Einhundert Taler

Zum Beginn der Woche, als Nachklang zum religiösen Spektakel der letzten Woche, sei eine kurze Passage gegeben aus einem Text von Heinrich Heine, und zwar zu Kant. Heine ist bekanntlich kein Philosoph, seine Darstellung der Philosophie Kants fällt zuweilen etwas seicht aus, aber schreiben und zuspitzen: das macht Heine ganz wunderbar. Bei jenem im Text erwähnten Lampe handelt es sich – für die, welche der Biographie Kants nicht kundig sind, – um Kants Diener. Es schreibt Heinrich Heine:

Ich enthalte mich, wie gesagt, aller popularisierenden Erörterung der Kantschen Polemik gegen jene Beweise. [Gemeint ist Kants Kritik an den Gottesbeweisen, insbesondere dem ontologischen, hinw. Bersarin.] Ich begnüge mich zu versichern, daß der Deismus seitdem im Reiche der spekulativen Vernunft erblichen ist. Diese betrübende Todesnachricht bedarf vielleicht einiger Jahrhunderte, ehe sie sich allgemein verbreitet hat – wir aber haben längst Trauer angelegt. De profundis!

Ihr meint, wir könnten jetzt nach Hause gehn? Bei Leibe! es wird noch ein Stück aufgeführt. Nach der Tragödie kommt die Farce. Immanuel Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen tragiert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt – und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: „Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.“ In Folge dieses Arguments, unterscheidet Kant zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft, und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen belebte er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.

Hat vielleicht Kant diese Resurrektion nicht bloß des alten Lampe wegen, sondern auch der Polizei wegen unternommen? Oder hat er wirklich aus Überzeugung gehandelt? Hat er uns eben dadurch, daß er alle Beweise für das Dasein Gottes zerstörte, recht zeigen wollen, wie mißlich es ist, wenn wir nichts von der Existenz Gottes wissen können? Er handelte da fast ebenso weise wie mein westfälischer Freund, welcher alle Laternen auf der Grohnderstraße zu Göttingen zerschlagen hatte, und uns nun dort, im Dunkeln stehend, eine lange Rede hielt über die praktische Notwendigkeit der Laternen, welche er nur deshalb theoretisch zerschlagen habe, um uns zu zeigen, wie wir ohne dieselben nichts sehen können.

(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch. S. 604 f., in: Heinrich Heine, Sämtliche Schriften, Bd. 5. Frankfurt/M, Berlin, Wien, 1981)

31 Gedanken zu „Einhundert Taler

  1. Vielen Dank für die versöhnlichen Worte.

    Stellt sich die Frage, ob Kant an Gott glaubte. Ich halte es für durchaus ehrenhaft, entgegen der eigenen Überzeugung den Glauben anderer Menschen zu respektieren. Wie erhaben ist es jedoch, bei Anwendung des eigenen logischen Repertoirs zum Schluss zu kommen, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Gott gibt – aber dennoch an Gott zu glauben.

    Abgesehen davon sind die Gottesbeweise ja keine Beweise, eher so etwas wie Argumente, Gottesaspekte sollten sie genannt werden. Gäbe es einen Beweis, dann hieße es nicht, dass man an Gott glaubt, sondern dass man Gott weiß – langweilig.

  2. Kant war, wenn überhaupt, dann in einem sehr idiosynkratischen Sinne gläubig. Christ kann man ihn jedenfalls schlecht nennen, dafür steht seine Religions-, v.a. aber seine Moralphilosophie in zu großem Widerspruch zur christlichen Lehre. Siehe auch:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Religion_innerhalb_der_Grenzen_der_blo%C3%9Fen_Vernunft#Kants_pers.C3.B6nliches_Verh.C3.A4ltnis_zur_Religion

    > Wie erhaben ist es jedoch, bei Anwendung des eigenen
    > logischen Repertoirs zum Schluss zu kommen, dass es
    > aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Gott gibt – aber
    > dennoch an Gott zu glauben.

    Das fände ich, offen gesagt, eher peinlich. Wider besseres Wissen dennoch zu das Gegenteil zu glauben, ist m.E. keine heroische Tat, sondern Dummheit.

  3. Trotz Anton Reisers – trotz, und doch gerader meiner zu ihm tief empfundenen Verbundenheit wegen – das macht ihn (Kant) mir mit einem Male ziemlich sympathisch.

  4. @der blinde Hunde: Dass Kant nicht an die Kirche glaubte, leuchtet mir ein. Kirchenkritik steht auf einem anderen Blatt. Die Frage nach der Existenz Gottes hat Kant als aporetisch herausgestellt, womit es jedem – auch Kant selber – frei überlassen ist, an Gott zu glauben oder nicht.

    Gäbe es einen Beweis für die Nichtexistenz Gottes, dann wäre ein weiteres Festhalten an der Idee Gottes in den Bereich der Sagen zu verlegen (was immer noch nichts mit Dummheit zu tun hat, da Prinzipien, die im Glauben an Gott entwickelt wurden, aufrechterhalten werden könnten). Wenn man jedoch wie Kant lediglich zu dem Schluss kommt, dass es keine Vernunftsgründe gibt an Gott zu glauben, dann halte ich es sehr wohl für eine respektable Entscheidung, dennoch an Gott zu glauben – auch wenn man dies „nicht nötig“ hat. Ein respektabler Grund ist das oben genannte Empfinden des Diener Lampe.

    Wer es ernst meint mit der Vernunft, der rasiert sich mit Ockham schnell auf „cogito ergo sum“ herunter. Um dann die Welt noch ernst zu nehmen (und nicht im Solipsismus hängenzubleiben), bedarf es sowieso eines Glaubens, ganz egal ob man Atheist ist oder nicht.

  5. @ Hanneswurst.
    Nun, ob dieser Text tatsächlich versöhnlich gemeint ist, darüber läßt sich streiten.

    Die Frage nach der Existenz Gottes bzw. die Antworten darauf schwanken zwischen Aufklärung und Obskurantismus.

