Zum Tode Friedrich Kittlers

Friedrich Kittler brachte zwei Welten in eine Korrespondenz, die im Rahmen einer konventionellen Literaturwissenschaft so recht nicht zusammengehen wollten, nämlich Literatur und Medien. Aufschreibsysteme – ein Begriff der freilich nicht von Kittler selbst stammte – wurde seitdem zum geflügelten Wort, und mit Kittler zog die Postmoderne Ende der 70er Jahre auch in die Hörsäle deutscher Universitäten ein. Die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“, wie eines der Bücher hieß, das Kittler herausgab, war von ihm durchaus affirmativ gemeint. Dieser Band geht zurück auf eine Reihe von Vorträgen, die 1978/79 im Rahmen des Studium Generale – ausgerechnet in Freiburg/Br. – gehalten wurden. Welscher Tand gegen den guten Deutschen Geist, und der alten Tante Hermeneutik ging es vermittels des Poststrukturalismus an den Kragen. Deutscher Geist und Kultur: Der Fetisch eines, wie es Adorno formulierte, Jargons der Eigentlichkeit, in dem die Entschlossenheit, die Begegnung, das Anliegen, das echte Gespräch, die Entscheidung und andere Begriffe aus der Küche der Vulgärexistenzphilosophie schon lange dem Geist den Garaus gemacht haben. Und Heidegger kann man nur gegen Heidegger retten, dessen Schüler Kittler in gewissem Sinne war – allerdings ein böser Schüler. Und so fiel die Rettung nicht im Sinne der orthodoxen Heideggerianer aus, und sie spielte sich zudem in den Bereich der Literaturwissenschaft ab, wo Kittler mit seinem Werk „Aufschreibsysteme. 1800 1900. habilitierte. 13 Gutachter wurden für dieses Buch gebraucht, eine Entscheidung, was dieses Buch denn nun sein solle, war schwierig, denn im Sinne einer klassischen Literaturwissenschaft fiel diese Buch nicht aus, es bordete über, und es durchdrangen sich darin so verschiedene Gebiete wie die klassische Germanistik, Medientheorie, Poststrukturalismus, Philosophie, strukturale Psychoanalyse (im Lacanschen Sinne). Allerdings gilt auch für Kittlers Schreiben zuweilen jener Satz, welchen Adorno in seinem Text „Jargon der Eigentlichkeit“ schrieb:

„Der Inhalt insgesamt aber ist blühender Blödsinn, Sätze wie ‚Die Frage aussprechen heißt, sie stellen‘ oder ‚Keiner weiß heute besser als der Mensch, worauf es im letzten ankommt‘. Solcher Blödsinn hat wiederum seine Weltvernunft: verbergen, daß manipuliert wird, und was erreicht werden soll; darum ist, wie das Verwaltungsdeutsch sagt, jeder Inhalt ausgeklammert, während doch auf den Schein von Inhalt nicht verzichtet werden darf, damit die Angesprochenen – wiederum nach demselben Deutsch – spuren. Die Absicht, die Intention zieht sich in eine unterweltlich intentionslose Sprache zusammen, treu der objektiven Bestimmung des Jargons selbst, der keinen Gehalt hat als die Verpackung.“ (GS Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit, S. 474)

Dies ist die eine, wenngleich freilich kleine Dimension in den Kittlerschen Texten, denen man zuweilen eine gewisse Dunkelheit nachsagt. Die andere Seite ist aber jene, die man gleichsam als das Programm des Poststrukturalismus ansetzen kann: die Sinnkohärenzen und die Strukturen aufzusprengen, in einem Derridaschen oder Foucaultschen Sinne dem Anderen oder dem Wahnsinn einen Platz zu verschaffen. „Der Zusammenstand heterogener Heterogenitäten macht nicht nur nicht Sinne; er sprengt auch die Strukturen“, wie Kittler in seiner Einleitung zu „Die Austreibung des Geistes“ schreibt. Wobei man im Blick auf die Postmoderne nicht ganz vergessen sollte, daß diese Figuren der Entgrenzung und der Subjektdurchstreichung eben auch zum Programm der Klassischen Moderne gehören. Allerdings erweitert der sogenannte Poststrukturalismus diese Dimension um eine transzendentale Eben, die, wie bei Foucault, auf die Bedingungen der Möglichkeit von Subjekt rekurriert und reflektiert. Das Subjekt ist Effekt, Gestalt einer Epoche und damit zugleich jenes Gesicht im Sande, das auch wieder, unter anderen Bedingungen, verschwinden kann.

