Nine-Eleven – Bilder des Terrors, „Krieg gegen den Terror“, Gegenterror. Bilder und Biopolitik (1)

„Mach mal den Fernseher an!“

Es weiß fast jede oder jeder, was sie an jenem Tag getan und gemacht haben. Zumindest ab dem Moment, seit der Minute, wo die Betrachter erfuhren oder vielmehr: ersahen, daß da Flugzeuge in das World Trade Center rammten, als die beiden Türme einstürzten und diese Bilder in endlosen Wiederholungsschleifen um die Welt liefen. Dazwischen die Bilder von Rennenden, aus den Fenstern springenden, herabstürzenden Menschen, Menschen im arabischen Raum, die jubelten, Menschen mit fassungslosen Gesichtern, der ausdruckslose Blick George W. Bushs, aber auch jene Photographie von Thomas Höpker, die um einiges später erschien, auf der man ruhig und gelassen plaudernde Menschen sieht, während auf der anderen Seite des Flusses Manhattan in Rauch gehüllt ist. Bilder zu 9/11 von der Photoagentur Magnum gibt es hier.

Ich selber bekam dieses schnitthafte Ereignis relativ spät mit: erst um 16 Uhr 45 MEZ, als ich das Geschäft meines Tabakhändlers/Zeitungsverkäufers betrat und der mir, als ich so unbeteiligt und sachlich-kalt, wie es meine Art ist, Zigaretten orderte, aufgeregt erzählte, daß die USA mit Flugzeugen angegriffen wurden. Ich fragte ihn halb witzelnd, ob Kuba oder Putin-Rußland den USA nun den Krieg erklärt haben, doch der Händler hatte keinen Sinn für dergleichen und sagte: Nein, die USA wurde mit Passagierflugzeugen attackiert. Ich wußte nicht genau, was er damit meinte, sagte „Aha!“ und ging des Weges nach Hause in meinen gemütlichen bürgerlichen Altbau. Sein Gerede erschien mir wirr und undeutlich. Bereits vordem und zuweilen äußerte der Händler sich eigenwillig. In jenem Refugium angekommen, schaltete ich – entgegen meiner Gewohnheit – bereits am späten Nachmittag den Fernseher an. Dann habe ich gesehen, was der Zigarettenhändler meinte und zündete mir eine seiner Zigaretten, die nun die meinen waren, an, griff zum Telephon.

Worauf ich hinaus will: Gesehen. Fast alle saßen oder standen vor den Fernsehgeräten. Deutschlandradio oder andere Radiosender hörte kaum einer. Es war nicht nur eine Macht, sondern auch ein Reiz der Bilder, welcher verschiedene Modi der Rezeption aktivierte, was sich am sinnfälligsten womöglich in dem umstrittenen Ausspruch des Komponisten Stockhausen manifestierte: „Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat …“ (zitiert nach Wikipedia). Im richtigen Zusammenhang besitzt dieser Satz, bei allem Zynismus und Pseudoästhetizismus, der auch darin stecken mag, seine Wahrheit.

Man kann sich den allseits bekannten Bildern von 9/11 und denen, welche dem Umkreis von 9/11 entstammen, auf vielfältige Weise nähern, so wie diese Bilder auf die vielfältigste Weise Reaktionen hervorriefen und immer noch hervorrufen: Von Abscheu, der gepaart war mit einer Faszination – denn warum sonst gäbe es dieses Bild der zwei Türme, in die Flugzeuge einbrechen und die dann einstürzen, die aufsteigenden, sich über New York legende Staubwolke, in dieser unendlichen Schleife der Wiederholung bis hin zur extremen Zeitlupe, wie da das Flugzeug, langsam und langsam, Sequenz für Sequenz in den ersten Turm steuert, wie innerhalb der Sekunden ein Feuerball durch die Fenster sich frist, schleichend, in Bildpunkten, die rot herausspringen? Und weshalb schalteten nur wenige die Apparate nach der dritten Wiederholung aus? Der Hinweis auf Kants Erhabenes scheint mir bei diesen Bildern des Einschlags nicht ganz verfehlt zu sein. Die Zeitlupe des Vorlaufes bannt den Moment, als wollte sie ungeschehen machen. An dieses „Urbild“, das ein Doppelbild war, dockten zahlreiche weiter Bilder an. Von den Kampfbildern aus Afghanistan, dem schnellen Sieg über die Taliban, über das Bild der gestürzten Statue von Saddam Husseins, über jene „Mission Accomplished“, der gehängte Saddam Hussein und den Photographien und Fernsehbildern aus dem US-Folterlager Guantanamo, bis hin zu den Bildern aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis, die ikonographisch noch einmal einen gesonderten Status einnehmen, über den zu sprechen sein wird. Eine Photographie jedoch, die in diesen Kreis der Bilder unbedingt hineingehörte und in der klassischen Erzählweise und wie in fast jedem konventionellen Film eigentlich den Abschluß, die Klimax böte, fehlt, ist abwesend: die Photographie des getöteten, erschossenen, gerichteten, hingerichteten (wie immer man es nennen mag) Osama Bin Laden. Überbordende Strukturen lassen sich gut in Bildern handhaben und eingrenzen. Hier aber bleibt eine Leerstelle, eine Kluft.

Das „Urbild“ dieses Geschehens an 9/11, diese Ikone des 21. Jahrhunderts, war ein Doppelbild in mehrfachem Sinne: es waren zwei Türme, es rasten in diese Türme zwei Flugzeuge, wir haben es (mindestens) zweimal gesehen: diesen Einschlag, den Tod von Tausenden. Sicherlich handelt es sich auf dieser Ebene des Faktischen um kein Kunstwerk. Aber die gesamte Choreographie, das Geschehen trägt Züge, die einen Blick erfordern, der Ästhetik, Philosophie samt der Phänomenologie, Soziologie und Psychologie sowie die Politik zusammenschließt.

Ich schreibe keinen explizit politischen oder moralisch-ethischen Diskurs über die Folgen, die Implikationen, die Wahrheit des 11. September, die Unschärfen, die Fragen, welche bleiben. Allenfalls werden diese Aspekte implizit mitschwingen. Vielmehr ist dieser Text eine ästhetische Annäherung, einerseits, und es ist eine Art von philosophischer (Buch)-Kritik, andererseits. Es läuft – gleichsam als Film – das Ende August auf Deutsch erschienene Buch „Das Klonen des Terrors. Der Krieg der Bilder seit 9/11“ des US-amerikanischen Kunsthistorikers William John Thomas Mitchell in diesem Beitrag mit. Es wird sicherlich Leserinnen und Leser geben, die diese Sicht mitleidlos oder apolitisch, gar antipolitisch nennen. Mag sein. Theorie denkt aber nicht dessen, was ist und nicht sein sollte, ein, indem sie Bekenntnisse und Losungen an die Wand sprüht, sondern indem sie denkt und in diesem Denken analysiert. Wir sehen, und es ist die Frage, was wir sehen und wie wir sehen.

Diesen Bildern vom 11. September sowie den Folgebildern, die daran anknüpfen (etwa die von Abu Ghraib, welche ich für ebenso gewichtig halte) sich zu nähern, funktioniert nur bedingt über die Systeme der Psychologie, der Politik, der Sozialwissenschaften. Wesentlicher trägt hier die Bildwissenschaft ihren Teil dazu bei – jene Wissenschaft, die sich zusammensetzt aus der Kunsttheorie, Kunstgeschichte, aus Medienwissenschaft, Soziologie, Ethnologie, Psychologie, Philosophie. Ursprünglich sich aus der Ikonographie und der Ikonologie Aby Warburgs und Erwin Panofskys entwickelnd, befaßt sie sich mit allen Arten von Bildern (selbst den banalen) sowie ihren kulturellen Codierungen und Interpretationsmustern. Für Deutschland seien in der Forschung stellvertretend die Namen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, Hans Belting (Bildanthropologie) sowie Gottfried Boehm genannt, welcher die Wendung des Iconic Turns prägte; für Frankreich lese man Georges Didi-Huberman.

Hintergrund für eine solche Bildwissenschaft ist zudem jene, für meinen Geschmack etwas unglückliche Wendung vom Pictorial Turn, die Mitchell prägte. Es orientiert sich dieser Begriff an jenem Buch „Linguistic Turn“, welches Richard Rorty 1967 herausgab – eine Wendung, die als Terminus technicus einschlug. Philosophisch gesehen ist jene Rede vom Pictorial Turn sicherlich ein wenig zu hoch gehängt, aber als Teilaspekt innerhalb einer philosophisch-ästhetischen Betrachtung besitzt er einiges Recht. Man sollte ihn freilich nicht verabsolutieren.Und dazu neigt sich solches Vorgehen leider häufig: aus dem Körnchen Wahrheit wird eine große Blase gefertigt.

