Die Salzburger Festspiele, die nicht nicht gehaltene Rede Jean Zieglers und das Pfaffenpack

Nein, ich fuhr nicht nach Salzburg zu den Festspielen, und ich werde dorthin nicht reisen, weil mein Urlaub und meine Zeit Begrenzungen unterliegen. Insofern kann es bei „Aisthesis“ keine Theaterkritik geben, keinen Bericht vom ersten, zweiten oder dritten Abend liefere ich, kein „morgen Salzburg“, sondern ich weise, falls nicht bereits bekannt, lediglich darauf hin, daß Jean Ziegler, der die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen halten sollte, im April unter dem fadenscheinigen Vorwand ausgeladen wurde, einen Menschenrechtspreis von Gaddafi angenommen zu haben bzw. Gaddafi nahezustehen. Nun, aus diesem Grunde sollten dann zahlreiche Politiker und Führungskader aus den Reihen unserer freiesten und sozialsten Marktwirtschaft, die es je gab, von der Eröffnung der Bayreuther Festspiele ausgeladen werden. Gleiches gilt für die Eröffnung in der Regenstadt Salzburg. Es sollen dort in den feinen, gut bezogenen Sesseln einige sitzen, die bereits in Gaddafis Zelt weilten.

Zieglers Rede, die gestern in verschiedenen Tageszeitungen zu lesen war, bringt manches auf den Punkt:

„Das Geld für intravenöse therapeutische Sondernahrung – die ein Kleinkind, wenn es nicht zu sehr beschädigt ist, in zwölf Tagen zum Leben zurück bringt – fehlt. Das Welternährungsprogramm, das die Soforthilfe leisten sollte, verlangte am 1. Juli für diesen Monat einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Millionen Euros. Nur 62 Millionen kamen herein. Das normale WPF (World-Food-Programm) Budget lag 2008 bei 6 Milliarden Dollars. 2011 sind es noch 2,8 Milliarden. Warum? Weil die reichen Geberländer – insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada, Australien – viele Tausend Milliarden Euros und Dollars ihren einheimischen Bankhalunken bezahlen mussten: zur Wiederbelegung des Interbanken-Kredits, zur Rettung der Spekulations-Banditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld.

Wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte sind die Hedge-Fonds und andere Groß-Spekulanten auf die Agrarrohstoffbörsen (Chicago Commodity Stock Exchange, u. a.) umgestiegen. Mit Termingeschäften, Futures usw., treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische Höhen. Die Tonne Getreide kostet heute auf dem Weltmarkt 270 Euros. Im Jahr zuvor war es genau die Hälfte. Reis ist um 110 Prozent gestiegen. Mais um 63 Prozent.

(…)

Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst. „Unsterbliche gigantische Personen“ nennt Noam Chomsky die Konzerne. Vergangenes Jahr – laut Weltbankstatistik – haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammen genommen, 52,8 Prozent des Weltbrutto-Sozialproduktes, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer – kontrolliert. Die total entfesselte, sozial völlig unkontrollierte Profitmaximierung ist ihre Strategie. Es ist gleichgültig, welcher Mensch an der Spitze des Konzerns steht. Es geht nicht um seine Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert es dieses nicht, wird er aus der Vorstands-Etage verjagt.“

Ich fürchte allerdings, die Menschen, welche im Festspielsaal zu Salzburg in den Sesseln mit dem feinen roten Theaterpolster sitzen und mit nickendem Kopf oder mit starrem Blick zuhören würden, wenn Ziegler diese Rede hielte, wissen diese Fakten längst und lachen darüber, weil sie genauso an der intravenösen therapeutischen Sondernahrung verdienen wie am Hunger und am Tod. Nein, es ist ihnen das Leben dieser Menschen nicht gleichgültig. Es bedeutet ihnen viel. Manche geben zwar den ausgebufften Zyniker, aber in ihrem Herzen meinen sie es nicht so. Die Besitzenden unterliegen lediglich den Systemzwängen, so wird ihre Schutzbehauptung lauten, denn wir sind eben keine Individuen, die dort sitzen, sondern jene „Charaktermasken“. Mit traurigem Schulterzucken werden sie entgegnen, daß sie nicht anders können, und sie werden vom Segen des Marktes – des freien – erzählen, der am Ende jeden erreicht; auch in Europa vor über hundert Jahren … und wenn man heute nach Indien schaut. Jaaaah, wenn der Senator erzählt … Ich will diese Dinge nicht weiter analysieren.

Was Ziegler über die Dürren und die erodierten Böden schreibt, ist weitgehend bekannt. Soziologisch unterfüttert und auch für den Nicht-Wissenschaftler anschaulich dargestellt etwa in Harald Welzers Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“. Welzer liefert in diesem Buch eine kurze und bündige Analyse zu dem, was ist, was kommen kann, und er führt die sozialen und psychologischen Mechanismen vor, die unserem Verdrängen und den Rationalisierungen zugrunde liegen.

Die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller von der SPÖ hätte Ziegler durchaus einladen können, denn seine Rede ist ehrlich, aber nicht gefährlich. Es sitzen im Parkett und im ersten Rang kunstsinnige und politisch wohlgeschulte Männer. Allenfalls blickten – vielleicht – die anwesenden Knechte der Herren Sponsoren verärgert drein, wenn man sie direkt und namentlich angesprochen hätte mit dem Vermerk auf ihre Funktion. Einen Skandal ergäbe diese Rede nicht.

Nun komme ich allerdings auf einen Punkt der Ansprache, da schüttele ich unwillig das Haupt, und das gut Gemeinte modelt sich zum schlecht Gemachten um. Reimen wir es mal ein wenig: Moralischer Sinn reicht nicht hin; zumindest nicht in den ästhetischen Angelegenheiten:

„Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos. ‚L’art pour l’art‘ hat Théophile Gautier Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die These von der autonomen, von jeder sozialen Realität losgelösten Kunst, schützt die Mächtigen vor ihren Emotionen und dem eventuell drohenden Sinneswandel.“

Das ist in bezug auf die Kapitalakkumulation und den Künstler wohl wahr. Nun gibt es aber ein Lied, das aufs Jahr genau 140 Lenze zählt, und darin heißt es nicht „Uns von dem Elend zu erlösen, können nur die Künstler tun“, sondern ein wenig anders geht der Text.

