Alexander Sokurows „Faust“

Nein: Die Sonne tönt nicht mehr nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang, sie vollendet ihre vorgeschriebne Reise nicht mehr mit Donnergang, ihr Anblick gibt weder Engel noch Mensch Stärke, wenn keiner sie ergründen mag: die unbegreiflich hohen Werke, sie sind lange nicht mehr herrlich wie am ersten Tag. Denn ein Fluch liegt über der Welt, welche zur Hölle der Immanenz geworden ist. Und der Himmel bleibt in Alexander Sokurows Verfilmung des „Faust“ wesensleer. In der Auftaktsequenz fährt die Kamera durch die Wolken, gleichsam auktorial. Aber da im Himmel befindet sich nichts. Kein Gott, keine himmlischen Heerscharen, kein Mephistopheles und keine (Hiobs-)Wette. Lediglich die Wolken ziehen vorbei und ein Spiegel, der ausschaut wie ein Flachbildfernseher, pendelt in diesem leeren Himmel. Die Frage bleibt, ob dieses eigenwillige Teil frei schwebt oder an irgend einer Aufhängung befestigt ist, die so auf eine höhere Instanz verweist. Deus absconditus oder pure Säkularisation? Denn in diesem Spiegel: da sehen wir lediglich uns selbst. Dies treibt jenes expressionistisch angehauchte Fin de Partie um, welches Sokurow mit des Deutschen Lieblingsdrama aufführt. Dann schießt die Kamera aus dem Himmel heraus in die Landschaft, in die Welt des Faust hinein.

Die Geschichte beginnt brutal, in die Welt der Menschen eintauchend, in Fausts Studierstube, und dieses Einfahren ins Wesen des Menschen ist in einem zweifachen Sinne zu nehmen. Sokurows „Faust“ reißt nicht nur metaphorisch gesprochen Innereien und Eingeweide heraus. Die Welt des Wissens beginnt als Splatter: der aufgeschnittene, autopsierte Menschenleib, welcher den weltlichen Auftakt bildet. Zuerst sehen wir ein männliches Glied, das da hängt. Dann fährt die Kamera in die aufgeschnittene Bauchhöhle. Die Hände Fausts greifen in diese Innereien eines Menschen, ziehen die Gedärme hervor, wühlen darin, Gedärme quellen heraus, so daß ein Aufschrei durchs Kino-Publikum geht, und Famulus Wagner assistiert. Sie suchen die Seele, doch finden Faust und Wagner bloß das rohe Fleisch und Innereien. Sonst nichts. Vielleicht sitze die Seele ja in den Füßen, so der Famulus, der dem Faust während des Sezierens einen Teller mit Essenskrümeln hinhält, von dem Faust leckt, während er weiter das Innere des Menschen freilegt. Eine Seele finden sie nicht.

Das, was die Welt im innersten zusammenhält, ist (vermeintlich) dem Zufall und der Kontingenz geschuldet, und wenn man tiefer blickt, der Geschichte und den ökonomischen Verhältnissen. Der Mephisto zeigt sich in dieser Faustlektüre aus gutem Grunde als Geldverleiher, mithin als Bank. Ein Wissen ist in dieser Welt aus purem Überlebenswillen nicht mehr möglich. „Wie wäre es“, so Famulus Wagner, „wenn es das Gute gar nicht gibt, sondern nur das Böse?“ Faust ist ob der Frage zunächst irritiert, aber eine rechte Antwort darauf weiß auch er nicht. Denn in der Tat: diese Möglichkeit bestünde.

Die Dialoge verzweigen sich ins Absurde, und abweichend vom Goethe-Text treten Faust und sein irrsinnig bis debil wirkender Famulus Wagner, der sich am Ende darauf versteigt, der große Wagner oder gar der Faust selber zu sein, auf wie Hamm und Clov. Die Fragen sind zwar noch bohrend, aber sie gleiten bei Faust ins Ermatten über. Selbst das Gretchen und das Lager ihrer gemeinsamen Lust bleiben für den Faust ein Augenblick auf der Jagd nach dem Nichts.

Der gesamte Film spielt in einer Welt der Enge, Famulus Wagner und Faust zwängen sich gemeinsam durch einen schmalen Türrahmen, ein typischer Theaterslapstick (und vom Theater borgte der Film einiges), die Gassen jener kleinen Stadt, in der Faust lebt, sind schmal, die Menschen drängen sich beständig aneinander: nicht weil sie Schutz und Geborgenheit suchen, sondern weil ihre Welt zu klein für sie geworden ist. Es ist nicht mehr die Welt des Mittelalters, sondern Sokurow verlegt den Faust in jene ausgehende Goethezeit – wie wir schon in den Diskursen zu Kleist gelesen haben, ist das die Welt der aufkeimenden Moderne. Und zum Ende des Filmes, als Faust und Mephisto die Stadt wegen des Mordes an Gretchens Bruder verlassen müssen, bemerkt Faust es: Das Jägerhaus und die alte Mühle: sie sind fort, denn die Zeiten sind im Wandel, dies weiß Mephisto nur allzu genau. Die Mühle und das Jägerhaus? Die gibt es schon lange nicht mehr, so Mephisto mit höhnischer Stimme. Faust hätte zusätzlich zur Theologie, Philosophie, Medizin und  Juristerei auch die Volkswirtschaftslehre studieren sollen.