Als wesentliche Momente des pictorial turns werden von Mitchell die Erfindung der Zentralperspektive und die der Photographie genommen. Bilder gab es vor Erfindung der Photographie nur als gemalte, gezeichnete oder radierte. Mit dem Übergang vom analogen zum digitalen Bild in den 90er Jahren setzte noch einmal eine gesteigerte Stufe ein. Mit diesem pictorial turn gehen dann Felder wie visual culture und visual studies einher. Richtig ist, daß das Bild in der Moderne des 20. Jahrhunderts einen ganz anderen Stellenwert erhalten hat als vordem. Dazu trug im wesentlichen die Verbreitung von Photographien (seit dem 19. Jhd.) und das Fernsehen als Fortschreibungsmedium des Kinos bei, welches als neue Qualität einen Wandel ums Ganze einbrachte. Die Bilder werden auf eine Weise lebendig und erhalten – metaphorisch gesprochen – ein eigenes Leben und erlangen damit eine besondere Macht, die es in den Blick zu nehmen gilt. Innerhalb der Spätmoderne eröffnete sich noch einmal ein qualitativer Sprung ums ganze. Bilder jeder Art (und überhaupt Nachrichten) verbreiten sich mittlerweile mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit durch die Welt, gelangen über die Datenleitungen in Sekundenschnelle von A nach B.

Daß es hinter diesen Bildern kein gesellschaftliches Leben mehr gibt und diese Welt des sogenannten Realen (hier nicht im Lacanschen Sinne genommen, denn da bedeutet es das Gegenteil) eine Simulation ist, so daß Reales als Weise des Seins nicht mehr existiert, so weit ginge Mitchell sicherlich nicht. Aber das, was sich gesellschaftliches Sein nennt, ist geprägt durch einen Kanon von Bildern und Metaphern und wird genau dadurch überformt und in der Interpretation strukturiert. Es existiert kein unverstellter Zugang, immer ist, um es in anderen Worten zu formulieren, die Ideologie abzutragen.

Diese Durchdringung und diese Ubiquität von Bildern motiviert eine neue Form von Wissen und damit Wissenschaft, die diese Aspekte in einem Kontext sistiert. Diese Arbeit leistet die Bildwissenschaft. Wir können, wie Mitchell in seinem Buch „Das Leben der Bilder“ schreibt, diese Bilder nicht hinter uns lassen, um dann eine authentische Beziehung zum Sein, zum Realen, zur Welt zu entwickeln (Das Leben der Bilder, S. 12). Insofern geht es darum, solche Bilder und Metaphern in die Reflexion zu nehmen.

Wenn man diese Türme des World Trade Center als Urbild und als Ikone begreift – Ikone etwa der Wirtschaftsmacht – so stellt der Angriff auf die Twin Towers einen klassischen Akt des Bildersturmes dar, wie wir ihn aus dem Byzantinischen Bilderstreit oder vom reformatorische Bildersturm her kennen. Damit einher geht ebenfalls das Bilderverbot („Du sollst Dir kein Bildnis machen …“) der drei monotheistischen Religionen, die Europa prägten und prägen. Wie die Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan im März 2001 medienwirksam – also unter dem Einsatz von Bildern – zerstören, da es sich für sie um bloßes Götzenwerk handelte, so waren auch das World Trade Center, das Pentagon und eines der Regierungsgebäude in Washington Götzen: verbotene Bilder, um die herumgetanzt wurde, wie ums goldene Kalb. Wer auch immer diese Inszenierung, den Krieg der Bilder, den Bildersturm und die Dramaturgie startete, die Regie führte, er führte sie gut und erzeugte mit der Zerstörung des Götzen eine bedeutsame Gegenikone, die allerdings, und dies ist ihr interessanter Status, in beide Richtungen hin brauchbar zu machen ist, in zwei Richtungen funktioniert. Der Einschlag und der Einsturz lösten ja beides aus: Entsetzen und Jubel zugleich. Der Sinn dieser Taten liegt in der Produktion von Worten und Bildern, in der Erzeugung von symbolischen Formen der Gewalt und weniger in der unmittelbar physischen Gewalt. (Mitchell, Das Klonen und der Terror, S. 101. Seitenangaben im laufenden Text, die nicht anders gekennzeichnet sind, beziehen sich auf dieses Buch.)

„Strategische Formen von Gewalt wie Krieg oder Polizeiaktionen spielen in ihrem Repertoire keine herausragende Rolle. Die wichtigste Waffe des Terrors ist das gewalttätige Spektakel, das Bild der Zerstörung oder die Zerstörung eines Bildes oder beides, wie beim eindrucksvollsten Spektakel dieser Art, der Zerstörung des World Trade Center, bei der die Vernichtung einer weltweit erkennbaren Ikone ganz bewußt ihrerseits als Ikone eigener Art inszeniert wurde. Die mit dem Bild vernichteten Menschen sind Kollateralschäden.“ (S. 101 f.)

Diese Sätze mögen zunächst zynisch klingen, es erweist sich dies aber als die Quintessenz dieser Anschläge. Die Flugzeuge wurden nicht in irgendein Gebäude einer beliebigen US-Amerikanischen oder europäischen Stadt gelenkt, um möglichst viele Menschen zu töten, sondern zielten auf die drei zentralen Systeme der USA (und damit des westlich-kapitalistischen Systems) ab: Wirtschaft, Militär, Politik. Die Dramaturgie, der Ablauf war perfekt organisiert. Erst der Flug in das eine Gebäude, in der Gewißheit, daß sämtliche Kameras der Fernsehstationen nun auf die Twin Towers gerichtet sind, um nach diesem werbenden ersten Akt, den zweiten einzuleiten: nun unter den Augen der ganzen Welt. Bevor ich im zweiten Teil zum Buch von Mitchell selbst komme und in die Details einsteige, einige subjektive Wendungen:

Meine persönliche Mutmaßung zu 9/11: Es wurde innerhalb der Regierung der USA gewußt, daß sich etwas ereignen wird, ob man auch genau wußte, was sich exakt ereignen würde, ist schwierig zu beurteilen. Das Grundrauschen vor den Anschlägen in den digitalen Netzen nahm merkliche Ausmaße an und war deutlich zu vernehmen, wenn man es wollte. Geheimdienste (auch in der BRD, dort u.a. die Landesämter für Verfassungsschutz) tickten auf Hochtouren. Es wurde in den USA abgewartet, um zu sehen, was sich ereignen wird. Einige Monate nach der „Wahl“ Bushs dachte ich: merkwürdig ruhig geht es in den USA zu. Sollte ich mich in diesem Mann getäuscht haben? Die Ruhe trog. Man ließ diese Aktion sehenden Auges zu, um reagieren zu können – die Pläne für den Nahen und Mittleren Osten lagen bereits in den Schubladen. Von den Neocons gut ausgearbeitet, denn die wußten schon vorher, wer die Wahl 1999 gewinnen wird. Das, was sich an 9/11 ereignete, hätte für diese Planer besser nicht sich abspielen können. Vor den Augen aller Welt. Bilder besaßen immer schon eine ungeheure Macht, und es gibt diese Urangst, daß ein Bild lebendig wird. Die Zwillingskonstellation des Dorian Grey ist bekannt, auch die Figur des Golem. An 9/11 haben die Bilder sich verselbständigten, gerieten zum Leben, und es wurden alle Register gezogen, die man in das Lexikon der Politischen Ikonographie eintragen kann.

Bilder dienen der psychologischen Kriegsführung, „um das kollektive Nervensystem über die Massenmedien zu traumatisieren und die Phantasie gegen sich selbst zu wenden.“ (S. 120). Terrorwarnungen werden hoch und wieder heruntergefahren. Der Mann, welcher neben einem in der Metro sitzt, ist prinzipiell verdächtig, wenn er dieses Quäntchen des Anderen an sich trägt. Bilder erzeugen die Urängste, greifen in die symbolische Ordnung ein, und es verhält sich dabei wie in jener Radierung aus Goyas „Caprichos“: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Aber Bilder können, wie Goya es zeigt, genauso die Gegenkraft abgeben.

Diese Dramaturgie an 9/11 übertraf alles, was die Macher je sich hätten erträumen können.

Was bleibt, ist der Opfer in diesem unerklärten Krieg, der im klassischen Sinne der Politikwissenschaften keiner ist, einzugedenken: sei es in den USA, in Afghanistan, im Irak, in Pakistan. An zahlreichen Orten. Aber es reicht der Gedenkkitsch nicht hin. Bilder strukturieren das Denken und erzeugen Formen von Gewissen. Diese Mechanismen der Erzeugung nimmt die Philosophie in die Kritik.

