Abu Ghraib. Bilder und Biopolitik (2)

Bevor es mit der ästhetisch-philosophischen Sichtung jener Bilder aus dem Umkreis von 9/11 weitergeht, muß etwas Grundsätzliches gesagt werden, damit es nicht zu Mißverständnissen kommt. Wie bereits beim Kunstwerk ist die direkt und abstandslos genommene Moral, die entweder mit berechtigtem Engagement oder mit dem Ausdruck der unmittelbaren Empörung auftritt und in einen Text einfließt, nicht immer die beste Waffe der Kritik. Im Gegenteil. Das Anliegen mag richtig sein, der Ausdruck ist unzureichend. Moral-(Philosophie) bleibt diesen geschilderten Phänomenen, den Folterbildern äußerlich. Sicherlich kann man mit Kant oder mit Argumenten, die der christlichen, jüdischen, islamischen, hinduistischen Religion entnommen werden, begründen, weshalb solche Folter grundsätzlich verboten ist. Aber diese Positionen sind zugleich unterbestimmt; religiös motivierte Moral ist zudem argumentativ schwierig durchzuhalten, weil das dezisionistische Moment nicht auszuschließen ist. Es muß im Reich des Religiösen eine unbegründbare Instanz in Anspruch genommen, und es muß auf jenen „mysthischen Grund der Autorität“ rekurriert werden. Allenfalls im Rahmen Kants, und zwar in Hinsicht auf das Völkerrecht bzw. auf ein internationales Strafrecht, ist ein philosophischer Diskurs möglich. Dieser stellt wesentlich aber einen rechtsphilosophischen und im Detail dann einen juristischen Diskurs dar. Neben der ästhetisch-philosophischen Sicht geht es um die Kraft des Gesetzes. Um die Gesetzeskraft. (Wobei der Begriff der Kraft zugleich ein ästhetischer Begriff ist, welcher wesentliche Bestimmungen im 18. Jhd. erfuhr.)

Die Motive der verschiedenen Seiten in diesem auf Dauer gestellten Krieg sind vordergründig religiöse. Ob das nun die Sicht verschiedener Teile der US-Regierung unter Bush (und ebenfalls unter Obama) bzw. ihrer offiziellen und inoffiziellen administrativen und strategischen Schaltstellen, die Taliban oder al-Qaida sind. Die auf diesen Motiven beruhenden Grundlagen sind vielmehr eminent politisch – egal ob bewußt oder unbewußt. Die theologisch-politische Dimension wäre sicherlich ein weiterer Aspekt, der im Rahmen dieser Bilder analysiert werden müßte, sei es im Hinblick auf Carl Schmitt, Walter Benjamin, Jacques Derrida oder Giorgio Agamben. Gerade Derrida fragt schließlich nach jenem Bindestrich bei der Koppelung der Dimensionen. Es handelt sich, wie Mitchell zu recht schreibt, auch hier noch einmal um jene Doppelung, wie sie in den zwei Körpern des Königs zum Ausdruck kommt. Der göttliche, ewig lebende Körper – fast muß man schreiben: der Leib – des Souveräns, und jener sterbliche Körper, der zerfällt, verwest, vergeht (Mitchell, S. 257 f. Grundlegend dazu: Ernst Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters).

Was die Ebene der Religion angeht: Ja, der Islam ist nicht grundsätzlich böse, so wie das Christentum nicht grundsätzlich schlecht ist.

Zurecht sind die christlich-evangelikalen Einflüsse samt dem daran gebundenen dichotomen Weltbild in den Blick zu nehmen, welche die Invasion in den Irak (und insgesamt jenen „Krieg gegen den Terror“ – auch – motivierten. Ich halte diese rein religiöse Interpretation andererseits aber für einen vordergründigen Aspekt. Zudem muß man bei solchen politischen Sichtungen wohl aufpassen, nicht in die Falle des „Clash of Civilizations“ oder eines Gegen-Dschihads zu tappen. Auch das Bild als Waffe und Propaganda will bedacht sein: sowohl die Bilder von Al Jazeera als auch die von CNN et al sind nicht nur journalistische Bilder. Der gütig dreinblickende Bin Laden mit einer Schnellfeuerwaffe in der Hand oder aufsteigende F-16-Mehrzweckjets. Wieweit es sich bei diesem Krieg womöglich nur um eine Seite handelt, die Konflikte bewußt schürt, ergibt eine weitere Dimensionen in der Sicht auf die Ereignisse. Ich neige nicht so sehr zu den großen Verschwörungstheorien, es ist freilich momentan nichts auszuschließen. Schein, Erscheinung und Wesen erschließen sich – zumindest auf der Ebene des Empirischen – nicht unmittelbar.

Um also die Mißverständnisse auszuschalten und gleichsam in einem Nebensatz die mitschwingende Intention zu nennen, läßt sich am besten auf Mitchell selbst zurückgreifen. In bezug auf die Analyse der Bilder aus Abu Ghraib schreibt er:

„ Die Arbeit von Seymour Hersh und die ursprüngliche Interpretation durch Susan Sontag und andere haben deutlich gemacht, daß noch sehr viel mehr hinter der Tür verborgen liegt. Gewiß, in einer Welt, in der Menschenrechte und internationale Gerechtigkeit Gesetzeskraft besäßen, würden die Taten der Vereinigten Staaten im Irak als die eines Schurkenstaates verurteilt, der sich über das Gesetz stellt. Die flagrante Mißachtung des Völkerrechts, die von höchsten Vertretern der Bush-Administration (einschließlich des Präsidenten) zum Ausdruck gebracht wurde, gäbe in einer gerechten Welt Anlaß zu einer Strafverfolgung. Aber wir leben nicht in einer gerechten Welt, und es gibt keine Möglichkeit, die Normen des Völkerrechts durchzusetzen. So bleibt denn die Frage: Was soll mit diesen Bildern geschehen, wenn ihre ‚verborgene Geschichte‘ erst einmal enthüllt und ihre politische Wirkung sich (zumindest für den Augenblick) erschöpft hat?“ (S. 159)

In bezug auf die Photographie des Mannes mit der Kapuze und den vom Körper gestreckten Armen aus Abu Ghraib heißt es weiter:

„Wir haben es hier mit einem image of state, einem Zustands- und Staatsbild im präzisen Sinne des Wortes zu tun: einem Bild staatlich geförderter Folter – und der Staat, der dies förderte, ist der unsrige.“ (S. 214)

Soviel als Präludium des Schrecklichen.

Eine Ästhetik des Bösen umfaßt eben nicht nur die Literatur oder überhaupt die Kunst, sondern greift auch auf das Feld des Politischen aus.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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