Für Kittler ist dies wesentlich durch die Medien vermittelt. Diese Sicht auf Medien fällt bei Kittler freilich umspannend aus, Medien gibt es nicht erst mit der Photographie, dem Telegraphen, der Schreibmaschine, dem Film oder den ersten Tonaufnahmen, wenngleich diese Dinge Kittler besonders interessierten. Jede Epoche hatte, von der griechischen Antike angefangen, ihre Aufschreibsysteme – dort eben Mathematik und das griechische Alphabet. Schrift ist, und da ist er Schüler Derridas, Grundlage für unterschiedlichste Formen von Kultur, auch für solche, die mit nicht-alphabetischen Schriften, Zeichen, Gravuren oder Formen des Narrativen operieren. Diese Systeme strukturieren die Wahrnehmung, strukturieren das Subjekt. Und diesem Diskurseffekt des Subjektes ging Kittler nach und durchstreifte die unterschiedlichsten Gebiete. Man könnte sagen, daß den Medien bei Kittler eine transzendentale Dimension zukommt, sie sind nicht nur bloßer Gegenstand (der Forschung oder des Alltags), sondern sie strukturieren, sind für die Weisen der Welterzeugung, Welterfahrung und Wahrnehmung zuständig. Dieser Prozeß ist freilich als dialektischer und nicht monokausal zu denken.

Manches von Kittlers Thesen schießt über das Ziel hinaus oder führt zu eben jenen postmodernen Übertreibungen, denen es lediglich darum geht, sich in der Originalitätssucht des unmittelbaren Einfalls zu überbieten, und am Ende der Veranstaltung wird eben doch der alte Wein in neuen und modischen Schläuchen verkauft. Ein gewisser Kittler-, Baudrillard-, Derrida- oder Foucault-Sound war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre dann nur noch schwer erträglich, insbesondere von den studentischen Jüngern. Beim 108ten Zusammenlesen von Beastie Boys, Hegel und Lacan reicht es irgendwann. Die Platte bekam einen Sprung, um in der Sprache der Medien zu verbleiben. Seine Schüler sind, wie etwa Norbert Bolz, teils Konservative der üblen Sorte, die ihren privilegierten Status verdecken und die Sau des Vulgärnietzscheianismus durch das Dorf treiben.

Dennoch: Kittler öffnete die Türen der sogenannten Geisteswissenschaften und brachte dort Bereiche und Disziplinen hinein, die dort früher niemals einen Ort hatten. Leider bescherte uns dies auch solchen Unsinn wie Kultur- und Medienwissenschaften. Dies bleibt die Kehrseite der Medaille. Aber zum Schluß soll Kittler selber sprechen:

„Denn während es (mit Derrida) den sogenannten Menschen und sein Bewußtsein ausmacht, sich sprechen zu hören oder sich schreiben zu sehen, trennen Medien solche Rückkopplungsschleifen auf. … Der Phonograph hört eben nicht wie Ohren, die darauf dressiert sind, aus Geräuschen immer gleich Stimmen, Wörter, Töne herauszufiltern; er verzeichnet akustische Ereignisse als solche. Damit wird Artikuliertheit zur zweitrangigen Ausnahme in einem Rauschspektrum.

