Lektüren

„Es geht aber heute nicht mehr in erster Linie darum, für oder gegen die Avantgarde Partei zu ergreifen, die Avantgarde ist für uns historisch; es geht darum, den durch die Avantgarde möglich gewordenen Umgang mit Kunst zu denken und praktisch zu verwirklichen. Dieser kann gerade nicht darin bestehen, den Anspruch einer Aufhebung der Kunst in die Lebenspraxis immer erneut zu wiederholen; vielmehr kommt es darauf an, die Radikalität des avantgardistischen Projekts in die Intensität einer Kritik zu verwandeln, die an den Kategorien idealistischer Ästhetik das Moment der Wahrheit von dem der Unwahrheit scheidet.“ (Peter Bürger, Zur Kritik der idealistischen Ästhetik“, S. 11)

Dieses Projekt gilt es weiterzuverfolgen anhand der Texte von Benjamin und Adorno, die in bezug auf die Avantgarden jedoch andere Routen beschreiten.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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23 Antworten zu Lektüren

  1. J.S. Piveckova schreibt:

    Peter Bürger, den ich persönlich kenne, der aber nicht netzaffin ist, wird sich sehr freuen zu erfahren, dass seine Kritik der idealistischen Ästhetik gelesen wird und ihren Weg ins neue Medium findet. Vielleicht ließe sich sogar mal ein persönliches Treffen organisieren, um diese Diskussion weiterzuführen: Wie etwa die Intensivierung der Kritik unter den Bedingungen eines weiteren „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ zu leisten ist…

  2. Bersarin schreibt:

    Whow, keine schlechte Bekanntschaft. Wenn sich so ein Treffen ermöglichen läßt, sehr gerne. Und so richte Peter Bürger – ungekannterweise – meine Grüße aus. Er ist mir seit Ende der 80er Jahre präsent, und er wird leider viel zu wenig wahrgenommen. „Zur Kritik der idealistischen Ästhetik“ ist bei Suhrkamp sogar nicht mehr im Verkauf. Traurig. Ich lese Bürger gerde wieder im Zusammenhang mit meiner Serie zum Ende, zum Wozu der Kunst, und zwar unter anderem seinen Aufsatz „Das Altern der Moderne“, (aus dem gleichnamigen Buch, in dem ja viele weitere spannende Texte stecken), außerdem „Zur Kritik der idealistischen Ästhetik“. Es ist ein Jammer, daß ich einen Beruf ausüben muß, denn so komme ich in meiner Lektüre- und Schreib-Arbeit eben nur schleppend voran. Momentan steuere ich auf Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz zu, um von dort zu Adorno Beckett-Text überzugehen.

    Insbesondere jenen Aspekt in Deinem letzten Satz halte ich übrigens für äußerst wichtig.

  3. J.S. Piveckova schreibt:

    Morel hat über Benjamins Kunstwerkaufsatz promoviert. Ich glaube, dass das eine sehr gute Arbeit ist (auch wenn ich natürlich nicht ganz objektiv bin ;-)) https://www.amazon.de/künstliche-Natur-Benjamins-Begriff-Technik/dp/3631461178/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1312232837&sr=8-1
    P. Bürger lebt jetzt in Berlin. Ich werde ihm über diesen Blog schreiben und vielleicht klappt das tatsächlich mit einem Austausch!

    Ich hoffe sehr, du schreibst auch einen Text über den sonderbaren Ort. (Die Buchpreise sind es wert!)

    Wie schwer das ist, Brotarbeit (und in meinem Fall das Leben mit Kindern) mit Lese- und Schreib-Arbeit zu verbinden, das weiß ich nur zu gut. Jahrelang habe ich mich für komplett verblödet gehalten, erst ganz langsam trau ich mich wieder zu denken und zu schreiben ;-).

  4. bechstein schreibt:

    Gerade weil die Avantgarde „historisch“ ist, gilt es, gegen sie Partei zu ergreifen. Die Avantgarde hat ihren geistigen Urgrund im bürgerlichen Radikalismus zu dem sie stets wieder zurückkehrt. Das könnt ihr Peter Bürger auch gerne ausrichten.

  5. Bersarin schreibt:

    @ J.S. Piveckova
    Recht vielen Dank für diesen Lektüretip. Ich recherchiere mal, ob ich mir dieses Buch zukommen lasse. Ich denke, daß Du in der Sicht objektiv bist. Eine nicht so gute Arbeit, selbst vom geliebtesten Menschen, würde ich trotz alledem kritisieren. Dies hat mir zuweilen Unbill eingebracht.

    Ob Peter Bürger nun gerade an meinem Blog interessiert ist, bezweifele ich zwar, denn ich bin ein Feierabendästhetiker.

    Ich versuche, etwas über diesen sonderbaren Ort, den Du auf Deinem Blog abbildetest, zu schreiben, ein paar Ideen sind bereits vorhanden. Freilich bin ich kein Schriftsteller, sondern mache Essays und Photographien.

    Da ich ab dem 12.8. im Urlaub bin, komme ich wohl erst in der verdienten Erholung resp. danach dazu. Im Urlaub gehe ich nicht ins Internet, benutze keine Handys, lese keine Blogs. Aber schreiben (und photographieren) werde ich sicherlich – was immer es auch sei.

