Kurvenstar

Die für den letzten Samstag geplante Fahrt in den Osten des Ostens wurde zu einer Fahrt in den Westen des Ostens, weil ich bei meinen Vorbereitungen des Ausfluges befand, daß es nicht gut ist, in der ersten frühmorgendlichen Angriffswelle direkt in die aufgehende Sonne hineinzureiten, denn die Sonne steht momentan tief und sie blendet. Auf der abendlichen Rückkehr ereignete sich dann diese Blendung zum zweiten Mal. Ich sehe nichts und das ist beim Autofahren anstrengend. Ist das auf der Autobahn ein Igel, ein Apfel, der Teil eines Reifens, eines Unfallopfers, eines Kopfes? Bremste da jemand vor mir? „I see the light.“  Solcher Unbill muß nicht sein. Bei jedem Angriff der Sioux auf das Fort reiten die Sioux aus der Sonne heraus gegen das Fort, während die Soldaten der Kavallerie in den Laufgängen der Fortbrüstung in die Sonne blicken. So lernte ich es zumindest im sogenannten Western von Hollywood, der unser Bild von den Ureinwohnern prägte. Ob diese tatsächlich auf Pferden angriffen? Ich weiß es nicht. Also fuhr ich am Samstagmorgen westlich, über die Autobahn, Berliner Ring, auf die A 2, dann via Umgehungsstraßen an der Stadt Brandenburg vorbei, schöne Nebellandschaften in den Senken und an den Gewässern, über die Dörfer, über die Landstraße, die Elbe querend nach Stendal, was mich daran erinnert, daß ich demnächst mit der Lektüre Flauberts anfangen muß, um im Dezember einen Essay zu seinem Geburtstag schreiben zu können.

Nach dem Besuch in Stendal ging es in das Jerichower Land – und auch in das Dorf Jerichow. Was mich wiederum daran erinnert, mir den Debütroman von Jan Brandt „Gegen die Welt“ zu besorgen, zu lesen und vielleicht, insofern er bedeutsam ist, hier im Blog zu besprechen.

Die Photo-Serie „Ausgesucht öde Orte“ findet über das Städtchen Stendal mithin ihre Fortsetzung, wobei die Ödigkeit in Frankfurt/Oder größer ausfällt als die in Stendal. Was mich wiederum daran erinnert, daß sich am 21.11. der 200ste Todestag Heinrich von Kleists nähert. Auch dazu muß ein Text geschrieben werden. Die Öde Stendals will gesucht sein. In den Nebenstraßen findet man sie noch. Und es sprach mich beim Photographieren eines verfallenen Hauses eine Frau an: „Ausgerechnet das häßlichste Haus dieser Stadt müssen sie photographieren!“

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In den meisten Städten, in die ich einen Tagesausflug unternehme, mache ich es so, daß ich einfach drauflos spaziere, ich bereite mich nicht vor, ich weiß nicht, wo es hingeht, es kann also geschehen, daß ich das beste möglicherweise verpasse. Demnächst zeige ich – vielleicht – einige Photos aus Stendal, wenngleich ich mit der Ausbeute nicht recht zufrieden bin.

Am Sonntag ging es ins c/o Berlin, um die dort stattfindende Ausstellung „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“ anzusehen. Weiterhin gab es dort Photographien der Kriegsreporterin und Photo-Journalistin Anja Niedringhaus. Der Titel der Ausstellung lautet „At war“. Ich habe selten bessere Photographien gesehen. Nein, das ist nicht ganz richtig: es ist das beste an Photos, was ich seit Jahren betrachten durfte. Robert Capa, Donald Mc Cullin oder Philip Jones Griffiths schossen eindringliche Bilder von den Kriegen dieser Welt. Was Niedringhaus machte, kann man kaum in Worte fassen. Die Photos bilden nicht nur den Schrecken des Krieges ab und dokumentieren ihn, sondern sie schlagen durch eine Art der Komposition und durch die Bildsprache sowie das Formbewußtsein vor den Kopf. Ich bin immer noch wie im Rausch von diesen Photos, und bereue es heute fast ein wenig, 1987 nicht ein Angebot angenommen zu haben, nach Israel zu gehen, um dort Photos zu machen. Ich wäre kurz vor der ersten Intifada in Israel eingetroffen. Ich wäre heute berühmt oder tot. Nach dem Besuch der Ausstellung tat ich etwas, das ich sonst eigentlich nicht mache: ich kaufte mir das Plakat der Niedringhaus-Ausstellung. In der Regel hänge ich mir keine Photographien fremder Photographen in die Wohnung, weil ich an den Wänden meine eigenen Bilder rahme. Hier aber tätigte ich eine Ausnahme.

