Wortwerden des Fleisches (1)

Zurück aus dem Herzen der Finsternis und ins Leben eingekehrt. Nein, nicht ganz. Nur zurück. Aber ohne Eurydike.

Der Mont Klamott im Herbst ist ein angenehmer Ort zum Sterben. Das Licht fällt um 12 Uhr im November freundlich und mild, nicht hart wie im Sommer. Das Laub hängt nur noch spärlich an den Bäumen, vereinzelt fällt ein Blick durch das Geäst hindurch auf die Stadt. Doch ganz gleich, es mußte getan werden, was ein Mann tun muß. Der Abstieg in die Unterwelt besorgte sich einigermaßen sicher und leicht, der Eingang fand sich, Herr Charon versteht die Leistung des Übersetzens gut, nachdem man ihm einige Goldstücke bot.

„Nun, was suchst Du die Lebende bei den Toten?“, fragte der Hausherr zur Begrüßung skeptisch. Ach, daß man aber auch überall Wesen trifft, mit denen man dialektische Dispute führen muß. Ich aber komme zugleich, um Einblicke in jenes zweite Buch der Poetik werfen zu dürfen, welches sich noch in der Hand seines Urhebers befindet. Bekanntlich handelt es von der Komödie. Diese Bitte wurde mir als kritisch-ästhetischem Theoretiker umgehend gewährt.

Ansonsten beschied mir der Hausherr jedoch, daß er hier unten keine Russen wolle, auch keine Deutschrussen, die haben ihm schon genug Ärger bereitet, denn sie feierten keine herrlichen dionysischen Weinfest, sondern wüste Wodkaorgien, die ganz Hellas niemals sah, in barbarischem Ausmaß und in einer Sprache, die der Beschreibung spotte, doch ich erklärte mich, daß bei mir alles anders ausfiele, ich ein Freund des Weins und insbesondere des Rieslings sei, freilich dem Bordeaux nicht abgeneigt, von Wodka allerdings gar nichts hielte, allenfalls als Mixgetränk im Cocktail ginge Wodka und daß ich solche Cocktails einzig in Cocktailbars, am besten in Hotels, zu mir nehme, keinesfalls aber an diesem Orte, meinen letzten Cocktail habe ich im Hotel „Europäischer Hof“ in Hamburg getrunken, einen „Prince of Wales“, sehr lecker und deshalb gleich noch einen hinterher, und daß ich ohnehin als Kritischer Theoretiker keine große Affinität zu den Russen habe, Adornos Abneigung gegen Dostojewski sei schließlich allseits bekannt und auch mir ginge diese Christianisierung der Literatur gehörig auf die Nerven. Ach, und ob er als Verwalter dieses Ortes nicht einen kleinen Willkommenstrunk für mich bereit hielte, so janz ohne is ja nich ohne, berlinerte ich witzig, denn ich bliebe gerne eine Weile, außerdem dürste mich.

Aber der Herr dieser Welt beschied mir zu schweigen. „No one here gets out alive“, drohte er mit dem Finger; wen er einmal hierbehielte, für den gebe es kein Zurück. „Na ja, das ist wie auf der Erde. Da kommt aufgrund des Immanenzzusammenhanges auch keiner lebend heraus.“, so ich. Der Herr des Hauses schaute nachdenklich, blickte zur Bar hin. Da aber dem Herrn dieser Welt die Rieslinge unbekannt waren und er mir lediglich einen Imiglykos oder aber zur stärkenden Erfrischung einen der goldenen Apfel der Hesperiden anbieten konnte, lehnte ich dankend ab. Mir reichten durchaus die Äpfel der Helena, so scherzte ich. Der Hausherr blickte ungemütlich, weil er Altherrenhumor nicht mochte. Aber ich hatte ja, was ich wollte – das Wissen um die Komödie, damit meine Scherze für die Zukunft hin nicht so berechenbar und fad ausfielen.

Mit solchem Vorsprung im Wissen philologisch ausgestattet, begab ich mich wieder an die Oberfläche, nachdem ich mich nach der schönen Helena, nach Antigone, nach Eurydike, nach Ismene, nach Elektra, nach Sappho umschaute. Allesamt formvollendet und schön, so daß eine Entscheidung sich als unmöglich erwies. Und was einer sucht, das findet er sowieso nirgends. Und eine bzw. sie auch nicht.

„Und“, so rief mir der Herr jener anderen Welt aus der Ferne noch zu (seine Stimme verklang schon im Dumpfen) „baue in deinen Text für den ziggev einige Konjunktive ein! Es soll dir nicht zum Schaden gereichen. Und du wolltest der Melusine Barby in „Mein Platz“ zudem einen Text schreiben! Nicht wahr?! Auch benötige ich einen Essay zur Wortwerdung des Fleisches. Darin sollen als Themen Adorno, Joseph von Eichendorff sowie die Selbstauslöschung als auch die Versprachlichung des Subjekts vorkommen. Und vergiß nicht: Nur dich entließ ich deshalb, weil ich gerne diese Texte über Adorno lese. Dort zumindest ist der Zusammenhang von Tradition und dem Neuen der Philosophie gegeben, was bei anderen Denkern schon lange nicht mehr vorkommt.“ Aber das hörte ich kaum noch, weil ich wieder einmal verpeilt ganz woanders in meinen Gedanken irrte.

Nach einigen Stunden Reise kam ich in Berlin-Schönefeld an, und mit dem Taxi ging es nach Hause. Eintretend in meinen bürgerlichen, gemütlichen Altbau, in jenem bürgerlichen Viertel, wo ich wohne, bemerkte ich sofort die Unordnung und das Chaos, welches mein sehr schwierig zu handhabender Diener in der Wohnung angerichtet hatte, sah die zerbrochenen, leergetrunkenen Weinflaschen. Den Ochsenziemer riß ich von der Wand und peitschte ihn durch das Gesicht des jammernden und flehenden Leporello: „Jaaa: ich bin viel zu sehr Humanist, um noch Mensch sein zu können!“, so erzürnte ich mich Und unter den Schlägen versprach der Leporello, niemals mehr Hand an meinen Blog zu legen, bescheuerte Texte zu schreiben oder Liedermachervideos dort einzustellen.

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