Und da stehen wir wieder, inmitten der alten Debatten um das Engagement: weshalb gerade die autonome Kunst sich nicht engagiere, Partei ergreife? Weil sie sich nur für ihre eigene Sache engagiert. Sowieso: aufgrund ihres Doppelcharakters: fait social und autonom zugleich kann von der Abkoppelung aus den sozialen Zusammenhängen im avancierten Kunstwerk, das auf der Höhe der Zeit ist (oder war), keine Rede sein. Und so läßt es sich in der Variation eines Satzes des Nörgler schreiben: Der Bürger begreift seine eigenen Kunst nicht mehr. Der avancierteste Stand des ästhetischen Materials entspricht dem fortgeschrittendsten Stand der Produktivkräfte. Hölderlin schlägt dem Bürger ins Gesicht, ohne daß er diesen Schlag bemerkt.

Zum Glück geht es aber noch weiter in den Ausführungen Zieglers und die Last liegt zum guten Ende hin nicht bei der Kunst:

„Die Hoffnung liegt im Kampf der Völker der südlichen Hemisphäre, von Ägypten und Syrien bis Bolivien, und im geduldigen, mühsamen Aufbau der Radikal-Opposition in den westlichen Herrschaftsländern. Kurz: in der aktiven, unermüdlichen, solidarischen, demokratischen Organisation der revolutionären Gegengewalt. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden.

Mutter Courage von Bertolt Brecht erklärt diese Hoffnung ihren Kindern: ‚Es kommt der Tag, da wird sich wenden / Das Blatt für uns, er ist nicht fern. / Da werden wir, das Volk, beenden / Den großen Krieg der großen Herrn. / Die Händler, mit all ihren Bütteln / Und ihrem Kriegs- und Totentanz / Sie wird auf ewig von sich schütteln / Die neue Welt des g’meinen Manns. / Es wird der Tag, doch wann er wird, / Hängt ab von mein und deinem Tun. / Drum wer mit uns noch nicht marschiert, / Der mach’ sich auf die Socken nun.‘ Ich danke Ihnen.“

Freilich ist Kunst keine Handlungsanweisung, und Liedermacherlieder können allenfalls eine soziale Funktion besitzen: daß sie Mut machen oder Erbauung und die (bitter nötige) Kampfkraft liefern, so wie die Stücke Ernst Buschs. (Andererseits: Ob ein Bewußtsein, das solches benötigt, nicht vielmehr eines ist, welches zu überwinden sei?) Auf der ästhetischen Ebene laufen diese Texte an der Sache vorbei. So auch Brechts Lied der Mutter Courage.

Bestes Regietheater in der Art von Castorf, Fritsch oder feingliedrig-böse wie Marthaler wirkt da Wunder. Sie betreiben in ihrer despektierlichen und laupolitisch-lustlosen Art (wie bei Castorf) etwas, das den Bürger reizt und ärgert, selbst gestanden „linke“ Feuilletonisten wie Fritz J. Raddatz bekommen bei Marthaler Pickel, Ärger und Ausschlag.

Vielleicht setzt Nicolas Stemanns „Faust I + II“ in Salzburg wenigstens ein Feuerzeichen. Épater la bourgeoisie funktioniert nur, wenn man dem Bürger seine eigene Kunst immer wieder neu um die Ohren und in die Fresse haut. Castorf machte dies meisterhaft, etwa in seiner grandiosen Inszenierung von „Frau am Meer“ (Ibsens „Die Frau vom Meer“) an der Volksbühne im Jahre 1993: ein läppischer Heiratsantrag des Hauslehrers Arnholm an Bolettte von vier oder fünf Worten, der eine halbe Stunde sich in die Länge zieht. Das mach mal einer nach. Die Zuschauer rannten aus der Vorstellung oder pöbelten; es gab (erboste) Dialoge zwischen Arnholm und dem Publikum.

Laßt uns kaputtmachen!

Womöglich hätte diese Eröffnungsrede doch ein Künstler oder eine Künstlerin halten sollen, obwohl es auch da Fälle gibt, die … Nun, schweigen wir. Hier stellte ich mir die ansonsten wenig geschätzte Elfriede Jelinek vor. Ihre Rede geriete zumindest als Faustschlag in diese Gesichter.

Statt Ziegler hielt dann Joachim Gauck die Eröffnungsrede. Wir können uns bei diesen Worten sicher sein, daß es über wohldosierte Harmlosigkeiten nicht hinausgekommen ist.

Und da ist mir am Ende der Text eines Zieglers doch lieber als das Geseiere dieses DDR-Profiteurs Gauck, der im Jargon der Eigentlichkeit faselt.

Pfaffenpack.

„Und dann gibt es Salzburg! Und diese Festspiele! Hier gibt es Menschen, die Fantasie, Energie und Geld aufbringen, um ins Bewusstsein zu bringen, was uns auf die Spur des Überlebens zurückruft. Wir haben verschiedene Namen für diesen Vorgang, wenn Menschen das Grau ihrer Niederungen verlassen, sich neue Sichtweisen zumuten, neue Haltungen zu eigen machen, neu daran glauben, wichtig und wertvoll zu sein.

(…)

Und dann begibt sich die Freiheit aus den geschützten Innenräumen der Sehnsucht hinaus ins Freie, und auf der Straße findet das erwachte Denken dann die richtigen Worte für eine richtige Bewegung: ‚Wir sind das Volk!‘

Soweit der Blick und die Denkrichtung, die ich Ihnen mitgebracht habe als einer, der von ‚weither‘ kommt. Ich weiß seit diesen Jahrzehnten viel vom Aufwecken von Auge, Ohr und Verstand. Und ganz nebenher habe ich gelernt: Glaube niemandem, der dir sagt, es gebe kein richtiges Leben im falschen.“

Als Sponsoren der Salzburger Festspiele treten auf: Nestle, Audi, Credite Suisse, Siemens, Uniqa.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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44 Antworten zu Die Salzburger Festspiele, die nicht nicht gehaltene Rede Jean Zieglers und das Pfaffenpack

  1. genova68 schreibt:

    Danke für diesen Artikel. Dass Gauck statt Ziegler redete, ist bezeichnend für die Rolle dieses Pfaffen, um diesen Begriff zu übernehmen. Der ist mit seinem Freiheitsbegriff 1990 stehengeblieben und dass rotgrün ihn zum Bundespräsidenten machen wollte, zeugt von der Verkommenheit dieser Parteien. Bezeichnend, angesichts des Themas, über das Ziegler sprechen wollte, ist das Schlusswort Gaucks: Verantwortung. Gauck ist der nützliche Idiot des Systems. Solche Leute sind Gold wert.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, vielen Dank. Mir gefiel der Text auch gut, ich schrieb ihn für einfachso und relativ zügig herunter; einige Stellen hätten noch böser, besser und polemischer ausfallen können. Aber ich wollte diesen Beitrag durch vermehrte Textfeilerei nicht noch länger hinauszögern. Etwas vertiefender hätte ich mich der Ästhetik zuwenden sollen sowie dem Gauck den Adorno um die Ohren hauen müssen, wenn er sich schon mit seiner schwachmatischen Rede und dem ungenannten Zitat an ihm vergreift. Gauck ist ein Büttel: mehr nicht, und es ist für rot-grün in der Tat bezeichnend, diese Figur aufgestellt zu haben.