(Photographie von Anja Niedringhaus)

Ich schreibe über beide Ausstellungen demnächst. Nach dem Besuch im c/o Berlin flanierte ich durch Mitte und begab mich dann als Zielpunkt auf den Alexanderplatz. Der Photograph Harald Hauswald photographierte und photographiert häufig auf dem Alexanderplatz, beobachtete und verharrte dort, bis er das passende Motiv fand, wartete, bis die Anordnung der Menschen und die Konstellation stimmten. Es bilden sich im Vorbeigehen und im Stehenbleiben der Menschen Strukturen und Formen. Der Alexanderplatz eignet sich ganz hervorragend zum Photographieren von Menschen. Still setzt man sich an eine bestimmte Stelle und beobachtet. Es findet auf dem Alexanderplatz momentan ein Event namens „Oktoberfest“ statt. Ich werde dazu vielleicht eine Bildserie zeigen. Allerdings verspürte ich wenig Lust, dort so lange und bis in den Abend zu verweilen: wenn der Alkoholpegel steigt, so daß sich dann vermittels des Suffs von Menschen die richtig guten Photographien fertigen lassen.

Bevor ich meinen Heimweg antrat, blickte ich von der Empore unten am Fuße des Fernsehturms in den Sonnenuntergang der deutschen Herbstsonne – es soll mir keiner nachsagen, daß ich nicht ebenso einen Blick für das Schöne habe. Die intensiven Rötungen des Himmels entstehen durch die Aschepartikel in der Luft, in denen das Licht die Brüche erzeugt, welche sich als Rötungen niederschlagen. Partikelgestöber, wie es in Celans „Engführung“ heißt. Alles übrige war Meinung.

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Weiter ging es, nach Sonnenuntergang, in die Richtung zu meinem Auto, die Karl-Liebknecht-Straße herunter, dann rechts am Uferweg an der Spree entlang auf die Burgstraße und kurz bei Walther König in die Auslage geschaut. Wer gute Kunstbücher und Bücher zur Ästhetik möchte, wer gerne stöbert, der schaut mit Freude in dieser Buchhandlung vorbei. Natürlich nicht am Sonntag, sondern dann, wenn das Geschäft geöffnet ist. Den Hackeschen Markt sowie die Höfe ließ ich für heute rechter Hand liegen, obwohl sich insbesondere dort von Zeit zu Zeit Straßenszenen zutragen, die es lohnen, festgehalten zu werden. Unter den Gleisbögen der Bahn durch die Kleine Präsidentenstraße ging es am ehemaligen „Kurvenstar“ vorbei, wo ich einmal mit einer Frau einkehrte, die diesem Bar-Namen alle Ehre machte. Eine tolle, wunderbare Frau – noch heute: interessant, witzig, geistreich, lebendig und lebhaft und leider schwierig, kompliziert sowie durch und durch chaotisch. Ich hätte sie seinerzeit gerne geheiratet, aber dazu hätte ich ihr wohl einen Antrag machen müssen. Nein, ich heirate nicht. Zumindest nicht heute.

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Über den Monbijouplatz hielt ich auf die Oranienburger Straße zu. Eine interessante, verfallene Straße war dies. Einstmals. Es standen früher die Huren dort, der Straßenstrich spielte sich hier ab. Aber das ist alles ausradiert, sieht nun anders aus.

Denn es stört das Gewerbe der Sexarbeiterinnen den geordneten, verordneten Konsum von Cocktails, Drinks, Latte macchiato, und es nimmt sich die Nahrung beim Blick auf die Haut, auf grelle Jacken und auf Hotpants lange nicht so gut auf. Die Straße wurde glattgebügelt und nichts davon ist mehr zu sehen, wie es hier früher einmal aussah. Ich gehe am Fenster meines Zahnarztes vorbei, der dort schon lange nicht mehr praktiziert, weil das Gebäude grundsaniert wurde.

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Der abgebildetet Mercedes SL gehört mir zu meinem sehr großen Bedauern nicht. Der Reisebus zum Glück ebensowenig. Nicht daß jemand auf die Idee käme,  ich sei Busfahrer und auf dem Wege zu meinem Reisebus. And I’m not the passenger.

6 Gedanken zu „Kurvenstar

  1. facebook liken oder google plussen kann man hier ja nicht, sonst gäbe es jetzt zumindest einmal einen zustimmenden klick. wie eben so oft hier in diesem blog.
    denn du hast ja recht, der kommentar erfreut und zeigt, jemand liest. darüber hinaus ist es immer noch etwas persönlicher als das studium der blog-nutzerzahlen.

    man müsste aber trotzdem einmal über andere formen des kommentars nachdenken – ich hatte die problematik ja kürzlich schon mal angerissen.
    es wäre doch schön, könnte man auch mal ein bild, ein audiofile, eine filmchen oder was auch immer einstellen um so dem bedürfnis des kommentierens folgen zu können, und trotzdem eine gewisse unschärfe in der kommunikation zu zulassen, die im text viel schwieriger zu bewerkstelligen ist.

    eventuell muss ich hier mal recherchieren oder am ende selber hand an den code legen.

    wie auch immer.
    habe den reisebericht gern gelesen.
    hgfk

  2. Nein, der Facebookschnickschnack existiert hier nicht (ich kenne Facebook auch nicht, weil ich nur diesen Blog betreibe und ansonsten im Rahmen des Personenschutzes absolut anonymisiert bin), aber es gibt diesen Like-Button bei WordPress, den ich freilich nicht mag. Da ich aber nicht weiß, wie man ihn herausnimmt, so muß er bleiben.