    @ bechstein
    Ich werde dies Peter Bürger ausrichten, sobald ich ihn sehe.

    Allerdings verstehe ich den Zusammenhang der Begründung nicht ganz: Warum sollte man gegen die Avantgarde Partei ergreifen, nur weil sie historisch ist? Man könnte genauso gut für sie Partei ergreifen, gesetzt man mag das Historische. Hatte nicht das mittlerweile sich selbst abgeschaffte Proletariat übrigens seinen geistigen Grund im Bürgerlichen? Allein in seinem Nachahmungstrieb in bezug auf die bürgerliche Bildung fundiert sich die bürgerliche Latenz des Proletariats.

    Dies fragt besorgt der eristische Dialektiker Bersarin

  6. J.S. Piveckova schreibt:

    Ich bin gespannt auf die Erzählung. Und die Fotos.

    Einen erlebnisreichen Urlaub wünsche ich. Auf die Photos und Texte freue ich mich schon.

    Wegen Peter Bürger: Er liest nicht im Netz; er hat nicht einmal einen Internetzugang. Aber – wie jeder, der schreibt – freut er auch er sich, wenn seine Text gelesen, bedacht, weitergedacht werden. D a s wird ihn interessieren. Die Themen, mit denen du dich beschäftigst, sind ja genau die, die Bürger seit vielen Jahren schreibend „bearbeitet“. Auch mich interessiert, wie er heute zu seinem Buch steht – und gerade zu diesen Thesen über die Avantgarde. Wir haben – in anderem Zusammenhang – vor gut einem Jahr einmal darüber gesprochen. Aber wie solche Gespräche sind: Sie bewegen sich, rasch, von einem Gegenstand zu anderen, daher kann ich nicht mehr exakt referieren, was er sagte.

    Zu Morel und seinem Buch über Walter Benjamins Technikaufsatz: Ich empfinde mich nicht als objektiv, weil ich die Diskussion über diesen Aufsatz (nicht den Aufsatz selbst) ganz wesentlich über/durch Morels Arbeit dazu kenne. Ansonsten kann ich durchaus kritisch sein (oh ja, – oh je! – und umgekehrt: Kritik nur schwer ertragen… gerade von geliebten Menschen, natürlich!, aber ich fordere sie trotzdem ein. Und dann wird eben gestritten…)

  7. bechstein schreibt:

    „Allerdings verstehe ich den Zusammenhang der Begründung nicht ganz: Warum sollte man gegen die Avantgarde Partei ergreifen, nur weil sie historisch ist? Man könnte genauso gut für sie Partei ergreifen, gesetzt man mag das Historische.“

    Für Peter Bürger hört Avantgarde nach 1945 auf, für mich nicht. Sie hat bis heute nicht aufgehört; um das zu erkennen kann man einfach mal in eine fast beliebige Galerie gehen oder in eine Kunstzeitschrift schauen. Nur weil sich alle daran gewöhnt haben und Millionen von kunstgeschichtlichen Büchern geschrieben wurden, also alles passiert ist um Avantgarde „historisch“ zu machen, heisst das nicht, dass man jetzt keine Position mehr beziehen muss.
    Im Gegenteil.
    Von marxistischer Seite ist einiges gegen die Avantgarde geschrieben worden, um einige Autoren zu nennen: Lukács, Lifschitz, Hacks. Da es Kunstgeschichte gibt ist das meiste davon akuell.

    „Hatte nicht das mittlerweile sich selbst abgeschaffte Proletariat übrigens seinen geistigen Grund im Bürgerlichen? Allein in seinem Nachahmungstrieb in auf die bürgerliche Bildung fundiert sich die bürgerliche Latenz des Proletariats.“

    Das Proletariat gibt es immer noch. Gegenteiliges zu behaupten, mit dem Verweis auf fehlendes Klassenbewusstsein etwa, ist idealistisch und falsch. Was es in Europa nicht mehr gibt ist eine starke Arbeiterbewegung.
    Dass die Marxisten humanistische, ursprünglich bürgerliche, Werte vertreten haben ist richtig. Solange das Bürgertum progressiv handelte und dachte, war es ja nachahmenswert.
    Ab Schopenhauer und Nietzsche (was die Philosophie angeht) und einem wachsenden Antikommunismus (was die Politik angeht) mussten Marxisten ihren angeeigneten Humanismus verteidigen.

  8. der blinde Hund schreibt:

    „Dieses Projekt gilt es weiterzuverfolgen…“ – Warum eigentlich?

    Zu Peter Bürger: Ich würde sagen, so ungelesen ist er heute gar nicht. Sein Büchlein „Theorie der Avantgarde“ wird in Universitäten immer noch gelesen. Ich selber las es nur in Auszügen und hielt es z.T. für dermaßen krude, dass ich nicht sehr zum weiterlesen neigte. Schon allein die Einleitung ist ein Gemisch aus extrem starken Thesen und absurden Begründungsversuchen für diese Thesen (wenn es überhaupt Begründungsversuche gibt). Wie er z.B. von Marx‘ Religionskritik auf sein Hermeneutik-ist-Ideologiekritik-Modell kommt (S. 11f.), ist möglicherweise typisch germanistisch, aber sicher nicht überzeugend.

