Karl-Theodor zu Guttenberg: exklusiv bei Aisthesis

Ich saß so in meinem amerikanischen Exil in Pacific Palisades herum, wohin mich die Deutschen vertrieben hatten und dachte bei mir: meine Rückkehr, die bereite ich nicht nur vermittels der „Zeit“, sondern über ein weiteres Qualitätsmedium vor. Ich schreibe jetzt für „Aisthesis“. Denn ich kann nicht nur Verteidigung und Militärwesen, sondern bin von Hause aus ebenso musisch begabt. Und wie lange lag sie zurück, diese wunderbare Zeit, als ich in meiner Fränkischen Heimat die Verse Gottfried Benns las. Es war der Hochsommer des Jahres 78. Silberweiße, rundliche Wolken zogen am tiefblauen Himmel über die zierliche Symmetrie des Stadtgartens hin, in den Zweigen des Walnußbaums zwitscherten die Vögel mit fragender Betonung, der Springbrunnen plätscherte inmitten des Kranzes von von hohen, lilafarbenen Schwertlilien, der ihn umgab, und der Duft des Flieders vermischte sich leider mit dem Sirupgeruch, den ein warmer Luftzug von der nahen Zuckerbrennerei herübertrug. Zum Erstaunen des Personals verließ ich jetzt oftmals in voller Arbeitszeit das Kontor, um mich, die Hände auf dem Rücken, im Garten zu ergehen. Manchmal setzte ich mich, auf der Höhe der kleinen Terrasse, in den von Weinlaub gänzlich eingehüllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu sehen, über den Garten hin auf die rote Rückwand des Hauses. Die Luft war warm und süß, und es war, als ob die friedlichen Geräusche ringsumher mir besänftigend zusprächen und mich einzulullen trachteten. Müde vom Ins-Leere-Starren, von Einsamkeit und Schweigen, schloß ich dann und wann die Augen, um mich alsbald wieder aufzuraffen und hastig den Frieden von mir zu scheuchen. Ich muß denken, sagte ich beinahe laut … Ich muß alles ordnen, ehe es zu spät ist …

Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus gelbem Rohr, wo ich eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufällig in meine Hände geraten war – Gottfried Benn. Auch über Benn müßte ich mal etwas schreiben, und da kamen mir diese Verse in den Sinn, welche ich einst in meinen Jugendjahren im elterlichen Pavillon dichtete: „Die schönsten Verse der Menschen / nun finden sie schon einen Reim! – sind die Gottfried Bennschen.“

Noch ganz hingerissen von diesem zwar kurzen, aber doch genialen Stück Lyrik, das ich als Jüngling produzierte, samt dem Witz, welchen es transportiert, kam ich ins Grübeln.

Ja, es stand mir am Weg eine Scheide, nein, es stand was anderes – egal, die Frau Bismarck trat irgendwann in meinem Leben dazwischen, und ich befand mich am Scheideweg: Karriere in der Politik, um unter den schwierigen und entbehrungsreichen Umständen mit all den Doppelbelastungen in der kargen Fränkischen Heimat eine Familie durchzubringen oder eine musische Laufbahn. Manches Gedicht habe ich zärtlich für sie gedichtet:

Im Kulmbacher Walde
ging ich so für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt‘ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grubs mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ichs
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Dies schrieb ich ihr. Ja und wie sie mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich habe gedacht na schön sie so gut wie jede andere und hab ihr mit den Augen gebeten sie soll doch noch mal fragen ja und dann hat sie mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihr zuerst die Arme um den Hals gelegt und sie zu mir niedergezogen dass ich ihre Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging mir wie verrückt ich hab ja gesagt ja ich will Ja.

Oh dieser Schlußpunkt. Oh diese drei Auslassungspunkte …

Aber noch als Minister für die Landesverteidigung ließ mich die Lyrik nicht los:

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Viel des Ungeheuren ist, doch nichts Ungeheurer als der Mensch, so dachte ich bei mir.

__________
Dies war eine Folge aus unserer neuen Aisthesis-Rubrik „Menschen, die wir auch 2012 nicht loswerden“. Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern ein gutes und friedliches Jahr 2012 und daß es nur halb so schlimm kommt, wie wir es dunkel ahnen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Karl-Theodor zu Guttenberg: exklusiv bei Aisthesis

  1. alterbolschewik schreibt:

    Bersarin, nicht immer so pessimistisch – wir leben immerhin in interessanten Zeiten!

    Und danke für Grodek (Google hilft!), vielleicht ist Trakl doch gar nicht so schlecht, wie ich immer dachte (auch wenn das leise Tönen der dunklen Flöten im Rohr mal wieder over the top ist)…

  2. muetzenfalterin schreibt:

    Dass auch hier jetzt Plagiatoren Tor und Tür geöffnet wird, befremdet mich. Vielleicht sollte ich Dich wieder aus meiner Blogrolle löschen ;-)
    Ich denke mal 365 Tage darüber nach.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Alterbolschewik
    Ja, das stimmt, wir leben in interessanten Zeiten. Aber Du weißt ja: Pessimismus der Intelligenz, Optimismus der Tat.

    @ Mützenfalterin
    Nein, nicht herausnehmen. Und ich vergaß ganz, Dich hier bei mir aufzunehmen.

    Ansonsten Euch beiden: ein gutes Neues Jahr.

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