    Auch wäre irgendwann ein Text über Kunst und Bürgertum (bzw. dem was davon noch übrig blieb) zu schreiben.

  3. T. ALbert schreibt:

    Kunst und Bürgertum: „Die Künstler sind die Elite der dienenden Klasse.“ Jasper Johns

    Gauck: Hier gibt es Menschen, die Fantasie, Energie und Geld aufbringen, um ins Bewusstsein zu bringen, was uns auf die Spur des Überlebens zurückruft.

    Ich würde mal sagen, auch weil ich „von weither“ komme, voller Erfahrung, dass das Bürgertum seine Kunst so ernst nimmt, wie es ihr als Funktion gebührt.

  4. genova68 schreibt:

    Meint Johns, dass sie es sind oder meint er, dass sie es sein sollten?

  5. T. ALbert schreibt:

    Ich habe ihn immer so verstanden, dass sie es faktisch sind, auch wenn viele Künstler meinen, sie gehörten zur herrschenden Klasse. Architekten meinen ja oft, sie wären die Elite der herrschenden Klasse, zum Beispiel.

  6. genova68 schreibt:

    Interessant. Im neuen Roman von Houellebecq geht es genau darum. Ich habe aber Probleme mit den Verallgemeinerungen „die Künstler“. Werde mal darüber nachdenken.

  7. ziggev schreibt:

    ja, das ist hier in meinen Augen mehr als nur ein Anlass (der dem Adornitsn gelegen käme), Adornos „Jargon der Eigentlichkeit“ zu zitieren. Gauck ist einer von denen, deren Engagement sich auch körpersprachlich, am Sprachausdruck ablesen lässt; er ist quasi der Arbeiter des Jargons der Eigentlichkeit. Die paar Male, als ich ihn sah und hörte, wirkte er auf mich durchaus reptilienhaft-stillos, holterdipolter-ungelenk, nur weiß man nicht, um welches Engagement es sich eigentlich handele. Stattdessen wird da eine vor sich hinwesende Aggressivität spürbar, die ich als eklig und abstoßend empfand. Es ist offenbar eine Selbstgerechtigkeit, die sich nicht nur aus seinem Pfaffentum speist, sondern deren Impertinenz ein Minimusm an Pietismus vermissen lässt. Wo haben die nur dieses Fossil ausgegraben, und wie hatte jemand überhaupt auf die Idee kommen können, er sei „volksnah“ ? Und die Ausschnitte aus derr Rede lasen sich ja wirklich fürchterlich.

    BTW, ich kannte eine Top-Geigerin (top nicht nur aus meiner bescheidenen Perspektive), die sich durchaus als Dienstleisterin verstand, quasi als „Kunst-Arbeiterin“, was mich damals ein Wenig schockierte und verunsicherte; außerdem lag sie da mit nicht abzusprechender Anmut beim Freund auf dem Teppich, auf dem wir uns lagerten, unter ihrem eher kurzen Rock rage über den dunklen Strümpfen etwas Spitze hervor, und ich fand sie damals mit über 50, nunja, ich fand sie sexy.

  8. georgi schreibt:

    Schön, daß Du das mal zum Thema gemacht hast. Du bist im weiten Umkreis der einzige.

    Ja, dieser Pfaffe… Der regt auch andere auf (und da nochmal)

  9. Bersarin schreibt:

    Ja, Gauck ist ein Schrecken. Aber es gibt so viele davon. Da ist der Gauck dann auch nur eine kleine Nummer: Erfüllungsgehilfe.

    Ihr liegt auf Teppichen? Ich kann das in meinem Alter nicht mehr. War sie über 50 oder Du? Das geht aus der Schilderung nicht ganz hervor.

  10. Bersarin schreibt:

    @ georgi
    Ja, zu den Salzburger Festspielen etwas zu schreiben, bei so einer Rede und das in Verbindung mit der Ästhetik: das ist ja geradezu eine Steilvorlage und Sünde diese zu verpassen.

  11. ziggev schreibt:

    ich war etwa Mitte 20, sie ihren Sohn, bei dem ich eine Zeit lang untergekommen war, besuchen, und da saßen/lagerten wir auf Teppichen, teetrinikend usw. Sonderlich bequem fand ich das aber damals schon nicht.

  12. ziggev schreibt:

    ach, jetzt weiß ich´s wieder, es waren Tatami-Matten und darüber z.T Teppich !

  13. Bersarin schreibt:

    Tatami-Matten und Teppich: Soso.

    In den frühen 90ern lagerte, respektive schlief eine Freundin auf Euro-Paletten, worüber sie ein dünnes Maträtzchen legte. Sie klage beständig über Kopfschmerzen. Ich hätte ihr sagen können, was die Ursache der Kopfschmerzen und der damit korrespondierenden Pickel war. Da ich es am Ende dieser Story aber vorzog, bei einer anderen Frau zu nächtigen, habe ich es irgendwie vergessen, ihr die Lösung mitzuteilen. Heute ist diese Frau entweder tot oder sie besitzt noch mehr Pickel, falls sie nicht eine komfortablere Schlafstatt fand.

    Ich muß bekennen, daß ich lediglich Frauen, die erheblich jünger als ich sind, etwas abgewinnen kann. Je älter ich werde, desto mehr der Abgewinn. Ich entspreche also dem klassischen Männerschema. Da ich ansonsten aber unkonventionell lebe und zuweilen abweiche, erlaube ich es mir, wenigstens in dieser Angelegenheit konform zu gehen.

    Ich freue mich aber jedesmal, wenn es andersherum ist und ein Mann eine ältere Frau begehrt.