Diese Zerrüttungen der Subjekte affizieren noch die Bildästhetik, und wesentlich für Sokurows „Faust“ ist das Moment des Expressiven zu nennen. Freilich kommt diese Expression teils als Entleerung daher: Das fängt bei den Bildern an, denen die Farben und jeglicher Binnenkontrast entzogen sind, die Welt erscheint im Spiegel der Kamera erbleicht und fahl. Und zudem geraten die Bilder durch eine spezielle Linsenkonstruktion der Kamera in bestimmten Sequenzen verzehrt und verzogen, so daß sich die Proportionen der Körper verformen. Da sitzt dann ein normaler Kopf und Oberkörper des Mephisto auf einem viel zu großen Unterleib. Insbesondere in den Dialogen zwischen Faust und Mephisto wird dieses Mittel häufig eingesetzt. Und die Stadt selber ist verzerrt und perspektiviert wie im Cabinett des Dr. Caligari. Hier wären sicherlich auch die Bezüge zum expressionistischen Film und zu Murnaus Verfilmung des Faust zu nennen.

Es ist ein bleiche Welt der Notwendigkeit. Und immer wieder greift der Film auf die Körperlichkeit zurück: das fängt bei den Ausscheidungen des Mephisto an, die er im Hause des Faust vornimmt, nachdem er als Demonstration von Macht den Schierlingstrank zu sich nahm, der aber bei ihm seine Wirkung nicht tat, und das geht weiter, wenn man Mephist nackt im (Frauen-)Bade sieht: der Körper eines Freaks, vollständig dekonstruiert, das Geschlechtsteil Schwanz hängt als Rudiment eben nicht vorne, wo es der Norm nach hingehört, sondern hinten.

Sokurows Faust ist, ebenso wie der Goethes, ein Getriebener, aber doch anders als in jenem Drama, denn das strebende Suchen geht Sokurows Faust völlig ab, was ihm fehlt ist primär Geld, und es ist ihm nicht mehr um den Augenblick zu tun, bei dem zu verweilen sei und von dem man sagen könne, er sei so schön. Es gibt diese Augenblicke, dieses Gaukelspiel von Welt und Überwelt wie sie Goethes Mephisto dem Faust bietet, nicht mehr. Selbst jene Nacht bei Grete ist nicht die Erfüllung, sondern ein Moment von vielen. Die Kamera fährt über ihre Schamhaare. Die Lust spart der Film jedoch aus. Es gibt keine Schreie der körperlichen Leidenschaft. Nichts, das Nichts ist es, was Insistenz zeigt. Und Faust muß im Anschluß an jene Nacht bei Gretchen, die bereits weiß, daß Faust ihren Bruder erstach, fliehen, da er als Mörder erkannt, und die böse Mutter der Grete von Mephisto durch Gift gerichtet wurde. Das Gretchen freilich bleibt zurück, weder gerettet, noch gerichtet. Faust und Mephisto zwängen sich in mittelalterliche Rüstungen, die, so Mephisto, zur Flucht und Panzerung dringend nötig seien. Was bei Goethe als Reise in die Welt sich konzipiert, als Versuchung und Verlockung, das bleibt in Sokurows „Faust“ ein Zwängen durch enge Schluchten, ein Aufstieg zwar, denn es geht den Berg hinauf, aber dort angekommen wartet bloß ein Geysir, der wild tost. Und der Tod.

Alle Erkenntnis der Philosophie ist in dieser Welt des reinen Überlebens ohne Bedeutung. Sokurows Faust ist dies bewußt: alles Wissen scheint nichtig, er ist ein vollkommen desillusionierter Mensch, dem bereits bekannt ist, daß der Himmel leer ist, daß es keine Seele gibt, sondern bloßen Körper, und selbst dieser zeichnet sich durch die Hinfälligkeit. Vergeblich ist alles. So erschlägt Faust am Ende dieses Weges auf dem Hochplateau den Mephisto, begräbt ihn unter Steinen, den mit Blut geschlossenen Vertrag mißachtend, und zieht suchend weiter über das Feld der Gebirgs- und Kraterlandschaft. Nach vorne taumelnd. Mephisto glaubte noch an die Seele und daß diese nach dem Tode ihm gehöre, Faust schon lange nicht mehr. Sein Glaube stammt aus den Kellern der Pariser Existenzphilosophie und in der Aufsteigerung dieses Absurden und Sinnleeren steht er in direkter Verwandtschaft zu den Figuren Becketts, die niemals mehr zu enden vermögen. Ein Mensch der Tat ist er nimmer, und so ist seine Übersetzung des Anfangs vom Johannesevangelium bei Sokurow bloße Makulatur.

Von der Bildästhetik bis hin zur metaphysischen Aufladung ähnelt Sokurow zuweilen seinem Lehrer Andrej Tarkowsi. Aber bei Sokurow heften sich die Sinnfragen an den Körper und an das unmittelbare Begehren, das bereits in seiner Erfüllung und im Augenblick des Vollzuges schal wurde. Ein erweiterter Blick auf diesen Film wird sich allerdings erst werfen lassen, wenn man auch die Vorgängerfilme dieser Tetralogie über die Macht, welche von Lenin, Hitler und Hirohito handeln, sich ansieht. Aufgrund dieser Bezüglichkeiten ist es konsequent, daß Sokurow mit dem Fauststoff sehr frei umgeht und ihn neu anordnet und montiert. Die Sprache in dem Film ist zwar im Original deutsch, aber der Text ist frei, nur vereinzelt tauchen Zitatfetzen aus dem Goethetext auf. Ein wenig allerdings hinterläßt der Film mich ratlos. Es ist einer von denen, die man sicherlich noch ein zweites Mal sehen müßte. Was er zeigt, ist jedoch eine Welt der Beklemmung. Es ist unsere Welt – jedoch ins Gewand des 19. Jahrhunderts maskiert.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Film abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s