„Zum Straucheln braucht‘s doch nichts als Füße“ – Heinrich von Kleist zum 200. Todestag (2)

Woher kommt dieser Furor in Kleists Texten? Das Extreme, diese Orgie der Gewalt, welche aus heiterem Himmel niederfährt, hereinbricht wie aus dem Nichts, die mit Knüppeln auf einen Menschen einschlägt: wenn das Gehirn an die Mauer spritzt, wie im „Michael Kohlhaas“, im „Erdbeben in Chili“ „mit aus dem Hirn hervorquellenden Mark“, in „Der Findling“. Solcher Rausch des Blutes, des Verspritzens von Innenteilen des Körpers als lustvolle und unvermittelte Feier der Gegenwart und als Kulminationspunkt von Schicksal und Charakter ist vom Jetzt her allenfalls aus dem Splatter- oder im extremen Kriegsfilm bekannt. In „Der Findling“ heißt es: „Durch diesen doppelten Scherz gereizt, ging er, das Dekret in der Tasche, in das Haus, und stark, wie die Wut ihn machte, warf er den von Natur schwächeren Nicolo nieder und drückte ihm das Gehirn an der Wand ein.“ (Bd. III, S. 235 f.) Aber Nicolo ist von der Natur her nicht schwächer, denn als das Findelkind hat es anders als das natürliche Kind des mordenden Protagonisten seinerzeit die Pest überlebt und wurde als eigenes Kind adoptiert und angenommen. Verstrickungen und Verwicklungen, wie sie in der Kunst der Erzählung dann erst wieder bei Kafka auftauchen werden.

Auch bleibt die Frage zu stellen, warum es ausgerechnet der Kopf samt jenem Organ des Denkens ist, welches sich bei Kleist aus dem Zusammenhang des Körpers löst. Dieser Exzeß kulminiert und verdichtet sich zum (gesellschaftlich) Allgemeinen in jenem rasenden, faszinierenden, outrierten Satz aus der „Hermannsschlacht“: „Schlagt sie tot, das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht!“ Sieht man einmal von den aktuell politischen Implikationen Kleists in bezug auf Napoleon ab, so ist dieses Denken, welches nahe zur Praxis steht, Dezisionismus in seiner puren, allem Gehalt entkleideten Variante. Der Mensch ist in diesen Entäußerungen auf das reduziert, zu dem er gemacht wurde. Heinrich von Kleist ist, anders als Friedrich Schiller oder Goethe, ein (prä-)moderner Dichter – diesseits von Klassik und Romantik, wenngleich beiden Strängen verbunden. Aber die Form ist exaltiert, und dies konnte Goethe nicht schätzen, nicht leiden; in Kleists Text lag die Überspanntheit, die jedes Maß und jedes Maßhalten überschritt. Kleist bricht mit dem Maß und mit der Winckelmannschen Klassik – nicht restlos zwar, auch nicht subtil, aber doch auf eine Weise, welche auf die Erfahrung von Kontingenz innerhalb der aufkeimenden Moderne deutet. Kleists Werk war, so heißt es, unzeitgemäß, aus der Zeit gefallen, Kleist stilistisches Mittel ist die Groteske, welche in der Romantik zu ihrer Blüte kam. Der Jurist und Schriftsteller Kafka zählte die Texte Kleists zu den höchsten der Literatur, und die Inspiration Kafkas durch Kleist dürfte augenfällig sein.

„Kleist entwarf alternative Lösungsversuche derselben literarisch-historischen Problematik, der sich die Romantik zu stellen hatte, und seine Werke können darum vielleicht als ein kritischer Maßstab für die Möglichkeiten wie die Grenzen poetischer Kunst im Horizont der frühen bürgerlichen Gesellschaft gelten.“ (Geschichte der deutschen Literatur, Bd. I/2, S. 142, hrsg v. Viktor Zmegac, Königstein/Ts 1984)

Diese Erfahrung der „krisenhaften gesellschaftlichen Dissoziation der gesellschaftlichen Ordnung“ (ebd. S. 142) – Stichwort sei die Französische Revolution, der Aufstieg Napoleons sowie ungeheure Umwälzungen in den Bereichen von Wirtschaft, Technik und Militär – machten viele Schriftsteller. Für Kleist wurde dieser Bruch freilich zu einer Grunderfahrung, welche „die Intention wie das Verfahren seiner poetischen Arbeit bestimmte.“ (ebd. S. 142) Im Text Kleists gerät Unverbundenes in einen neuen Zusammenhang, in der „Marquise von O.“ verbindet sich, ebenso wie in der „Penthesilea“, das Militärische mit dem Sexuellen, den Auftakt der Geschichte bildet, nach der unglaublichen und ungeheuerlichen im Konjunktiv der indirekten Rede gehaltenen Suchanfrage der Marquise, die detaillierte Beschreibung eines Kampfes, einer Schlacht.