    Was den Glauben betrifft: es mag eine jede und ein jeder glauben, woran sie mögen, solange aus diesen Inhalten keine allgemeinen Verbindlichkeiten und nichts Normatives abgeleitet werden. Es gibt eine berechtigte Weise des Glaubens bzw. des Religiösen: Sich nicht nur auf das Bestehende vereidigen zu lassen. Daß da ein Überschuß ist. Diese Weise ist im Grunde aufklärerisch und opponiert. (Die Brücke zu Kant und Hegel kommt dann weiter unten.) Andererseits verkommt das Religiöse schnell zum Obsukurantismus, wenn daraus eine Ideologie gezimmert wird. Dieses Transzendierende ist aber mittlerweile derart verstellt und kolonialisiert, daß es mit dem Moment der Utopie innerhalb des Sphäre des Religiösen seine Schwierigkeiten hat. Ganz egal ob das sich nun innerhalb der drei großen monotheistischen Religionen abspielt, in den buddhistischen, hinduistischen Varianten oder in den Naturreligionen. Gegen das leere Gesumme des Om-Om oder daß wir von den Schamanen lernen können, habe ich nicht einmal ein Kopfschütteln mehr übrig. Man ist in diesen Religionen, ansonsten steht man außerhalb.. Aber diese Dinge bewegen sich in der Regel mehr in den ökonomischen Kategorien als in den religiösen Bahnen, weil es sich hier um einen Markt handelt, auf dem Geld verdient wird. Wer meint, daß seine Haare bei Neumond besser wachsen, wenn man sie dann schneidet oder wer am längsten Tag des Jahres in Walle-Walle-Gewändern um die Steine von Stonehenge tanzt, der kann das machen, wenn ihm solche Modesünden nicht peinlich sind.

    Wesentlich aber gilt es, das Moment der Wahrheit und der Unwahrheit von Religion in einem herauszustellen. Diese Arbeit freilich leisten in der Regel die besser, welche schwach im Glauben sind.

    „Um dann die Welt noch ernst zu nehmen (und nicht im Solipsismus hängenzubleiben), bedarf es sowieso eines Glaubens, ganz egal ob man Atheist ist oder nicht.“

    Dem ist zu widersprechen. Es reicht hier vollkommen die Theorie aus, um die Bestimmungen zu liefern, welche diesseits des Solipsismus siedeln.

    @ der blinde Hund
    Ob Kant gläubig war oder nicht tut in der Struktur dieses Denkens wenig zur Sache. Das, was Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ unternahm, ist nicht weniger als der Versuch, die Metaphysik einer neuen Bestimmung zu unterziehen. Daß darin ebenso die Frage nach Gott ihren Ort hat, bleibt nicht aus. Man muß Kant zudem in seiner Zeit zu situieren. Insofern ist der Hinweis Heines auf die Polizei nicht ganz verfehlt. Verwunderlich ist es, daß die „Kritik der reinen Vernunft“ nicht der Zensur anheimfiel.

    Das Wissen einzuschränken, um zum Glauben Platz zu bekommen, wie es zum Beginn der KdrV heißt, ist eben Programm einer umfassenden Aufklärung. Das Denken befreit sich von den Fesseln und dem Dogmatismus der Religion. Der Glaube gründet sich auf Freiheit, denn es ist kein Gott zu beweisen. Alle scholastische oder dogmatische Argumentation ist vergeblich, denn es ist allein der kritische Weg noch offen, wie Kant dies formuliert. Und so mag ein jeder nach seiner Facon glauben oder es lassen. Darin steckt einerseits das Prinzip der Toleranz, andererseits aber bereits das bürgerliche Prinzip der Arbeit. Denn diesem Satz, daß ein jeder nach seiner Facon glauben mag, ist hinzuzufügen: solange er arbeitet und leistet. Religion verlagert sich in die Sphäre des Privaten, und wir befinden uns zum Beginn der arbeitsteilig organisierten bürgerlichen Gesellschaft. (Im guten wie im schlechten.). Zu Kants Zeit freilich mußte diese Konzeption des Glaubens als Fortschritt betrachtet werden.

    Der Ordnung halber verweise ich auch auf Hegels Wissenschaft der Logik I, (S. 88 ff. der Suhrkamp-Ausgabe), wo Hegel diese Kritik des ontologischen Gottesbeweises selbst wiederum in die Kritik nimmt. Darin macht Hegel im Grunde eine Begriff von Gott stark, der den endlichen Bestimmungen enthoben ist, so daß ein solches Sein von Gott (als abstrakte Bestimmung) zunächst als die Fülle zu begreifen ist, an dem die endlichen Widersprüche zu Grunde gehen.

  6. @Bersarin: Ich meine mich zu erinnern, dass Sie die Theorie, die einen Weg aus dem Solipsismus bietet, schon einmal erwähnt haben. Allein, mir fehlt der konkrete Hinweis auf diese Theorie. Da ich Solipsist bin (und auch alle anderen Menschen für Solipsisten halte) wäre ich an einer freundlichen Hinweisung sehr verbunden.

  7. Wären Sie so freundlich, die einschlägige Textstelle noch etwas genauer anzugeben, Herr Bersarin? Nur so auf +-1000 Seiten. Es sei aber bitte ein deduktiver Beweis, eine reductio ad absurdum oder wenigstens ein induktiver Beweis – nicht so ein leicht widerlegbares Argument wie bei den Gottespostulaten.

  8. @ Bersarin:

    > Ob Kant gläubig war oder nicht tut in der
    > Struktur dieses Denkens wenig zur Sache.

    Das hab ich ja auch nicht behauptet.

    Ansonsten: Die KdrV wurde nicht zensiert, die „Religion innerhalb der Grenzen usw.“ allerdings schon. Kant wurde verboten, sich zum Religionsthema zu äußern.

    Zum Rest vielleicht später mal.

    @hanneswurst

    Nach Kant gibt es durchaus Vernunftgründe, an Gott zu glauben. Genau das entwickelt er ja in der KdprV. Nur ist das sozusagen ein ziemlich „technischer“ Gott, der hat mit den üblichen Göttern, wie dem christlichen oder Allah, nichts am Hut. Letztlich „glaubt“ man an diesen Gott nach Kant auch nicht, sondern „postuliert“ ihn – wichtiger Unterschied.

  9. @dbH: Auch ein Glaube ist ein Hilfskonstrukt und kann wie ein Postulat beizeiten revidiert oder aufgehoben werden. Andererseits kann auch postuliert werden, dass ein besonders starker Glaube jetzt und hier vernünftig und nötig ist. Ich sehe da keine kategorischen Differenzen und meine auch, dass sich Kant in dieser Hinsicht etwas zu tief in den Spagat begeben hat. Er wollte nicht den Anschein zulassen, dass die ihm heilige Intelligenz im Geringsten von der Minne verschattet würde.