  14. genova68 schreibt:

    Das Problem, das ich mit dem Adornoschen Kunstbegriff, um den es hier ja auch geht, immer habe, ist der Standpunkt des avanciertesten Materials. Wenn man fragt, wer den bestimmt, kommen so verwirrende Antworten wie „Inhalt und Form sollen zusammenfallen“, dann ist das die Wahrheit etcpp. Mich überzeugt das alles nicht, weil ich die Kategorien für diese Bestimmungen nicht sehe. Die kürzlich thematisierte Bemerkung des Bolschewiken, wonach eine Partitur Schönbergs spannender zu lesen als zu hören sei, fand ich da bezeichnend. Mir fehlt da auch der Aspekt, dass gute Kunst im Innersten berührt oder so. So angenehm ich die entsprechenden Textstellen bei Adorno finde, der Schein, das nicht Greifbare, so wenig gelingt es mir, in Bezug auf aktuelle Kunst anwendbare Kategorien zu finden. Ganz provokativ gesagt: Die Vermutung, dass einem Kunstrezeption durch jemanden wie Adorno total versaut wird, finde ich nicht vollkommen unplausibel.

    Mir fällt übrigens auf, dass alle Künstler die ich kenne, sich um diese Fragen einen Teufel scheren.

    Ein bisschen in die Richtung ging seinerzeit ein Blogartikel von mir über Hauptmanns Weber:

    http://exportabel.wordpress.com/2011/06/08/gabriel-weber/

  15. Bersarin schreibt:

    Ich habe kurz überlegt, ob ich die polemische, die bösartige oder die höfliche Variante der Kritik an Deinen Ausführungen betreiben soll. Weil ich Dich als Blogger jedoch auf großen Strecken schätze, mache ich es in der höflichen Form. Käme dieser Einwand von jenem Kommentator, der als dreifaltiger Nudist, nein: Naturalist zu texten versucht, ginge das jetzt anders ab. Ich mache die Kritik also einmal ruhig: Es ist das, was Du zur Kunst schreibst, schlicht falsch, und wer sich durch Adorno von der Kunst abhalten läßt, indem man ihm die wohlgelaunte Rezeption mit der Adornoschen Theorie versaut, der ist an dem Ort, wo er sich dann und hernach befindet, genau richtig. In der Kunst zumindest hat ein solcher Rezipient nichts verloren. (Schönes neues Schimpfwort: „Du Rezipient!“)

    Ich nehme mal an, daß möglicherweise der zweitägige Dauerregen in Berlin die Ursache für Deinen Fehlgriff ist. Der Regen verwirrt unser Gemüt, ähnlich wie die schwüle Sommerhitze.

    Den Begriff „Gefühl“ verlagern wir am besten in die Welt der Werbung: da wo es gefühlsecht zugeht, wo das Wohlfühlgefühl seinen Platz hat und das kuschelweiche Gefühl, das Lenor auf unserer Haut macht: „das tut dir so gut“, wie es in einem Song von F.S.K. heißt. Da hat das Gefühl seinen Ort, allenfalls noch im Wetterbericht, wenn im Winter gefühlte 10 Grad minus herrschen.

    In der Ästhetik hat das Gefühl nichts verloren, weil es darin um Reflexionsleistungen, mithin um Theorie geht. (Es gibt ja auch keine gefühlte Atomphysik.) Der Begriff des Gefühls ist deshalb so inadäquat, weil es in der Lektüre von Kunstwerken nicht um die Wirkungen geht, die ein Werk entfaltet – denn diese sind relativ beliebig –, sondern um die Sache selbst, um das Gemachtsein eines Werkes, um die Strukturen – mit einem Wort: um die ästhetische Form. Becketts „Endspiel“ ist nicht zu begreifen, wenn man darin die kommunikativen Konstellationen aufdröselt und sich an der Dialogizität festbeißt, sondern es ist darauf zu schauen, wie der Text verfährt: Bereinigt um all das wuchernde Klimbim der Existenzphilosophie: kein Interieur, keine Entscheidungen, keine Wahl: Parodie eben der Sartreschen Philosophie des Selbstbewußtseins und des Subjekts und zugleich seine Kulmination. Gut kann man es mit Sartes „Geschlossene Gesellschaft“ konfrontieren, um zu sehen, was geht und was nicht geht – sozusagem um nach dem avanciertesten Stand des ästhetischen Materials Ausschau zu halten. Wobei „Geschlossene Gesellschaft“kein schlechtes Stück ist. Und sowieso ist im Theater durch eine gelungene Inszenierung immer wieder die Reaktualisierung auch des bereits Abgelebten und die Fortschreibung möglich.

    Wesentlich bleibt für das ästhetische Verhalten: Am Kunstwerk ist der reflektierte Mitvollzug zu leisten. Dieser Vollzug korrespondiert freilich mit einem Moment des Sinnlichen, denn ohne die Sinne wäre das Kunstwerk nichts, und insofern geht es darum, sich in der Analyse nicht undialektisch auf eine Seite zu schlagen, sondern die Bedingtheit vom Geistigem und Sinnlichem zu reflektieren. Und ein solcher Blick auf Kunst bedeutet dann eben nicht, den Genuß zum Fetisch und zum Selbstzweck zu machen. Die Wirkungen sind allenfalls etwas Abgeleitetes: durch und durch vermittelt.

    „Wenn es so etwas wie Glück am Ästhetischen oder wie ästhetischen Genuß gibt, dann liegt dieser Genuß also in der Leistung, die, wenn ich so sagen darf, das Kunstwerk an uns vollzieht, indem es uns absorbiert, indem wir in es eingehen und indem wir ihm folgen. Und bei dieser Leistung ist allerdings die ästhetische Qualität wesentlich mitbeteiligt.“ (Ästhetik. Vorlesungen 1958/59, S. 193)

    Überhaupt möchte ich diese Vorlesungen als sehr gute Einführung in die Ästhetik (nicht nur Adornos) ans Herz legen

    Richtig ist es freilich, daß der Begriff des ästhetischen Materials einer Erläuterung bedarf. Ich werde hierzu dann halt einen Blogartikel verfassen, weil die Ausführungen dazu einen Kommentar ganz einfach sprengen und man sich in der Adornoschen Ästhetik nicht einfach hinstellen kann und – ein, zwei, drei – die Begriffe definiert und damit ist dann die Sache klar und ins Gerüst gepreßt.