Am 11. September 1973 wurde der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende durch die Armeejunta unter Führung des Generals August Pinochet aus dem Amt geputscht, unter anderem mithilfe der USA, maßgeblich durch die CIA und den Kriegsverbrecher Henry Kissinger. Wenig später zogen in das Land die Chicago Boys um Milton Friedman herum ins Land ein, damit Chile nach ihren theoretischen Bedürfnissen gestaltet werde. It‘s not a trick. It‘s capitalism. Als das „Wunder von Chile“ bezeichnete Friedman diese (neo-)liberal strukturierte Tötung von Menschen, welche freilich als Wohlstandsmehrung sich gut verkaufen ließ.

In der Nähe des World Trade Centers, das heute als Ground Zero existiert, was auf der Ebene der Metaphern ein beeindruckendes Bild auch in bezug auf den Kapitalismus liefert, „befand sich im 18. Jahrhundert einer der ersten Friedhöfe für Afro-Amerikaner. Durch Zufall stießen Bauarbeiter hier 1991 auf Skelette, doch die Bauverwaltung wollte weiter bauen. Schließlich wurde nur ein Bruchteil des Friedhofs ausgegraben und eine Gedenkstätte errichtet. Der Rest sind Regierungsgebäude, erbaut auf Sklaven-Gräbern.“ So berichtet der Schriftsteller Teju Coles in der Sendung vom 8.9.11 bei „Kulturzeit“. Über den postkolonialen Umgang mit den Orten der Erinnerung schreibt er in seinem Debüt-Roman „Open City“. Zentrales Moment der Bildwissenschaft ist die Unsichtbarkeit, das, was als Verdrängtes hinter den Bildern steht, womit wir am Ende sehr viel dichter an einer Freudschen oder Lacanschen Psychoanalyse uns befinden.

Es kann kein Leid und kein Ereignis gegen das andere ausgespielt werden. Die rund 3000 Toten, die dieser Tag am 11. September 2001 forderte und die von denen, welche diese Anschläge, planten, durchführten, in Kauf genommen wurden, haben keinen höheren, aber auch keinen niedrigeren Wert als die anderen Toten, die im Namen der verschiedenen (idiotischen) Religionen, des Faschismus, des Kapitalismus, des Stalinismus, des Maoismus et al. fabriziert wurden, und es kommt hier nicht auf quantitative Aufrechnungen an. Worum es aber geht, ist, in den Blick zu bekommen, daß es willkommene, d. h. staatlich geförderte und unwillkommene Erinnerung gibt, die kultiviert werden oder eben nicht.

Erinnerungskultur funktioniert über Bilder und über den Ausschluß von Bildern, indem man bestimmte Bilder annulliert und gar nicht erst zu Ikonen geraten läßt. Dies impliziert den Begriff der Macht. Am Ende hin gilt, wenn auch nicht normativ, aber so doch faktisch der eigenwillige Satz des Goggelmoggel aus „Alice hinter den Spiegeln“:

„‚Wenn ich ein Wort gebrauche‘, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, ‚dann heißt es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.‘ ‚Es fragt sich nur‘, sagte Alice, ‚ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.‘ ‚Es fragt sich nur‘, antwortete Goggelmoggel, ‚wer der Stärkere ist, weiter nichts.‘“

Im zweiten Teil geht es dann in die Bilder und in die Lektüre von Mitchells Buch hinein.

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W.J.T. Mitchell, Das Klonen und der Terror. Der Krieg der Bilder seit 9/11, Berlin 2011. (Suhrkamp Verlag)

Weiterhin: W.J.T. Mitchell, Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur, München 2008 (Beck Verlag)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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28 Antworten zu Nine-Eleven – Bilder des Terrors, „Krieg gegen den Terror“, Gegenterror. Bilder und Biopolitik (1)

  1. hanneswurst schreibt:

    Die Anschläge waren ein probates Mittel, um dem Feind USA seine Verletzbarkeit zu beweisen. Die Opferzahl gerade hoch genug, um sich von Attentätern wie Timothy McVeigh abzuheben. Dass Afghanistan im Gegenzug verloren werden würde, war voraussehbar. Dass die USA danach einen nicht legitimierten Eroberungskrieg gegen den Irak starteten, der bis heute über 100.000 Opfer gefordert hat (http://www.iraqbodycount.org), steht abseits der mit 9/11 verbundenen Kriegstaktik und ist schon gar nicht mit 9/11 entschuldbar.

    9/11 war ein Kriegszug beim Kampf um die Macht im Nahen Osten. Mit Religion hat dieser Krieg wenig zu tun, auch wenn die Religion identitätsstiftend für die islamische und die jüdische Kriegspartei ist, während die USA sich vor allem durch Territorium und Sprache identifizieren.

    Die Ästhetisierung und Ikonisierung dieses Krieges und insbesondere des Geschehens vom 11.9.2001 ist eine schwere Fehlleistung, die nur einem Menschen unterlaufen kann, der sein Gehirn umgestellt hat (auf Schlafmodus). Jede ästhetische Deutung wird die Wahrscheinlichkeit weiteren Leids erhöhen und relativiert die Schuld der Täter. Das gilt auch für Ästhetisierungen wie „Apokalypse Now“ oder Ikonisierungen wie dem SS-Siegelring. Manches davon mag auch der Verarbeitung dienen. Aber speziell bei 9/11, einem Ereignis in dem sich auch viele Unbeteiligte baden und das bis zum Abkotzen stilisiert wurde, ist der Bogen weit überspannt.

  2. Bersarin schreibt:

    Wir werden mit Bildern konfrontiert, die in einer bestimmten Weise aufgeladen sind. Die einen sind es mehr, die anderen weniger. Diese Bilder gilt es zu deuten. Hierfür ist eine Wissenschaft nötig, die verschiedene Komponenten vereint. Diese Möglichkeit der Dechiffrierung bietet die Bildwissenschaft. Sie changiert als Disziplin zwischen den Bereichen des Ästhetischen, der Politik, der Gesellschaftswissenschaften. Um solche Ästhetisierungen und vor allem die Ikonologisierung zu unterlaufen und die blinden Flecken, das Strukturierende aufzuzeigen, ist der ästhetische Blick der Bildwissenschaft erforderlich. In diesem Sinne ist sie auch ein Stück Ideoogiekritik und unterläuft die Ästhetisierung und dieses bloße Sich-dem-Bild aussetzen.

    Was sich hinter diesen Ereignissen um 9/11 herum abspielt, auf der Ebene des Realen, des Geschichtlichen, des Poltischen, ist kaum zu deuten, zu interpretieren möglich, weil kaum einer Zugang zu den Materialien besitzt. Das meiste ist deuteln.

    Am 11. September 2001 sahen wohl Milliarden von Menschen die gleichen Bilder. Die Bilder sind zu Ikonen geworden, die es in den Blick zu nehmen gilt.

    In der Tat wird die Religion auf Seiten aller Kombattanten als ein Vorwand benutzt. Wobei man nicht einmal so genau weiß, wer eigentlich die Kombattanten sind. Wesentlich werden diese Kriege aber über Bilder geführt, die jeden Tag vorgesetzt werden.

  3. T.Albert schreibt:

    Stockhausen hatte Recht und die ganze ästhetisierte Aufregung über ihn gab ihm Recht. Die ganz normale abendländische Kunstgeschichte gibt ihm Recht, wie sie auch in Abu Ghraib ihre Bilder produzierte: Repräsentation, und jetzt ist es egal, welche Scheisse ich repräsentiere. Wer das Kunstwerk macht, ist doch egal.
    An den Flugzeug-Attentaten können wir sehen, dass zumindest die islamistische Abteilung des Islam zu uns gehört, in der islamischen Kunstgeschichte kommt sowas nicht vor, ein auf Krieg und Mord bezogener Begriff vom Schrecklichen im Erhabenen, wie ihn Burke allerdings auf die Natur und ihr Erfahren bezogen hat. Es ging nicht um die Auflösung des Subjekts im Krieg und Terror als Kunstwerk.

  4. hanneswurst schreibt:

    @Bersarin: Eine wissenschaftliche Untersuchung der Ästhetik der Bilder, eine Untersuchung der Wirkung bestimmter Bilder, da ist nichts gegen einzuwenden. Die dauernde nervige „We will never forget“ Einschwörerei und die immer neue Schichtung von Symbolträchtigkeiten sind mir jedoch zuwider. Und irgendwelche Dokus, Fotobände, die andauernde Wiederholung und Anbetung des Ganzen die ja auch deswegen scheinbar so hochinteressant ist, weil nicht 3000 Nigerianer sondern 3000 US-Amerikaner starben, kotzt mich an.