  10. Man darf jetzt natürlich nicht vermischen, was du unter Postulat verstehst, und was Kant. Kants Postulate der reinen praktischen Vernunft (Freiheit, Unsterblichkeit der Seele, Existenz Gottes) können – jedenfalls nach Kant – keineswegs einfach „revidiert oder aufgehoben werden“, sie sind notwendige (!) Postulate.

  11. @ Der blinde Hund
    Ich bezog mich im Hinblick auf den Aspekt des persönlichen Glaubens auf Deinen Satz: „Kant war, wenn überhaupt, dann in einem sehr idiosynkratischen Sinne gläubig.“

    Nein, die KdrV wurde nicht zensiert, dies schrieb ich auch nicht. Sie hätte zensiert werden müssen, wenn die Obrigkeit ihre Sprengkraft denn verstanden hätte.

    Die Postulate der Vernunft sind nach Kant in der Tat nicht aufzuheben und notwendig, und der Widerstreit, in den das Denken sich in den dialektischen Schlüssen verstrickt, ist ein notwendiger, denn es handelt sich um die unabweisbaren Fragen, denen die Vernunft nicht entgehen kann. Die KdrV analysiert auf diesem Gebiete, damit der Gebrauch der Vernunft, sich nicht auf das erstrecke, was nicht Bestandteil der theoretischen Philosophie sein kann. Kant erreichtet einen Block. Grob gesagt: die Welt teilt sich.

    @Hanneswurst
    Für‘s erste, als Mittel gegen den Solipsismus oder diesen ganzen unsinnigen Gehirn-in-Tank-Kram der sogenannten (sprach-)analytischen Philosophie empfehle ich Ihnen die „Phänomenologie des Geistes“. Dort heraus zunächst die Vorrede und die Einleitung, welche die Dialektik von Wahrheit und Wissen entfaltet. Das sind gut 80 Seiten. Und wenn Sie nur die Einleitung lesen, die zum Solipsismus doch Wesentliches sagt, dann sind es gerade einmal 13 Seiten.

  12. > Nein, die KdrV wurde nicht zensiert, dies schrieb ich auch nicht.
    > Sie hätte zensiert werden müssen, wenn die Obrigkeit ihre Sprengkraft
    > denn verstanden hätte.

    Jau, aber damals war noch Friedrich der II. König, da musste Kant Zensur noch nicht fürchten. Vom Gehalt her, da geb ich dir recht, war das natürlich starker Tobak. Aber im damaligen Preußen möglich.

    > denn es handelt sich um die unabweisbaren Fragen,
    > denen die Vernunft nicht entgehen kann.

    Sagt zumindest Kant, ja. Aber selbst wenn er recht hat, sind seine Antworten auf diese Fragen vielleicht nicht ganz überzeugend.

  13. Ich hatte in Erinnerung, dass Kant Gott postuliert, es aber nur so lange für nötig hält den Glauben an Gott aufrecht zu erhalten, bis eine vernünftige Gesellschaft auch ohne diesen Glauben auskommt. Die potentielle Widerlegung liegt in der Natur des Postulats. Wenn ich mich geirrt habe, dann sehe ich die Differenz von „postulieren“ und „glauben“ noch weniger. Es scheint dann so, als wäre das Postulat einfach nur der Glaube eines Menschen, der ungern protokolliert, dass er nur mit einer Vermutung oder Alltagserfahrung operiert.

    Danke für die explizite Nennung von Textstellen, Herr Bersarin. Ich hatte zwar nach meinem Studium beschlossen, die „Phänomenologie des Geistes“ im Regal verstauben zu lassen, habe den Verstaubungsprozess aufgrund Ihrer Empfehlung jedoch unterbrochen. Ich bin zu müde, um dieses trockene Material noch heute angemessen zu sichten, ein erstes Überfliegen erinnert mich an die von Hegel zuerst detailliert beschriebene Crux bei der Erforschung des eigenen Bewusstseins. Wenn seine Widerlegung des Solipsismus darin fußt, dann kann ich – als Gott – nur müde darüber lächeln, denn natürlich habe ich mein Bewusstsein vor der Erschaffung des hANNES wURST sehr sorgfältig darauf angelegt, dass die Wurstsche Phänomenologie im eigens angelegten Weltenkontext recht gut funktioniert. Mit anderen Worten: wenn ich Gott bin und mich selber, also hANNES wURST, als unwissenden Avatar in einer eigens erfundenen Welt erschaffen habe, dann lösen sich die Widerlegungen Hegels oder Sartres auf, denn dann ist ja erklärlich, wie die Anderen in meine Welt gelangt sind (es sind entweder ebenfalls Schöpfungen dieses Gottes oder bloße Schimären, sogenannte NPCs). Damit ist das Geheimnis von mir und den Anderen geklärt. Bleibt die Frage, wo dieser Gott herkommt und woher der wiederum diese ganzen Ideen hat usw., also die gleichen Grübeleien wie immer.

  14. Was ist denn am Gehirn-im-Tank-Gedankenexperiment (GiT) so „unsinng“? Über eine Erklärung würde ich mich freuen. Muss ja nicht hier sein, führt auch zu weit ab (und ist eh einen eigenen Blog-Eintrag wert).

  15. Naja blinder Hund, das Problem beim Gehirn im Tank ist, dass es sich um ein unwiderlegbares Wahnbild handelt, in sich stimmig wie jeder Wahn. Dieses In-sich-Stimmige darf man aber nicht mit einer wahren Aussage verwechseln. Es würden dann unendlich viele Wahrheiten existieren, nämlich die Wahrheiten eines jeden Wahns. Gehirn im Tank, Chip in Nase („löst sich auf und wandert in Form von Nano-Partikeln in mein Gehirn“), alle Pfeile weisen auf mich, es gibt unmessbare Nanostrahlungen, die der sovietische Geheimdienst kontrolliert usw.. Alles ist aussagbar, nichts widerlegbar. Und sollte doch einmal eine scheinbare Widerlegung gelingen, arbeitet der Wahn weiter und hat natürlich das letzte Wort. Etwa wenn der vorausgesagte Weltuntergang nicht eingetreten ist (siehe Festingers kognitive Dissonanz). Deswegen sind Diskussionen mit GiT-Apologeten so unfruchtbar. Alles ist möglich, deswegen nichts wirklich. In Anlehnung an und Umkehrung von Musil müsste man sagen: Wenn es einen Möglichkeitssinn gibt, muss es auch einen Wirklichkeitssinn geben.
    Es gibt die Methode, Medizin-Studenten im Psychiatriekurs für ca. 2 Stunden versuchen zu lassen, Patienten im psychotischen Schub von der Unsinnigkeit ihrer Wahrnehmungen zu überzeugen. Rate mal, wer da mit einem verknoteten Gehirn (im Tank oder doch in der Kalotte sei mal dahingestellt) herauskommt?