    Grüße,
    dbH

  9. Bersarin schreibt:

    Bürger schreibt nicht, daß man keine Position mehr beziehen muß, denn sonst stünde das Wort „Kritik“ nicht an dieser Stelle im Bürger-Zitat.

    Zu sichten wäre dabei zunächst, was Bürger unter Avantgarde versteht. Es scheint sich zumindest nicht mit Deinem Begriff der Avantgarde zu decken. Dazu müßte ich dann Bürgers „Theorie der Avantgarde“ heranziehen.

    Im Zeichen einer Spätmoderne hat sich allerdings nicht nur der Begriff der Avantgarde, sondern auch diese selbst verfranst: sie ist plural geworden, man spricht besser von den Avantgarden, die freilich wirkungslos sind, weil sie den Abglanz und Abklatsch des Historischen darstellen. Die künstlerische Avantgarde (sofern sie überhaupt noch eine Avantgarde darstellt) kreist in ihrer eigenen Spirale. Die Kunst geht ewiglich weiter, dies ist die gute alte bürgerliche Mähr, welche uns die Apologeten des freien Marktes ohne Unterlaß singen.

    Überhaupt scheint mir eine Avantgarde, die derart in dem Selben kreist und nicht recht vorankommt, eher eine Derriere-Garde zu sein.

    Die Proletarier in Europa mögen es leider nicht so gerne hören, wenn man sie Proletarier nennt. In der Tat beruht allerdings diese Gesellschaft, der kapitalistisch organisierte Immanenzzusammenhang, weltweit, immer noch auf der Arbeit bzw. auf dem Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Diese Gesellschaft ist durch Arbeit organisiert; und insofern ist die Rede von der Freizeitgesellschaft oder der Risikogesellschaft falsch: immer noch befinden wir uns in einer Arbeitsgesellschaft. Und diese benötigt eben Menschen, die arbeiten. Ob man die nun Proletarier nennt, darüber läßt sich gut streiten.

    Mit dem Begriff des Humanismus kann ich in dieser Form nichts anfangen, weil mir hier eine viel zu abstrakte Verwendung vorliegt, die den Begriff einfach und unhinterfragt auf Diskursbedingungen übernimmt. Oder um es mit dem guten Wolfgang Neuss zu schreiben: „Ich bin viel zu viel Määänsch, um Humanist sein zu können.“

    Lassen wir zuletzt jedoch Peter Bürger sprechen, was man dann in obigem Beitrag unter Lektüren (2) nachlesen kann.

    @ der blinde Hund
    Zunächst Willkommen auf meinem Blog: ein neuer Leser. (Hannneswurst bekommt dann seine Werbeprämie: eine schöne Heideggerausgabe von „Sein und Zeit“)

    Schön und auch gut, daß Bürger nicht so ungelesen ist. Um diese von Dir genannten Aspekte zu beurteilen, muß oder besser: müßte ich wieder in die „Theorie der Avantgarde“ einsteigen, die ja im wesentlichen eine Theorie zur Kunst ist, freilich teils im literaturwissenschaftlichen Rahmen geführt. Interessant scheint sie mir auch durch die Re-Lektüre von Adorno, Benjamin und Lukács.

  10. Bersarin schreibt:

    @ J.S. Piveckova
    Ja, es stehen auch die meisten Bücher von Bürger in meiner Bibliothek. Was mir auch gefiel: daß er, ohne nun unkritisch zu übernehmen, auch seinen Blick auf den sogenannten Poststrukturalismus geworfen hat. Seine Kritik an der Postmoderne teile ich allerdings nicht ganz.

  11. T. Albert schreibt:

    @bechstein
    „Für Peter Bürger hört Avantgarde nach 1945 auf, für mich nicht. Sie hat bis heute nicht aufgehört; “

    Ja, Mist aber auch. Stalin hätte das russische Avantgarde-Zeug nicht im Keller aufbewahren, sondern im Kamin verbrennen sollen, dann gäbs schon mal weniger davon. Er hätte sich in der Formalismus-Debatte um Mandelstam und diese bürgerlichen Radikalen noch intensiver und väterlicher kümmern sollen.
    Immer noch haben wir nicht genügend für „das Verstehen“ gesorgt.

    Immer „trouble with classizists“. (Lou Reed)

  12. athene noctua schreibt:

    T. Albert, Sie verwechseln wohl Ossip Brik und Ossip Mandelstam. Der erste wurde zurecht als Formalist verfolgt, der zweite bloß wegen eines Gedichts gegen Stalin.
    Wenn Sie sich auch nur ein bisschen auskennen würden, dann wüssten Sie, dass der Formalismus keine genuin sowjetisch-revolutionäre Denkrichtung war, sondern sich fast überall in der Welt in jeweiligen Ausprägungen fand.
    Im freien Westen wurden formalistische und avantgardistische Tendenzen gefördert, durch offizielle Kulturpolitik wie durch Geheimdienste. Da hat alles Kümmern auf der anderen Seite nichts genützt.

