zeit? In der Welt der Blogs, welche kommen und gehen – „denn Bleiben ist nirgends“ – die flüchtig wieder entschwinden, da sind drei Jahre sicherlich eine lange Zeit.

Solche eine Rückschau in die eigene Arbeit fällt für den Melancholiker des Grandhotel Abgrund zugleich aber mit Wehmut aus, denn es ist ein Blick zurück in die Zeit: auf das, was war und was sich in dieser Zeit, welche verfloß, abspielte. Les jeux sont faits. Zuweilen. Mancher Blogtext ist mit Biographie, mit Leben, mit Daten gesättigt oder zumindest davon affiziert, selbst dort, wo es auf den ersten Anschein um die bloße Theorie sich handelte. Und wenn man im Leben einer wunderbaren Frau begegnet, was leider nur alle Jubeljahre geschieht, dann kann sich das mit dem geglückten Denken kombinieren. Und wenn so etwas zerbricht, dann mögen sich im Denken und in der Intensität einer Theorie Verwerfungen einstellen. Aber für diese Maleschen des Lebens und für solche Generaldesaster, welches zuweilen als „Melancholia“ am Himmel erscheint und die Erde berührt, habe ich immerhin die Rubrik „Der Blogtrinker“ mir erschaffen, die ich am nächsten Wochenende aktivieren möchte. Ich werde dort im Gedanken und Gedenken an L. dem Nietzscheianisch-Batailleschen Exzeß frönen.

Es verhält sich zwar in der Tat so, daß der Alkohol nichts an dem ändert, was ist (manche nennen es Tatsachen), aber dieser Trank betäubt immerhin, und es kanalisiert sich das Denken in die guten Bahnen. Denn: auch die Narkose bei der Operation ändert nichts daran, daß ein Arm oder ein Bein amputiert werden muß. Doch wenigstens merkt es der Patient innerhalb dieser Betäubung nicht, was ihm widerfährt.

Zudem geben Drogen immer noch den besten Motor für Kreativität ab und setzen das, was an sich bereits in diesem oder jenem Subjekt vorhanden ist, frei zum An-und-für-sich-sein. Aber seien Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, beruhigt: Solange es hier nicht die Rubrik „Der Blogkokser“ gibt, läuft doch alles recht gut und befindet sich im Lot.

In diesem Sinne wird der Blog weiterbetrieben: changierend, mäandernd, Gebiete streifend, unsystematisch, zwischen (Kritischer) Theorie, Verausgabung, Ästhetik, Ausschweifung und dem begehrten Wein zu huldigen, insbesondere dem Riesling, denken, photographieren, sich bewegend. Und in diesem Sinne: Bleiben Sie „Aisthesis“ weiterhin gewogen!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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16 Antworten zu Blog-Geburtstag. Oder: Wenn die Zeit vorübergeht und Menschen streift

  1. J. S. Piveckova schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Ich freu mich, dass es dies Blog gibt.
    Und wage es mal ein Geburtstagsgeschenk zu schicken, von dem ich keine Ahnung habe, ob es dir gefällt: Through the devil out now softly…

  2. David schreibt:

    Dann gratuliere ich mal als Erster.

  3. David schreibt:

    Und gleich noch geliked. Das erste Mal, daß ich dies tat; wegen der Ironie, im angelsächsischen Sinne des Ausdrucks.

  4. entdinglichung schreibt:

    happy birthday!

  5. Nörgler schreibt:

    Durch die Existenz dieses Blogs habe ich einen Grund weniger, depressiv zu werden.

  6. che2001 schreibt:

    @“Geben drei Jahre überhaupt einen Grund zum Feiern ab, oder handelt es sich nicht vielmehr um eine eher kurze Spanne der Zeit? In der Welt der Blogs, welche kommen und gehen – „denn Bleiben ist nirgends“ – die flüchtig wieder entschwinden, da sind drei Jahre sicherlich eine lange Zeit.“ —- Ich habe nun 9 Jahre ein eigenes Blog, kommentiere seit 11 Jahren, Dotcomtod war der Anfang in der Bloggosphäre, bin also ein Dinosaurier und sage: Du hast Grund zum Feiern! Denn das ist ein wirklich schönes Blog, mit Themen, die so anspruchsvoll sind, dass der Großteil der Bloggerwelt sie gar nicht erst versteht. Und hinsichtlich Frauen.- und Liebe-Themen fühlte ich mich immer von Dir sehr verstanden und verstand Dich. Von daher: Weiter so, gute Sache, das! (Das wiederum ist meine Sprache, die ich bisweilen viel besser finde als die elaborierte Hochsprache, die in unseren Blogwelten z.T. angesagt ist.).