    Deine Ausführungen zur Weber-Inszenierung teile ich übrigens. So wie Du das schreibst, bist Du doch – an sich – schon auf dem richtigen Weg ;-)

  16. alterbolschewik schreibt:

    Bersarin, ich würde zu Deiner Antwort auf Genova, so sehr ich da im Prinzip mit Dir übereinstimme, doch einen Akzent anders setzen: In der Erfahrung des Kunstwerks ist der sinnliche Aspekt das Übergreifende, die Reflexion die verschwindende Vermittlung, nicht der eigentliche Kern ästhetischer Erfahrung. Das heißt nicht, daß die Sinnlichkeit unmittelbar wäre, und Reflexion sie einem versauen würde (wie Genova unterstellt); vielmehr ist die Unmittelbarkeit der Sinnlichkeit bloßer Schein, sie ist aufgehobene ästhetische Reflexion, die eine neue Unmittelbarkeit der Erfahrung produziert. Wer nicht von bestimmten Kunstwerken ohne jede Vorwarnung einfach umgehauen wird, ist ein Banause. Aber um an einen solchen Punkt zu kommen, braucht es es viel Erfahrung und die Reflexion dieser Erfahrung. Und so gesehen kann einem dann in der Tat die Reflexion das unmittelbare Erleben versauen: Nicht weil man zu verkopft wäre, sondern weil sich dadurch die Sensibilität selbst so weiterentwickelt, daß man bereits in der unmittelbaren Erfahrung minderwertiger Kulturware die Schalheit und Abgestandenheit des Präsentierten erspürt und sich sofort ein Gefühl von Langeweile oder gar Ekel einstellt. Insofern hat das Gefühl durchaus seinen Platz in der Ästhetik, man darf nur nicht glauben, es sei naturgegeben und damit ein Gegensatz zum Intellekt.

  17. Bersarin schreibt:

    Diesen Akzent teile ich. Es gibt genau diesen exakten Schlag ins Gesicht, dieses einhauen, umstürzen, umhauen. In einem Moment.

    Und darum geht es mir ja: das Sensorium dafür zu entwickeln. Da hinein gehört dann auch die vermeintlich abgelebte Kategorie des Geschmacks, die mehr als bloßes Wohlgefallen und Unmittelbarkeit in der Subjektivität meint, sondern vielmehr mit einem emphatischen Begriff von Bildung, Wissen, Reflexion und Körper korrespondiert: daß man gewahr wird, wenn einen etwas anspringt und sich darüber zugleich in einer entsprechenden Form Rechenschaft (im Sinne der Analyse) abgeben kann

    Den Begriff ästhetischer Erfahrung, welchen ich seinerzeit in den 90ern sehr hoch hielt, möchte ich freilich zugunsten des Werkes ein wenig doch revozieren. Das tangiert zugleich den Geschmacksbegriff.

  18. ziggev schreibt:

    hamburgs Frauenbands .vor allem, wenn die Kamera in die Totale geht, wirst du mich verstehen. beachte bitte auch das abgenutzte Keyboard.

    http://www.youtube.com/watch?v=skiPbHCeXB4

    die zweite? Geigerin erinnert mich irgendwie an dir Gitarristin und Sängerin vom „Die Braut Haut Ins´s Auge“!

  19. genova68 schreibt:

    Ich unterstelle nicht, dass Reflexion mir die ästhetische Erfahrung versauen würde, ich behaupte, dass einem die ästhetische Erfahrung durch die Rezeption von Adorno versaut werden kann. Beispielsweise wäre ich in die ästhetische Erfahrung von „A love supreme“ von Coltrane, was hier gerade läuft, nicht gekommen, wäre ich Adornos Urteil über Jazz gefolgt.

    Zu dem Rest später.

  20. ziggev schreibt:

    @genova, deshalb habe ich ja auch in den letzten 15-20 Jahren mich beeilt alles von John Coltrane, Thelonious Monk, Miles Davis, Charlie Parker, Ornette Coleman durchzuhören, denn in diesem Leben wollte ich auch noch irgendwann einmal Adorno zu lesen. (Es gibt übrigens noch den kaum zu altern scheinenden Steve Coleman, der jetzt gerade läuft.) Aber dann stellte ich fest, als ich neulich in der ÄT blätterte, dass Adorno gar nicht das Abschreckungssignal sein muss, als welchen „Adorno“ weithin gilt. Hat ein wundervolles Register, da kannst´e alles nachschlagen, sie las sich beinahe enziklopädisch, wie Hegels Ästhetische Vorlesungen, und ich lege meine New Webster’s Encyclopedia Dictionary, ebenso das Telefonbuch, beiseite.

  21. Bersarin schreibt:

    @ genova „Beispielsweise wäre ich in die ästhetische Erfahrung von „A love supreme“ von Coltrane, was hier gerade läuft, nicht gekommen, wäre ich Adornos Urteil über Jazz gefolgt.“

    Das kann man so unvermittelt gar nicht sagen. Es geht nicht darum, Adorno in einer blinden Dogmatik nachzubeten, sondern seine Texte und deren Gehalt kritisch zu reflektieren. Das setzt freilich als Prius die Lektüre, sprich das Studium der Texte und vorher eben auch noch der Philosophie voraus. Denn insbesondere Adorno, namentlich seine „Ästhetische Theorie“ ist ohne die Tradition schlechterdings nicht zu verstehen.

    Daß einem die ästhetische Erfahrung durch Theorie versaut werden kann, mag angehen. Es muß dabei aber nicht immer an der Theorie liegen.

    @ ziggev
    Danke für die Links. Wir scheinen allerdings nicht denselben Geschmack bei Frauen zu haben.

  22. genova68 schreibt:

    ziggev hat Coltrane et al. „durchgehört“ und sich dabei „beeilt“. Sind wir hier am Fließband? Bersarin, wo bleibt dein Widerspruch? ;-)

  23. ziggev schreibt:

    im Jazz ist alles schnell und jetzt gleich, und wem es mit sechzehn da nicht schnell genug gehen kann, hat noch nie Musik gehört. Ich bitte dich, genova, mich nicht sinnentstellent zu zitieren, denn Monk, Coltrane, Billie Holiday sind in der Tat meine Privatgötter, gerade der Vergänglichkeit ihrer Kunst wegen.

  24. ziggev schreibt:

    …. es muesste natürlich heißen: „wem es mit sechzehn NICHT NICHT schnell genug gehen kann …“ und, spelling, „sinnentstellenD“.

  25. Bersarin schreibt:

    Ich kenne mich mit Hip Hop nicht so aus, deshalb kann ich zu Coltrane nichts schreiben.

    Musik hört man nicht nebenbei, gleichsam in der zerstreuten Rezeption, sondern man nimmt sich dafür Zeit.

  26. alterbolschewik schreibt:

    Wer sich von Adorno abhalten läßt, Jazz zu hören, ist selber schuld. Nichtsdestotrotz ist sein Aufsatz über Jazz allererste Sahne, weil er eine profunde Kritik bestimmter popkultureller Strukturen enthält, die einfach richtig ist. Jedes Mal, wenn ich in der Muckibude die Stöpel meines MP3-Players aus den Ohren nehme, wird mir die Richtigkeit der Adornoschen Kritik unmittelbar ins Hirn gehämmert. Diese Kritik trifft aber so jemanden wie Coltrane überhaupt nicht, weil die von Adorno kritisierten Strukturen dort nicht, oder nur sehr modifiziert zu finden sind. Tatsächlich kursiert Adornos Jazz-Aufsatz mehr als Gerücht, als daß ihn jemand gelesen hätte. Und seine Kritik ist natürlich auch nicht unbedingt zeitlos (auch wenn sie über weite Strecken nach wie vor herrschende Strukturen beschreibt), schließlich ist der Aufsatz in den 30er Jahren verfaßt worden, und die Kulturindustrie hat sich sowohl weiterentwickelt wie auch die Versuche, Alternativen zu ihr zu finden.