  13. Bersarin schreibt:

    @ athene noctua
    Ach, wenn Mandelstam bloß wegen eines Gedichts gegen Stalin verfolgt wurde, dann geht das ja. Was sollte an solchen Verfolgungen auch auszusetzen sein?

    Weithin bekannt ist es, daß der Formalist Kafka früh schon für den amerikanischen Geheimdienst schrieb. Bereits sein erster Roman „Der Verschollene“ (auch unter „Amerika“ bekannt) deutete diesbezüglich nicht nur biographisch einiges an.

    Mark Rothko hat, wie man heute weiß, seine Bilder gar nicht mehr selbst gemalt, sondern ganz einfach die Jungs vom CIA malen lassen. Faule Sau, die. War auch einfach: bloß etwas Farbe auftragen, ein bißchen wischen, auf die Begrenzung achten und fertig ist das Bild. Daher kam dann auch, in Anlehnung an „Malen nach Rothko“, das vom CIC inspirierte „Malen nach Zahlen“, jenem bekannten amerikanischen Henry Zahlen, der massiv vom CIC unterstützt wurde und die Richtung des formalen Impressionismus schuf, der insbesondere die BRD-Kunstszene der 60er Jahre stark prägte. Der damalige BND-Chef Sigmar Polke: „Irgendwie haben wir alle mitgemacht!“

    Am liebsten von allen Dingen der Kunst ist mir aber diese wunderbare und absolut avancierte Lyrik des späten Becher:

    Stalin

    Neigt euch vor ihm in ewigem Gedenken!
    O sag auch du, mein Deutschland, Stalin Dank.
    Er kam, ein neues Leben dir zu schenken,
    Als schon dein Land in blutgem Schnee versank.

    Er kam, aus deiner Not dich zu erretten,
    Wo immer neues wächst, gedenke sein.
    Hochhäuser ragen über Trümmerstätten
    Und ihr Willkommen lädt uns herzlich ein.

    Es wird ganz Deutschland einstmals Stalin danken.
    In jeder Stadt steht Stalins Monument.
    Dort wird er sein, wo sich die Reben ranken,
    Und dort in Kiel erkennt ihn ein Student.

    Dort wird er sein, wo sich von ihm die Fluten
    Des Rheins erzählen und der Kölner Dom.
    Dort wird er sein in allem Schönen, Guten,
    Auf jedem Berg, an jedem deutschen Strom,

    Allüberall, wo wir zu denken lernen
    Und wo man einen Lehrsatz streng beweist.
    Vergleichen wir die Genien mit den Sternen,
    So glänzt als hellster der, der Stalin heißt …

    Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
    Der Apfelbäume an dem Bodensee,
    Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
    Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.

    Am Wendelstein und in den Isarauen
    Sind wir begegnet deinem Angesicht,
    Wir sind begegnet dir im Abendblauen,
    Und sind begegnet dir im Morgenlicht.

    In seinen Werken reicht er uns die Hand.
    Band reiht an Band sich in den Bibliotheken,
    Und niederblickt sein Bildnis von der Wand.
    Auch in dem fernsten Dorf ist er zugegen.

    Mit Marx und Engels geht er durch Stralsund,
    Bei Rostock überprüft er die Traktoren,
    Und über einen dunklen Wiesengrund
    Blickt in die Weite er, wie traumverloren.

    Er geht durch die Betriebe an der Ruhr,
    Und auf den Feldern tritt er zu den Bauern,
    Die Panzerfurche – eine Leidensspur.
    Und Stalin sagt: „Es wird nicht lang mehr dauern!“

    Er spricht im neuen Hüttenkombinat.
    Wie brüderlich und schlicht sagt er: „Genossen!“
    Ein jedes Wort, das Stalin spricht, ist Tat,
    Aus einem Stück sind Wort und Tat gegossen.

    In Dresden sucht er auf die Galerie,
    Und alle Bilder sich vor ihm verneigen.
    Die Farbentöne leuchten schön wie nie
    Und tanzen einen bunten Lebensreigen.

    Mit Lenin sitzt er abends auf der Bank,
    Ernst Thälmann setzt sich nieder zu den beiden.
    Und eine Ziehharmonika singt Dank,
    Da lächeln sie, selbst dankbar und bescheiden.

    Die Jugend zeigt euch ihre Meisterschaft
    In Sport und Spiel – und ihr verteilt die Preise.
    Dann summt ihr mit die Worte „lernt und schafft“,
    Wenn sie zum Abschied singt die neue Weise.

    Nun lebt er schon und wandert fort in allen
    Und seinen Namen trägt der Frühlingswind,
    Und in dem Bergsturz ist sein Widerhallen
    Und Stalins Namen buchstabiert das Kind.

    Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben,
    Dankt man dir, Stalin, und sagt nichts als: „Du!“
    Ein Armer flüstert „Stalin“ noch im Sterben
    Und Stalins Hand drückt ihm die Augen zu.

    Dort wirst du sitzen mit uns in der Runde
    Und teilst mit uns die Speise und den Trank.
    Wir heben, grüßend dich, das Glas zum Munde
    Und singen dir und sagen Stalin Dank.