  16. nur als kleiner (nun doch etwas länger geraten) Einwurf zum Brain-In-A-Vat: Putnam soll ja bewiesen haben, sind wir nicht. Hab mal einen wundervollen Text gefunden, wo der Autor diesen Beweis rekonstruiert. Man man ja zur Analytischen Philosophie stehen wie man will (als Philosophie gescheitert beschäftige sie sich streng wissenschaftlich mit Spezialproblemen, die nicht unbedingt etwas mit Philosophie zu tun haben), aber ich finde Olaf Müllers Text in mancher Hinsicht vorbildlich. Frei von jeder Überheblichkeit, nicht vom Katheder herab dozierend, sich abgehoben-extraordinär gebärdend, sondern kameradschaftlich-zugewandt uneitel auf der Meta-Ebene gewissermaßen im common sense verortet und möglichst einfach und dem Alltagsverstand zugänglich machend gut aufgelegt einen Bericht von den eigenen Forschungen gebend. Geht´s zur Sache, wird´s eh kompliziert genug. (Was für ein Satz vorhin, „Liebe Deine Leser wie Dich selbst“ – mal wieder nicht geschafft, dieses Motto zu beherzigen.) Z.z. versuche ich ja mitunter, mich an eine Philosophie anzunähern, bei der es anders läuft, durch Lesen dieses Blogs etwa. Dennoch: die Idee, dass eine Philosophie, wenn ich so sagen darf, ein Außen haben sollte, dass sie „von außen“ darstellbar sein sollte, aufzugeben, fällt mir eher schwer.

    Allerdings schaltete sich der Nörgler in seiner von uns allen geliebten Art bei Hartmut ein, bestritt, dass das GiT etwas mit Descartes zu tun habe, mahnte einen Mangel an Kenntnis der Tradition an, und ich zeigte mich etwas beleidigt, ich fand den Text einfach zu schön; inzwischen neige ich dazu, ihm zuzustimmen. Gut, das war eine andere Diskussion; müsste mir den Descartes nochmal anschauen, um die Stichhaltigkeit der Argumente des Nörglers zu überprüfen bzw. mir seinen Punkt klarzumachen.

    Sympathisch ist an dem G. Müller, dass er seine gedachte Skeptikerin nicht für verrückt erklärt, sondern ihren „Fehler“ versucht zu verstehen.

    Die Frage, wie man auf vollkommen verrücktes Verhalten reagieren sollte, hat mich allerdings auch schon einmal beschäftigt, also Klapse, „abschießen“ (mit Medikamenten)? Ich weiß nicht, welche (philosophische) Position man da in der Medizin vertritt. Das berühmte wittgensteinische: „das machen wie hier so“?

    Müller: http://www.gehirnimtank.de/

    beleidigter ziggev: http://kritikundkunst.wordpress.com/2011/01/28/postmoderne-und-dekonstruktion-vorlaufiger-beschluss/#comment-989

  17. Wie man auf „verrücktes“ Verhalten reagieren soll, hängt vom Leidensdruck des Betroffenen bzw. der engsten Vertrauten ab. Selbst- und Fremdgefährdung wären weiterhin zu nennen. Einfach ein Verhalten zu therapieren, nur weil man das Verhalten als „verrückt“ ablehnt, halte ich für kriminell.

    Ich sprach deswegen von einem Wahn bzw. Wahnsystem, weil ich keinen rational zu erklärenden Unterschied zwischen dem Gehirn im Tank und den alles manipulierenden Nanostrahlen erkennen kann. ich wüsste nicht, wieso ich das eine als ernstes philosophisches Problem ansehen soll und das andere als psychiatrisches. Beide Aussagen sind unbeweis- und unwiderlegbar und tragen das Wesen eines jeden Wahnsystems in sich: Die Stimmigkeit einer erdachten Welt ohne Möglichkeit, diese Welt zu überprüfen. Offenkundig sind solche Denksysteme Antworten auf eine unstimmige, aber in Grenzen eben überprüfbare Welt. Um diese Grenzen und diese Unstimmigkeit sollte sich die Philosophie kümmern, so zumindest meine Laienmeinung,
    Und: Auch der Glaube kann in falschen Gehirnen natürlich als Wahnsystem funktionieren, gewissermaßen in den Tank rutschen – muss es aber nicht.
    Güße!

  18. @ Der blinde Hund
    Obwohl ich es in bezug auf das Gehirn-im-Tank-Beispiel in dieser Art so nicht formulierte, hat mich die Frage nach der Unsinnigkeit des GiT-Angelegenheit doch gefreut, kommt vermittels dieser Frage das Sinnkriterium gleichsam durch die Hintertür in die Analytische Philosophie hinein.

    @summacumlaude
    Deiner Argumentation in bezug auf diese Hirn-im-Tank-Geschichte kann ich nur zustimmen. Im Grunde handelt es sich um eine Angelegenheit, die in die Rubrik der sich-selbst-imunisierenden (Verschwörungs-)Theorien gehört. Freilich begibt man sich mit diesem Argument zugleich auf ein heikles Terrain, denn es ist diese Selbstimmunisierung ebenso die Strategie, welche der Philosoph Herbert Schnädelbach im Grunde Theorien Hegelscher und Luhmannscher Prägung, mithin holistischen Konzepten, immer vorwarf. Wobei freilich bei Hegel und Luhmann der Fall noch etwas anders liegt, da der Begründungsmodus bei Hegel ein anderer ist. Begründung und Darstellung stehen in einem Verhältnis, das sich bedingt, insbesondere bei der „Phänomenologie“ kann man das sehr gut sehen. Und zugleich wissenschaftstheoretisch gefragt: eine Theorie, die sich nicht immunisiert und versucht, wasserdicht zu sein, wäre eben keine Theorie mehr, sondern eine Mutmaßung: so wie die halbe Wahrheit keine Wahrheit, sondern die Unwahrheit oder allenfalls eine Gemengelage darstellt. Und insofern ist diese Gehirn-im Tank-Hypothese dann schon wieder interessant. Zumindest auf der Ebene des Literarischen, liest man das mit Derrida.
    „Wie man auf „verrücktes“ Verhalten reagieren soll, hängt vom Leidensdruck des Betroffenen bzw. der engsten Vertrauten ab.“
    So ist es.

