Fronleichnam (2) – Und wir sind wieder Papst. Ab 22. September: You are not welcome!

Ich bin launisch, ich lasse mich treiben, und ich bin von den Momenten hin und her gerissen. Ich fange ein Projekt an und wenige Tage später verliere ich die Lust daran oder bemerke den Schwierigkeitsgrad und sehe, daß ich es derart wie begonnen, kaum werde fortführen können, ohne unterkomplex zu geraten. Es gibt Wesen, die bleiben in der Flatterigkeit des Kierkegaardschen Ästhetikers. Sie schaffen weder den Sprung noch den dialektischen Dreh der engagierten Wende. Sie verbleiben in der Reflexion und in den unendlichen Möglichkeiten. Mit tiefer Inbrunst könnte ich einen katholischen Geistlichen abgeben, der auf der Kanzel predigt. Genauso könnte es jedoch geschehen, daß ich mitten in der Predigt die Lust verliere, von der Kanzel steige und sage: „Ihr könnt mich am Arsch lecken. Ich gehe einen Schweinebraten mit leckerer Kruste essen und dazu trinke ich eine Flasche Spätburgunder! Weibsleute unter euch, welche weniger als dreißig Lenze zählen, dürfen mitkommen.“ „Gott, bist du Otto Mühl?“, fragt dann einer. „Sind sie dafür nicht zu alt?“ Ja, irgendwie schon.

Wie kann man das Abendmahl und die damit verquickten Komplexitäten adäquat darstellen? Es müßte im Grunde ein Rückgriff auf Aristoteles Kategorienschrift erfolgen und auf die Substanzbücher seiner Metaphysik. Gibt es gar Leserinnen oder Leser, die mir diese theologische Wende als Eskapismus auslegen? Gerät der Blog in falsches Fahrwasser? Nein, man kann bei diesen Dingen natürlich mit Ernst Bloch kontern, der das Christentum, etwa in seiner Schrift zu Thomas Münzer, verschiedentlich stark machte. Und es kann kaum schaden, das ein oder andere Mal systematische Philosophie zu betreiben und nicht beim Fragment und im Zerrissenen zu verharren.

Wesentlich betritt mit Berengar von Tours ein Aufklärer die Bühne der mittelalterlichen Philosophie. Denn mit der Überlieferung der Schriften des Aristoteles aus dem arabischen Raum ergab sich eine ganz neue Konstellation von Glaube und Wissen. Es mußte nicht mehr alles geglaubt werden, was gepredigt wurde. Hier soll nicht das Wissen eingeschränkt werden, um zum Glauben Platz zu bekommen, sondern es geht anders herum. Nur mit der Vernunft galt es die Wahrheit des christlichen Glaubens zu beweisen.

Aber damit sind wir freilich noch nicht bei der Substanz angelangt, die ich weiterhin aufspare.

Ansonsten: kommen Sie doch einfach am Donnerstag den 22. September nach Berlin, wenn es wieder einmal heißt: Wir sind Papst! Die Springerpresse, welche ihren Sitz in diesem dreckig-speckig, antiquiert anmutenden Hochhaus bei der Kochstraße hat, entblödet sich nicht, ein Jubelpapstplakat an der Fassade anzubringen. Ich hätte dort freilich lieber Döpfner und Diekmann hängen sehen.

Ich hoffe, daß viele Menschen in Berlin und an den Folgetagen in Erfurt und Freiburg gegen diesem Dreck protestieren.X

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Ansonsten spielt heute Abend in Berlin als Ausgleich für den zu erduldenden Unbill die wunderbare Erika M. Anderson, kurz EMA. Tolle Frau, tolle Musikerin.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Fronleichnam (2) – Und wir sind wieder Papst. Ab 22. September: You are not welcome!

  1. Iris schreibt:

    Ja!
    Und es ist zu hoffen, dass der Protest sich in viele verschiedene Farb- und Klangschattierungen kleidet, denn genauso unerträglich wie eine in Ehrfurcht erstarrende und verstummende Herde ist eine im Gleichklang marschierende und skandierende, auch wenn es „dagegen“ geht.
    Freundliche Grüße von einer gerade gespannt auf Berlin schauenden Freiburgerin, deren Denken im Grundsatz dem Ihren ähnelt, aber deren Sprache eine ganz andere ist.
    [zum Papstbesuch: http://iris-bluetenblaetter.blogspot.com/2011/09/laienhafte-anmerkungen-zur.html%5D

  2. momorulez schreibt:

    Ich würde dem Herrn Kant jaimmer beipflichten, dass es gilt, der Vernunft Grenzen zu setzen, um dem Glauben Raum zu verschaffen – das aber eher im Sinne der mystischen Seite des „Worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen“-Wittgensteins oder der negativen Theologie unserer geliebten, Kritischen Theoretiker. Auch und gerade, weil der Papst ja „erweiterte Vernunftbegriffe“ ständig wortreich vorträgt. Und wenn man dann die Bezüge der negativen Theologie zur Ästhetik bedenkt und sich Deine Gedanken und Bilder zum Isenheimer (?) Altar vergegenwärtigt, kann man sich auch fragen, wieso der Papst eigentlich so viel herum quatscht über Rechtsphilosophie, anstatt mal lieber still zu beten und sich Gedanken über Jesus Christus zu machen.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Iris
    Ja, im Schreiben sind wir in der Tat unterschiedlich. Ich selber schreibe eher in der Form des Essays, der Glosse, der Kritik.

    Freiburg ist allerdings eine sehr interessante Stadt, wenngleich ich es nach einem Tagesbesuch freilich gar nicht adäquat beurteilen kann. Nun habt auch Ihr diesen Mann noch vor Euch.

    Am besten macht man gegen den Besuch des Scheinheiligen Vaters ästhetisch mobil, indem man etwa Kino zeigt: so z. B. einen Pabst-Abend mit: „Die freudlose Gasse“.

    @ Momorulez
    Ja, sehr richtig, vom heute aus gesehen ist das, was der Papst äußert, absurd und philosophisch geradezu widersinnig. Von den politischen Implikationen dieser verlogenen Moral gar nicht zu sprechen. Andererseits jedoch, etwas provokant gesagt, maskiert sich der Papst nicht und fängt an, in Ökumene zu machen oder hält Rockmusik-Gottesdienste ab, was ich ebenso schrecklich finde. Man weiß zumindest, wo er steht, diese Position kann man dann bekämpfen. Etwas überspitzt gesagt: Wäre ich Oberhaupt der katholischen Kirche, wiche ich von der Liturgie kein Stück ab: wer das nicht mitmachen will, kann eine andere Kirche gründen. Beim Sex und den Formen der Liebe wäre ich sehr freizügig. Denn Gott liebt die, welche lieben, egal auf welche Weise sie das tun und egal wen sie lieben. (Ach, das habe ich aber sehr schön gesagt: Ich glaube diese Worte werde ich demnächst in donnerndem Theaterpredigerton von der Kanzel sprechen.)

    Ich will hier aber zugleich nicht in den Chor der Papstverteidiger und der Verständigen à la Augstein einfallen. (Was an diesem Heini links sein soll, erschließt sich mir nicht.) Der Papst ist dafür zu kritisieren, daß er unter der Tarnkappe der allgemeinen theoretischen Reflexion Normatives und Regelwerk ableitet und vermittels dessen die empirischen Gehalte einschmuggelt. Aus dem Wesen Gottes läßt sich aber nicht das Verbot gleichgeschlechtlicher Liebe und/oder des vorehelichen Sexes eruieren.

    Im Grunde halte ich gar nichts von der Religion, da wo sie auf der Ebene des Rituals und der Regeln liegt. Wer keinen Sex vor der Ehe haben will, wer kein Schweinefleisch essen mag, wer beim Gebet Gebetsriemen tragen möchte usw., der kann das alles gerne praktizieren. Diejenigen, welche das machen, sollen aber andere damit in Frieden lassen. Warum müssen am Sonntag um 10 Uhr die Kirchenglocken läuten? Wenn die Gewerkschaften zu einer Versammlung aufrufen, dröhnt und bimmelt es ja auch nirgends eine halbe Stunde ohne Unterlass. Wer je neben einer Kirche wohnte, weiß, was ich meine. Es läßt sich aus diesen Regeln und Ritualen normativ nichts, was für die Welt ist, ableiten. Und insofern sollte der Satz des Jesus vor dem Pilatus wörtlich genommen werden: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Dort und nur dort können die Aspekte, welche Ratzinger doktrinieren möchte, ihren Ort haben.

    Alle Religion ist von übel, sobald sie Ansprüche für die Welt ableitet.

    Als theoretisches Konstrukt mit seinen zahlreichen philosophischen Implikationen sind die Religionen freilich – auf der Ebene der Theologie – interessant. Das liegt dann aber im Grunde auf einer ästhetischen sowie einer theoretischen Ebene. Inwiefern sich eine Stück Brot von der Substanz wandelt, aber bei gleichbleibender Akzidenz ist eine interessante Frage, die sicher auch das Moment der Magie, des Hinzutretenden berührt: jene Actio in distans, von der u. a. auch Nietzsche in der „Fröhlichen Wissenschaft“ spricht.

