Lektüren (2)

Im Rahmen der Frage nach der Avantgarde, möchte ich eine kurze Passage aus Peter Bürgers Theorie der Avantgarde zur Lektüre geben:

„Denn erst in den historischen Avantgardebewegungen wird die Gesamtheit künstlerischer Mittel als Mittel verfügbar. Bis zu dieser Epoche der Kunstentwicklung war die Verwendung der Kunstmittel eingeschränkt durch den epochalen Stil, einen vorgegebenen, nur in gewissen Grenzen überschreitbaren Kanon zugelassener Verfahrensweisen. Solange aber ein Stil herrscht, ist die Kategorie Kunstmittel als allgemeine nicht durchschaubare, weil sie realiter nur als besondere vorkommt. Ein charakteristisches Merkmal der historischen Avantgardebewegungen besteht nun gerade darin, daß sie keinen Stil entwickelt haben; es gibt keinen dadaistischen, keinen surrealistischen Stil. Diese Bewegungen haben vielmehr die Möglichkeit eines epochalen Stils liquidiert, indem sie die Verfügbarkeit über die Kunstmittel vergangener Epochen zum Prinzip erhoben haben. Erst die universale Verfügbarkeit macht die Kategorie des Kunstmittels zu einer allgemeinen.“ (S. 23 f.)

Die Avantgarde geriet historisch, weil die Mittel ausgereizt sind, und die Wiederkehr des Immergleichen, bei aller Pluralisierung, gibt eben keine Avantgarde mehr ab.

 

10 Gedanken zu „Lektüren (2)

  1. Stimmt das denn? Wenn es „keinen dadaistischen, keinen surrealistischen Stil“ gibt, woran erkennen wir dann eigentlich dadaistische und surrealistische Kunstwerke? Denn das kann doch jeder, der sich ein bisschen mit Kunst auskennt, ganz gut.

    dbH

  2. Diese Frage ist zwar einerseits berechtigt; ich würde diese Passage Bürgers aber zunächst so lesen, daß es bei Dada oder Surrealismus keine Vorgabe im Sinne einer Regelpoetik gibt, wie sie, grosso modo freilich, bis ins 18. Jhd maßgeblich war. Erst als der Geschmacksbegriff aufkam und mit dem „Querelle des Anciens et des Modernes“ gab es so etwas wie Abweichungen von den Regeln. Insbesondere für die Literatur galt dies. Diese hatte einem relativ starren Gerüst zu folgen. Vordem war der „Stil“ eines Textes sehr genau festgelegt.

    Und selbst in der Malerei sind die Übertretungen gering. Als Gegenbewegung dazu läßt sich der Manierismus nennen. Und insbesondere fallen hier El Greco und Tintoretto heraus.

    Der Stil von Dada war es, keinen Stil zu haben und immer wieder in eine andere Richtung zu gleiten. Es gab formvollendete Werke, die aber trotzdem Nonsense waren – Parodie auf die Form.

  3. Mich würde die Entstehung des „Geschmacksbegriffs“ auf den Kontext bezogen interessieren. Wie entsteht dieser den respektive? Durch die Manifestation von Stilvorgaben und Erwartungshaltung eines kommerziellen Publikums? Wie kann mich mir das vorstellen?

  4. Eine Abwendung von der Regelpoetik gab’s allerdings schon immer (gibt es irgendein Werk von Bedeutung, das exakt nach den Regeln einer Regelpoetik geschrieben wurde?), und dann forciert im 18. Jh. (Genieästhetik etc.). Das ist nix Neues.

    Ich würde immer noch sagen, dass Bürgers These falsch ist aus dem in meinem ersten Posting genannten Grund. Aber gut, muss man vielleicht auch nicht auf die Goldwaage legen, so ein kleines Zitat.

    Grüße,
    dbH

  5. Ich habe zum Begriff des Geschmacks hier im Blog eine Serie geschrieben. Das erhellt vielleicht einiges. Ich bin momentan zu erschöpft, und zu faul um das zu suchen und zu verlinken. Es müßte aber über den Begriff „Geschmack“ gut zu suchen sein.

    Geschmack in diesem Sinne des 18. Jhds ist die Fähigkeit, sich seiner Subjektivität zu bedienen, sich gegen die Regeln zu wenden, ohne dabei aber in die Beliegigkeit des rein subjektiven „gefällt mir“ abzugleiten. Geschmack ist gleichsam subjektiv-objektiv. Er entstand in den französischen Salons, die Reden gegen den französischen Absolutismus sowie gegen das genormte Kunstwerk führten. Die dahinter stehenden philosophischen Konzepte und die divergierenden Positionen darzustellen, führt ein wenig zu weit und ist unmittelbar nicht zu leisten.