    Stalin: so heißt ein jedes Friedenssehnen.
    Stalin: so heißt des Friedens Morgenrot,
    Stalin beschwören aller Mütter Tränen:
    „Stalin! O ende du des Krieges Not.“

    Wer je wird angeklagt des Friedens wegen,
    Aufrecht stehst du in dem mit vor Gericht.
    Die Richter aber ihre Hände legen
    Vors Auge, denn sie blendet soviel Licht.

    Du trittst herein, welch eine warme Helle
    Strömt von dir aus und was für eine Kraft
    Und der Gefangene singt in seiner Zelle,
    Er fühlt als Riese sich in seiner Haft …

    Im Wasserfall und in dem Blätterrauschen
    Ertönt dein Name, und es zieht dein Schritt
    Ganz still dahin. Wir bleiben stehn und lauschen
    Und folgen ihm und gehen leise mit.

    Du Freund der Völker, du, ihr allerbester,
    Was je war rühmenswert, blüht dir zum Ruhm.
    Es spielt, den Weltraum füllend, ein Orchester
    Das hohe Lied von Stalins Heldentum …

    Dem folgt nun nicht deutscher Gesang, sondern eher ein homerisches Gelächter. Aber vielleicht war die Staatskunst der DDR insgesamt bloß eine wunderbare Satire – zur Erheiterung des Proletariats gedacht.

  14. der blinde Hund schreibt:

    Ah, dieses Gedicht von Becher suche ich schon lange, prima! Stalin winkt ein Reh heran… unerreicht.

  15. athene noctua schreibt:

    Ja Pathos, ganz schlimm. Und es geht nicht mal am Rande um Drogenkonsum.
    Unverzeihlich von Becher ist wohl, dass er sich vom Expressionismus abwandte, die Tendenzdichtung der Illusion von der reinen Kunst vorzog.

    Hier kann man, wie der blinde Hund, weder ein einfaches Gedicht verstehen (nicht Stalin als Person sondern Stalins Güte, Geist also; Deutschunterricht geschwänzt und jetzt das Internet mit halbinteressantem Müll vollschreiben, kennt man ja), noch gibt man sich die Mühe, Becher überhaupt zu lesen, was ja zu der Erkenntnis führen könnte, dass er einiges mehr geschrieben hat als Lobeshymnen auf Stalin.

    @ Bersarin:

    Mandelstam selbst hat übrigens sehr klug bemerkt, dass die Poesie in der Sowjetunion so ernst genommen wird, dass ein Gedicht Grund für ein Todesurteil sein kann (er wurde allerdings in die Verbannung geschickt). Die Frage ist bloß, ob das Gedicht gut war um den eigenen Tod zu riskieren.

    Es ist naiv zu glauben, dass Kunst keine Macht hätte. Desweiteren ist es naiv zu glauben, dass nur im Osten die Kunst eine Waffe war. Ich verweise nur auf McCarthy, die Hollywood blacklist, die Verbannung von Charlie Chaplins, u.a.. Dass westliche Geheimdienste die Avantgarde förderten ist längst bekannt, s. http://de.wikipedia.org/wiki/Kongress_für_kulturelle_Freiheit

  16. T. Albert schreibt:

    wahnsinn. natürlich, athene, sie finstere, hab ich keine ahnung und sie wissen, wen ich mit wem verwechsele, wenn ich einen namen nenne. mandelstam wurde nur verbannt, drum sag ich ja, ihr habt euch nicht genügend liebevoll um ihn gekümmert, wo er doch so klug war. sein gedicht war wohl nicht gut genug.

    als kleinbürgerlicher avantgarde-liebhaber finde ich natürlich auch, dass sie chaplin besser den schädel eingeschlagen hätten anstatt ihn nur zu verbannen, obwohl er so antiavantgardistische filme gemacht hat.
    der avantgardist ist mccarthianist und westlicher geheimdienstler, wie melnikov, el lissitzky, malewich, tatlin, rodchenko, mendelsohn usw.es auch schon waren, wie längst bekannt ist.

  17. athene noctua schreibt:

    Jetzt noch in Kleinschreibung, wird ja immer wilder hier.
    Wo schreibe ich denn, dass ich was gegen Chaplin habe?

    Ihre Aufzählung zeugt ebenfalls von Unkenntnis. Was hat Mendelsohn darin zu suchen? Was vereint die Genannten? Konstruktivismus und Formalismus zielen in entgegengesetzte Richtungen. Rodtschenko und Malewitsch waren mit der OSA assoziiert, Melnikow und Lissitzky mit der Asnowa.
    Statt mal nachzudenken, was der Antikommunismus im Westen nach 1945 für die Kultur bedeutet, flüchten Sie sich in hohle Ironie. Fest steht für Sie ja, dass es in der Sowjetunion eine liebe Avantgarde gab und einen bösen Stalin, im Westen dagegen eine liebe Avantgarde und Kunstfreiheit und das reicht ja auch.

