Stadtlandschaften – Ancien et Moderne

„Den Typus des Flaneurs schuf Paris. Daß nicht Rom es war, ist das sonderbare. Und der Grund? Zieht nicht in Rom selbst das Träumen gebahnte Straßen? Und ist die Stadt nicht zu voll von Tempeln, umfriedeten Plätzen, nationalen Heiligtümern, um ungeteilt mit jedem Pflasterstein, jedem Ladenschild, jeder Stufe und jeder Torfahrt in den Traum des Passanten eingehen zu können? Auch mag manches am Nationalcharakter der Italiener liegen. Denn Paris haben nicht die Fremden sondern sie selber, die Pariser zum gelobten Land des Flaneurs, zu der ‚Landschaft aus lauter Leben gebaut‘, wie Hofmannsthal sie einmal nannte, gemacht. Landschaft – das wird sie in der Tat dem Flanierenden. Oder genauer: ihm tritt die Stadt in ihre dialektischen Pole auseinander. Sie eröffnet sich ihm als Landschaft, sie umschließt ihn als Stube.“

Walter Benjamin, Passagenwerk, GS I 1, S. 525

 Das Interieur und das Draußen schließen sich in der Großstadt der Moderne, jenem Paris des 19. Jahrhunderts, zur Einheit. Es entsteht eine künstliche Landschaft. Bei Baudelaire gab es das Lob des Künstlichen und den Haß bzw. die Verachtung für die bloße Natur – darin, nebenbei, Hegel nicht unähnlich, der keinen Blick für die Natur und das Naturschöne besaß. Seine Vorlesungen zur Ästhetik geben das gleich im Auftakt kund; während seiner Zeit in Bern, Jena oder Heidelberg hatte er keinen Blick für die Landschaften, welche ihn umgaben. Erst bei Adorno wird das Naturschöne rehabilitiert und kommt zum philosophischen Bewußtsein, gleichsam als unverfügbare Instanz, in dem ein Anderes aufblitzt, ohne dabei aber der Verklärung anheimzufallen. Denn die Schönheit des Gesangs der Vögel ist zugleich dem Mythos verbunden und damit ein Teil des Gewaltzusammenhangs:

„Das Naturschöne ist der in die Imagination transponierte, dadurch vielleicht abgegoltene Mythos. Schön gilt allen der Gesang der Vögel; kein Fühlender, in dem etwas von europäischer Tradition überlebt, der nicht vom Laut einer Amsel nach dem Regen gerührt würde. Dennoch lauert im Gesang der Vögel das Schreckliche, weil er kein Gesang ist, sondern dem Bann gehorcht, der sie befängt. Der Schrecken erscheint noch in der Drohung der Vogelzüge, denen die alte Wahrsagerei anzusehen ist, allemal die von Unheil. Die Vieldeutigkeit des Naturschönen hat inhaltlich ihre Genese in der der Mythen.“ Th. W. Adorno ÄT, S. 104 f.

Die Städte, das Künstliche, also das Gemachte wandeln sich bei Baudelaire zur artifiziellen Landschaft, durch die der Dichter streift, in der er, dem Lumpensammler gleich, die Überbleibsel, die Reste und Fetzten aufliest. Das Idyll jedoch, welches in der Naturlandschaft seinen Ort fand, gerät zur Farce, so wie bereits in den Bildern von Carl Blechen der schönen Landschaft die Industrie eingeschrieben ist, wenn im Hintergrund ein Sägewerk oder ein Schornstein ragt; es destruiert der Text Baudelaires das Naturschöne, transponiert es in die Regungen des Subjekts angesichts der Stadtlandschaften: der Dichter bei der Arbeit:

„Ich will, um meine Hirtenlieder keusch zu schreiben, dem Himmel nahe schlafen wie die Sterndeuter und, der Glockentürme Nachbar, in meinen Träumen ihre feierlichen Lobgesänge hören. Die beiden Hände unterm Kinn, werde ich von der Höhen meiner Mansarde hinaussehen auf die Werkstadt voller Lieder und Geplapper, auf Schornsteine und Türme, diese Masten der Stadt, und auf die großen Himmel, die an die Ewigkeit erinnern.“ Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, S. 175, München 1986)

Mit diesen Zeilen beginnt der Teil „Tableaux Parisiens“ der „Fleurs du Mal“. Was diese Passagen entlassen, ist nicht das Werben um die Natur, die klassische Pastoraldichtung oder das Naturgedicht, sondern die Phantasmagorie, die zugleich ein Traumbild abgibt. Ein wenig nähern wir uns hier bereits den dialektischen Bildern Benjamins. An die Ewigkeit kann nur noch erinnert werden, sie läßt sich nicht mehr im Modus der Präsenz evozieren. Dem Nicht-mehr wird niemals wieder ein Noch-Nicht folgen (sei es in der Ferne einer Zukunft) oder in der Verborgenheit korrespondieren. Obwohl ansonsten die Korrespondenz einer der zentralen Begriffe der Dichtung Baudelaires ist – eines seiner Gedichte in den „Fleurs du Mal“ heißt so.