    @T.Albert: Das endet wieder in einem nicht beschlussfähigen Disskurs darüber, was Kunst ist. Wenn die Wirkung auf das Gemüt wesentlich für Kunst ist, wenn schon die Hervorrufung von Ekel oder Verzweiflung reicht, dann waren die Anschläge Kunst.

  5. T.Albert schreibt:

    hanneswurst,
    ich selbst habe eine andere Auffassung von Kunst und halte es nicht für wesentlich, dass sie Ekel oder Verzweiflung hervorbringt, ganz im Gegenteil. Aber ich verwies auf die europäische Kunstgeschichte, als deren Vollstrecker sich der Faschismus sowohl klassizistisch wie andererseits objekt-kritisch verstand. Stellvertretend bringe ich mal das hier:

    „Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
    Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
    Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
    Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
    Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
    Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.
    Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
    Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! … Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
    Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
    Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
    Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge …“

    Marinetti im Le Figaro, 20. Febr. 1909, hier aus Wikipedia

  6. ziggev schreibt:

    das ist aber ziemlich harter Stoff, T. Albert, noch ein paar Worte zu diesem Zitat, das mir meine latente Faschismusaffinität noch einmal so deutlich vor Augen hält, wären erwünscht !

  7. momorulez schreibt:

    Na, ist von den Futuristen, oder, T. Albert? Passt gut zum Thema; ebenso der Hinweis auf eine bildnerische Logik der Repräsentation, die die Abstrakten ja mit guten Gründen hinter sich ließen.

    Finde übrigens den „Pictoral Turn“, der von seinem Erfinder ja nicht allzu tiefsinnig ausgearbeitet wurde, obgleich der Grundgedanke, wie Bersarin vortrefflich ausführt, immens wichtig ist, im Falle 9/11 gar nicht soooo zentral als Analyselement, trotz der unglaublichen Wucht und ja auch Faszination der Bilder, die vergessen macht, dass da sehr viele Menschen starben.

    Weil eben die Narrationen, die sich um die Bilder ranken, deren Wahrnehmung prompt einhegten und kanalisierten, und die Struktur dieser Narrationen scheint mir auch das Zentrale in der Debatte zu sein.

    Man ist dann begrifflich eher in der Relation Bild/Erzählung unterwegs, und ganz wie diese beeindruckende Staubwolke, die durch Manhattan zieht wie ein Sandsturm in der Wüste, verschüttet diese Erzählerei ja die Leichen, auch die im Irak, wo sogar mit der „Smoking Gun“ ganz explizit populäre Mythologie bemüht wurde inmitten der Lügengebilde.

    Und, wo hier auch gelegentlich die Postmoderne Thema ist, auf Baudrillard, der sich da gar nicht sah, wird im Text ja eingegangen, die Legitimationserzählungen sind es ja, um die seitdem gerungen wird. Wer setzt sich durch mit seinem Plot als Hüter der Deutungshoheit? Das ist ja im Grunde genommen der globale, mörderische Kampf, weil diese Diskussionen ganz andere Aktionsebenen verdecken und dafür gesorgt wird, dass das so bleibt.

    Hat jemand von euch mal Pynchons „Ende der Parabel“ gelesen? Ich leider nicht, aber mir schwant, dass das was mit dem Thema zu tun hat.

  8. Loellie schreibt:

    Bis zu dem Tag, an dem diese Bilder entstanden gab es bereits zwei Gedenkorte Namens „Ground Zero“.
    Dort wurde den Opfern des grössten Verbrechens against Humanity gedacht, das von den USA begangen wurde. Diese Orte gibt es noch immer. Hiroshima und Nagasaki.
    zB

    Pictorial Turn müsste ich jetzt erst googeln, mach ich auch gleich, nur fallen mir gerade beim Stichwort Ikonografie als erstes Phan Thi Kim Phuc, oder Tommie Smith und John Carlos ein. In Trang Bang und Mexico City ging es allerdings noch um Menschen und nicht um die Kastrationsängste weisser heterosexueller Männer beim Anblick einstürzender Phalli. Was ich jetzt naheliegender fände, als afgahnische Buddah-Statuen. BTW halte ich diese Refferenz für irgendwas zwischen arm und schäbig, als hätte es keine anderen Beispiele zu Bilderstürmerei, und als ob Afghanistan eine zentrale Rolle in diesem Sinne gespielt hätte. Man muss der Propaganda, die man glaubt zu analysieren, ja nicht unbedingt mit soviel Effet auf den Leim gehen.
    Ein Turn besteht zumindest darin, dass das „Naplammädchen“ einen Krieg beendet hat, das Abbild der symbolischen Kastration einen endlosen Krieg rechtfertigte. Und in dieser Beziehung war doch nach 45 eher Ruhe, oder?

    Ich sass an diesem Tag zusammen mit Kollegen aus über 80 Nationen in einem Grossraumbüro. Da kann man sowas schon persönlich nehmen.

  9. Bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst
    Die Dauerbeschwörungen des „We will never forget“ sind angesichts der Kriege und der Toten im Irak, in Pakistan und in Afghanistan in der Tat unangemessen. Und dies schrieb ich zum Ende meines Essays hin ja auch: daß das Gedenken, das Eingedenken selektiv erfolgt. Des einen Anlasses wird gedacht, des anderen nicht.

    Allerdings hat der 11. September die Welt politisch und sozial um ein Ganzes verändert. Das unterscheidet dieses Datum von anderen Todestagen. Dies fängt bei der Überwachung von öffentlichem und privatem Raum an und reicht hin zur Privatisierung des Krieges, der teils von „Dienstleistern“ geführt wird.

    @ T.Albert
    Das Ausführungen Marinettis bzw. der Futuristen sind sehr zwiespältig: Einerseits zeigen sie das Neue der klassischen Moderne. Die Geschwindigkeit, die Technik, die neue Schnelle, welche sich durch neue Medien und Verkehrstechniken, verbreitete. Eine Fahrt in einem „schnellen“ Automobil mußte damals wie ein Rausch gewirkt haben.

    Das aufheulende Auto, welches über der Nike von Samothrake steht, wird dann von Warhol mit seinem Florenz-Zitat weitergeführt, daß das schönste dort der McDonald’s sei. Es geht gegen das Überlieferte. EIniges, insbesondere die politischen Ausführungen sind Unsinn, wie dies bei Manifesten häufig der Fall ist, und steht dem Faschismus nahe; manches läßt den Surrealismus erahnen und gehört zum Repertoire der Klassischen Moderne. Insbesondere die Gewaltätigkeit, der Umsturz der überkommenen, bürgerlichen Ordnung ist eine ihrer Ausprägungen, man denke nur an den Mann mit dem Revolver, der in die Menge schießen will. Das ist – auch, aber nicht nur – buchstäblich zu verstehen.

    @ Momorulez
    Genau diese Deutungshoheiten, wie Du das schreibst, sind zentral: Bilder und Macht korrespondieren. Es wird die eine Geschichte erzählt und die andere eben nicht. Und die gezeigten Bilder korrespondieren zudem mit symbolischen Form, sind aufgeladen und docken an den Strom kollektiver Bilder durch die Medien an. Dies eben motivierte meinen Text. Und da paßt dann gut auch Dein Hinweis drüben bei Dir auf Wounded Knee hin. Ein schreckiches Massaker, dessen Bilder man höchstens im Western zuließ. Diese Aspekte greift in bezug auf den Irakkrieg Judith Butler in ihrem Buch „Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen“ auf.

    Es stellt sich bei solchem Eingedenken zudem die Frage nach dem individuellen Leid. Wie ist es darstellbar? Ist es überhaupt darstellbar und welche Formen des Ausdrucks lassen sich finden? Welches Leid und vor allem von wem wird berichtet. Es werden die Reportagen über Menschen gebracht, die nach 9/11 einen Menschen, ihre Angehörigen verloren oder krank und geschunden zurückblieb.

    Aus Afghanistan, von afghanischen Familien hören wir selten Reportagen, obwohl dort doch unsere Freiheit jeden Tag so glorreich verteidigt wird. Da eben liegt die Disparität.

    Diese Pictorial turn-Wendung halte auch ich nicht für so glücklich. Wenngleich ich die Herleitung bei Mitchell sehr verkürzt wiedergegeben habe, dazu müßte ich im Grunde ausführlicher schreiben. Dennoch: Da wird mittels dieses Begriffes etwas zu hoch gehängt. Zwei Etagen tiefer hätten es ebenso getan.