  7. Bersarin schreibt:

    @ che
    Das hast Du sehr schön gesagt und geschrieben.

    und @ all

    Vielen Dank für die guten Worte und auch für das Video. Es paßt, wenngleich ich im Moment die lauten Stücke höre.

  8. Bernd Kasseler schreibt:

    Großartig! Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum und zu den vielen kongenialen Beiträgen, die ich in der Wucht der inhaltsschweren Monologe kaum verdauen kann. Wie tröstlich, dass auch ein solch kreativer Bildungsweltbürger gelegentlich – wie auch ich Provinz-Hartzer – zu einem Glaserl Rotwein und den Erinnerungen an liebeserfüllte Stunden greift.
    Komm zur dOCUMENTA (13), und Du kannst mich (als „wordly companion“ auf Zeit) noch tiefer in die nie abschließend beantwortbaren Fragen der Divergenz Kultur/Kunst-Gesellschaft/Politik führen.

  9. Bersarin schreibt:

    Ja, natürlich: die documenta 13 ist bei mir fest im Plan. Dank auch für das Lob, wobei ich mit dem Begriff des Bildungsbürgers Schwierigkeiten habe, denn diesen gibt es im Grunde nicht mehr. Wir sind – allenfalls – geniale Dilettanten oder aber Textarbeiter im Weinbau des Herren.

  10. Fünfeinhalb schreibt:

    Wertester Bersarin,

    auch von meiner Seite die besten Grüße nachträglich zum Jubeltag.
    Wie meine Vorredner habe auch ich Ihre Texte stehts sehr genossen (wenngleich auch meine Aufnahmefähigkeit bezüglich Zeichenanzahl und Textmenge leider noch weit unter der des Herrn Wurst liegt…) Besonders Ihre Fotografien hatten es mir angetan und auch unter Ihren Tonspuren zum Sonntag fanden sich etliche Perlen!

    Abschließend wollte ich es nicht versäumen noch einmal nachzufragen, wie es um das werte
    Befinden Ihres reizenden Dieners Leoporello steht, der Sie einst so würdig vertrat –
    Ich hoffe, er ist wohlauf?
    Zu Ihren Ehren möchte ich meinem Beitrag noch ein kleines Ständchen beifügen, von dem ich mir beinahe sicher bin, dass es Sie begeistern wird – Sagte man mir doch, dass Sie ein so glühender Anhänger dieser Jaques Brel Komposition seien:

    Herzlichst Ihr Fünfeinhalb

  11. Pingback: Wozu Kunst? – Aisthesis | perisphere

  12. Bersarin schreibt:

    Das ist wohl eine der besten Versionen dieses Stückes, welche ich je hörte, ich glaube ich mache nächstens in dieser Region Urlaub, um als Sniper jeden einzelnen dieser Chormitglieder der verdienten Ruhe zuzuführen. Denn schließlich: gelernt ist gelernt.

    Leporello ist in einem Verließ gefangen. Eine Frau namens L. sagte mir einmal, daß dieser Leporello im Grunde der einzige Mensch sei, der mir gewachsen wäre. Ich denke, daß das stimmt. Und deshalb wird er gehalten wie ein Gefangener zu Zeiten des Ancien Régime.

  13. hanneswurst schreibt:

    Ich wünsche Ihrem Blog einen herzlichen Glückwunsch.

    Mein Blog feiert demnächst sein 20-jähriges Bestehen (davon 18 Jahre offline, im Untergrund).

  14. ziggev schreibt:

    Glückwunsch, natürlich, auch von mir. Dass ich auf Dein Blog stieß, roundabout vor 2 Jahren, das kommt mir vor wie Gestern. Eins. Zwei, Viele: Schon drei jetzt also. Danke für das Bisherige und alle besten Wünsche fürs Kommende !!

  15. Bersarin schreibt:

    Ja, Vielen Dank für die guten Wünsche!

    20 Jahre Untergrund sind nicht ohne, da kann nicht einmal ich, der Theoretiker der Subtilitäten, mithalten.

  16. summacumlaude schreibt:

    Mir selbst fließen „Dankes- und Anerkennungsworte“ nicht so flott aus der Tastatur. Deswegen der Rückgriff auf einen Berufenen (Na, wer wars?):

    „Einen herzlich Dank auch der Berchkapelle und dem Gesangverein für diese Darbietungen…“

    denn Dein Blog ist

    „…wie ein Märchen und dieses Märchen wollen wir ausnutzen.“

    kurzum, Dich zu loben ist („na, steht doch heir auf dem Zettel“)

    „…nicht nur etwas, was man nicht tun sollte, sondern es ist etwas, was man tun sollte.“

    Wenn ich den Bersarin also preise, so

    „…ist es mein eigener Wusch gewesen.“

    Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Netzgeburtstag.

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