(…)

Weshalb den jedes Konzept von Spur, bis hin zu Derrida und seiner grammatologischen Urschrift, dem schlichten Einfall Edisons aufruht. Die Spur vor jeder Schrift, diese Spur der reinen Differenz, noch offen zwischen Schreiben und Lesen, ist einfach eine Grammophonnadel. Bahnung eines Weges und Bewegung längs einer Bahnung fallen bei ihr zusammen.“ (Grammophon Film Typewriter, zitiert nach „Short cuts“, S. 6)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Zum Tode Friedrich Kittlers

  1. Ex ante schreibt:

    »Dies ist die eine, wenngleich freilich kleine Dimension in den Kittlerschen Texten, denen man zuweilen eine gewisse Dunkelheit nachsagt. Die andere Seite ist aber jene, die man gleichsam als das Programm des Poststrukturalismus ansetzen kann: die Sinnkohärenzen und die Strukturen aufzusprengen, in einem Derridaschen oder Foucaultschen Sinne dem Anderen oder dem Wahnsinn einen Platz zu verschaffen. „Der Zusammenstand heterogener Heterogenitäten macht nicht nur nicht Sinne; er sprengt auch die Strukturen“, wie Kittler in seiner Einleitung zu „Die Austreibung des Geistes“ schreibt.«

    Schön zusammengefasst und ein vorzüglich passendes Zitat aus dem Werk Kittlers. Was mir bei Kittler allerdings manchmal fehlt, das ist die Berücksichtigung des systemischen, mithin konservativen, starren, innovationsfeindlichen Elements, das Strukturalität entfaltet – eben dadurch, dass Struktur Struktur ist und nicht Nichtstruktur. Diese Perpetuierung des Momentums, der identifizierten und identifizierenden Gegenwart, des „Eigentlichen“ kommt generell in den ikonoklastischen Poststrukturalismen zu kurz. (Plural, weil es „den“ Poststrukturalismus schon qua Definition nicht gibt, nicht geben kann.) Alles schillert, alles flieht, alles ist unsicher; aber dies zu behaupten, bedeutet, entweder Strukturalität oder aber die Pointe von Strukturalität – nämlich die erwähnte „Starrheit“ des Strukturierten – zu leugnen. Rein performatorisch, als immer neue „creatio ex nihilo“ – oder zumindest als Schöpfung aus dem völlig Inkontingenten, dem Chaos, dem Wahnsinn – lässt sich die Perpetuierung von Strukturalität und Systematizität nicht denken. (Foucault hatte das gesehen und seine „Theorie“ deshalb so gestaltet, dass er sich – wenngleich mit Augenzwinkern – als „glücklichen Positivisten“ bezeichnen konnte. Mit Recht.) „Wirklichkeit“, also Welt- und Selbstsemantik, ist zunächst einmal Sicherheit – und doch kann sie, die „Wirklichkeit“, jederzeit zusammenbrechen oder radikal transformiert werden. Gleichnishaft und mit Kuhn formuliert: Vor der Tür des aufgeräumten, geordneten und behaglichen Hauses steht immer das Monstrum des Paradigmenwechsels. Diesem Datum, dieser Janusgesichtigkeit muss Rechnung getragen werden.

    »Wobei man im Blick auf die Postmoderne nicht ganz vergessen sollte, daß diese Figuren der Entgrenzung und der Subjektdurchstreichung eben auch zum Programm der Klassischen Moderne gehören.«

    Hier möchte ich ein wenig widersprechen: Denn die klassische Moderne zeichnet sich aus durch den v. a. von Descartes etablierten Subjektbegriff und die damit zusammenhängende Subjektphilosophie, die bei Kant, transzendentalphilosophisch weiterentwickelt, ihren Höhepunkt erreicht und später bei Heidegger – und in gewisser Weise auch bei Sartre et al. – ihren „performative turn“ erfährt. Dazu gehört – und das wird oft übersehen – die scheinbar unverbrüchliche Affirmation des logischen Satzes vom Nichtwiderspruch (außer, in einem gewissen Sinn, bei Hegel, der seiner Zeit weit voraus war). Es ist klar, dass die Poststrukturalismen einen Frontalangriff auf diesen „Subjektpositivismus“ darstellen, nach dessen Postulat das Subjekt immer schon gegeben ist: vordiskursiv, vorperformatorisch (außer bei Heidegger), von „Natur“ aus eingegrenzt, ahistorisch und nicht-kontingent, also notwendig. Hier ich und mein transzendentalen Gesetzen gehorchender Kognitionsapparat, dort die „reale“ Welt der Noumena: Das bleibt im Kern das Bild der Subjektphilosophie, das sich nach Derrida, Foucault, Lacan und Irigaray so nicht mehr denken lässt. Es doch zu tun, wäre ein Rückfall hinter die Entgrenzungseinsicht, die wir diesen Denkerinnen und Denkern verdanken (und mit dem, wenngleich populistisch imprägniert, Sloterdijk so große Erfolge feiert).