    Pynchon „Die Enden der Parabel“ paßt da wohl hinein; ich gestehe aber, daß ich ihn nicht gelesen habe.

    @ Loellie
    Ja, das ist sehr richtig: es gibt im Grunde zahlreiche Bilder, die in den kollektiven Strom eindrangen. Viele davon sind vergessen oder besser: getilgt worden. Ich hatte genau dieses Problem mit meinem Text: daß so viele andere Bilder, die Ikonen sind, in meiner Darstellung ausgeblendet werden müssen. Im Grunde müßte man diese Ausblendung für ein solches Projekt der verdrängen Bilder zum Anlaß nehmen: diese Bilder zu zeigen und insbesondere die, welche nicht gerne gesehen sind.

    Das, was sich an diese Bilder vom 11. September 2001 anschloß, ergab jedoch eine ganz neue Qualität: von Kriegen, die auf Dauer gestellt sind, bis hin zu Evangelikalen Erweckungsbewegungen, die aus ihren Löcher kamen, weil sie einen Anlaß fanden, bis hin zu den Szenarien der Überwachung und der Angsterzeugung: Terrorwarnung hoch, Terrorwarnung runter. Insofern halte ich diese Bilder für hochgradig aufgeladen. Und es muß eben auch Thema sein, warum nur diese Bilder und keine anderen gezeigt werden. Beschossene Familien in Afghanistan sind einen Dreck wert. Im Irak-Krieg fand der sogenannte Embedded journalism statt: da wurden Bilder nach Gefallen geliefert. Wesentlich ist mir u. a. der Angstmechanismus, welcher über diese Bilder vom 11. September erzeugt wurde und immer noch wird. Am Ende haben diese Bilder am meisten den Kriegsgewinnlern genützt.

    Die zerstörten Buddha-Statuen erwähnte ich insofern, weil sie über den Aspekt des Bildersturmes in einer Korrespondenz stehen: das Bilder politisch besetzt, benutzt und aufgeladen werden: um etwa Kriege zu führen. Die Religion spielt in diesem „Krieg der Bilder“ allerdings nur eine Nebenrolle.

    Genau diesen Kastrationsängsten und diese Katastrophenängsten muß auf den Grund gegangen werden, und da liegt eben die Produktion moderner Mythen qua Film sehr nahe, insbesondere die Horror- oder Katastrophenfilme, die filmisch mit bestimmten Ängsten arbeiten, und insofern fällt für mich dieses Analyse dann in das Gebiet der Ästhetik.

    Gerne würde ich zu Mitchell auch noch Judith Butlers Bücher dazu nehmen (das eine siehe oben sowie „Krieg und Affekt“ beim diaphanes Verlag.) Und es ist in der Tat eine Anregung, auch über solches wie in Mexiko-City zu schreiben und das verdrängte Bild zum Bewußtsein zu führen.

  10. T.Albert schreibt:

    Zum Marinetti-Manifest:
    Der Mann war zweimal Mussolinis Kulturminister. Der Text ist auch nicht unsinniger als das, was von der nichtkünstlerischen Abteilung der Faschisten kam. Natürlich ist der Text auch modern insofern als die Futuristen sich als die Modernsten überhaupt verstanden und bevor es zum eigentlichen Faschismus kam, sich etliche im WK 1 avantgardistisch durch Feindfeuer umbrachten. Es gibt andere Texte übers Autofahren und Flugzeugfliegen, wie den Le Corbusiers, die sich jedoch nicht in dieser gleichzeitigen Destruktion der Moderne auflösten, sondern ihr technologisches Potential begriffen und sich an diesem Punkt einklinkten, um „avanciert“ handeln zu können. Aber das wäre dann alles „bürgerlich“, wie das Bauhaus und der Werkbund, die sich diesem historischen Punkt verdanken.
    Sicher korrespondiert der in die Menge schiessende Mann mit dem Satz von Breton vom in die Menge schiessenden Mann. Aber die Surrealisten waren keine Faschisten, und Breton später im amerikanischen Exil. Patriotische idiotische Kriegstreiber waren sie auch nicht.
    Was mich freuen würde, wäre, die wirklich antifaschistische Seite der Moderne mal wieder rauszuarbeiten anstatt das alles in einer Sauce zu vermengen, wie wir das mittlerweile gewöhnt sind. Ich verweise mal darauf, dass auch in Italien Juden verfolgt wurden und jüdische Künstler wie Bruno Zevi im Widerstand waren. Hier liegen die Möglichkeiten einer anderen Kunstgeschichte, in deren Texten, die nicht mehr gelesen werden, in ihren Bildern, in ihrer Architektur. Antifaschistische Positionen in der Kunst scheinen was lächerliches an sich zu haben, während die faschistischen mittels „Àsthetik“ relativiert werden.
    In Marinettis Text steckt aber der antidemokratische Klassizismus als Politik, der zum Mord dazu gehört und folgerichtig war gar nicht der Futurismus die staatlicherseits bevorzugte Schule, sondern Frau Sarfattis Novecento Italiano.

    Zu den Buddha-Statuen in Afghanistan:
    Sie waren schon mal Opfer des – des „fortschrittlichen“ wahrscheinlich – Ikonoklasmus, dessen der Briten nämlich, die sie zerschossen. Siehe Marinetti – weg mit dem alten Scheiss!

  11. momorulez schreibt:

    „Antifaschistische Positionen in der Kunst scheinen was lächerliches an sich zu haben, während die faschistischen mittels „Àsthetik“ relativiert werden.

    Ja, weil eben vehement alles Ästhetische bekämpft wird, was EXPLIZIT sich dem Politischen öffnet, aber eine wahnsinnig große Bereitschaft besteht, die mit Faschismus Kokettierenden zu lobpreisen für ihre immense Wirkung.

    Das ist wirklich eine seltsame Situation. Man ist sehr bereit, auch jenseits der Kunstproduktion etwas zu ästhetisieren, wohingegen übrigens zugleich alles dafür getan wird, von Grass bis Beuys alles mit Faschismus zu kontaminieren, um irgendeinen vermeintlich liberalen Standpunkt außerhalb der links/rechts-Dichotomie als überzeitlich auszuweisen, der dann ganz offen noch den dollsten Sachen zugeneigt sich zeigt – Neo Rauch/Botho-Strauß-Fusionen zum Beispiel.

    Und Jörg Lau schwadroniert dann in DIE ZEIT anläßlich des 11. September von der „Restlinken“, die ja ständig alles dafür tun müsse, sich wegen längst erkannter Nähe zu rechts sich davon hilflos abzugrenzen.

    Das hat er im Kontext der verschiedenen Narrative rund um 9/11 geäußert.

    So was wie „Restlinke“ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was für ein Triumphgeheul sich da verbirgt und was für eine Lust an der Lüge. Das schreiben die, die alles dafür tun zu verschweigen, wen die Nazis als erste ins KZ gesteckt haben mit schweigender Zustimmung der Bürgerlichen. Und um alle Zweifler an der offiziellen Verschwörungstheorie mundtot zu machen.

  12. Loellie schreibt:

    Warum du die Buddah-Statuen erwähnt hast ist mir schon alleine deshalb klar, weil auch ich beim Wort Bilderstürmer als erstes an diese denke. Das ist aber genau der Haken.
    Und natürlich ist die Reihung mehrfacher Ironie unwiederstehlich. Ich halte sie in diesem Zusammenhang allerdings für gänzlich kontaminiert, weil wir ohne den eifrigen Counter-Jihad wahrscheinlich nie von dieser Aktion erfahren hätten.
    Mir ist selbst 911 zu komplex, um es unter der Prämisse zu diskutieren, Terroristen wollten ein Zeichen setzen, dass sich im Endeffekt gegen sie selbst richtete, da die dafür verantwortliche Struktur „Al-Queda“ ein von der CIA geschaffenes Netzwerk ist, und zumindest unter den Drahtziehern reichlich CIA Mitarbeiter, bzw ehemalige, sich finden.

    „Worum es aber geht, ist, in den Blick zu bekommen, daß es willkommene, d. h. staatlich geförderte und unwillkommene Erinnerung gibt, die kultiviert werden oder eben nicht.“

    Dein Beispiel mit dem Friedhof ist da ein gutes, Black-Power auf dem olympischen Siegerpodest ist ein anderes. Bei 911 wurde Geschichte aber nicht nur, wie auch immer, umgedeutet sondern gezielt produziert. Und damit meine ich das Ereigniss 911 als solches und nicht nur die Erinnerung daran. Das ist doch gerade bei einer ästhetisch / philosophischen betrachtung zentral, oder?