  27. genova68 schreibt:

    bolschewik,
    Adornos Aufsatz über Jazz ist also deshalb gut, weil er popkulturelle Strukturen kritisiert. Und der Jazzmusiker Coltrane ist von der Kritik im Aufsatz über Jazz nicht betroffen, weil es darin offenbar nicht um Jazz, sondern um Pop geht. Vielleicht hat sich der arme Adorno einfach nur im Titel geirrt und Schuld hat der, der den Titel Ernst nimmt. Wie kann man nur ;-)

    Mit diesen Verrenkungen stimmst du der Kritik an dem Jazzaufsatz indirekt zu. Oder du versuchst eine Ehrenrettung, wie auch immer. Sagen wir so: Adornos Kritik ist nicht falsch, aber er hat den Gegenstand seiner Kritik nur von einer Seite betrachtet. Bzw. er hat etwas Jazz genannt, was man heute ganz anders nennen würde. Dass er jemanden wie Coltrane (und unzählige andere in den späten Vierzigern bis in die späten Sechziger) offenbar nicht wahrnahm, würde ich ihm schon anlasten. Adorno hatte nach dem Krieg noch mehr als 20 Jahre Zeit, um sein heftiges Urteil zu korrigieren und starb sogar erst zwei Jahre nach Coltrane. Und gerade die musikalische Entwicklung eines Coltrane (man höre seine beiden letzten Alben) nicht wahrzunehmen, macht Adorno diesbezüglich kritisierbar. Das ist ja keine grundlegende Kritik an Adorno, sondern nur eine Kritik an seiner partiellen Ignoranz. Es gab doch einen zweiten Jazzaufsatz, wenn ich nicht irre, deutlich später geschrieben. War hier auch schon mal Thema, glaube ich, habe ich aber nicht mehr parat. Wäre interessant zu wissen, was da drin stand. Ich meine zu glauben, dass sein Urteil nicht differenzierter wurde.

    Ich will dich, bolschewik, im Grunde genommen aber gar nicht kritisieren, bin dazu wissensmäßig nicht ernsthaft in der Lage und habe bislang deine Ausführungen hier gerne gelesen. Wenn ich demnächst die Muse finde, meine Gedanken zu den weiter oben genannten Punkten halbwegs sorgfältig zu formulieren, werde ich das tun.

  28. Bersarin schreibt:

    Der Aufsatz „Über Jazz“ ist einer der wenigen Texte von Adorno, die ich nicht gelesen habe. Insofern enthalte ich mich eines Kommentares. Da ich zudem nicht von der Musiktheorie her komme, kann ich auch auf der unmittelbar ästhetisch-praktischen Ebene nichts Substantielles beisteuern.

    Ein zweiter Aufsatz Adornos findet sich in den „Prismen“; er heißt „Zeitlose Mode. Zum Jazz.“ Publiziert 1953. Die Kritik Adornos am Jazz aus diesem Aufsatz ist mir in etwa noch vertraut, wenngleich die Lektüre bald zwanzig Jahre zurückliegt. Da mir jedoch das musikalische Wissen fehlt, kann ich die inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Text nicht im Detail durchführen. Wenn man statt Jazz Pop einsetzt, so klingt mir aus diesem Aufsatz jedoch vieles sehr vertraut.

    Hier wäre sicherlich eine Lektüre des Jazz-Aufsatzes, wie sie ja einstmals zwischen „Aisthesis“, „Exportabel“ und „Metalust“ geplant war, nicht schlecht. das hat sich dann aber irgendwie verlaufen. Momorulez hat einen, wie ich mich zu erinnern meine, guten Text zum Jazz geschrieben und eine Adorno-Kritik formuliert, mit der ich insofern leben kann, weil sie nicht pauschalisiert. Falls Momorulez hier mitliest und falls er Lust hat natürlich nur, so freute ich mich, wenn Du Deinen Aufsatz hier verlinken könntest.

  29. Bersarin schreibt:

    So, ich habe gesucht und gefunden: Hier ist der Jazz-Aufsatz von Momorulez, den ich einfach mal jedem ans Herz legen möchte (und natürlich nicht nur diesen Aufsatz, sondern auch den Blog „Metalust“):

    http://metalust.wordpress.com/2009/10/24/adorno-uber-jazz/

  30. ziggev schreibt:

    dieser Leseempfehlung möchte ich mich unbedingt anschließen

  31. genova68 schreibt:

    Ja, super Artikel, das ist ja schon wieder knapp zwei Jahre her, sehe ich gerade. „Wenn man statt Jazz Pop einsetzt“, ja, das ist wohl der Punkt. Man müsste den Aufsatz von 1953 lesen. Mich hätte einfach mal Adornos Urteil über Free Jazz interessiert, weil da eigentlich alle seine Kritikpunkte aufgehoben wurden, Rhythmik, Tonalität und das eingefahrene Schema der Soli angeht. War aber erst in den 1960ern.

    Was mir allerdings nach wie vor eine Leerstelle scheint, ist das, was ich in der erwähnten Diskussion seinerzeit als „groove“ bezeichnet habe, um den sich jemand wie Adorno nicht kümmert. Der Begriff des Gefühls wurde mir ja hier oben schon um die Ohren gehauen. Und das hängt ja wieder mit bolschewiks Bemerkung zusammen, Schönberg sei spannender, wenn man seine Partituren liest als wenn man ihn hört. Was sagt das denn aus über seine Kunst? Einiges. Es gibt zwar Kunsttheorie, aber Kunst ist keine Theorie, sondern Praxis. Vielleicht mangelt es mir auch an der Unterscheidung zwischen dem, was mir, warum auch immer, gefällt, sozusagen privat, und objektiven Ansprüchen eine Sache, die ich stellen muss.