  18. Bersarin schreibt:

    @ athene noctua
    Nun spricht es sowenig gegen abstrakte Malerei des Westens, weil, wie bekannt, bestimmte Tendenzen von Geheimdiensten gefördert wurden, wie es nicht gegen Brechts oder Tübkes Werke spricht, daß sie einer Diktatur dienstbar waren. (Gleiches gilt für Peter Hacks.) Die ideologischen Aufladungen von Werken sind gegenüber ihrem Gehalt und ihrer Form zweit- und drittrangig. Brecht ist nicht gut, weil er links und Benn nicht schlecht, weil er konservativ (oder rechts) ist und sich zum Beginn des Dritten Reiches schäbig verhielt, um es freundlich zu schreiben.

    Was die Entwicklung des Formgesetzes betrifft: da war die CIA ziemlich spät dran.

    Den Begriff des Formalismus müßte man allerdings ein wenig klären, ich verbinde damit, was die Literatur betrifft, wesentlich die Expressionsmus-Debatte rund um den Text „Größe und Verfall des Expressionismus“ und dann den unsäglichen Formalismusstreit seinerzeit in der DDR: Ästhetik als ordre von oben.

  19. T. Albert schreibt:

    Zu Mendelsohn gucken Sie halt noch mal in Ihrem Chan-Magomedov nach. Sie können auch zu Le Corbusier und Gropius u. a. nachsehen.

    Nicht Sie haben was gegen Chaplin. Die mccarthianistischen Geheimdienst-Avantgardler hätten “ chaplin besser den schädel eingeschlagen hätten anstatt ihn nur zu verbannen, obwohl er so antiavantgardistische filme gemacht hat.“
    Chaplin war Ihrer geneigten Meinung nach kein „Avantgardist“, schliesse ich aus Ihren Sätzen.

    „Formalismus“ zielt also in die entgegengesetzte Richtung des Konstruktivismus. Hm. Wie soll man sich da nicht in Ironie flüchten. Von wem aus gesehen?
    Es gab im übrigen lange vor 1945 im Westen Konstruktivisten und andere „abstrakte“ „Formalisten“, die mit den sowjetischen Kollegen bes. in Deutschland in regem Ausstausch standen, zumindest bis 27. Das können Sie in Ihren „Tendenzen der Zwanziger Jahre“, Berlin 1977, problemlos nachschlagen. Geheimdienste waren da nicht nötig. Schön, dass moderne Kunst nach 45 auch in Deutschland wieder möglich war, nach 12 Jahren Unterbrechung, aber auch dafür brauchten die aus dem Exil oder den Lagern oder dem Krieg heimkehrenden modernen deutschen Künstler keine Geheimdienste, galten aber immer noch gerne als Kulturbolschwisten, Kulturjuden, Verräter, Asphaltkünstler und was weiss ich noch, auch einfach als Kommunisten. Geerd Wilders spricht gerade wieder von „linken Hobbies“.
    Mendelsohn ist aber draussen geblieben.

    „Statt mal nachzudenken, was der Antikommunismus im Westen nach 1945 für die Kultur bedeutet,..“ – Ja, dazu fällt mir dann der Formalismusstreit ein und wer dann zu meinen Lebzeiten noch froh war, als Künstler aus der DDR rausgekommen zu sein. Aber jetzt, wo die poststalinistische Malkunst der „Leipziger Schule“ auch bei heftigen Antikommunisten gut ankommt, sehen die das wieder anders und sind froh, dass es mit dem abstrakten, formalistischen Avantgardescheiss vorbei ist. Ich kenne immer mehr.

    „Fest steht für Sie ja, dass es in der Sowjetunion eine liebe Avantgarde gab und einen bösen Stalin, im Westen dagegen eine liebe Avantgarde und Kunstfreiheit und das reicht ja auch.“

    Sehe ich das so? Ach, es gab so viele „Avantgarden“, da war nicht jeder mitverantwortlich an Stalin, der ihm dann den Hals zudrehte oder dem er sich freiwillig unterwarf.
    Zum Glück gibts die individualistischen Subjektivisten, damals und heute. Ich bin zum Beispiel ein subjektivistischer Diasporist.

  20. T. Albert schreibt:

    Chaplin war Ihrer geneigten Meinung nach kein „Avantgardist“, schloss ich aus Ihren Sätzen.

    – zur Verdeutlichung.

  21. athene noctua schreibt:

    meine Entgegnungen:

    @ Bersarin:

    „Nun spricht es sowenig gegen abstrakte Malerei des Westens, weil, wie bekannt, bestimmte Tendenzen von Geheimdiensten gefördert wurden, wie es nicht gegen Brechts oder Tübkes Werke spricht, daß sie einer Diktatur dienstbar waren. (Gleiches gilt für Peter Hacks.) Die ideologischen Aufladungen von Werken sind gegenüber ihrem Gehalt und ihrer Form zweit- und drittrangig. Brecht ist nicht gut, weil er links und Benn nicht schlecht, weil er konservativ (oder rechts) ist und sich zum Beginn des Dritten Reiches schäbig verhielt, um es freundlich zu schreiben.“

    Es spricht gegen die abstrakte Kunst des Westens, dass sie nicht auf der Folter der CIA verstummte. Künstler in der SU und in der DDR, v.a. Hacks, wussten ja worauf sie sich einließen, während Beuys z.B. einfach nur ein Trottel war. Ästhetisch wie ideologisch gibt es da keine Symmetrie und erst recht keine Entsprechung.