    @ ziggev
    Ja, in dieser Sicht, daß die (sprach-)analytische Philosophie sich (zu einem großen Teil) mit Spezialproblemen beschäftigt, liegst Du richtig, das sehe ich genauso. Wenngleich es da sicherlich auch interessante Detail-Debatten gibt. Ich will das ja nicht in Bausch und Bogen verdammen. Gut auch, daß Momorulez im Urlaub ist und das gar nicht erst liest. Er findet mein Abwatschen dieser Philosophie meist ein wenig ungerecht und oberflächlich.

    Mit dem Gehirn-imTank-Bild müßte man sich natürlich im Detail beschäftigen und auch ich meine mich zu erinnern, daß es Putnam drum ging, diese These zu widerlegen.

    Die Argumente vom Nörgler sind in der Tat richtig und konsequent. Luzide, kurz und präzise brachte er das auf den Punkt, wo ich mich mit all den Wendungen und Windungen abmühe.

    Wenn sich Müller im common sense verordnet und ortet, dann ist dies freilich ein Grund, der gegen den Text spicht. Ist dieser Müller-Text als Einführung konzipiert, so mag es angehen. Doch ich bin in bezug auf die Philosophie der Ansicht, daß es dem Leser und der Leserin, welche in der Philosophie anfangen, eher schwindelig werden muß, damit alle Gewißheiten ins Wanken gebracht werden, damit die Welt schwankend wird und damit gefragt wird. Der erste Philosophietext muß wie ein Vollrausch wirken. Trunkenheit, die ergreift und die besoffen macht, die einen umfallen läßt. Der common sense ist der schlechteste Ratgeber innerhalb der Philosophie. Staunen und zweifeln gleichermaßen gilt es fruchtbar zu machen. Philosophie und Kunst sollen nicht erbaulich sein. Insofern ärgern mich dann auch Philosophie-Einführungen, die im seichten Tone verfaßt sind. Th. Nagels Text „Was bedeutet das alles“ ist eher für Schüler in der siebten, achten Klasse geeignet, nicht aber für Studenten. Aber dies ist wiederum ein ganz anderes Thema.

  19. Bersarin, ich verstehe deine Antwort an mich nicht. Was soll da das „Sinnkriterium“ sein und (was immer es bedeuten mag) warum fehlte dieses Kriterium in der Analytischen Philosophie? Ich fragte ja, was am GiT-Problem so „unsinng“ sei, das war ja eine explizite These von dir. Für die hätte ich gern eine Erläuterung.

  20. Das Sinnkriterium war eine ironische Anspielung. Es sollte vertraut sein, wenn man sich mit dem Neopositivismus der Wiener Schule beschäftigt. Einen Teil der Kritik formulierte bereits summacumlaude. Dies brachte ich durch meine Zustimmung sowie die ergänzenden Überlegungen zum Ausdruck. Hinzuzufügen sei, daß ich diese Gehirn-im-Tank-Angelegenheit nicht für gelungene Philosophie halte: insofern eben mein Verweis auf das Sinnkriterium, nur mit ein wenig vertauschten Vorzeichen.

    Ansonsten kopiere ich hier den Text des Nörglers als Antwort in jener Diskussion auf „Kritik und Kunst“ ein, weil er – unabhängig von dem Kontext hier – Wesentliches zusammenfaßt – insbesondere, was die Subreption und Simulation von Tradition anbelangt:

    Zitat Nörgler: „Descartes beweist die Unzweifelhaftigkeit der Existenz der res cogitans, indem er die objektive Geltung der geistigen Formen der Anschauung beweist: Selbst wenn wir, sagt Descartes, nur der Trauminhalt eines schlafenden Wesens wären, gälte doch noch immer soviel, dass diese illusionären Trauminhalte Formen, Farben und Gestalt haben.
    Das gleiche gilt unter der Annahme eines übelwollenden Dämons, der uns ständig täuscht, denn über die Formen selbst könnte er uns nicht täuschen, da seine Täuschungen, um existieren zu können, Form haben müssen: Ohne Form wären sie nicht, und damit gäbe es keine Täuschung.(Dass Descartes dann noch den ontologischen Gottesbeweis aus der Gruft holt, um zu beweisen, dass es den bösen Dämon nicht geben kann – geschenkt, weil er das gar nicht gebraucht hätte.)

    Das ist es, worum es Descartes geht. Die Frage, ob wir ein „Gehirn im Tank“ sind, ist nicht das Problem seiner Philosophie. Das hängt damit zusammen, dass Descartes zu einer Zeit lebte, in der die Philosophie noch eine seriöse Veranstaltung war, die sich nicht mit Quatschproblemen beschäftigte, auf die man nur dann kommt, wenn man in der Tradition nicht zuhause ist.
    Solchen Käse kann man nicht verhindern, aber dessen Rückprojektion zum Zwecke der Traditionserschleichung ist dann doch eine Katze, der die Schelle anzuhängen ist.“

  21. Ehrlich gesagt kann ich mit der Antwort von summacumlaude nichts anfangen. Was genau z.B. soll da ein „Wahnbild“ sein? Worüber wird da überhaupt geredet? Über die GiT-Hypothese? Oder über Putnams Kritik daran? Was sind „Git-Apologeten“? Sind das Skeptiker, die die GiT-Hypothese vertreten? Sind das allgemein Leute, die die Existenz der Außenwelt bezweifeln? Sind das Leute, die behaupten, dass es sich bei der GiT-Problematik um keine sinnvolle philosophische Debatte handelt? – Kurz, das ist alles ziemlich unklar.

