Jim Henson zum 75. Geburtstag

Dank zu sagen gilt es, für alle diese wunderbaren Stunden, die ich als 13- und 14-Jähriger vor dem Fernseher verbrachte, wenn die Muppet-Show lief. Nachmittags am Samstag, in den späten, den bleiernen 70er Jahren. Es war auch diese Serie ein Produkt der Bewußtseinsindustrie, aber subtil können sogar solche Sendungen anders polen, und sie laufen unberechenbar. Das Geschehen in dieser Show war wild, absurd, anarchisch vor allem, und diese Mischung hat sicherlich viele Kinder und insbesondere ihre Phantasie geprägt. Ich will keinen pädagogischen Vortrag halten, inwieweit solche Momente nun wichtig oder unwichtig sind. Erfahrung kann sich an vielem entzünden, am Ende kommt es auf den Kopf an, dem etwas aufgeht oder eben nicht. Die einen reagierten auf das Visuelle, die Puppen, ihre Fertigung und die Kostüme, die anderen auf die Sprache und den Witz der Szenerie. Für mich als kindlichen Possenreißer waren naturgemäß die Szenen, die Sprache, die Anordnung, das Timing wichtig. Aber schon vor den Muppets, wohl inspiriert durch die Sesamstraße, entwickelte ich mir sprechende Tiere, die ich in der Quinta auf einer Klassenfahrt zum Einsatz brachte. Die anderen Kinder fragten mich über die von mir ausgedachten Tiere immer mehr aus, wollten weitere Detail, was ich unverständlich fand, weil es doch bloße Phantasie- und Stofftiere waren. Aber ich dachte mir dann etwas aus. Und langsam begann ich zu realisieren, daß ein gewitzter Mensch mit Sprache sehr viel mehr Erfolg haben kann, als wenn einer, der Klassenstärkster oder Klassenzweitstärkster ist, andere mit Keile bedroht. Der haut einem zwar eine, wenn man ihn mit Worten dumm dastehen läßt, die Mädchen freilich danken einem diese gewitzten Worte reichlich und in Fülle. Den in der Obersekunda geäußerten Hinweis eines sportlichen Schülers im Basketballschulsportkurs „Werf den Ball rüber!“, konterte ich mit: „‚Wirf‘, Imperativ, Erweiterung des Stammvokals“. Die Mädchen lachten und besonders die eine, auf welche ich abzielte. Die eigene Mannschaft, deren Spiel ich zerstörte, amüsierte sich nicht so sehr, der Sportlehrer schwieg.

Ich für meinen Teil jedoch war begeistert von dieser Muppet-Show, auch wenn ich nicht alles an Witz verstanden habe. Das Prinzip jedoch war mir klar.

Man kann Kindheit und Jugend kaum zurückholen, und sie evoziert sich auch selten im Geschmack eines Gebäckstückes. Aber zuweilen entzündet sie sich an anderem. Die Wiederholung und die Erinnerung sind nur im ästhetischen Akt möglich, mithin in der Kunst und in der Philosophie. Philosophie heißt eben auch, wie dies Adorno schrieb, die Kindheit wieder einzuholen, sei dies nun auf philosophisch konzipierte oder auf ästhetische Weise. Freilich geraten solche Versuche nach den aphoristischen Texten Benjamins und Adornos epigonal. Und, nebenbei gesprochen, Benjamins Konzept der Aura, wie er es u. a. in seinem Kunstwerkaufsatz entwickelte, hängt mit genau diesem Moment der Kindheit zusammen. Sobald man sich dieses Vergangene mit Willkür einzuverleiben versucht, entfällt es und verschwindet.

Ja, wir hockten vor dieser Flimmerkiste, jenem Altar des 20. Jahrhunderts, der zuweilen in der einen oder anderen Wohnstube in der Schrankwand versteckt war, deren Türen dann bei Bedarf aufgeklappt wurden. In den frühen oder mittleren 70ern schwebte da Pan Tau oder es sprang Emma Peel heraus, und ich sah ebenso die Bilder aus Vietnam: ein einziges Mal, weil meine Eltern es vergaßen, mich ins Bett zu bringen. Und noch ein zweites Mal, als ein Hippiefreund meiner Eltern, der sich dann Jahre später vor die U-Bahn warf, während des Memory-Spiels im Hintergrund den Fernseher laufen ließ, weil er gerne den „Weltspiegel“ sah. Die Eltern waren auf einer Wochenendreise und er paßte auf mich und die Schwester auf. Dieser freundliche Hippiefreund mit den lustigen lachenden Augen hatte es niemals verwunden, daß seine Freundin Ende der 60er aus dem Fenster eines Hochhauses sprang.

Aber zurück zur Muppet-Show. Und so gebe ich, entgegen der Gewohnheit, den Blog nicht mit Videos vollzumüllen, zur Ausnahme drei Szenen hintereinander. Weil‘s so schön ist.
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Jim Henson zum 75. Geburtstag

  1. hanneswurst schreibt:

    Ich kannte keine der drei Szenen, trotz früherer intensiver Befassung mit den Muppets. Immerhin ist mir aufgefallen, dass Miss Piggy die original MILF ist, unabhängig davon, ob sie schon Ferkel geworfen hat oder nicht.

  2. Bersarin schreibt:

    So differenziert habe ich es in bezug auf Miss Piggy gar nicht betrachtet.

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