Daily Diary (1)

„Ich habe einen Verrückten gekannt, der glaubte, das Ende der Welt wäre gekommen. Er malte Bilder. Ich hatte ihn gern. Ich besuchte ihn manchmal in der Anstalt. Ich nahm ihn an der Hand und zog ihn ans Fenster. Sieh doch mal! Da! Die aufgehende Saat! Und da! Sieh! Die Segel der Sardinenboote. All diese Herrlichkeit! Pause. Er riß seine Hand los und kehrte wieder in seine Ecke zurück. Erschüttert. Er hat nur Asche gesehen. Pause. Er allein war verschont geblieben. Pause. Vergessen. Pause. Anscheinend ist der Fall … war der Fall gar keine … Seltenheit.“ (Hamm in: Samuel Beckett, Endspiel)

Ich sitze momentan über Texten zu Hegels Ästhetik sowie an Texten von Hegel selbst, und ich lese in Schellings „System des transzendentalen Idealismus“. Ich komme sowohl mit dem Lesen als auch dem Schreiben schleppend voran. Schon lange hätte der nächste Text aus der Reihe „Wozu Kunst?“ erfolgen müssen. Eigentlich wollte ich mit Benjamins Kunstwerkaufsatz weitermachen, aber es muß noch einmal auf Hegels Ästhetik rekurriert werden. Dies ist für den Fortgang unabdingbar. Ach, je mehr man liest, desto komplexer gestaltet sich diese Angelegenheit.

Gestern war ich beim Zahnarzt. Während der Arzt bei anderen Menschen meist normalen Karies diagnostiziert, erhalten Ausnahmemenschen grundsätzlich mehr als andere: Bei jedem meiner Zahnarztbesuche ist der Karies sogleich mit Wurzel- oder Nerventzündungen verbunden, so daß mit schöner Regelmäßigkeit, ein jedes Jahr eine Wurzelkanalbehandlung erfolgen muß. Eine dreiviertel Stunde Herumwerkeln am hinteren Backenzahn rechts unten ließ ich über mich ergehen. Es ist in jenem Zahn nun ein Medikament untergebracht, das die Entzündung hemmen soll. Ein wenig tut es 24 Stunden später jedoch immer noch weh, denn dieser Zahn ist ein hartnäckiger Fall. Am 29. August, inmitten meines Urlaubes, geht es dann mit der Behandlung weiter. Die Füllung wird entfernt und wenn das Medikament angeschlagen hat, ist es gut, und wenn nicht, dann geht es weiter. Karies ist nicht nur unschön, sondern es gehört zu den Wörtern der Sprache, die einen häßlichen Klang mit sich führen.

Ich könnte über diesen Backenzahn unten rechts eine lange Geschichte schreiben, die vom Notzahnarzt vor Jahrzehnten bis ins Jetzt reicht. Doch lasse ich dies bleiben. Ich habe diesen Text auch nicht aufgrund meiner Zahnarzt-Schilderungen „Daily Diary“ genannt, sondern weil ich auf etwas anderes hinaus will: nämlich eine neue Serie möchte ich ankündigen. Damit auf diesem Blog häufiger, fast täglich etwas erscheint, mache ich nun ein Phototagebuch. Nein, nicht jeden Tag werde ich ein Bild auf den Blog stellen, aber ab und an, vielleicht jeden zweiten oder dritten, ich weiß es nicht. Lediglich ein Bild, höchstens aber zwei Bilder. Die üblichen Photoserien gibt es aber weiterhin auf „Proteus Image“. (Und sie werden auch weiterhin hier angekündigt.) Dies bedeutet natürlich nicht, daß es bei „Aisthesis“ keine Texte mehr geschrieben werden, im Gegenteil. Text und Bild stehen nebeneinander, berühren sich jedoch nicht, im Grunde genau so, wie es auch im Leben sein sollte: daß sich nichts mehr berührt. „Ich liebe die Ordnung. Sie ist mein Traum. Eine Welt, in der alles still und starr wäre und jedes Ding seinen letzten Platz hätte unterm letzten Staub.“ (Clov in: Samuel Beckett, Endspiel)

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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