    Unabhängig davon bleibt nun die Frage, was am GiT-Gedanken unsinnig ist. (Auch hier: Was soll genau unsinnig sein – die GiT-Hypothese? Putnams Kritik an der GiT-Hypothese?) Mit dem empirischen Sinnkriteriums Carnaps hat das nix zu tun; dass das problembeladen ist, wussten Putnam und Co. schon lange.

    Zu Descartes: Da sehe ich erstmal nicht den Zusammenhang zu meiner Frage. Und was da gesagt wird, halte ich für falsch. Selbstverständlich geht es bei allen Unterschieden im Detail bei Descartes‘ deus-malignus-Gedankenexperiment und beim GiT-Gedankenexperiment um dieselbe Frage: Können wir etwas über die Außenwelt wissen bzw. können wir gerechtfertige wahre Überzeugungen darüber haben? Darum geht’s, wenn auch jeweils verknüpft mit in der Tat sehr verschiedenen Detailproblemen. Wer behauptet, diese Frage wäre unwichtig, ein Wahnbild, oder irgendwie fehlgeleitet, der sollte das gut untermauern können.

    Ich mag zwar dein Blog, aber dieses Ausweichen vor klaren Formulierungen ist ganz schön anstrengend.

  22. @ Der blinde Hund
    Unsinnig ist die Art der Fragestellung und die Relevanz der Frage, insbesondere daß hier ein scheinhafter Bezug zur Tradition hergestellt wird. Dazu noch einmal der Verweis auf den Text vom Nörgler. Und bei dieser Art von Fragestellung trifft dann (in einer abgewandelten Form) auch das Sinnkriterium. Die analytische Philosophie konstruiert teils haarsträubende Beispiele und höheren Blödsinn, der mit Philosophie in einem emphatischen Verständnis nicht das geringste zu schaffen hat. Um es überspitzt zu sagen, ins Absurde zu treiben und zu versinnlichen: Was wäre, wenn wir Fernseher sind, die gerne Birnensaft trinken? Aber nur an Freitagen. Und was wäre wenn der gegenwärtige König von Frankreich glatzköpfig ist? Mir will die analytische Philosophie (teils) ein wenig anmuten wie die Szenen und Filme bei Monty Python (http://www.youtube.com/watch?v=1AeN_inSgpg). Insofern bewege ich mich dann doch lieber in der Tradition und bleibe bei Descartes oder bei Platons Höhlengleichnis, welches im Rahmen einer Erzählung eine philosophische Frage aufwirft. Ob man Descartes Argumente nun für falsch hält oder ob sie falsch sind ist allerdings zweierlei.

    Mir ist nicht klar, was Dir bei summacumlaude nicht klar ist. Jeder seiner Sätze ist doch verständlich und auch allgemein begreiflich geschrieben. Lies doch den Text einfach noch einmal, da steht doch drin, was GiT-Apologeten sind. Ein Wahnbild ist ein Bild, das im Wahn erzeugt wurde – mithin ein falsches Bild bzw. ein Bild, das sich mit den Bildern, die eine genügende Vielzahl anderer sich erzeugen nicht deckt. Ja, Putnam kritisiert dieses Gehirn-im-Tank-Konstrukt, das ist richtig. Und eine Auseinandersetzung damit, würde eine detaillierte Kritik erfordern, in der eben auf die Fragen nach Subjekt, Objekt, Bewußtsein und Selbstbewußtsein sowie Sprache rekurriert werden müßte. Das ist in der Tat nicht in einem kurzen Kommentartext zu bewältigen, weil wir hierbei mal eben, ohne den Namen Putnam auch nur erwähnt zu haben, mehr als die halbe Tradition der Philosophie abhandeln müßten, kulminierend in Kant und Hegel.

    Ich denke, Du hast den Scherz, welchen ich mit dem Sinnkriterium trieb, nicht recht verstanden. Ein Witz freilich, den man erklären muß, der ist dann am Ende wenig witzig. Entweder man versteht oder man versteht nicht. Man kann das üben, aber wie in der Liebe resp. beim gelungenen Sex oder beim Umgang mit Kunst, ist das nicht in einer analysierenden Weise zu explizieren. Dann macht es nur noch halb so viel Spaß.

    Wie gesagt: man kann diese GiT-Sachen betreiben, aber man nenne es bitte nicht Philosophie. Ich selber sehe mir dann lieber „Matrix“ oder „Die Truman Show“ an, wenn ich mich unterhalten will.

    Die wesentliche Differenz zwischen uns (und auch die Differenz zwischen Putnam und Kritischer Theorie) dürfte darin liegen, daß wir aus zwei ganz unterschiedlichen Denksystemen kommen, die so recht nicht zusammen passen.

  23. Angesichts neuerer Fragestellungen, zum Beispiel nach der Definition von „Mensch“ im Zeitalter der Gentechnologie und angesichts von Vorboten einer starken künstlichen Intelligenz, sind“ haarsträubende Beispiele“ wie GiT (was eine starke KI mehr oder weniger wäre) nicht mehr einfach so wegzuwischen, und der Bezug zu Descartes ist vorhanden, weil Descartes erster Grundsatz immer noch als solide Grundlage der Untersuchung dient.

    Richtig ist, dass die „Philosophie in einem emphatischen Verständnis“ (Alltagserfahrung, Ethik, Ästhetik, Schulterklopfen) dabei zu kurz kommen kann.

  24. Als Spezialgebiet einer Wissenschaft oder im Rahmen der KI-Forschung mag das GiT als heuristisches Modell taugen. Aber Beispiele spielen eben nur bei. Mehr nicht. Sie sind keine Philosophie. Natürlich kann sich alles auf dieser Welt Philosophie nennen, es gibt ja sogar die Unternehmensphilosophie. Nur ob es das an und für sich und an ihrem Begriffe gemessen auch ist, dies steht dann auf einem anderen Blatt.

    Ich stecke nun nicht im Detail dieser Putnam-Geschichte, es will mir dieses Beispiel des GiT jedoch als aufgewärmter Quark erscheinen. Wie gesagt: literarisch bzw. ästhetisch recht originell – ich stelle mir das als Film vor. Fast könnte David Cronenberg dazu einen Film machen.