    Ich bin gerade verwirrt, weil momo’s Kommentar noch garnicht da war, als ich anfing zu schreiben, aber, auch weil ich unsicher bin, wieweit ich klarmachen konnte, worauf ich hinaus will.

    „Das schreiben die, die alles dafür tun zu verschweigen, wen die Nazis als erste ins KZ gesteckt haben mit schweigender Zustimmung der Bürgerlichen.“
    Den Bürgerlichen würde das heute vermutlich noch immer in den Kram passen, dennoch wurden Linke damals nicht explizit zu dem Zweck ermordet, damit dieser Lau heute in der Zeit schwadronieren kann. Bei 911 ist die Situation aber eine gänzlich andere.

  13. momorulez schreibt:

    Na ja, nun mal den Reichtagsbrand und 9/11 zueinander in Beziehung zu setzen, nicht ineins, ja, selbst den vermeintlichen Angriff Polens auf Deutschland, das ist nicht nur absurd oder abwegig. Ebenso wenig, wie es absurd ist, auf die Verbindungen Prescott Bush-Thyssen-Hitler zu verweisen. Ebenso wurde Al Quaida nun ziemlich explizit im antikommunistischen Kontext hervor gebracht. Ebenso haben auch US-Historiker die „Nazifizierung der CIA“ nach ’45 beklagt, weil die so viele Nazis da rein geholt haben, und Herr Gehlen konnte die Amis auch wegen seines profunden, antikommunistischen Wissens überzeugen, die Vorgängerorganisation des BND zu gründen. Selbst Eisenhower hat vor einer Verselbstständigung des militärisch-industriellen Komplexes incl. der Geheimdienste gewarnt. Und Huntington/Brezinski fiel dann auf, was es heißt, wenn der Kommunismus verschwunden ist, da brauchte man was Neues, und seit Khomeni bot sich das dann ja irgendwie an. Das ist schon die Kontinuitätslinie, in der die Bush-Regierung agiert hat. Und Abu Graib mit den frühen KZs, nicht den späteren Vernichtungslagern, in Relation zu setzen, nicht ineins, das ist nun auch nicht ausschließlich abwegig – nur dass es sich halt im Institutionen im fremden, nicht eigenen Land handelte.

    Und natürlich sichert all das Bürgerlichen wie dem Herrn Lau Auskommen und Rente, was denn sonst? Man lässt sie an der Macht irgendwie partizipieren, 33, wo dann schritt- und günstigerweise auch jüdische wie auch linke Konkurrenz bei Zeitungen, Warenhäusern und von Richterstühlen und Professorensesseln verschwand – und es ist bemerkenswert, dass, um bei der faschistischen Ästhetik zu bleiben, ein Gottfried Benn, der in seiner Rede an die Emigranten nun am lautesten auf die Kacke gehauen hat, ziemlich schnell selbst in die Bredouille geriet, weil seine ganzen irgendwie antibürgerlichen und den Irrationalismus favorisierenden Ressentiments eben bei den Nazis, die dann wirklich am Ruder saßen, eher Rhetorik waren. Übrigens auch das ein Grund für den „Röhm-Putsch“: Die rechtsradikal-sozialrevolutionären Tendenzen in der NSDAP waren am ehesten in der SA zu finden.

    Das soll jetzt alles weder Röhm, Stalin noch Breschnew bzw, dessen Umfeld noch Sadam schön reden, so gar nicht, gab weiß Gott sehr gute Gründe, die zu bekämpfen.

    So was wie Blackwater ist hierzulande trotzdem irgendwie wieder vergessen.

    Mein Einwurf bezog sich zudem auf T. Alberts Forderung, die antifaschistische Ästhetik ins Bewusstsein zu rufen.

  14. Loellie schreibt:

    Dann hat sich meine Frage an momo, ob du mich gerade meinst, erübrigt.

    Mit
    „zu jenem Weichlichen und Entarteten unserer Zivilisation, das sie aus tiefster Seele verachteten.“
    stellt sich Herr Lau tatsächlich in den direkten historischen Zusammenghang zu den Verbrechen seiner Grossväter und seinen heutigen Pfründen.

  15. Bersarin schreibt:

    Nee, ich schaffe die Ausführungen auf Eure Antworten nicht jetzt gleich, ich muß erst etwas essen und deshalb kochen gehen. Später dann mehr.

  16. Bersarin schreibt:

    @ T.Albert und Momorulez

    Richtig ist, daß die antifaschistische Seite der Moderne, eine antifaschistische Ästhetik herauszuarbeiten ist. Manchmal funktioniert dies auch darüber, daß man am Unwahren das Moment seiner Wahrheit ausmacht. Aber da Kunst- und Literaturgeschichte immer auch von den Traditionssträngen und den verschiedenen Richtungen getragen wird, stimmt es, daß man die verschütteten, die bewußt ausgegrenzten in den Blick nehmen muß. Die herrschenden Diskurse zur Ästhetik unterbinden dies weitgehend. Insofern sehe auch ich für ein solches Projekt großen Bedarf.

    Was das Kunstwerk selber betrifft, so würde ich allerdings zugleich sagen, daß es sich nicht nach dem bemißt, was in dieses an politischer Intention einfließt, sondern es spielt, grob gesagt und häufig wiederholt, die Auseinandersetzung mit der Form und die Bearbeitung des ästhetischen Materials vielmehr die wesentliche Rolle, und da entlarven sich die regressiven und faschistischen Werke womöglich von selber – eben in der und durch die ästhetische Kritik.

    Allerdings: Die eminent politischen Werke sind (nicht immer) die besten. Wobei ich zugleich sehe, daß gegen all diesen überzuckerten Ästhetizismus der neuen (Klein-)Bürgerlichkeit ein Schlag erfolgen muß, wenngleich ich dabei nicht das Kind mit dem Bade ausschütten möchte. Denn zugleich ist eine richtig verstandene L‘art pour l‘art immer noch die einzig verbleibende Bastion. Man muß nur den sich im Kunstgenuß sonnen wollenden Kunstsinnigen, welcher sich als Bürger camoufliert, daraus vertreiben. Das Épater la bourgeoisie ist immer wieder neu zu konzipieren und zu erfinden.

    Technik in der Kunst ist natürlich kein Privileg der Futuristen, das ist richtig. Wobei man Le Corbusier ja mittlerweile auch ein wenig den Hang zum Faschismus nachzuweisen scheint. Es ist diese Koppelung von (politischer) Haltung und dem, was ein Künstler, eine Künstlerin fertig eine nicht ganz einfache Angelegenheit. Zumindest für mich nicht. Richtig ist es allerdings, daß man dabei aufpassen muß, sich in der Sichtung von faschistischen Künstlern nicht vor den falschen Karren spannen zu lassen. Und insofern gehört zur Ästhetik natürlich (implizit) die Politik.

    Es muß dabei freilich der mit Benjamin gesprochen destruktive Charakter mitgedacht werden. Und in einem guten Sinne lösen sich diese Phantasien von Gewalt, Exzeß und Zerstörung eben nicht nur im Faschismus auf. Dies motivierte meinen Verweis auf die Surrealisten, und da kommt es am Ende natürlich auch darauf an, was einer macht und tut. Und da ist es dann ein Unterschied ums ganze, ob einer Kulturminister unter Mussolini oder Emigrant ist.

    Kunst, die mit ernstem Gesicht explizit oder implizit zum Krieg, zur Vernichtung aufruft, ist, wenn sie das buchstäblich meint und ohne den bekannten Hintersinn, keine Kunst, sondern Barbarei, faschistischer Dreck. Deshalb freilich ist Kunst, die, gleichsam in Form des Ausrufs, zum Humanismus auffordert, im Umkehrschluß noch keine gute, gelungene Kunst.

    Der Hinweis zu den Buddha-Statuen ist bedeutsam. Ikonoklasmus ist in der Moderne eben keine rein religiös motivierte Angelegenheit, auch wenn er dies zuweilen vorgibt.

    Da diese Fragen zu Faschismus und antifaschistischer Ästhetik sowie der ästhetischen Moderne des 20. Jhds. einen sehr verschlungenen Reigen bilden, werde ich zu diesem Komplex demnächst einen eigenen Beitrag schreiben, den ich in den Blog stelle. Ich kann in einer Kommentarantwort gar nicht auf die vielen Bezüge eingehen. Es würde eine Antwort, die eines eigenen Beitrages wert ist.

