Die Einsamkeit des Rieslingtrinkers – Armageddon im Ostgebiet

Soeben brachte ich einen Riesling aus dem Elsaß vom Weinschrank in den Kühlschrank – Domain Lucien Goettelmann, 2007 und zur Sicherheit tat ich noch einen zweiten vom Jahrgang 2008 dazu. Und zwar für Samstagabend, wenn ich wieder mit mir selbst bin: drei Tage keine Menschen um mich herum, die mir auf die Nerven gehen, die sprechen, die mich mit ihren Eigenarten und ihrer Nähe stören. Abends: Vertieft in den Text, vertieft in die Nacht. Es gibt keinen besseren Zustand. Es ist dies die Zeit, in der es in Hegels „Wissenschaft der Logik“ hineingeht. Die Gedanken Gottes vor der Erschaffung der Welt, wie Hegel dies in der Einleitung formulierte: „Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selber ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und des endlichen Geistes ist.“

Für den endlichen Geist ist die Photographie zuständig.

Es ist dieser Riesling aus dem Elsaß ein im Grunde einfacher und doch außerordentlich guter Wein, der sich im Geschmack entfaltet und entwickelt. Aber ganz anders als der Riesling aus Teutschland – weniger mineralisch. Der französische Riesling ist weicher. Das langweilt auf die Dauer, so steht zu vermuten, aber im Moment bekommt dieser Geschmack durchaus gut, obwohl ich gerade dieses Mineralische, diese klare Härte, welche sich in Nuancen und zugleich wie ein Schuß entfaltet, so sehr schätze. Es gibt Weine, wie diesen von der Domain Lucien Goettelmann, für die kann, sollte und muß man jede Frau oder jeden Liebespartner bzw. -partnerin beiseite geben und einfach nur stehenlassen. (Außer die Frauen, für welche man bezahlt. Es sind dies sowieso die besten.) Der Idealfall einer ästhetischen Beziehung sähe so aus, wie in dem Hollywood-Film „The thin man“ beziehungsweise den Nachfolgern. Diese Filme sind zwar standardisiert, mithin Kulturindustrie, und Ausfluß des bewußtseinsnormierenden Staatsapparats, schauen sich aber gut und auf eine erbauliche Weise an, sie sind auf ihre Art lustig, dem kantischen Angenehmen verschwistert. Mit einer Vorfreude auf den morgigen Abend legte ich diesen Wein in den Kühlschrank. Ich darf es freilich nicht vergessen, ihn zeitig herauszunehmen. Ein zu kalter Weißwein ist ein schlechter Weißwein.

Ich habe heute bereits beim Metzger Rindfleisch gekauft, morgen früh erstehe ich auf dem Markt zudem grüne Bohnen sowie Tomaten, und dann gibt es abends einen Bohnen-Tomaten-Eintopf, sofern die Zeit für zwei Stunden Kochen verbleibt. Ansonsten gibt es Bohnen und Gulasch. Man sollte zu diesem Gericht im Grunde einen Rotwein trinken, statt eines Rieslings. Es harrt da, unter anderem, noch eine Kiste guter italienischer Rotwein im Regel, der probiert werden will und welche mir ein Vertreter der katholischen Kirche als Geschenk übergab. Wenn dieser freundliche Mann, dieser wunderbare, chaotische Doctore vorausschauend gewußt hätte, was ich hier kürzlich zum Besuch seines Arbeitgebers schrieb, schenkte er mir gar nichts oder reichte mir Essig zum Lohn. Nun: die Katholiken – insbesondere die aus Italien – wissen zu genießen, und man muß schließlich seinen Feind genau studieren, um ihn zu kennen. Also nahm ich die Kiste dankend und mit dem Lächeln des Ästhetikers an.

Ich bin mir aufgrund dieser Zweifel beim Wein nicht ganz sicher, wie ich die Abfolge der Getränke wählen werde. Vielleicht wird erst ein Glas, zwei Gläser Rotwein gegeben, dann schweife ich, beim Käsegang, ab zum Riesling.

Zudem geht es, um ein weiteres Vergnügen zu produzieren, morgen als Tagesausflug in den Osten: nach Frankfurt/Oder und Eisenhüttenstadt respektive nach Kostrzyn (Küstrin). Die düstere Seite der Welt und den herrlichen Verfall in all seinen Farben, Formen und Ausprägungen genießend und photographierend. Es gibt nichts Schöneres, am liebsten plazierte ich mir, wie der Prophet Jona, einen Stuhl, ein Zelt, baute mir einen Wohnraum vor einem dieser zerbröckelnden Gebäude auf, und betrachtete wohlwollend den Untergang: jeden Zug des Verfalls genießend, auskostend, mit meinen Kameras dokumentierend, die Zeit in das Bild gebannt. Mir gefällt diese Welt, die verfällt.

Demnächst aber, keine Angst, wenn ich von den einsamen, den wunderbaren Tagen genug habe, gehe ich wieder in Gesellschaft, sofern ich denn mag. Nachdem Marcel Proust alles ausgekostet hatte, was es auszukosten gab, verschloß er sich in seiner großbürgerlichen Pariser Wohnung, legte sich in sein Bett in dem korkverschälten Schlafzimmer, damit keine Geräusche der Außenwelt zu ihm drängen.