    »Allerdings erweitert der sogenannte Poststrukturalismus diese Dimension um eine transzendentale Eben, die, wie bei Foucault, auf die Bedingungen der Möglichkeit von Subjekt rekurriert und reflektiert.«

    Das ist ein großer Vorzug der Poststrukturalismen, aber er findet sich auch bei einem nicht dem Poststrukturalismus zugeordneten und von einigen Frankfurtern und Neomarxisten irrtümlich als „konservativ“ klassifizierten Denker: Luhmann. (Die Kritiker übersehen dabei, dass eine praktische Änderung der kapitalistisch-„subjektierenden“ Herrschaftsverhältnisse immer schon eine korrekte Beschreibung derselben voraussetzt. Luhmann ist ein wichtiger Freund der Änderungswilligen, der Reformatoren und Revolutionäre, kein Gegner.)

    »Das Subjekt ist Effekt, Gestalt einer Epoche und damit zugleich jenes Gesicht im Sande, das auch wieder, unter anderen Bedingungen, verschwinden kann.«

    Richtig, aber wie kommt es zum Wandel von subjekt- und selbstkonstituierenden Sinnstrukturen und Autonomitätskodifizierung, wenn die „Wirklichkeit“ doch durch Systemizität gesichert sein muss, um die „Perpetuierung des Wirklichen“ (oder besser: des wirklich Erscheinenden) nicht mit fatalen, chaotischen Folgen für die „Subjekte“ zu unterbrechen? Was sichert den „flow of signs and differences“? Eben die Selbstperpetuierung der Sinnstrukturen, der Sinnsystematizität und somit der Selbstkonstitution. Mensch als Metapher – der im Blogtext richtig konstatierte radikale Wandel der Epochen, das Fliehende, das unsichere „Gesicht im Sand“, das unsere Subjekthaftigkeit ist, bleibt vor der „Tatsache“ der Selbstperpetuierung schwer erklärlich.

    Die Lösung könnte m. E. in einer Theorie-Synthese aus Luhmann, Kittler und einer hegelschen Dialektik bestehen. So könnten das gleichzeitig Monumenthafte und Flackerhafte des (selbstidentifizierenden) Seins in einen explanatorischen Einklang gebracht werden. Dazu gehörte dann auch eine gründliche Revision der scheinbar ahistorischen oder überhistorischen Logik und des seit Hegel überholten Satzes vom Nichtwiderspruch.

  2. Bersarin schreibt:

    Dank zunächst für diesen ganz vorzüglichen, anregenden Kommentar, insbesondere die Sicht auf Luhmann teile ich. Aber ich bin im Moment – leider – sehr knapp in der Zeit und möchte Dir insofern Sonntagabend oder Montag darauf antworten.

  3. Bersarin schreibt:

    „Diese Perpetuierung des Momentums, der identifizierten und identifizierenden Gegenwart, des ‚Eigentlichen‘ kommt generell in den ikonoklastischen Poststrukturalismen zu kurz.“

    Hier möchte ich insbesondere Derrida und seine Poetik des Datums (etwa über seinen Textes „Schibboleth“) entgegenhalten: er rekurriert zwar auf diese Einmaligkeit, auf die absolute Singularität (eines Datums), die aber zugleich nur in einer Struktur der Wiederholbarkeit Bestand haben kann und nur dort lesbar wird. Diese Korrespondenz ist für Derrida genau die transzendentale, also ermöglichende Bedingung von dichterischer Erfahrung und vom Gedicht selbst. Ich will hier nicht so sehr vorweggreifen: aber ich schreibe dazu gerade einen Text für diesen Blog. Wobei Derrida andererseits nicht zu einem Poststrukturalismus gehört, der in einem radikalen Sinne ikonoklastisch sich verhält. Allerdings ist es eine Alternative zu Foucaults „fröhlichem Positivismus“, den ich gerade in seinem Moment der Analyse freilich sehr schätze. Und es ist diese Selbstzuschreibung zugleich im Modus eines Spiels gesagt, das nicht so recht spielen will, sondern Sand im Getriebe ist – auch ein Sand, der von jenem Gesicht stammt, das verschwindet.