    @ Loellie
    Ja, die Counter-Dschihad-Falle bei den Buddha-Statuen sehe ich ebenso, aber dieses Bild bleibt auch dadurch und gerade dadurch doppelt aufgeladen, indem eben auch diese Funktion mitzudenken ist. Das Bild, welches derart politisch eingesetzt und überkonnotiert ist, ist immer eine Waffe im Propaganda-Krieg. Wir sehen das Gesicht einer jungen verstümmelten Afghanin, der, was entsetzlich ist, aber das bedarf im Grunde keiner Betonung, die Nase abgeschnitten wurde. Wir sehen aber keine zerbombten, ausgebombten afghanischen Zivilisten oder Zivilistinnen, denen die Gliedmaßen fehlen. Es wird dieses und nicht das andere Bild ausgewählt. Das andere Bild muß man sich rekonstruieren, es ist in diesem Falle ein Spiegelbild. Wenn die Serben im Kosovo 300 Menschen töten, ist dies in den Meldungen der Zeitung ein Massaker, ein Massenmord; wenn die USA zur fast gleichen Zeit ein Dorf im Sudan mit rund 1000 Menschen ausrotten, dann ist das ein Sieg für die Freiheit, ein Schlag gegen den Internationalen Terror, der freilich (auch) dem Schoße entsprang, der ihn nun bekämpft, und von solchen Aktionen gibt es dann keine Bilder oder sie werden nicht gezeigt. Diese muß bei der Reflexion über das Bild mit ins Bild gebracht werden. Zugleich natürlich die symbolische und medial vermittelten Verweise und die medialen Bedeutungsebenen, die Art, wie ein Bild im Westen konnotiert ist. Und dazu müßte dann der Blick kommen, den ein Bild in der arabischen Welt entfaltet. Und mich interessiert dann zudem, wie solche Bilder mit unseren Kinobildern und mit anderen Medienbildern korrespondieren, die das kulturelle Unbewußte bilden und als jener blinde Fleck die Wahrnehmungen strukturieren. Der Bezug der Ikonen zum Kinobild.

    Ich denke, mir ist klar worauf Du hinaus willst mit Deinem Text. Die gezielte Produktion von Geschichte, auch mittels Bildern, muß eben entlarvt und aufgezeigt werden. Es müssen Gegengeschichten erzählt werden. Es muß in der Logik der Narration genauso die andere Seite sprechen.

    Ich selber versuche das Gegenbild, indem ich mich diesen Bildern über andere Bilder nähere, um das nicht Bewußte daran aufzuzeigen, aber eben nicht nur in der Weise des rein Politischen. Insofern muß ich mir natürlich den Vorwurf gefallen lassen, daß dieses Projekt hier (ganz bewußt) einem gewissen Ästhetizismus anheimfällt. Es ist der Rausch und die Macht der Bilder, welche mich immer schon faszinieren. Ich war als Kind bereits derart von Fürstenfeldbruck und den Bildern aus des Olympischen Dorf angetan. Ich habe heimlich in den Illustrierten geblättert, um die Bilder zu sehen. Zudem soll oder sollte mein Text zugleich eine Kritik des Mitchell-Buches sein. Es verschränken sich hier also viele Motive. Und ich muß sagen, daß mich meine Texte zuweilen selber überfordern. Diese Dinge alle in eins in einem derart knappen Zeitraum zu schaffen, ist im Grunde gar nicht möglich.

    In der Tat eignet dem 11. September aber eine hohe Komplexität. Und deshalb ließ ich in meinen Text auch diese Leerstelle. Es waren Terroristen. Ich bin mir aber nicht sicher, woher die kamen und wer die waren, wer die bezahlte usw. Deshalb interessiere ich mich für die reine Struktur dieser Bilder, was sie bewirken, wie sie wirken. Wer sie erzeugte? Ich weiß es nicht.

  17. Bersarin schreibt:

    Und was ich vergaß zu erwähnen: Daß Bilder nicht nur den Blick erweitern, sondern ihn, wie insbesondere bei 9/11 den Blick genauso verengen können.

  18. T.Albert schreibt:

    Die Form ist politisch und die Form der Arbeit (des Kunstwerks) ist politisch. Die Form entsteht ja nicht einfach so, sondern aus der Analyse und Interpretation ihrer Bedingungen, und seien diese nur psychologisch und politisch (nicht physisch, räumlich, gegenständlich konkret als Umgebung).
    Die Frage ist dabei, was das interpretierende Subjekt von seiner Analyse denkt, wie es darauf aus seinem politischen Denken und seinen ästhetischen „Erinnerungen“ heraus entwerfend reagieren wird.
    Form wird als Politik hergestellt. Die plastische, kleinteilige, masstäbliche, gegliederte, flexible, organische, bewegliche, unscharfe, bastelige, akzeptierende moderne Sprache der Architektur wurde längst erstickt. (Scarpa ist out, Stam ist out, Wright ist out, Schindler ist out, usw.)

  19. Loellie schreibt:

    War es 2008 als die israelische Armee Gaza bombardierte? Ich erinnere mich noch gut daran, als in vereinzelten Foto-Foren Links zu einer Flickr-Gruppe auftauchten, auf der Bilder der Bombardements und Kämpfe, bzw der Zerstörung und vor allem der Opfer gezeigt wurden.
    Da war was los. Mir erschliesst es sich nicht, warum das Bild des kleinen Mädchens, dem von einem Scharfschützen der halbe Kopf weggeschossen wurde, aus vorgeschobener Pietät nicht gezeigt werden darf, so zumindest der Konsens der Mitte, die Bilder der sich aus dem WTC in den Tod stürzenden Menschen aber ad nauseam in Zeitlupe und Vergrösserung wiederholt werden.

    Und ja, gedenk des Titels „Das Klonen des Terrors. Der Krieg der Bilder seit 9/11“, sind die Buddha-Statuen Klone, oder Variationen der fallenden Türme mit der gleichen, gar identischen Propagandabotschaft. Gegenbilder hingegen existieren doch garnicht. Zumindest keine im Zusammenhang zu 911. Was ich jetzt an der Verbreitung im Sinne von Mainstreammedien festmache. Muss es bei einem Krieg der Bilder nicht auch eine Gegenseite geben. Auch ausserhalb privater Verteiler wie Flickr und Youtube. Auch im Zugang zum Gegenbild bleibt die Assymetrie des Terrors als Anti-Kolloniale Praxis gewahrt.
    Und die Verengung des Blickes ist doch das Ziel jeder Propaganda. Nicht insbesondere bei 911 und kann auch, sondern explizit.
    Ein mögliches Gegenbild zu 911 wäre wohl die Live-Uebertragung vom Tahrir-Platz, vllt auch die sich ausweitenden Demonstrationen in Israel, um die es in den Medien immer stiller wird, je grösser diese werden. Ich muss da echt aufpassen, mir keine Auschreitungen zu wünschen, nur um den Umgang der Medien damit analysieren zu können. Wie will ein „westlicher“ Journalist heutzutage mit einer solchen Situation umgehen? Die Hilflosigkeit wäre sicher noch grösser als beim Arab-Spring.

    Dabei wollte ich doch nur am Rande noch angemerkt haben, dass es während des 1. Weltkrieges ein britischer Nachrichtenoffizier und Kartagraph war, der den Arabern das Handwerk des Terrors lehrte.
    Und Gadhafi recht hatte, als er Al-Queida beschuldigte. Tatsächlich unterhielt die CIA Geheimbasen in Libyen und arbeitete dort mit alten Kameraden aus Afghanistan zusammen …

  20. Bersarin schreibt:

    @ T.Albert
    Form ist implizit in der Tat politisch bzw. mit Gesellschaft und ihren Widersprüchen durchsetzt. Mit den Worten Adornos: das Kunstwerk ist autonom und fait social.

    @Loellie
    Ja, Du hast mit diesen Dingen mehr als richtig. Im Israel-Palästina-Konflikt möchte ich die Hardliner beider Seiten gleichermaßen prügeln. In all diesen Entwicklungen und Tendenzen sehe ich keinerlei Potentiale für Hoffnung oder für irgendwelche Veränderungen, nach der Revolution in Ägypten stehen sicherlich die Schweine schon wieder in ihren Startlöchern. Nein, ich trinke heute Abend wieder eine Flasche Riesling aus dem Elsaß. Ich habe das alles so satt. Wahrscheinlich muß man kleinteilig in irgend einem Projekt arbeiten, das Sinnvolles tut, um in dieser Arbeit zur Ruhe zu gelangen und die Dinge gelassener zu sehen. Ich selber sehe auf diese Welt tiefschwarz, und ich versüße mir die Zeit mit dem Hedonismus und mit Ästhetik, ästhetischer Theorie.

    Der britische Nachrichtenoffizier: das war doch jene Figur, die als Lawrence von Arabien in die Geschichte einging.