8 Gedanken zu „Die Einsamkeit des Rieslingtrinkers – Armageddon im Ostgebiet

  1. werter bersarin,

    schon lange schreibe ich hier keine kommentare mehr, ganz einfach, weil jedes geschreibsel hier im kommentar zu deinen texten schäbig wirkt und deine arbeit nur einsaut. nicht weil die anderen inklusive mir so außergewöhnlich doof wären, sondern weil deine texte für sich stehen können.

    heute aber bin ich besoffen genug um es mal wieder zu tun.
    hoffentlich bereue ich morgen nicht zu sehr. wenn ich aufwache werde ich mich wohl erst mal schämen – und das archiviert und offen für den google zugänglich.
    #omg

    kurzum:
    es wird immer besser hier.

    hgfk

  2. „Die düstere Seite der Welt und den herrlichen Verfall in all seinen Farben, Formen und Ausprägungen genießend und photographierend.“… haha, da bin ich voll dabei… im geiste (und nicht mit einem *hicks*).
    ich frage mich gerade, warum das so ist. jeder, der von der anderen seite kommt, wuerde wohl genau das gegenteil fotografieren. ich glaube, mich fasziniert das lebendige im morbiden. weisst du, was ich meine? das, was veraenderlich, was im fluss bleiben, was atmen darf. und die lebendigen geschichten, die darin immer noch verborgen, die darin zu erwarten sind und sich nur demjenigen zeigen, der dafuer bereit ist. das geheimnisvolle, unerwartete, unregelmaessige, vielschichtige… all dies fuettert die unbeschreibliche neugier und entdeckerlust.
    lg
    Irisnebel

  3. The Thin Man?
    Ich dächte da zuerst an ‚One Hour With You“ oder ‚Design for Living‘ von Lubitsch, was nun kein Argument gegen Myrna Loy, bzw ihre Figur *ähm* also Filmfigur sein soll.

    „(Außer die Frauen, für welche man bezahlt. Es sind dies sowieso die besten.)“
    Ich kann da nur als Pro Bono-Empfänger und nicht nur auf Frauen beschränkt sprechen … aber ja! Nur immer so flüchtig, aber vielleicht liegt hierin gerade der Reiz.

  4. @ fk
    Ach, daß kommentiert wird, ist schon in Ordnung, es wäre ohne einen einzigen Kommentar schließlich langweilig. Das ist dann, als läse die Texte kein Mensch.

    Besoffen im Internet ist so eine Sache – in der Tat. Aber Dein Beitrag schlug nicht aus dem Rahmen oder war Gaga. Wer zu trinken versteht, der kennt sowieso den Pegel und weiß intuitiv, was geht und was nicht mehr geht. Unter Drogen geschriebene Texte oder gefertigte Objekte läßt man aber besser einen Tag ruhen, sieht sie sich abends, 24 Stunden später noch einmal an. Und wenn das Geschaffene dann immer noch gut ist, zeigt man es, präsentiert es.

    @irisnebel
    Das Lebendige im Morbiden: ich kann es mir in etwa vorstellen. Auch mich fasziniert dies. Allerdings kann es geschehen, daß ich dieses Lebendige, wenn ich es entdecke, wiederum ins Tote verwandle. Andererseits gibt zugleich die Sache selbst den Rahmen ihrer Darstellung und prägt die Form. Weshalb die Grundfarbe schwarz (häufig) der Darstellung wesentlich ist. So wie jener Maler in Becketts „Endspiel“, der überall nur die Asche sah. Eine Szene, die es lohnt, immer wieder gelesen zu werden.

    @ Loellie
    „… kein Argument gegen Myrna Loy, bzw ihre Figur *ähm* also Filmfigur sein soll. *ähm* also Filmfigur sein soll.“ :-)

    Die Flüchtigkeit. Sie ist schön und sie kann zerschneiden.

    Ich muß allerdings zu meiner Schande gestehen, daß ich „One Hour With You“ nicht gesehen habe. Das Gute am Internet und an der Blogwelt: man stößt immer wieder auf interessante Dinge. Und da ich Lubitschfilme sehr mag, steht wohl wieder eine DVD auf dem Programm. Früher, einstmals, gab es solche Filme im Fernsehen und man konnte sie auf Video mitschneiden.

  5. Zwar war es der Burgunderwein, den Novalis hier gegen den Claudiusschen Rheinwein ausspielt; passen tun die Zeilen dennoch:

    Burgunderwein

    Mag Claudius dich tadeln
    Nur seinen Rheinwein adeln
    Der mir den Hals verengt
    Mag jeder Thuiskone
    Verachten die Saone
    Mit Trauben süßbehängt

    (…)

    Wie leicht und wie so milde,
    Von gallischem Gefilde
    Entsprossen, gleitest du
    In meine Liederkehle,
    Und hauchest neue Seele
    Mir Unmutsvollen zu.

    (…)

    Beim Weingeschmack kann man Novalis also keine teutschtümelnde, rückwärtsbezogene Romantik nachsagen.
    Gab es nun Gulasch oder Eintopf?

  6. Ja, der welsche Tand. Aber auch ich schätze den Burgunder und vor allem natürlich den Bordeaux, den liebsten unter den Rotweinen, um eine Zeile aus Hölderlins „Andenken“ leicht abzuwandeln.

    Danke auch für das Gedicht. Tja, das Rückwärtsbezogene. Ich setze die deutsche Romantik, insbesondere die aus Jena, als eine progressive Strömung. (Freilich sollte man dabei die Biographie Friedrich Schlegels ausblenden.) Im Grunde beginnt mit der Romantik die Moderne.

    Es gab nur Gulasch, weil ich so spät zurückkam, daß ich keine Lust mehr hatte, lange zu kochen.

  7. „Im Grunde beginnt mit der Romantik die Moderne.“
    einverstanden – mit dem Sturm und Drang als Prélude.

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