    Anders als Deleuze, der sich im Spiel von „Differenz und Wiederholung“ teils mit wilder Polemik gegen Hegel verschloß, kommt bei Derrida die Dialektik als das verbleibende Negative an einen Ort, der – und dies unterscheidet ihn wiederum von Adorno – vollständig ungesichert bleibt. Es könnte in der Zeit, in ihrem Fluß die Utopie nicht nur schwarz verhängt, sondern sogar vollständig abwesend sein und als Nicht-Ort reines Spiel, wie es Ham und Clov in einer Lesart des Endspiels betreiben, welches dieses als Funktionsrahmen und reine Form liest. Kein Ort, nirgends, nicht einmal schwarz verhängt. Diese Möglichkeit besteht, zumindest in der Lesart Derridas.

    Der Plural Poststrukturalismen ist aus der Sache heraus auf alle Fälle richtig, obwohl ich ihn selber nicht gebrauche, wahrscheinlich aus bequemer Gewöhnung heraus. Allein wenn man die Differenzen zwischen Lacan und Derrida betrachtet (insbesondere über seinen Text „Die Postkarte“) oder Derridas (frühe) Kritik an Foucault in den Blick nimmt, der sich, ebenso wie Derrida, selber niemals als Poststrukturalisten bezeichnet hat. Aber es ist eben eine Festschreibung, wie für Fichte, Schelling, Hegel der Begriff des Deutschen Idealismus verwendet wird.

    „Luhmann ist ein wichtiger Freund der Änderungswilligen, der Reformatoren und Revolutionäre, kein Gegner.“ Allerdings muß man dazu den Verwaltungsjuristen- und -soziologen, der er als Funktionsträger zugleich auch ist, contre Luhmann lesen. Aber da ich sowieso von allem Biographischen absehe und mich lediglich ein Text interessiert – selbst die Biographie ist am Ende ein solcher –, bereiten mir Luhmann (oder Heidegger) in ihrer theoretischen Fundierung wenig Probleme.

    Du hast allerdings derart viele anregende Aspekte angesprochen, daß ich Deinen Kommentar zu dieser Stunde nicht erschöpfend weiterschreiben kann, was mich eben darauf bringt, neben der Benjaminlektüre vom Ende der Kunst, zugleich die poststrukturalistischen Lesarten vom Subjekt weiterzuschreiben.

    Um es an diesem traurigen Abend aber mit Tocotronic und nicht mit Dichtung oder Philosophie etwas popfröhlich ausklingen zu lassen: Tah:

  4. El_Mocho schreibt:

    Hast du mal überlegt, ob der Beitrag von Ex ante evtl. eine Art von philosophischem Sokal-Hoax sein könnte?

    http://physics.nyu.edu/sokal/weinberg.html

  5. Bersarin schreibt:

    Diese Möglichkeit besteht in der Tat, und damit bestätigen sich bestimmte Positionen des Poststrukturalismus eben: niemand zeugt für den Zeugen, der Prozeß der Bezeugung ist ein unendlicher, weil jede Unterschrift als Akt der Beglaubigung erneut geprüft werden müßte, denn Identität steht nicht fest. Wenn ex ante eine Fiktion ist oder im Scherze schrieb, so hat er wesentliche Thesen des Poststrukturalismus korrekt wiedergegeben, insbesondere die zur Subjektivität. Ich selber formulierte manches nicht so, sondern in anderen Worten, und in bezug auf die klassische Moderne gewichte ich das Potential der Subjektentgrenzung anders.

    Fraglich ist allenfalls der Satz vom Nichtwiderspruch, den es in dieser Formulierung nicht gibt, so wie die Ausführungen zu Hegel, die einer weiteren Erläuterung bedürften.