    Der Film – nebenbei – gefiel mir, trotzdem er filmisch mit allen Klischees und mit dem Kitsch spielt, ausnehmend gut. Und er macht eines richtig: in spannende Filme gehören nur dann Frauen hinein, wenn auch diese bereit sind zu töten, zu morden oder auf irgend eine Weise für Aktionsspannung jenseits der Rollenmodelle zu sorgen: Da ist dann sicherlich Kill Bill vorbildlich. In der Story „Lawrence von Arabien“ war keine Frau bereit, dies zu tun. Also trat in diesem Film auch keine Frau auf. Gut so. Ich hasse Western, wo dann eine Frau auftaucht, die im klassischen Rollenmodell den Sheriff oder den Schurken in den Arm nimmt. „Du darfst jetzt nicht fortreiten, Joe!“ Wenn ich Joe wäre, ritte ich gerade deshalb fort. Allerdings: High Noon ist hier eine Ausnahme. Aber irgendwie schweife ich vom Thema ab, wenngleich es ja auch hierbei um Bilder und um die kollektiven Mythen geht.

    So, drei viertel sieben, es dämmerst, Rieslingzeit … Und plopp macht es.

  21. Loellie schreibt:

    Was ich jetzt glatt vergessen hatte anzumerken war,
    ja, das war T.E. Lawrence, dessen Werk, trotz literarischer Schwächen, eine herrvoragende Quelle ist, wenn man sich über den arabischen Aufstand und die damalige Geo- und Innenpolitische Situation, bzw den Akteuren in der arabischen Welt informieren will. Da sind ja etliche Kontinuitäten bis heute.
    Man erkennt auch, dass der Westen immer wieder gerne Aufstände und Rebellionen unterstützt hat, nur um die Aufständischen jedesmal hängen zu lassen, gemachte Versprechen zu brechen um anstatt demokratischer Verhältnisse zu schaffen, willfährige Diktatoren einzusetzen. Was einer der Hauptgründe für die Beliebtheit des Westens in der Region ist.

    Die Kombination aus Lean und der ganz grossen Leinwand ist dem Voyeur in mir ja immer ein Fest. Allem Kitsch zum Trotze selbst bei der Schnulze Dr Schiwago, ist das schon enorm, welche Bilder der in der Lage ist einzufangen.
    Auch wenn Douglas Sirk in unerreichter Weise gezeigt hat, das man selbst mit einer beinahe tödlichen Ueberdosis Kitsch und allem, was man landläufig als Kritik gegen Hollywood anführen kann, Filme mit einer Subversivität produzieren kann, von der sich die meisten sogenannten Autorenfilmer eine dicke Scheibe abschneiden können, habe ich diese Fundamentalkritik gegen Hollywood nie verstehen können. Alleine schon der dominierende Einfluss der ganzen Exilanten aus Europa macht es doch geradezu unmöglich Hollywood aus einer Anti-Amerikanischen Perspektive zu betrachten. Ganz davon ab, dass bei niemand Hollywood so verhasst ist wie bei jenen, die unentwegt von amerikanischen Werten faseln. Seit Generationen machen US-Konservativen Jagd auf diese ganzen Kommunisten und Liberalen.

    Und ich kann dann doch nicht widerstehen

    „in spannende Filme gehören nur dann Frauen hinein, wenn auch diese bereit sind zu töten, zu morden oder auf irgend eine Weise für Aktionsspannung jenseits der Rollenmodelle zu sorgen: Da ist dann sicherlich Kill Bill vorbildlich. In der Story „Lawrence von Arabien“ war keine Frau bereit, dies zu tun. Also trat in diesem Film auch keine Frau auf. Gut so.“

    Diese Fehlinterpretation ist natürlich der Perspektive des hetreosexuellen weissen Mannes geschuldet, denn Lawrence hat nicht nur Seite an Seite mit seiner grossen Liebe gekämpft, er hat sogar noch seine beiden Toy-Boys mitgeschlept und im Kampf verloren. Bonnie & Clyde auf Revoluzzer incl Servants with benefits.
    Also um das zu erkennen, muss man doch jetzt aber wirklich nicht schwul sein. ;-)

  22. Bersarin schreibt:

    Das Hollywoodkino ist beides: große Illusion und in gewissem Sinne auch ideologischer Staatsapparat sowie bestes Kino mit teils subtilen und subversiven Filmen. Aber selbst die reaktionärsten Western mit John Wayne lassen sich ja gegen den Strich sehen. Insofern verstehe auch ich die Fundamentalkritik gegen Hollywood nicht.

    Bei Lawrence von Arabien ist mir in der Tat etwas entgangen. Das hätte eigentlich auch mir auffallen müssen. Aber ich merke es schließlich nicht einmal (oder zu spät), wenn Frauen mich anflirten. Frauen müssen bei mir schon sehr hartnäckig sein. Zuerst bin ich ganz Geist. Eine Kommilitonin nannte mich früher Herr Geist, ich sie Frau Körper, was zu 100 % auch zutraf.

  23. Spektakulatius schreibt:

    Ich merke weder, ob ein Mann schwul ist, noch, wie meine Chancen bei einer Frau sind. Ich muß mich da ganz auf Glückstreffer verlassen. Macht mich das jetzt geistig?

    Zu deiner Interpretation der Wissens, was bzgl. 9/11 bei der US-Regierung vorlag: Ich habe das Gefühl, daß dies ein Verdacht ist, der mit den Jahren langsam populärer wurde, nachdem jahrelang nur Wenige wagten, so etwas ungeheuerliches zu unterstellen, wie daß die nicht alles getan haben um den Massenmord zu verhindern. Ich frage mich, ob wir je mehr darüber erfahren werden als nur das, was die Spekulationen zulassen.

  24. Bersarin schreibt:

    Zu 9/11 und der Rolle der von den US-Bürgern nicht gewählten Bush-Regierung (mithin also eine Diktatur, da diese Truppe sich durch Wahlbetrug Macht installierte): Dies ist kein Verdacht, und es waren nicht wenige, die diese These schon wenige Tage später aufstellten. So auch ich. Fakt zumindest ist, daß Hinweise an die US-Regierung (auch durch die Spitzelorgane der BRD) systematisch überhört und übersehen wurden.

  25. Spektakulatius schreibt:

    Was ich meinte war vor allem, daß das, was Du hier eben geschrieben hast, zunehmend zum Mainstream wird, wo es vorher lang genug eher als „die üblichen Verschwörungstheorien“ gehandelt wurde. Klar, bei jedem Mord gibt es nämlich auch Leute die Fragen, wem es nützt. Nur waren die Leute in diesem Falle nicht so deutlich zu vernehmen wie diejenigen, die schon darüber Debattierten, ob es denn Afghanistan verdient, deshalb gleich in die Steinzeit bombardiert zu werden. Es häufen sich mittlerweile die Hinweise, daß da Sachen vertuscht wurden, und diesen Hinweisen zu folgen und sie von der Desinformation durch die Vertuschenden und eben die Verschwörungstheoretiker (sic!) zu trennen, ist nun die große Aufgabe.

  26. hanneswurst schreibt:

    Ich habe dieses Blog 2001 nach Thesen zur Beteiligung der Bush-Administration durchsucht, doch da war nichts, nur Leere, gähnende Leere.

  27. Bersarin schreibt:

    Das ist in der Tat die große, die schwierige Aufgabe. Ich selber neige nicht zu obskuren Verschwörungstheorien. Die Frage des „cui bono?“ ist allerdings zu stellen. Und es wäre gut, wenn sich diese Frage möglichst viele stellten. Aber es sind diese 9/11-Fragen nach dem Täter zugleich die Nebenschauplätze, denn sehr viel interessanter ist natürlich, was danach geschah, was sich daraus ableitete und wer die Profite an Land fuhr und wer eher nicht. Halliburton et al. zumindest ging es hinterher nicht schlechter. Die Privatisierung des Krieges nahm in Irak und Afghanistan ein Ausmaß an, das es derart vorher nicht gab. Zudem: es war kein klassischer Krieg mehr. Er unterschied sich sogar von dem in Vietnam, der ja auch gegen eine Guerilla geführt wurde, aber dabei doch eine andere Dimension besaß.

    Und was wir alle ein wenig vergesssen: Wir befinden uns seit 2001 in einem Dauerkrieg, der als solcher aber in der Latenz verbleibt. Und da sind wir eben wieder bei den Bildern und den Weisen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

    Und wie schnell wurde Abu Ghraib aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Auch dies sind Fragen, die sich an jenes Datum anschließen.

  28. Bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst
    Zu dieser Zeit konnte ich nicht schreiben, weil ich als Fluglehrer in den USA mein Geld verdiente. (Der Norddeutsche spricht: Fluchlehrer)

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