  32. alterbolschewik schreibt:

    In der Tat ein schöner Artikel von momorulez, vor allem, weil er mir mal wieder gezeigt hat, wie selektiv man Texte liest: Diesen sozialen Aspekt, den momorulez herausarbeitet, war mir gar nicht mehr präsent; vor rund zwanzig Jahren, als ich den Aufsatz zum ersten Mal las, fand ich ihn sowieso völlig Banane, als ich ihn vor ein paar Jahren erneut las, war mein Blick allein auf die musik-ästhetische Seite gerichtet, die ich inzwischen äußerst erhellend fand (nebenbei: Adorno wußte sehr gut zwischen Synkope und Backbeat zu unterscheiden). Seine Kritik am fehlenden inneren Zusammenhang der musikalischen Elemente im Jazz, die sich nicht zur Einheit des Kunstwerks fügen wollen, sondern beziehungslos nebeneinanderstehen, ist meines Erachtens wirklich schwerwiegend und kann nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Und dieser Vorwurf bewahrt auch noch über weite Strecken seine Berechtigung in späteren Formen des Jazz, bis in die zweite Hälfte der 50er Jahre. Nur zum Beispiel: Auch wenn die Harmonik bei Charlie Parker deutlich komplexer wird, verfällt der stereotype Aufbau von Thema – Improvisationen – Thema, wobei in den Improvisationen der Solist praktisch nicht interagiert mit der Rythmussektion und die anderen Melodiestimmen sowieso schweigen, dem Adornoschen Verdikt. Für mich ist dann vor allem Charles Mingus derjenige, der diesen Schematismus durchbricht.
    Wenn man über Adorno theoretisch hinauskommen und nicht nur willkürlich darauf beharren will, daß einem Count Basie halt trotzdem gefällt (wozu ich mich schamlos bekenne), dann muß man meines Erachtens die Kategorie des Werkes, das sich in allen seinen Einzelteilen auf sich selbst als Totalität beziehen soll, knacken. Sonst wird man nie begründen können, warum die Ramones musikalisch bedeutsamer waren als Schönberg, auch wenn letzterer zweifellos der bessere Komponist war.

  33. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Ich will Dir ja gar nichts um die Ohren hauen, denn im Grunde mag ich Deine Schreibe gerne, auch wenn sie, wie in diesem Fallen, nicht die Sache trifft. Da widerspreche ich Dir dann. Der Laberer würde nun den hinlänglich bekannten Meinungshinzusatz hinzusetzten: „Wie ich finde.“ Aber es geht in diesen Diskussionen nicht ums Wie-ich-finde der beliebigen Subjektivität und um Meinungen: der eine mag Broccoli, der andere in Butter geschmorte Bohnen. Ich mag als Mann auch L7, obwohl‘s doch Mukke für Frauen ist. ;-)

    „Vielleicht mangelt es mir auch an der Unterscheidung zwischen dem, was mir, warum auch immer, gefällt, sozusagen privat, und objektiven Ansprüchen eine Sache, die ich stellen muss.“ Mit diesem Punkt triffst Du etwas, das zuweilen auch die Positionen von Momurulez berührt und um das wir uns manches Mal im Rahmen der Ästhetik zanken und streiten. Es ist der Schritt von ersterem, dem sinnlich Unmittelbaren zum nächsten mitzureflektieren. In der Musik ergeht es mir derart: ich mag Stücke, die objektiv nicht gut sind. Aber die verteidige ich musikalisch nicht bis aufs Blut; allein deshalb nicht, weil ich es auf der Ebene der Musiktheorie und des Wissens gar nicht kann. In der Literatur, in der Philosophie, beim Film, beim Theater und in der bildenden Kunst ist dies etwas anders: Ich stufe dort ab: Raffaels Bilder sind, das kann man nun drehen und wenden, lange nicht so avanciert und ausgefeilt wie die von Leonardo oder Michelangelo Buonarroti, der sich divino nannte, worauf Pietro Aretino spottete: „Wenn ihr divino (di vino) seid, dann bin ich dell‘acqua.“

    Für diese Stufenleiter gibt es Gründe; sie ist freilich variabel, den jedes Werk besitzt einen Zeitkern.

  34. Bersarin schreibt:

    @ Alterbolschewik
    Diese Dinge klären wir demnächst bei der vollen Lektüre von „Pleasant Dreams“; der besten aller Ramones-Platten.

  35. momorulez schreibt:

    Hängt mein Kommentar irgendwo fest, oder hat das über das iPad nicht geklappt? Wäre auch eine wichtige Info!

  36. Bersarin schreibt:

    Nee, hier hängt nichts fest. Nicht mal im Spam-Ordner. Merkwürdig!

  37. momorulez schreibt:

    WordPress hat für iPad eine saubeschissene Kommentarfunktion, gut zu wissen, dass sie gar nicht funzt ;) …

    Mir war Anliegen zu erwähnen, dass durch Lennie Tristano und andere, auch Miles Davis, Schönberg Eingang in den Jazz gefunden hat und somit auch eine Form der ästhetischen Reflektion des Paradigmas, in dem auch Adorno sich bewegte. Insofern hat John Coltrane indirekt und viele andere auch indirekt auf Denken wie jenes Adornos reagiert, auch beim Schema Thema-Improvisation-Thema. Coltrane hat das Ganze später dann wieder auf Gospel-Wurzeln rückgeführt und sozusagen re-spritualisiert, Coleman hingegen war Rebellion gegen jede weiße musikalische Tradition. Jetzt sehr schematisch gesprochen, im Detail ist alles immer ganz anders.

    Was ich nicht glaube, ich, dass Adorno sich in den 50ern noch ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hätte. Mit Backbeat oder ähnlichem.

  38. alterbolschewik schreibt:

    @Bersarin: Niemals! Man kann sich streiten, ob das Studioalbum „Rocket To Russia“ die beste Platte ist, oder ob nicht vielleicht das „It’s Alive“ den Kern dessen, was die Ramones ausmachte, ab besten trifft. Aber alles was nach „Road To Ruin“ an Studioalben kommt ist Niedergang, vergleichbar mit Schönbergs Übergang von der freien Atonalität zur Zwölftonmusik. Daß beides unvermeidbar war, liegt in der Tendenz des Materials selbst und ist letztlich weder von den Ramones noch von Schönberg zu verantworten. Aber ich fürchte, wir werden eine Menge Alkohol brauchen, um das auszudiskutieren (werde mir zur Vorbereitung heute mal wieder Pleasant Dreams anhören)…

  39. genova68 schreibt:

    Bersarin, ja, widersprich mir, nur zu. Ich lese deine Ausführungen zur Ästhetik gerne, gerade weil du da einen enormen Wissensvorsprung hast. Wobei ich in diesem konkreten Fall betonen möchte, dass ich von „Gefühl“ gar nicht gesprochen habe. Das hast du in meinen Beitrag offenbar reininterpretiert.