    Selbst die unübliche Pluralisierung des Begriffes Poststrukturalismus ist nicht falsch, weil es in den unterschiedlichen Positionen postmoderner oder poststrukturalistischer Philosophe eben auf die Zerstörung von Einheitskonzepten ankommt. Derrida und Foucault etwa bezeichneten sich nie als Poststrukturalisten, und auch Deleuze operiert nicht mit diesem Begriff. Also: ein Hoax, der alles korrekt wiedergibt, ist am Ende natürlich keiner. Die Nähe Luhmanns (etwa über den Begriff der Differenz) zu Derrida ist eine Sache, welche die Sekundärliteratur seit jahrzehnten aufführt.

  6. ziggev schreibt:

    Eine solche Philosophie scheint mir geeignet zu sein für Menschen, die sich in einer Situation befinden wie der Kugelmass´ am Ende von Woody Allens „The Kugelmass Episode“

    Ein Professor der Geisteswissenschaften, der in zweiter Ehe verheiratete Kugelmass, dem Unterhaltszahlungsverpflichtungen an seine erste Frau über den Kopf wachsen, will eine Affäre und diese vor seiner Frau geheimhalten. Er kriecht, „Madame Bovery“ dabei, in eine kleine Zauberbox, die ihm Persky, einem Magier aus Brooklyn, vorstellt, landet im Roman und beginnt bald eine Affäre mit Emma. Studenten wundern sich, was jetzt plötzlich dieser Kugelmann in der Geschichte soll.

    Es gelingt ihm sogar, Emma zurück ins New York der 70er Jahre mitzunehmen, ein Stanford-Professor: „First a strange character named Kugelmass, and now she´s gone from the book. Well, I guess the mark of a classic ist that you can read ist a thousand times and allways find something new“).

    Emma aber wieder von New York nach Frankreich zu schicken misslingt, Persky verspricht, das Schränkchen zu reparieren, Kugelmann schwört, seine Frau niemals mehr zu hintergehen.

    Nach drei Wochen taucht Kugelmass wieder bei Persky mit Portnoy’s Complaint auf. Es gibt aber eine Explosion und Kugelmass findet sich in eine alten spanischen Grammatik hineinkatapultiert wieder, „running for his life over a barren, rocky terrain as the word tener („to have“) – a large and hairy irregular verb – raced after him on its spindly legs.”

  7. Bersarin schreibt:

    Ich habe Deinen Kommentar so bereinigt, wie es in Deinem Sinne ist, und insofern Dein letztes Posting weggetan, weil es sich erübrigt hat.

    Wenn ich da irgend etwas verkehrt gemacht oder falsch herausgenommen haben sollte, so bitte ich um Mitteilung.

    ___________

    Was das Verwirrspiel und die Dekonstruktion von Autor, Leser, Romanpersonal betrifft, so hat hier der leider vergessene irische Schriftsteller Flann O’Brian Maßstäbe gesetzt. Geliebte Lektüre für mich in den 80ern in der Punkrockzeit. So z. B. in „At Swim-Two-Birds“ oder „The Third Policeman“. Diese Bücher wurden Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts geschrieben. Lange, lange vor Calvino und anderen, die mit diesem Topos spielten. Wir haben hier die sogenannte Postmoderne Erzählsituation, als es diesen Begriff noch nicht gab und die Kunst, etwas klischeemäßig gesprochen, mitten in der Moderne steckte, was eben zeigt, daß die Übergänge doch fließend sind. Postmoderne Konzepte von Subjektivität sind eben in der Moderne bereits angelegt. Und wenn man sich mit poststrukturalistischer Philosophie beschäftigt, dann wird man sehr schnell fündig, wenn man bei den Romantikern wie Fr. Schlegel oder Novalis nachliest. Mit ein wenig dekonstruktiver Kraft haben wir hier den Poststrukturalismus 160/170 Jahre vor dem Poststrukturalismus.

    Flann O’Brian hatte gerade Anfang Oktober 100. Geburtstag. Ich versäumte, etwas dazu zu schreiben.

    Die Kugelman-Geschichte von Allen ist legendär, witzig und großartig.

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