Daily Diary (9), Hamburg und der Papst kommt

Wir waren wieder einmal früh auf den Beinen. Und raus ging es in Eile nach Hamburg. Wir kommen, wenn man uns ruft, denn wir sind die Profis, und die anderen sind es nicht, deshalb werden wir von außerhalb gerufen und nicht die anderen, die diesmal eben die in Hamburg waren. Wir traten ein, durch die Tür, in der Hand unsere Koffer, unsere Arbeitswerkzeuge. Schade, es hätte nur die schwarze Sonnenbrille gefehlt, die jeder auf der Nase trüge. Wortkarg, den Hamburgern gleich, aber in unserer Berliner Arroganz überheblicher. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, witzelte Henning, leise, aber hörbar; die Hamburger goutierten das nur mit diesem eisigen, regenbösen Blick. Karen prustete kurz Luft durch die Nase.

Zurück nach Berlin ging es in den Dienstwagen der Fahrbereitschaft. Wir waren froh, daß wir die stickige Schwüle dieser Stadt verließen. In die Richtung der A 24 fahrend, endlich heraus, ewig sich reihender roter Backstein. „Eine Backsteinwüste“, so spotteten wir. „Na ja, der Krieg!“ „Ach, der Krieg. Scheiß was drauf.“ Horner Kreisel. Mal wieder Sommerdom, Aufstellschilder. „Hamburg: das ist viermal im Jahr Kirmes, Schiffsparade und Hafenfeuerwerke“, so dozierte Henning. „Wann kommt eigentlich wieder die Queen Mary 2?“ Wir biegen auf die Autobahn. „Die erste Autobahn, die hat doch der Führer gebaut.“ „Der Führer war ein Hamburger?“ „Quatsch!“

Endlich ging es wieder ins luftige Berlin. Wenn man auf der Autobahn ist, fühlt man sich Berlin bereits näher. „Ach, Schleswig-Holstein, dieses ewig-satte Grün und dieser düstere Wald ohne Ende, tiefstes Germanien.“ „Na ja, Schleswig-Holstein, das ist verspielt, verschnörkelt wie ein Sartre-Text; Brandenburg, das ist karg, reduziert, das ist wie Beckett: avancierte Kühle, Birth of the cool.“ „Hamburg hat aber auch schöne Seiten!“ „Ja, natürlich. Es soll da einen Blog-Betreiber geben. Der hat diesmal einen sehr guten Text geschrieben zu diesem Salms, den Justav „mit der Hupe“ Seibt in der Süddeutschen verfaßt hat.“ „Ach, Du liest in Blogs, hast Du auch einen?“ „Nein, natürlich nicht.“ Karen schaut nach mir. Ihr hätte ich es schon gerne gesagt. Denn Karen sieht passabel aus. Warum sollte sie nicht wissen, was für kluge Dinge ich privat betreibe? „Süddeutsche? Neeeeh, dann doch lieber die FAZ.“ „Liberal-aal-aal, lieber Aal“ „Wieso, bist du ein Fischkopf?“ „Nein, aber Hamburg hat eben doch schöne Seiten.“ „Die FAZ ist doch konservativ und nicht liberal.“ „Ja, das weiß ich selber. Die Soße ist trotzdem dieselbe. FAZ ist trotzdem besser. Um Klassen.“ „Aber Hamburg hat keine Stadtautobahn, wie Berlin.“ „Nein, aber hier, lies mal dieses Seibt-Zeug.“ „Nee, besser ist da schon der Artikel in der ‚Berliner Zeitung‘ von Elmar Kraushaar.“ „Der Papst kommt im September nach Berlin.“ „Und da gehst du hin? Ins Olympia-Stadion?“ „Na ja, nicht direkt. Eher so woanders. So dagegen.“ „Aber das kann dir doch egal sein. Du bist doch nicht einmal in der Kirche.“ „Eben. Deshalb ja.“

Die dunklen Wagen der gehobenen Mittelklasse passierten den in Stein stehenden Berliner Bären mit den aufrechten Tatzen und das Schild: Berlin. Abrupt von 190 km/h auf vorgeschriebene 60. Was für eine Schande, aber egal, denn da waren wir wieder: in der schönsten aller Städte, luftig, sinnlich, groß und wild, nach eines langen Tages Ritt.

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Daily Diary (9), Hamburg und der Papst kommt

  1. momorulez schreibt:

    Dass ist ja das große Glück für Hamburg – dass den Berlinern das, was „luftig“ heißt, verschlossen bleibt ;) … als ich gestern am ehemaligen Checkpoint Charly vorbei fuhr, dachte ich nur einmal mehr: Was hat der Westteil doch verloren, seitdem die Mauer fiel! Was nicht als politische Aussage missverstanden sei.

    Danke für das Loben des Textes!

  2. Bersarin schreibt:

    Ja , war ein cooles Stück, dieser Text; genauso Deine Darlegungen zum „Übersteiger“. Ich wollte das bereits bei Dir drüben kundtun, fand es dann aber deplaziert, so aus der hohlen Hand heraus und für nichts zu loben. Du hast genau die Mechanismen aufgezeigt, denen wir unterliegen und auf die wir viel zu wenig reflektieren.

    In der Tat: die Gegend um den Checkpoint Charlie ist sehr sehr eigenartig. Aber in dieser Merkwürdigkeit hat das für mich schon wieder etwas. Zumindest zum Photographieren der Nicht-Korrespondenz eignet sich dieser Nicht-Ort.

  3. momorulez schreibt:

    Mein gelegentliches auf Berlin rumhacken liegt ja nur daran, dass ich mich hier wohler fühle ;) – ich weiß ja, dass das eine tolle, aufregende, lebendige und vielfältige Stadt ist. Aber gerade, weil ichdas hier eigentlich liebe, hat das weh getan, was der „Übersteiger“, der in Fussball-Fanzine-Kreisen namhaft ist, da veranstaltet hat. Insofern hatte ich wirklich ein Anliegen, und es freut mich tatsächlich, dass das auch von vielen verstanden wurde, man weiß das vorher wirklich nicht und wappnet sich bange. Nur der Adressat hat es nicht verstanden.

    Na ja, insofern tun mir solche Resonazen sehr gut. Danke!

  4. Bersarin schreibt:

    Ich mag Hamburg ja auch. Wenn man die Juliusstraße herunter geht, in die Bernstorfer und dann auf die Kleine Freiheit kommt und wenn der Passant diese große Hauptstraße überquert, etwas hinein ins Straßengewimmel und ins Cafe Gaier geht und später ein wenig noch herunter, und wenn man am oder im Pudel’s Club sitzt und nachts auf die Elbe blickt, kotzevoll, halb fünf wankend abzieht, sitzen auf der Treppe: ja dann ist das schon ziemlich toll. Und die Lassie Singers (Berlin) haben das in ihrem schönen Hamburg-Lied doch sehr gut auf den Punkt gebracht.

  5. momorulez schreibt:

    Hast Du mich recherchiert? :D Im Gaier war ich zwar länger nicht, früher fast jeden Sonntag, aber das war gerade mein Alltag …

  6. Bersarin schreibt:

    Nein, ich beschrieb nur meinen Lieblingsweg. Sozusagen: An einem Samstag im August. Zu Besuch.

  7. Bersarin schreibt:

    Bitte das Cafe unter den Linden nicht zu vergessen, und ein guter Abend kann sogar im Saal 2 beginnen und man bleibt dann dort und versinkt; so wunderbar.

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