    Ich habe gestern in der Sonne den Jazzaufsatz von 1953 gelesen, habe das vor Jahren schon mal gemacht, ist mir aufgefallen. Ich schreibe die Tage mal was dazu.

    Und noch was: Das, was ich mit groove bezeichnet habe, kann man im Feld der Kunst, des Kunstwerks, der Praxis, nicht unbeachtet lassen. Es geht hier nicht um Doktorarbeiten. Du verwendest in Bezug auf Raffael Begriffe wie „ausgefeilt“, hm.

    Wenn Alfred Lion, der Gründer von „Blue Note“, von seinen Musikern forderte „It must schwing“ (also swingen), dann ist das aus Adornos Perspektive wohl eine Katastrophe. Aber es könnte sein, dass er nicht kapiert hat, was Lion damit meinte.

    Fade out.

  40. Bersarin schreibt:

    Diese Jazz-Dinge lasse ich mal alle so stehen. Ich kenne nicht eines der Stücke.

    @ genova
    Auf diesen Satz bezog ich mich: „Mir fehlt da auch der Aspekt, dass gute Kunst im Innersten berührt oder so.“ Was anders sollte dies sein als das Gefühl – diese alte, nutzlose Bestie?

    @alterbolschewik
    Oh ja, über die Ramones-Platten ist ein guter Streit möglich, (eigentlich müßte es bei einem Gespräch über die Ramones ja Bier geben, aber ich trinke doch so gerne Weine); ich habe diese Sicht zugleich auch ein wenig aus dem Geist der Opposition formuliert. Allerdings gefällt mir „Pleasant Dreams“ schon sehr gut, das geht noch mal in eine ganz andere Richtung. Auf die Platte „It’s Alive“ kann man sich aber auf alle Fälle einigen: das ist die Quintessenz der Ramones. Nach „Road to ruin“ ist ansonsten dann in der Tat Ruin – bis auf jene eine Ausnahme. Ein Freund hat mit seiner Band in den 80ern übrigens als Vorgruppe bei den Ramones gespielt.

    (Road to Ruin“ habe ich in einer netten gelben Vinylpressung.)

  41. T. Albert schreibt:

    @“Raffaels Bilder sind, das kann man nun drehen und wenden, lange nicht so avanciert und ausgefeilt wie die von Leonardo oder Michelangelo Buonarroti, der sich divino nannte, worauf Pietro Aretino spottete: „Wenn ihr divino (di vino) seid, dann bin ich dell‘acqua.““

    Ja, das habe ich auch sehr jahrzehntelang gedacht, schliesslich hatte ich das auch so gelernt.
    Mittlerweile weiss ich nicht mehr, was das heissen soll, ich weiss auch nicht mehr, was da eigentlich miteinander verglichen wird. Das wird ja nie konkret. Aber es würde sich vielleicht lohnen nochmal bei Longhi nachzulesen. Auch wenn nix rauskäme, hätte man aber eine würdige Gesprächsgrundlage.
    Die paar Ölbilder(!!!), die wir von Leonardo ansehen können, sind völlig anders begründet, als Bilder Raffaels, und er hat sie aufgrund seiner malerisch-technisch-wissenschaftlichen Interessen oft sehr schnell sozusagen dekontextualisiert und den verlangten repräsentativen Zwecken unbrauchbar gemacht. Dafür war er ja berüchtigt. Seine „Ausfeilung“ hat einfach einen ganz anderen Grund, und man könnte auch sagen, dass er bei bestimmten Themen, wie der Perspektive, die Feilerei schnell bleiben lässt, weil sie ihn nur sehr kritisch interessiert, wie übrigens auch Michelangelo, der da eben nicht so rumfeilt wie Raffael, dessen „Sposalizio“ sogar noch ein perspektivisch dargestelltes architektonisches Meisterwek in Albertis Sinn liefert, neben der wunderbaren Deckungsgleichheit von Bildaufbau und Perspektive. Sowas hat den Michelangelo nicht auf diese Weise interessiert, und ich glaube schon, dass hier der jüngere Raffael die Urlektion Massaccios wichtiger genommen hat, als es Michelangelo und Leonardo taten, die andere Punkte Massaccios wichtiger nahmen, die Psychologie, die er gegen Masolino einführt, seine Massenverteilung und seinen Realismus, als dessen Grundlage er das zu verarbeitende plastische Material anerkennt, was für Leonardo dann immens wichtig in seinem Umgang mit Ölfarbe wird. Da hat er viel an Massaccios Fresken gelernt, obwohl er in der jungen Technologie Van Eycks denkt.
    Michelangelo hat in der Sistina, bei aller Bewunderung, schon auch seinen Kleiderladen aufgemacht, mit dessen farbigen Tüchern er seine Struktur stärken muss, die eben was unklares hat, nicht geklärte Interessen an seiner Raumherstellung. Aber „il Divino“ oder „il divino
    Michelangelo“ hat sich der Signore nicht selbst genannt, schriftlich hat Vasari das getan und mündlich war es sowieso üblich, man nannte z. B. auch die antiken Philosophen so und betitelte dann die eigenen Leute auch so, man sagte auch „il divino Ariosto“. Die erste Veröffentlichung von Vittoria Colonna 1538 hiess: „Rime de la Divina Vittoria Colonna Marchsa di Pescara“.

  42. Bersarin schreibt:

    Ich danke Dir für Deinen Text: es freut mich immer wieder, wenn auch ich etwas dazulerne. Kannst Du mir den Text von Longhi nennen, auf den Du Dich beziehtst? Beim Suchen bin ich lediglich auf ein Buch im Wagenbach Verlag gestoßen, zumindest was die deutschsprachigen Bücher betrifft.

    Detailiert vermag ich Dir heute nicht zu antworten, da ich morgen in den Urlaub fahre und also inmitten der Vorbereitungen mit Packen und Organisieren stecke. Und zu morgen muß noch ein Blog-Abschieds- bzw. -Unterbrechungstext geschrieben werden.

  43. T. Albert schreibt:

    Ja, das Longhi-Buch hier ist „Masolino und Masaccio“, Wagenbach 1992. Jetzt gibt es eine neue Ausgabe, die ich noch nicht kenne.
    Den „Piero della Francesca“ von Longhi gibts gar nicht auf deutsch, glaube ich.
    Wichtig ist auch Michelangelo selbst, nämlich seine Studienskizzen nach Masaccio, die er als Jugendlicher gemacht hat.
    Dann gibts die obligate Selbstverpflichtung des Künstlers, ein Kunsthistoriker zu sein.

  44. Bersarin schreibt:

    Danke.

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