    Bei Berengar von Tours liegt die Sache natürlich anders als bei Ratzinger, weil man jenen aus seiner Zeit, also vom Hochmittelalter her, sehen muß.

    Auf der Ebene der philosophischen Argumentation – und dies hast Du bei Dir drüben genau richtig dargelegt – dürfte der Papst sehr schnell zu widerlegen sein.

  4. che2001 schreibt:

    Aus dem Wesen Gottes lässt sich gar nichts Diesseitiges eruieren. Entweder es gibt einen Schöpfer – kannte mal einen Mystiker, der meinte, dass das nichts mit Erschaffen zu tun hat, sondern dass das Einer ist, der aus dem ewigen Strom des Geistes schöpft, um ihn weiter zu verbreiten – oder es gibt ihn nicht. Die Vorstellung, dass moralisch-ethische Normen auf eine außerweltliche Gottheit zurückgehen sollen ist vor Allem das Gegenteil von Aufklärung: Die Selbstentäußerung, das Sich-Begeben der Eigenverantwortlichkeit. Die mystisch-gnostische Auffassung, dass „Das Göttliche“ nicht von dieser Welt sei läuft darauf hinaus, es in innerer Versenkung zu finden, da es im Materiellen nicht zu haben sei. Paradoxerweise läuft Beides auf das Gleiche hinaus: Es gibt keine weltliche Autorität für geistige Dinge.

    Btw und die allerneuesten Erkenntnisse der Quantenphysik zu Paralleluniversen und möglicher Überlichtgeschwindigkeit finde ich dann doch noch erkenntnistheoretisch sehr hochinterressant: Die Wirklichkeit ist in der Realität völlig anders.

  5. Bersarin schreibt:

    In der Tat läßt sich über das Wesen Gottes nichts erkennen. Es ist verborgen, insofern man denn eine Existenz annimmt. Womit wir in bester Art der Aufklärung eben bei Kant sind, der die Gottesbeweise einer Prüfung unterzog. Großartig ist hier in der Analyse das zweite Buch der KdrV: „Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft“. Arg verkürzt, aber doch witzig und pointiert schrieb Heinrich Heine dazu: „Er handelte da fast ebenso weise, wie mein westfälischer Freund, welcher alle Laternen auf der Grohnderstraße zu Göttingen zerschlagen hatte, und uns nun dort, im Dunkeln stehend, eine lange Rede hielt über die praktische Notwendigkeit der Laternen, welche er nur deshalb theoretisch zerschlagen habe, um uns zu zeigen, wie wir ohne dieselben nicht sehen können.“ Ein weiteres Heine-Zitat dazu bringe am Sonntag, und weil es so gut ist, gleich als Extrabeitrag.

    Sehr gefreut hat mich die Unterscheidung von Wirklichkeit und Realität. Im Grunde kann man auf dieser Differenz sowie auf die Vermittlung derselben nicht genug hinweisen.

    Erschütternd und schrecklich bei diesem Papstbesuch ist es, daß sich Teile der Grünen und der Linken im Bundestag derart angebiedert haben.

    Mit der Moral und dem Normativen habe ich wenig am Hut, außer in der Analyse der Bedingungen derselben und ihrer Möglichkeiten, also dem Strukturellen. Dahingehend läuft dann ja auch meine Kritik an Habermas: Was er mit seiner Diskursethik betreibt, bleibt am Ende affirmativ. Der alte Affe Sozialdemokratie läßt sich nicht exstirpieren und nicht aufheben. Immer wieder fällt es zurück in das Sozialreformatorische. Kritische Theorie enthält sich der Moralphilosophie oder der Ethik. Es läßt sich lediglich ex negativo formulieren.

  6. Spektakulatius schreibt:

    Ehrlichgesagt finde ich, daß Papa Ratzi im Nachinein eine bessere Figur hinterlassen hat als seine Kritiker. Er hat sich wohl an das Vorhersehbare gehalten, während die Abgeordneten unkritisch aupplaudiert haben, beglückt, einmal den Papst getroffen zu haben.
    Die Gegendemonstranten haben sich darin ergangen, daß er ein Nazi sei, was wieder so dermaßen weit an einer wirklich stichhaltigen Kritik an dem erzreaktionären alten Mann vorbeischießt, daß sie sich damit selbst aus einer ernstzunehmenden und leider auch notwendigen Diskussion über den Einfluß der katholischen Kirche herauskatapultiert haben (siehe Godwin’s Law).

  7. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht um die Figur, die einer hinterläßt, sondern darum, wofür eine Charaktermaske einsteht, was sich also dahinter verbirgt.

    Die Herangeschmeiße mancher Politiker an den Papst im Bundestag (insbesondere auf der Seite sich links dünkender Parteien) ist freilich abstoßend.

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