Philemon und Baucis: ein Hundeleben – Oder: Forschungen eines Hundes

Hunde fressen verstorbenes Herrchen

Eine grausame Entdeckung hat am Wochenende die Polizei im nordfranzösischen Haveluy gemacht: Die Hunde eines einige Tage zuvor verstorbenen 80-jährigen Mannes hatten angefangen, die Leiche ihres Herrchens zu fressen. Die ebenfalls 80-jährige Ehefrau habe dabei zugesehen, berichtet die Tageszeitung ‚La Voix du Nord‘. Nach ihren Angaben wohnte das kinderlose Ehepaar mit mehr als 80 Hunden zusammen, in dem Haus habe es bestialisch gestunken. Nachbarn riefen die Polizei, weil sie den Gestank gerochen hatten und mißtrauisch geworden waren.
Aus: Berliner Zeitung, 10. Januar 2012, Panorma

Genauso gut könnte dieser Bericht aber auch aus Thomas Bernhards „Der Stimmenimitator“ stammen. Philemon und Baucis auf dem Weg in die Spätmoderne. Endliche und endende Existenz im Fragment, Dekonstruktion des Körpers: Solche Dinge machen uns nur die Franzosen vor: als ob in Frankreich bereits die Hunde mit Lacan und mit Derrida aufgewachsen wären, um die Mär von der Ganzheit des Subjekts im Zeitalter des Kapitalismus ins Absurde zu überführen. Vielleicht aber haben die Hunde auch nur den Mythos vom Dionysos-Zagréus um eine geringe Spur anders aufgefaßt. Es bedarf nur einer winzigen Veränderung in der Perspektive, damit ein ganz anderer Blick auf die Erlösung fällt.

5 Gedanken zu „Philemon und Baucis: ein Hundeleben – Oder: Forschungen eines Hundes

  1. Das präludiert schon mal die Schlagzeile „Herrchen frißt Hunde“, die wir im weiteren Verlauf der Finanzkrise gewiß noch lesen werden.

  2. Vielleicht einfach Demenz bei der alten Dame. Dass die Hunde dann ihr totes Herrchen anfressen ist vollkommen üblich, hat gerichtsmedizinisch immer wieder zu Unklarheiten geführt: altes Herrchen, Schlaganfall, Hund knabbert ihn an, Leiche wird Wochen/Monate später gefunden und die Bißwunden werden als Spuren eines Angriffs missdeutet.

  3. Die Meldung passt zu Nordfrankreich. Nordfrankreich hat ein miserables Image, aber völlig zu Unrecht. Nordfrankreich steht für kaputte Landschaften, rußgeschwärzte, einsturzgefährdete Häuser, schlechtes Wetter, schlechtes Essen, öde Gegenden, perverse Menschen, erschlagene Polizisten und verdächtige Nähe zum Kinderschänderbelgien. Es ist das Brandenburg Frankreichs. Dabei ist es auf jeden Fall eine Reise wert:

    http://exportabel.wordpress.com/2007/07/01/ein-gefuhl-von-kultur-in-nordfrankreich/

    Interessant auch das Gegenstück Südfrankreich, das ja nur für Gutes steht. In Südfrankreich würde ein Hund nie sein Herrchen aufessen. Und wenn, stünde es nicht in der Zeitung.

  4. Genova, dieser Kommentar von Dir ist einen eigenen Text von mir wert. Vielleicht mache ich den noch, wenn ich meine abendliche Virus-Schwäche besiegt habe.

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