Diese Krisenerfahrung transformierte sich in Kleist Werk zum Aktionismus einer Praxis hin, die aber ins Leere lief und dadurch sich in das Gegenteil von gelingendem Handeln verkehrt, gleichsam schicksalhaft geriet. In den Studien, die Kleist betrieb, war er freilich unstet und das Handeln, das Reisen, die Fluchten und die Augenblicke, die es auszukosten oder anzuzweifeln galt, lagen ihm näher als die trockene Höhenluft von Hörsälen.

Wissen kann unmöglich das Höchste sein – handeln ist besser als wissen.“ (Bd, IV, S. 195) so schreibt es Kleist 1801 an seine Schwester Ulrike

Aber in den literarischen Texten Kleists verhält es sich in bezug auf die Handlungen so einfach nicht, wie es – noch ganz emphatisch und jugendlich formuliert – in jenem Brief an Ulrike von Kleist zum Ausdruck kommt. In der Welt tut sich ein Riß auf, Handeln ist nicht mehr umstandslos und in sinnvollen Bahnen möglich. Nicht nur, daß es mißlingen kann, sondern es verkehren sich die gewünschten Effekte, die Intentionen durch eine winzige Verschiebung und durch den Zufall ins Gegenteil. Vielfach sieht dieses Tun nicht mehr wie rationales Handeln, sondern nach schicksalhafter Verstrickung aus. Bei Kleist hält der Mythos als Form (gesellschaftlicher) Gewalt wieder Einzug in die Literatur. Was die Klassik und die Aufklärung im Modus der Reflexion und im Maß bannten, man nehme pars pro toto die Iphigenie, das bricht bei Kleist als Verdrängtes wieder hervor und wütet.

Das kann man an verschiedenen Texten Kleists zeigen – etwa anhand von „Das Erdbeben in Chili“. Was, wie in dem Prosastück, zunächst dem Leben Platz zu schaffen scheint, noch durch das große Unbill hindurch, das gerät in einen furiosen Todesrausch, in ein Gemetzel von unvorstellbarem und vor allem eruptiven Ausmaß. Es bebt in jenem Text nicht nur die Erde, sondern ebenfalls alle sozialen Verhältnisse, samt der Sprache, nachdem erst einmal die Schranken gefallen sind. Zugleich eröffnet dieser Einbruch einer Naturgewalt aber eine neue Form der Freiheit: die der bürgerlichen Gesellschaft des Tausches, des im Grunde unmöglichen Tausches, der unmöglichen Gabe.

Davon mehr in der nächsten Kleistlektüre.

(Die Werke Kleists werden zitiert nach: Heinrich von Kleist, Werke und Briefe in vier Bänden, Frankfurt/M 1986)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu „Zum Straucheln braucht‘s doch nichts als Füße“ – Heinrich von Kleist zum 200. Todestag (2)

  1. summacumlaude schreibt:

    Verspäteter Dank noch einmal auch für diesen zweiten Teil. Ja die Gewaltschilderungen bei Kleist, völlig richtig weist Du auf die Splattermovies hin, haben sie seine Rezeption solange verhindert? Nun, Gewalterfahrungen hat jede Generation gemacht (und wer glaubt, die modernen Medien generierten für die Kinder noch nie dagewesene Gewaltbilder, hat die Grimm-Märchen nicht genau genug gelesen), Hinrichtungen fanden nicht heimlich statt, es war eine Zeit angefüllt mit Kriegen also mit Toten und Krüppeln, das kann es nicht sein.

    Den möglicherweise entscheidenden Punkt führst Du bereits aus: Es ist der Kopf selbst, der bei Kleist so häufig implodiert und die Welt einreißt, für die er doch konstruiert wurde. Da bleibt dann kein Trost mehr, denn mit dem hervorquellenden Hirn quillt die Seele amorph aus den geplatzten Nähten und verflüchtigt sich. Solche Bilder zeigen jedem Pfaffen eine lange Nase. Auch Werthers Schuss war natürlich diese lange Nase; der spätere Goethe konnte dann weder mit Werthers Schuss, noch mit der „Penthesilea“ etwas anfangen. Das ist – was Goethe betrifft – sicherlich kein Hinwenden zu den Pfaffen, aber doch ein Wegdrehen von den Dämonen, die zu solchen Texten wie den Kleistschen (und dem Werther) führen müssen.

    Immerhin Lenz war es unangenehm, dass er „nicht auf dem Kopf gehn konnte“. Nun, Büchners Rezeptionsgeschichte ist ja der Kleistschen sehr ähnlich, was sicher kein Zufall ist.
    Grüße und nochmals vielen Dank!

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, das sehe ich ähnlich: jede Epoche hat ihre Gewalt, ihre Erfahrungen von Gewalt. Freilich ändert sich die Qualität und die Form der Darstellung. Und immer gibt es diese außerordentliche Gewalt, diesen Furor: mit dem Revolver in die Menge zu schießen. Das ist ja von Breton nicht nur als Metapher und als Bild des Surrealismus geschildert, sondern es zeigt den Menschen in der (individualistischen) Revolte. Und nicht umsonst berufen sich die Surrealisten auf Jarry und seinen Père Ubu, der ein (individualistischer) Spießbürger vor dem Herren und zugleich außer Rand und Band ist.

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