Kleisttage

Auch in die Ästhetik hält nun die demokratisch-liberale Willensbildung Einzug. Das Kunstwerk wird im Rahmen der kulturindustriellen Lautverschiebung zum Kunstwert, über den Sie entscheiden können. Setzen sie Werte, vermehren Sie Werte, bewerten Sie Bewährtes: was ist gut, was mißlungen? Seien Sie Wertphilosophin oder -philosoph, und wenn Sie dies nicht bereits sind, so werden Sie es. Wer nichts Wert wird Wirt. Es muß ja nicht gleich ein Herr Stimming sein.

Hier gilt es, den Wert der Kunst zu entdecken. Stimmen Sie über die Theaterstücke Heinrich von Kleists ab. Viele haben diesen Dichter bereits für sich entdeckt und vereinnahmt. Sogar die Tapezierer. Sie benannten ein Binde- und Haltemittel nach ihm – den Kleister, welcher den Kitt der Inneneinrichungsmoderne bildet. Kleist – der erste moderne Dichter, so lautet die These.

Ja, man muß die Menschen da abholen, wo sie stehen, das gebietet der gesunde Menschenverstand. Begeben wir uns also in die Niederungen oder einfach nur in den Keller.

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Dieser Blog wird den 200. Todestag Kleists mit einem kleinen Rahmenprogramm begleiten und begehen, kulminierend am 21. November, wenn sich der Blogbetreiber am Müggelsee, allein und auf sich gestellt, erschießen wird, weil die Frau, die er umwirbt, die er begehrt, die er sehen möchte und mit der er versucht, sich zu verabreden, so schwierig erreichbar und unnahbar ist, daß eine Verabredung nicht nur so gut wie unmöglich sondern schlechthin unmöglich erscheint – wenn es einen Möglichkeitssinn gibt, dann existiert ebenso ein Unmöglichkeitssinn, das Schloß erreichte sich leichter als jene Schöne; und schwieriger ist es zuweilen eine Verabredung zu treffen als das Passieren der Grenze nach Nordkorea hin. (Achtung: das war ein Scherz. Natürlich erschießt sich der Blogbetreiber nicht, wer sollte dann auch diesen Blog weiterbetreiben? Zudem neige ich in solchen Dingen nicht zu Erpressung.) Andererseits dürfen sehr schöne und sehr kluge Frauen nun einmal mehr als nicht so schöne und nicht so kluge Frauen, und insofern ist alles sehr legitim und fast schon legal zu nennen, was sie macht. Von Element of Crime gibt es ein Lied, das heißt,  „Mehr als sie erlaubt“.

(Und in gewisser Weise ist es fast absurd, daß der Derridasche Theoretiker, der auf die Schrift setzt und von jener Frau E-Mails erhält, nun auf die Präsenz drängt. Aber es ist doch alles unendlicher Aufschub und Verzögerung, so weiß es die (Derridasche) Schrift. Ich bin aber ein wenig in andere Richtungen hin geschweift. Fort von Kleist.)

Ach, würde das Hegelsche Diktum doch immerzu gelten – auch für die empirischen Subjekte: eine Grenze zu setzen, heißt, sie zu überschreiten.

So aber bleiben wir da, wo wir sind – im Gefängnis der Endlichkeit verhaftet. Doch bewirkt zuweilen ein winziger Dreh im Gefüge eine Änderung ums ganze. Dies läßt sich bei Kleist gut lesen. Doch dazu kommen wir hier im Blog im folgenden noch. Ich möchte da nichts vorwegnehmen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Kleisttage

  1. David schreibt:

    Achtung: das war ein Scherz. Natürlich erschießt sich der Blogbetreiber nicht, wer sollte dann auch diesen Blog weiterbetreiben? Zudem neige ich in solchen Dingen nicht zu Erpressung.

    Schade. Das hat es mir kaputt gemacht. (Der Hinweis aufs Scherzsein ist hier gemeint, nicht das Scherzsein selbst. Wenngleich ich letzteres erwartete, hätte mir ein wenig aufgekratztes Verharren im Ungewissen doch trübe Stunden etwas stürmischer gemacht. Auch hätte ich eine tatsächliche Umsetzung der Ankündigung als ebenso beeindruckend wie bedauerlich empfunden. Den sich möglicherweise anschließenden Medienrummel („Nach Internet-Ankündigung: Ästhet erschießt sich!“) hätte ich auch sicherlich mit wohligem Grusel genossen, man braucht ja so wenig zum Unglücklichsein. Das soll nun aber keinesfalls eine Aufforderung zum Selbstmord sein, zumal die Luft aus der Nummer raus ist. Da ist jetzt nichts mehr zu holen.)

  2. Leporello schreibt:

    Sehr geehrter Herr David, aufgrund Ihres Kommentares hat sich gegen Mittag 12 Uhr der Blogbetreiber Bersarin im Volkspark Friedrichshain auf dem Mont Klamott im Rahmen der Konsequenzlogik selber um das Leben gebracht. Einer, der vorüber ging, sprach: „Er ist gerettet!“ Doch der auftauchende Chor der Frauen rief: „Nein, gerichtet!“

    Ich hoffe, Ihrem ästhetischen Vergnügen ist nun zumindest genüge getan worden, wenngleich Sie wahrscheinlich bei diesem reizenden Schauspiel nicht anwesend sein konnten. Bersarin hätte Ihre Haltung wohl verstanden, denn nichts ging ihm über die Vorzüge ästhetisch ansprechender Darbietungen und deshalb liebte er auch manche schöne Frau mit Inbrunst.

    Sicherlich schriebe der Herr Bersarin zu diesem Komplex der absoluten, anökonomischen Verausgabung in bezug auf die unerfüllte, sich dennoch verschwendende Liebe einen Text, der sich auf Hegels Herr/Knecht-Kapitel aus der „Phänomenologie“und auf Derridas Bataille-Text bezöge. Ich selber kann das aber nur in meinen geringen, mir zur Verfügung stehenden Worten machen und reiche nicht an die sprachliche und philosophische Brillanz des Herrn Bersarin heran.

    Ich verbleibe in freundlichem Gedenken: Sein bescheidener Diener Leporello

  3. Iris schreibt:

    Dazu fällt mir jemand ein, der diesen Diskurs folgendermaßen kommentieren würde:
    Na, denen muss ganz schön fad sein …. ;) = auch ein Scherz ;)

  4. Leporello schreibt:

    Der Herr Bersarin hätte diesen Scherz sicher verstanden und in seiner redegewandten Art dem etwas hinzugefügt. Ich selber bin von schlichterem Gemüt und verstehe ihn nicht.

  5. Iris schreibt:

    Na – schlichteres Gemüt passt ja! War ja auch ein schlichter Scherz. Aber – never mind – ich gehöre offensichtlich nicht in diesen blog… Ciao ;)

  6. Leporello schreibt:

    In diesen Blog gehört sicherliche jede und jeder, die hier hereinwill. Wer um alles in der Welt aber ist dieser jemand, der da kommentierte? Das nimmt Dimensionen an, die mich an das Gerede vom Herrchen erinnern, wenn er erzählte von der Rede des Anderen und daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert sei. Herrchen konnte viel erzählen.

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