  25. Schön finde ich die summacumlaudische Radikalisierung dieses Problems, das wiederum, wie ich es Anfang dieses Jahres jedenfalls noch verstand, eine Radikalisierung des Zwei-Welten-Problems Putnams darstellte, welches wiederum … (da steckt schon noch eine philosophische Tradition dahinter) … darstellt: was wäre, wenn wir wir Gehirne in Tanks wären, die allerdings nicht zurechnungsfähig wären, da sie unter einem Wahn litten ?

    charakteristisch ist ja an Putnams Beweis, dass wir keine Gehirne im Tank sind, ist ja, dass, wer seinen Beweis in der ausführlich diskutierten Form von G. Müller noch einmal durchgeht, mindestens mit einem derart durchgeknoteten Gehirn wieder herauskommt, wie jemand, der einem Verrückten versucht zu erklären, dass er in einem (in sich geschlossenem) Wahnsystem lebt. (Das Ergebnis ist ja in dem Text, dass das in der Tat ein Scheinproblem ist, nur macht Putnam/Müller sich die Mühe, das einmal zu demonstrieren und den Gegenbeweis im einzelnen durchzubuchstabieren). – wobei, ich wiederhole mich, die genannte skeptische Position eben nicht als eine verrückte weggeschoben wird.

    Mag es sich um Philosophie handeln oder nicht, sie erfüllt jedenfalls ein Hauptkriterium kritischen Nachdenkens, wichtige Gedanken sind nämlich exemplifizierbar. D.h., ein Nachdenken, das bereit ist, sich sogar zur eigenen Existenzbedingung macht, ob es ein Antwort auf die Frage gibt, oder ob diese Frage überhaupt stellbar ist, nämlich die Frage: stellt sich diese Frage überhaupt? Putnam geht es gewissermaßen darum, wie solche Selbstimmunisierung, und vielleicht könnte man dies noch auf ebendiese philosophische Richtungen ausdehnen, die sich damit begnügen, etwas als nichtphilosophisch abzutun, ausdehnen, zu durchbrechen, und dies ein für alle mal klarzumachen. Die Exemplifizierbarkeit ist in gewissem Sinne eine Vorausversicherung gegen die Selbstimmunisierungssehnsucht und die Holismusfalle.

    Sind wir, oder wer ist nun verrückt ? „Das machen wir hier so“ – und das nennen wir Philosophie, ist in meinen Augen keine befriedigende Antwort.

    Hast du, Bersarin, mal Platon auf englisch gelesen, „Hello, my dear fellows“? Philosophie, im emphatischen Verständnis, und gerade Platon ist hierfür ein Paradebeispiel, ist eben auch eine Frage des Stils. Und der ist eben immer auch im Alltag aufzufinden bzw. aufzusuchen (um dieses Mal das „zu verorten“ zu vermeiden). Insofern möchte ich hANNES wURST´s Aufzählung noch etwas hinzufügen, was sich im Alltag auffinden lässt und sich damit als Gegenstand des Philosophierens qualifiziert, nämlich den Humor. Was sich nicht für einen Monty-Pythischen Gag eignet, oder für einen von Ernie und Bert, oder der Muppets Show, ist alles Mögliche, nur keine Philosophie. Insofern kommt die Philosophie mit Helge Schneider an ihr Ende.

  26. Unsinnig ist die Art der Fragestellung und die Relevanz der Frage

    Wie ich schon sagte, beim GiT-Gedankenexperiment (GiT-GE) geht es um die Möglichkeit von Wissen, genauer: um die Frage, ob wir berechtigterweise annehmen dürfen, wahre Überzeugungen bezüglich der Außenwelt zu haben. Das ist eines der Kernprobleme der Philosophie seit der Antike. Mir ist immer noch vollkommen unklar, was daran unsinnig sein soll. Zumal die Antworten auf die skeptische GiT-Frage interessante Ergebnisse in der Semantik oder in Bezug auf a-priorisches Wissen liefern können.

    Du kannst natürlich behaupten, dass die GiT-Diskussion keine Philosophie, auch keine Philosophie „im emphatischen Sinne“ (?) sei, nur ist das nicht besser als die vorhergehenden Behauptungen über GiT und Analytische Philosophie, die hier in dem Kommentaren so gegeben wurden – da fehlt schlicht das Argument.

    Das GiT-GE hat nebenbei gesagt auch nichts mit „KI-Forschung“ zu tun und ist auch nirgendwo ein „heuristisches Modell“.

    Die analytische Philosophie konstruiert teils haarsträubende Beispiele und höheren Blödsinn, der mit Philosophie in einem emphatischen Verständnis nicht das geringste zu schaffen hat. Um es überspitzt zu sagen, ins Absurde zu treiben und zu versinnlichen: Was wäre, wenn wir Fernseher sind, die gerne Birnensaft trinken?

    Dieses Fernseher-Gedankenexperiment würde in der A.P. niemand konstruieren, weil es keine interessanten Fragen enthält. Das ist im GiT-Fall anders, siehe oben.

    Insofern bewege ich mich dann doch lieber in der Tradition und bleibe bei Descartes oder bei Platons Höhlengleichnis, welches im Rahmen einer Erzählung eine philosophische Frage aufwirft.

    Die Frage nach der Möglichkeit von Wissen über die Außenwelt _ist_ eine platonische und eine cartesianische Frage. Das GiT-Experiment steht genau in dieser Tradition, insbesondere natürlich in derjenigen des cartesischen deus-malignus-Arguments. Das kann Nörgler gern leugnen, es ist aber schlicht Lexikonwissen, dass es sich so verhält: http://plato.stanford.edu/entries/brain-vat/

    Die wesentliche Differenz zwischen uns (und auch die Differenz zwischen Putnam und Kritischer Theorie) dürfte darin liegen, daß wir aus zwei ganz unterschiedlichen Denksystemen kommen, die so recht nicht zusammen passen.

    Ich komme nicht aus dem „Denksystem“ (?) namens Analytische Philosophie, was auch immer das sein soll; ich sehe nur, dass die Jungs und Mädels der A.P. gewichtige Fragen am Wickel haben und sie ohne unnötiges Großsprechertum lösen wollen. Insofern ist mir die A.P. in der Tat sympathischer als so manch kontinentales Sehertum. – Insofern man unter Philosophie aber das Argumentieren (als Kerngeschäft) versteht, gibt es da von meiner Seite aus keine Begrenzungen. Wenn sich gute Argumente z.B. gegen Sinn und Fruchtbarkeit des GiT-GE geben lassen – prima! Ich lass mich da gern überzeugen! Nur seh ich bis jetzt diese Argumente nicht.