  6. @ der blinde Hund
    Ja, diese Abwandlungen und kleinen Abweichungen gab es natürlich. Aber im großen und ganzen verblieb es in den Regeln. Ein „Faust“ oder eine „Penthesilea“ wären schlicht unmöglich gewesen. Goethes „Werther“ war ein Skandal. Bei der Uraufführung von Schillers „Die Räuber“ in Mannheim fiel das Publikum in Ohnmacht und es gab großes Geschrei. Kleist galt als unspielbar. Hölderlins Gedichte wurden erst im frühen 20. Jhd entsprechend gewürdigt, und El Greco entfaltete sich eigentlich erst bei den Expressionisten. Die klassische Moderne brachte eine Öffnung der Form, die alle bisherigen Epochen übersteigt.

  7. Stimmt schon, dennoch hat die Regelpoetik nicht alles dominiert und auch nicht „im großen und ganzen“. Wer hat sich schon an Regelpoetiken gehalten? Die künstlerische Freiheit und Möglichkeiten des Ausdrucks wurden natürlich mit der Zeit immer größer und es mussten viele Widerstände überwunden werden (wohl eher Widerstände des Geschmacks und des Zeitgeistes als die der schriftlich fixierten regelpoetischen Konventionen), das ist unstrittig. Dennoch gab es Abweichungen von den Regeln schon immer, v.a. seit dem 18. Jh., ab da hat sich doch niemand mehr um Regeln im engeren Sinne gekümmert, das ist also nichts Neues. Weder ist das also neu, noch liegt darin irgendeine Begründung für Bürgers falsche These, dass Dadaismus und Surrealismus keinen Stil ausgebildet hätten. Man schaue in jedes beliebige ästhetische Lexikon, da steht, was charakteristische Eigenschaften dadaistischer und surrealistischer Kunstwerke sind.

    Noch grotesker ist übrigens Bürgers These „Diese Bewegungen haben vielmehr die Möglichkeit eines epochalen Stils liquidiert“. Das ist schlicht ein non-sequitur. Selbst wenn er Recht hätte, dass Dadaismus und Surrealismus keinen Stil ausgebildet haben (wie gesagt, meiner Meinung nach falsch, aber sei’s drum), folgt daraus in keiner Weise, dass epochale Stile unmöglich sind. – Das sind so große Worte von Literaturwissenschaftlern, die mächtig gewaltig klingen, aber bei kurzer genauerer Betrachtung schlicht grotesk falsch sind.

    Grüße,
    dbH

  8. Bürger geht es um das Moment der Pluralität, deshalb eben seine Kritik am „epochalen Stil“. Es gibt, und das geht bei Bürger auch gegen Adorno und dessen Kritik am Neoklassizismus, nicht mehr das Avancierteste. Es läßt sich nicht mehr sagen: dies ist die Epoche der Klassik, der Romantik des Realismus. Selbst die Romantik in der Literatur des nicht vorhandenen Deutschlands im frühen 19. Jhd. stand der Klassik näher als die Pluralität der Stile im frühen 20 Jhd. Die Stilabweichungen im 18. Jhd. waren marginal. Aber gut man muß das am Detail festmachen, an den Werken der französischen Klassik. Das 20 Jhd tat freilich einen Sprung: Dos Passos und Kafka, Joyce, Döblin, Faulkner oder Gide, Musil und Broch. Differenter geht es nicht. Gut: man kann Kleist nennen, contre Goethe.

    Aber dies sind nun Aspekte, die man am Ende im Detail untersuchen muß, und es sollte dann zunächst der Begriff des Stils in den Blick genommen werden, den Bürger zugrunde legt.

    Beste Grüße zu nachtschlafender Zeit, sozusagen im Blog-Nachtprogramm.

  9. Ok, dann sprichst du offensichtlich von Stil-Pluralismus („Pluralität der Stile“). Dem würde ich zustimmen, das ist ein Merkmal der Moderne (wenn auch nur ein gradueller Unterschied besteht z.B. zur Goethezeit, würde ich sagen). Aber wenn du unter Pluralismus tatsächlich Stil-Pluralismus verstehst, dann ist das nicht mehr Bürgers Position, denn für den haben ja zumindest Dada und Surr. keinen Stil. ;-)

    Worüber man nachts so redet, nicht wahr?

    dbH

  10. Ja, aber in der Nacht sind nicht immer alle Katzen grau.

    Nein: zur Goethezeit besteht kein gradueller Unterschied, sondern einer ums ganze.

    Der Begriff des Stils bei Bürger ist diskussionswürdig, das ist wohl richtig. Ich schriebe das, was Bürger meinte, in anderer Terminologie.

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