Diese wunderbaren, schaurig-schönen Lieder, diese Liebeslieder – Zum Tode Georg Kreislers

Auf einen Plattentitel wie „‚Nichtarische‘ Arien“ muß eine(r) erst mal kommen: Böser, bissiger, schwarzer Humor und zugleich Melancholie sowie Traurigkeit mischen sich in diesen Chansons. „Ich fühl mich nicht zu Hause“: Und das heißt auch: nicht zu Hause in Israel, so dichtete der Jude Georg Kreisler. In einem seiner letzten Interviews sagte er, daß es den Staat Israel um seinetwegen nicht geben müsse. Eine harte Aussage in der Tat. Kreisler ist ein aus Österreich vertriebener Österreicher, der mit dem Leben davonkam, den Massenmord im Exil der USA überlebte, der sich mit Musik durchschlug. Er kehrte Mitte der 50er Jahre sodann aus dem Exil nach Wien zurück, denn hier war er am Ende doch zu Hause: in Österreich. Aber ja: wie schön wäre Wien ohne Wiener und Österreich ohne das braune und schwarze verlogene Pack dort. Vielfach sind Kreislers Lieder durchsetzt von dieser Vergangenheit und der dumpfen Spießigkeit jener bleiernen Jahre, noch das Stück „Zwei alte Damen tanzen Tango“ deutet darauf. Und weil ihm diese Subtilitäten im Text lieb waren, so haßte er irgendwann sein wunderbares Stück „Tauben vergiften im Park“ und mochte es nicht mehr spielen. Georg Kreisler war ein Musiker mit Sprachwitz sowie ein Melancholiker. Seine Couplets unterhielten nicht bloß geistreich, ein Stück wie „Der Musikkritiker“ ist neben dem Moment des gekonnt Albernen ganz einfach nur virtuos zu nennen; und zuweilen transportiert es auch die Alltagswahrheit: „Und jedem Künstler ist es recht, spricht man vom anderen Künstler schlecht.“

Aber die Vergangenheit, das Trauma ließ Kreisler so recht nicht los, und noch viel weniger diese unsägliche Verlogenheit samt dem fröhlichen Weiterso nach jenen 12, für Österreich bloß sieben Jahren.

„Lassen Sie nur meine Tante, schau’n sie, da liegt sie am Strand
Sie hat im Leben noch nie ein solches Leben gehabt
Nu, warum soll sie nicht spielen im Sand?

Lassen Sie nur meine Tante, ich weiß ja, es sieht nicht schön aus
Dass sie die anderen Gäste mit Steinen bewirft
Aber ich nehm’ sie bestimmt gleich ins Haus

Sie hat a Nichte, die lebt in Australien
Und einen Neffen, das ist ein Pilot
Und einen Bruder in Nordrhein-Westfalien
Aber sie glaubt, die sind schon tot

Lassen Sie nur meine Tante, sie wird ihn nicht beißen, den Hund
Und außerdem glauben Sie mir, dass sie verrückt ist, die Frau
Nu, das hat einen tieferen Grund

Lassen Sie nur meine Tante, schau’n Sie wie friedlich sie ruht
Und wie sie lächelt. Im Schlaf glaubt sie noch
Ihr Leben wird eines Tages noch gut

Jetzt sind es fast zwanzig Jahre, da wurde sie plötzlich so krank
Natürlich weiß man warum, und sogar Sie würden’s versteh’n
Aber ich glaub’, die Geschicht ist zu lang

Sie hat a Tochter in Bohrbeck bei Essen
Und einen Sohn, irgendwo knapp daneben
Und eine Schwester in Marburg in Hessen
Aber sie glaubt, die sind am Leben

Lassen Sie nur meine Tante, ich nehm’ sie dann mit mir hinein
Im Grunde nenn’ ich sie nur meine Tante
Sie ist in Wirklichkeit gar ka Verwandte
Und könnte ebensogut ihre eigne Tante sein!“

Ich habe diese bitter-bösen, traurigen, galligen, zum Lachen reizenden Lieder von Kreisler geliebt, und ich werde sie wieder und wieder hören. Georg Kreisler gehörte zu Österreich wie sonst nur Thomas Bernhard.

Und diese unsterblichen Lieder, die vergessen wir ihm nie. Danke, Servus und Adieu, Georg Kreisler!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Diese wunderbaren, schaurig-schönen Lieder, diese Liebeslieder – Zum Tode Georg Kreislers

  1. hf99 schreibt:

    und wer nicht mitmacht, der macht mit.
    Jetzt werd ich von der Seite angespruckt,
    und krieg symbolisch einen Tritt
    Jetzt fühl ich mich zuhause…

    Oder („Paule“)
    Denn was ein Brite für asozial hält,
    das macht ein Deutscher, der sich stark fühlt, immerzu
    Drum bleibt auch Paule ein Nationalheld
    ein Mann wie ich und Du (?)

    Da gefrierts einem… einfach wunderbar.

  2. hf99 schreibt:

    bezeichnender Erinnerungsfehler: „von der Seite angeschaut“

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, es ist dieser Wechsel von Schauder zu Heiterkeit und wieder zurück. Das ist ja ebenso bei „Tauben vergiften“ der Fall. Aber natürlich gibt es auch diese einfach nur saukomischen Lieder, wie etwa „Sie ist ein herrliches Weib“ oder die „Telefonbuchpolka“. Einfach wunderbar!

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