    Um so mehr freue ich mich über solche Kommentare wie u. a. die von Dir, wenngleich mich das Lob zugleich ein wenig verlegen macht.

    Richtig ist, daß es über neue Formen des Kommentars nachzudenken gilt – gerade bei den ästhetischen Themen. Auch wenn ich manchem, was ziggev schreibt, nicht oder nicht ganz zustimme, versucht er diese andere Form ja durchaus in der Art seines Schreibens, indem er, sozusagen im Modus des Erzählerischen, den Text fortschreibt. Wofür ich ihm auch noch einmal danken möchte, sofern ziggev diese Zeilen liest.

    Wenn sich der Kommentar durch andere Medien erweitern ließe, wäre das auf alle Fälle ein Gewinn, und da hier im Blog in der Regel Menschen kommentieren, denen es um die Intensität und um die Sache geht, wird das nicht zu einer You-Tube- oder zu einer Bilderorgie verkommen.

    Dank aber vor allem für Dein Lob. Manchmal gibt es diese Sternstunden des Schreibens: daß da ein Text aus der Tastatur fließt, ohne großes Zutun.

  3. Um deiner Verlegenheit etwas entgegen zu wirken kann … Die Photographie von Niedringhaus ist wirklich grossartig. Trotz Entfärbung.

  4. Oops, ich bin etwas überrascht, aber danke natürlich für die anerkennenden Worte! Überrascht, denn seit einiger Zeit warte ich eigentlich nur noch auf den Tag, an dem mir Schopenhauer um die Ohren gehauen wird:

    „Daher ist nun die erste, ja für sich allein ausreichende Regel guten Stils diese, dass man etwas zu sagen habe: O, damit kommt man weit!“

    ;-) Weil mir viele Begrifflichkeiten nun mal nicht in einer Weise zur Verfügung stehen, dass ich sie nur so aus dem Ärmel schüttele, bin ich, in Hoffnung, tatsächlich etwas zu meinen, oft im Modus des Selbsterforschens unterwegs, um herauszufinden, was das denn nun genauer sein mag. Daher ist es etwas zuviel gesagt, mit mir nicht übereinszustimmen. – Denn meine Urteile stehen dann oft etwas vereinsamt als Behauptungen in der Gegend herum. Was sonst Argument wäre, bleibt nur angedeutet.

  5. huch, das war eben der falsche Alias – da kommt´s mal wieder heraus ! Aber egal:

    Denn auch diese bezaubernde Bild-Text-Collage hielt für mich wieder eine Überraschung bereit. Vielleicht war ich einfach nur müde gewesen, und das hatte einfach ein Ende haben müssen. So, wie das Deja-vu ja auch als Aufmerksamkeitsdefizitphänomen erklärt wurde: Nach dem Durchlesen zeichnete sich aus dem Gesamteindruck heraus etwas ab, stieg irgendwie auf, etwas wie ein inneres Bild. Hm, ich will mich nicht in Metaphern versteigen, schwer zu beschreiben, eine Gegenwart? Also auf einmal etwas wacher, etwas aufgeregt und ohne mich zu irgendeiner Sichweise gedrängt zu fühlen, hatte ich jetzt richtig Lust, mir die Bilder nocheinmal anzuschauen. Sonst stehe ich ja immer etwas ratlos vor Fotographie, abgesehen, davon, dass ich meine, grob zwischen Qualität und Nichtqualität unterscheiden zu können. Und witzigerweise fühlte ich mich nicht durch Assoziationen, Interpretation etc. oder den Text, den ich gelesen hatte, in irgendeiner Weise dabei abgelenkt. Interessant. Einfach nochmal neu hinschauen, nur diesmal ein weng überrascht und auch verwirrt von der eigenen plötzlichen Sehlust, die mich überkam. Ich weiß nicht genau was, aber irgendetwas scheint mir dir hier gelungen zu sein. Jedenfalls hast du mir das Medium Fotographie etwas näher gebracht.

  6. @ Loellie
    Ja Niedringhaus macht tolle Bilder. Ich will dazu aber nichts vorwegnehmen und gehe darauf in einem anderen Text dann ein.

    @ ziggev
    Vielen Dank für die Worte, und es freut mich, wenn ich Dir dieses Medium näher brachte. Wobei ich sagen muß, daß Nachtphotos in Digitaltechnik wegen des Rauschens teils nicht sehr schön sind. Da gehe ich dann in den s/w-Modus bzw entfärbe; so sieht man das Rauschen nicht unmittelbar.

    Das Bild mit dem sich umarmenden Pärchen zeigt, das ich nicht gut genug beobachtete und nicht schnell genug reagierte. Ich bin nicht so sehr auf Menschen geeicht. Denn eine Sekunde früher hätte ich den schönsten Kuß eingefangen und das Auto versaute nicht den Hintergrund.

    Was die Art des Philosophierens/Denkens angeht, so unterscheiden wir uns sicherlich, aber es wäre wohl auch langweilig, wenn alle gleich dächten.

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