    Der Inhalt ist in der Kunst das erste, damit Wichtigste. Er ist nicht notwendig von der ideologischen Tendenz des Autors abhängig. Bei Benn stimme ich Dir zu; das gab es öfter, ein weiteres Beispiel für gelungene Form bei ideologischem Totalversagen wäre Wagner.
    Allerdings ist es alles etwas schief, Brechts Stücke sind ja gerade gut weil er die Welt in der er lebte erkannt hat und deshalb Kommunist geworden ist. Benn dagegen gilt zwar nicht als schlechter Dichter, ist und bleibt aber eine traurige Gestalt.

    „Den Begriff des Formalismus müßte man allerdings ein wenig klären, ich verbinde damit, was die Literatur betrifft, wesentlich die Expressionsmus-Debatte rund um den Text ‚Größe und Verfall des Expressionismus‘ und dann den unsäglichen Formalismusstreit seinerzeit in der DDR: Ästhetik als ordre von oben.“

    Der sogenannte Formalismusstreit ging schon wesentlich früher los, ich nannte schon Asnowa und OSA als zwei Gruppierungen, die sich in einem solchen Streit befanden. Es findet sich bestimmt auch was zur LEF. So zu tun als wäre der Formalismusvorwurf eine Erfindung von Lukács oder sozialistischer Kulturbürokratie ist jedenfalls falsch. Der Formalismusbegriff verschwand übrigens aus dem offiziellen Sprachgebrauch in der DDR 1954, als Becher (oho!) Kulturminister wurde.

    @ T. Albert:

    Chan-Magomedov hab ich nicht da. Ist das aus der Fundus-Reihe?

    „Ich bin zum Beispiel ein subjektivistischer Diasporist.“

    Das tut mir Leid, ich hoffe Sie haben keine Schmerzen und werden bald (wieder) gesund.
    Und nein, Chaplin war kein Avantgardist, mir ist jedenfalls kein Film bekannt in dem er als Dreieck auftritt.

  22. T.Albert schreibt:

    Chan-Magomedov hab ich nicht da. Ist das aus der Fundus-Reihe?

    – Nein. Er ist dicker und grösser, quadratisch. Meiner ist aus der DDR, andere haben einen aus der Sowjetunion.
    Man sollte auch seinen Pevsner haben, seinen Benevolo und seinen Zevi.

    Und nein, Chaplin war kein Avantgardist, mir ist jedenfalls kein Film bekannt in dem er als Dreieck auftritt.

    – Nein, das tut er nicht. Da ich solch einen irgendwie naturalistischen Gedanken in allem vermutete, erlaube ich mir zu sagen, dass Sie an den Strukturen visueller Kunstwerke offensichtlich nicht interessiert sind. Aber das wird ja gerade wieder Mode, nur war gerade Chaplin eben kein antimoderner, antidemokratischer Klassizist, weder ein mcCarthyistischer noch ein stalinistischer.
    Mit einem lustigen Gegensatz von „abstrakt“ und „figurativ“ hat das alles jedenfalls nichts zu tun, und das wusste Becher schon biographisch begründet sehr genau.
    Aber auch da setzen sich ja gerade gesellschaftlich die dümmsten Vorstellungen wieder durch.

    – Ich habe keine Schmerzen und bin kerngesund. Vom Diasporismus wissen Sie nichts, da sind Sie es, der mir leid tut. Ich denke, Mandelstam war auch schon ein Diasporist, wenn ich Kitaj mal zurückbeziehe. Benjamin war ein Diasporist, denke ich. Rothko war nach Kitaj ein Diasporist.

    Flüchtigen Gruss

  23. Bersarin schreibt:

    Nein, Brechts Stücke sind mitnichten alle gut. Und da wären wir beim Gesetz der Form. Die Johanna und der Arturo Ui sind Gesinnungskitsch. Gut gemeint, schlecht gemacht. Nichts schlimmer, als wenn Haltung gepaart mit Belehrung in ein Kunstwerk einfließen. Mein Standardverweis geht hier auf Beckett und insbesondere auf das „Endspiel“. Dieses ist maßgeblich, dahinter gibt es keinen Weg zurück, und dagegen sind die Stücke Brechts (oder Sartres) hilflos.

    Das VEB-Kombinat „Gesinnung, Kitsch und Haltung“ hat mit Kunst nichts zu schaffen und ist weit von ihr entfernt, so daß es eine Differenz ums Ganze ist.

    Was das menschliche Verhalten in Diktaturen betrifft, so entzieht sich dies bei allen Künstlern meiner Bewertung, weil ich keinen der genannten persönlich kenne. Natürlich lassen sich, sei es Benn, Brecht, Heidegger oder Anna Seghers, diese als moralische Vollversager benennen. Und Brecht wußte nur zu gut, weshalb er in die USA und nicht in die glorreiche Sowjetunion immigrierte.