  27. @ der blinde Hund
    Ja, die Frage nach der Außenwelt ist in der Tat eines der Kernprobleme. Aber nicht in dieser Schmalspurweise. Es gibt falsche Fragestellungen und Wege, die in die Irre führen. Das endet dann wie im Blair Witch Project.

  28. @ ziggev
    Was Putnam betrifft, so sind wir an dem Punkt, wo ich meine Kritik im Detail, und das heißt am Text und vor allem an Putnams Verfahren darlegen muß. Obwohl ich im Grunde wenig Lust verspüre, mich momentan mit der (sprach-)analytischen Philosophie zu beschäftigen. Aber vielleicht schaffe ich es, den Text von Putnam noch einmal zu lesen und dazu die Kritik von Müller, und man müßte dabei wohl auch sein von ihm angezeigtes Buch „Hilary Putnam und der Abschied vom Skeptizismus. oder Warum die Welt keine Computersimulation sein kann“ hinzuziehen. Wobei: wenn ich den Titel lese, möchte ich in das Buch schon gar nicht mehr hineinlesen, weil bereits diese Aussage eine Form ist, für die Nörgler zu recht den Begriff des Quatschproblems verwendete. Ich danke Dir aber dennoch für diese Hinweise sowie für Deine Ausführungen hier.

    Wer diese Fragen nach dem Bewußtsein und dem Selbstbewußtsein auf diese Weise beantworten oder klären möchte, kann dies gerne so betreiben. Man kann sich den ganzen lieben Abend damit beschäftigen, wie es sich um den Abendstern und den Morgenstern, wie es sich um Walter Scott und den Autor des Waverley oder um den gegenwärtigen glatzköpfigen König von Frankreich verhält. Ich nannte diese Dinge zu meiner Studienzeit Ameisenficken. Philosophie sollte aber darin bestehen Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen.

    „Hello, my dear fellows“: Warum müssen manche Engländer und Amerikaner immerzu auf Kumpelei machen? Das mutet nicht besser an als dieses Wittgensteinsche joviale Geduze, das mich bereits in meinen jungen Jahren ärgerte: Anlabern von der Seite gibt sich als Philosophie. Das ist common sense im schlimmsten Sinne. Das, was sowieso schon ist, wird im Spiegel gedoppelt und reproduziert sich unheilvoll. Freilich ist bei Platon der Zusammenhang des griechischen Denkens und der Epoche zu sehen. Und insofern nähert man sich Platon besser auf die ethymologische Weise, indem man bei kniffeligen Stellen auf das Griechische geht.

    Bei der Philosophie Platons handelt es sich um eine solche, die im Narrativen, im Erzählerischen fußt, sie ist dem Mythos verschwistert, und sie treibt zugleich über ihn hinaus. Es ist dies ein ganz anderes Konzept der griechischen Philosophie als die des Aristoteles, wo es in die wunderbaren „Eiswüsten der Abstraktion“ hineingeht. Hier wird die Philosophie zur Theorie, und zwar im besten Sinne. Das bedeutet nicht, den Alltag auszuscheiden – ganz im Gegenteil. Aber die theoretische oder ästhetische Betrachtung des Alltages, die dieser Blog so gut es geht zuweilen auch leiste – nicht nur über das Visuelle –, liegt auf einer anderen Ebene als dieser Alltag selbst, für welchen ich in der Regel den Terminus Gesellschaft verwende. Ein wenig schwingt bei diesen Rekursen und dieser Hypostase des Alltags zugleich eine Form von Unmittelbarkeit mit, der ich äußerst skeptisch gegenüber stehe. Es wird mir dabei zu sehr auf das So-Sein gepocht – ohne die nötige Distanz. Glücklicherweise ist Momorulez auf Sylt und liest (list hätte ich fast geschrieben) nicht mit. ,-)

    Ja, Philosophie ist eine Frage des Stils. Das ist richtig. Und insofern bleibt guter Philosophie die Form und die Weise der Darstellung nicht äußerlich – das zeigt sich an Benjamin, Adorno, Hegel, Marx, Derrida oder Foucault und Nietzsche. (Man kann hier meinetwegen auch Wittgenstein mit hinzunehmen. Aber da haben wir wahrscheinlich gleich den nächsten Streitpunkt im Raume. Heidegger kann man nicht hinzuzählen, weil seine Sprache eine furchtbare ist. Hier gilt es den Gehalt seiner Philosophie von Heideggers Art des Schreibens zu trennen.)

    Es handelt sich in der Philosophie – das sei von der Dekonstruktion Derridascher und de Manscher Prägung geborgt – auch um eine Frage des Schreibens, des Literarischen, der Buchstabens und ihrer Anordnungen.

    Mit Helge Schneider ist die Philosophie nicht zu ihrem Ende gekommen – freilich kann sie eine andere Dimension einschließen, siehe auch hier: http://www.youtube.com/watch?v=ntQDyLpoLWM. Diese Musik und diese Dimension kann man in der Reflexion vielleicht im Sinne Siegfried Kracauers oder Benjamins einholen, indem die Elemente des Alltags über die ästhetische, literarische Form (etwa die des Aphorismus) in die Theorie gebracht werden.

    Es gibt kein Ende der Philosophie – es sei denn als Ende des Lebewesens Mensch sich ereignend.

  29. @der blinde Hund: GiT handelt nicht von KI, kann aber auf eine starke KI angewendet werden, die im „Tank“ der Informationen gefangen ist, die ihr eröffnet werden. Interessant zu beobachten, wie die KI ontologische Untersuchungen anstellt und vielleicht eigenständig auf den Trichter kommt, dass ihr Informationen vorenthalten werden bzw. dass sich ihr gesamter Erfahrungshorizont in einer Simulation erschöpft.

  30. Mit Stil bei Platon meinte ich das Großartige an Platon, dass er seine besten Dialoge immer in einem Alltasgsseting ansiedelt, um, beziehungsweise seine Protagonisten tun es dann, stilistisch zu glänzen, nee, das ist noch viel zu zurückhaltend ausgedrückt, es ist hier eindeutig Mittel zum Zweck, und dann – dann – kommt Philosophie dabei heraus. Philosophisch gesehen ist der Alltag eine Stilfrage.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.