    Richtig: Inhalt ist in der Kunst das wichtigste. Und der Inhalt des Werkes ist die Form. Denn Form ist geronnener Inhalt.

    „Es spricht gegen die abstrakte Kunst des Westens, dass sie nicht auf der Folter der CIA verstummte.“

    Genau das ist ja das Movens von Adornos Ästhetik: daß es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. In dieser Konstellation zwischen Verstummen, Ausdruck und Form, die immer noch so etwas wie ein Glücksmoment, welches im Grunde aber unmöglich ist, aus dem Kunstwerk herauspreßt, bewegt sich Adornos Ästhetik, und diesen Widerspruch, der im Grunde in die Aporie mündet, versucht er ins Denken zu bringen. Die Grenzen zwischen Verstummen und Schrift auszuloten. Adornos Ästhetik ist eine des Widerstandes.

    Alle Kunst hätte nach Auschwitz und Gulag verstummen müssen. Und der Hunger- oder Kriegstot unter dem Kapitalismus stimmt auch nicht gerade freudig.

    Über die Dinge, die sich im Bereich der Ästhetik in der Sowjetunion, dem Arbeitslager der Arbeiterklasse, abspielten, weiß ich zu wenig. Mein Bezug gilt hier eher dem deutschen Expressionsmusstreit, der sich zwischen Brecht, Benn, Bloch, Lukács und anderen abspielte und auf materialer Ebene dann seine unrühmliche Fortsetzung in der Ausstellung „Entartete Kunst“ fand. Natürlich haben diese Debatten ihre ästhetischen Vorläufer.

    Ja, die Formalismusdebatte in der DDR löste sich wohl irgendwann auf, und es gab in den 60ern dann den Bitterfelder Weg. Was die Blödigkeit desselben angeht, so steht freilich zu vermuten, daß auch dahinter der CIA stecken muß.

    Die abstrakte Kunst umstandslos auf die CIA zu reduzieren: na ja … Die Kritik der abstrakten Kunst, die sie binnenästhetisch betreibt, ist allemal gelingender und weitreichender als irgend eine Folter-no-Freedom-yes-Proklamation und dieser ganze Agitpropkram, der sich als Kunst camoufliert. Auch von der DDR-Kunst erwarte ich schließlich keine Statements wie „Ein jeder Schlauer ist gegen die Mauer!“ Das gemarterte Fleisch ist bei Bacon und Lucian Freud sehr viel besser aufgehoben, wenngleich es sich hier nun gerade nicht um abstrakte Malerei handelt. Ansonsten sind natürlich Barnett Newman und Ad Reinhardt zu nennen. Diese Bilder sind in ihrer Auseinandersetzung mit dem Material, mit Farbe und Form genauso Kritik wie Tübke oder Sitte auf ihre Weise. Um es grob zu formulieren: Gelungene Ostkunst und gelungene Westkunst sind zwei Wege der klassischen Moderne, die beide in ihr angelegt sind. Die Klassische Moderne ist plural verfaßt – neben Chirico, Ernst und Grosz gibt es eben auch Picasso, Kandinsky, Malewitsch, und nicht zu vergessen Dada und Surrealismus. Bei Turner, den Impressionisten und bei Cézanne fallen Ungegenständlichkeit und Gegenstandsbezug noch in eins. Dies divergierte zunehmend auseinander, wenngleich die Grenzen fließend sind. Andererseits sind solche Katalogisierungen bloße Grobeinteilungen, am Ende muß man sich Bilder von Rothko, Newman, Pollock oder Reinhardt eben anschauen.

    Beuys mag ein Volltrottel sein – ich interessiere mich nicht so sehr für Biographien. Seine Werke korrespondieren mit dem Volltrotteltum freilich nicht. Und sie sind, sei es auch teils ex negativo, maßgeblich, zumindest dann, wenn ich den Zeitkern eines Werkes wahrnehme. Das Werk von Beuys ist allemal gehaltvoller als der offizielle Gesinnungskitsch aus dem Hause VEB Womacka. Da hinkt es in der offiziellen bildenden Kunst der DDR doch sehr hinterher. Und es zeigt sich dabei, was Grausliges herauskommt, wenn Ästhetik und Kunst von oben verordnet werden, statt daß die Kunst qua Formgesetz ihren Ort hat. Am Ende ist mir dann doch die CIA lieber, welche, unbewußt zumindest, dem Formgesetz folgte, daran Teil hatte und dieses nach Europa trug, wo es ohne die CIA sowieso bereits gelandet war. In der Geschichte der pluralen Nachkriegsmoderen ist dieser CIA-Kram eine Petitesse: bekannt und unwichtig. Als ob sich die deutsche, englische, belgische, französische Nachkriegskunst um einen solchen Vermittlungsversuch geschert hätte. Vom Hirnrißfaktor in der Argumentationsstuktur in etwa analog: Josef Ackermann hat eine gelungene Aufführung des „Faust“ besucht und macht sich nun verschiedentlich dafür stark, daß der „Faust“ an den Schulen gelesen und in Theaterprojekten auch zur Aufführung gebracht wird. Aber: Ackermann schlecht. Faust also auch schlecht: bitte nicht lesen und aufführen.

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