Es haben sich die Verhältnisse zwischen Rom und Paris mittlerweile jedoch verkehrt. In Paris gibt es in diesem Baudelaireschen oder Benjaminschen Sinne – Franz Hessel muß man hier freilich genauso nennen – kein Flanieren mehr. Was Benjamin an Rom beklagte, das trifft auf das moderne Paris zu: Alles das, was von der Vergangenheit zeugt, steht hinter Plexiglas, ist konserviert, die alten Viertel sind grundsaniert, gentrifiziert, gewandelt. Es ist dies ein Vorgang, den man in den 80ern bereits beobachten konnte – und ich vermute auch schon davor, doch zu dieser Zeit war ich noch nicht in Paris. Insbesondere am Bastille-Viertel konnte ich diesen Wandel festmachen. Aber auch andernorts: Bewohner, die einst in den Arbeiter- und Kleinbürger-Arrondissements lebten, wie man das so aus den Klischeefilmen kennt, wurden in die Banlieues oder noch weiter weg gedrängt. Der Horror einer solchen Welt (der Angestellten) wird in Jacques Tatis „Playtime“ (1967) gezeigt. Auch im Bastille-Viertel war es – nebenbei – die bildende Kunst, die den Vorreiter machte. Diese ist die am besten an das Verwertungssystem des Kapitalismus angedockte Kunstform, in ihr kanalisieren und transformieren sich die monetären Ströme, erfahren die Metamorphose zur Schönheit des Geldes. Der Gebrauchswert eines Hirst oder Monet ist sein reiner Tauschwert. Und die Kunst ein Ich zu sein, ein Künstler zu sein, sein Selbst auf dem Markt auszustellen und zu verkaufen, ist dem Kapitalismus geborgt und spiegelt auf diesen zurück in den Ideologien des Self-Made-Man, der sich entwirft, sein Leben zu einem Quasi-Kunstwerk macht, das sich in die jeweilige betriebliche Ordnung einfügt, das flexibel und verfügbar ist. Wir bezeichnen dies im Wirtschaftssystem als Scheinselbständigkeit und als Ich-AG, in denen die Vereinzelung produziert wird. (Dankesgrüße noch mal an die SPD und die Grünen. Schröder, der Kanzler, welcher die Künstler zu sich einlud: Lasset die Künstler zu mir kommen.)

Noch heute sehe ich 1999 die im Fernsehen auftauchenden Gesichter von dynamischen, willensstarken Jungmenschen vor mir, die in irgend welchen dotcom-Buden oder in den Werbeagenturen arbeiteten und auf die Frage eines Interviewers nach einem Betriebsrat überheblich in die Kameras grinsten: „Aber so etwas brauchen doch wir nicht, das ist doch sowas von oldschool.“ Ein Jahr später standen sie auf der Straße und waren wieder ihres Glückes Schmied, dürften sich neu und selbst entwerfen. Der bildende Künstler der Spätmoderne gibt das Paradigma des neuen, des „flexiblen Menschen“ (Sennett), der seine Haut zu Markte trägt und es nicht einmal bemerkt.

Aber ich schweife von Benjamin und Baudelaire, mithin vom Wesentlichen ab. Baudelaires Konzeption des Schönen verbindet zwei Momente in sich:

„Das Schöne besteht aus einem ewigen, unveränderlichen Element, dessen Anteil außerordentlich schwierig zu bestimmten ist, und einem relativen, von den Umständen abhängigen Element, das, wenn man so will, eins ums andere oder insgesamt, die Epoche, die Mode, die Moral, der Leidenschaft sein wird. Ohne dieses zweite Element, das wie der unterhaltende, den Gaumen kitzelnde und die Speiselust reizende Überzug des göttlichen Kuchens ist, wäre das erste Element unverdaulich, unbestimmbar, der menschlichen Natur unangepaßt und unangemessen. Ich bezweifle, daß sich irgendein Probestück des Schönen auffinden läßt, das nicht diese beiden Elemente enthält.“ (Baudelaire, Der Maler des modernen Lebens, in: Sämtliche Werke, Bd. 5, S. 215)

Diese zwei Aspekte nimmt zuweilen auch der Flaneur wahr, und der Dichter als Lumpensammler bahnt dies in den Text. Aus dem Wanderer und seinem Nachtlied ist das große Ja, die wunderbare Afirmation der Großstadt und das Nein zur Natur geworden. (Im Punk finden wir diese Haltung dann wieder: etwa in jenem schönen Stück von S.Y.P.H.: Zurück zum Beton. Sozusagen Baudelaire zu reduziertem Preis.)

Ich sehe bei diesen fragmentarischen und assoziativen Aspekten, daß die Lektüre von Benjamins Baudelaire-Aufsatz aussteht. Und ich denke, daß der Bogen sich hier gut spannen läßt zu jener Frage nach dem Wozu der Kunst sowie ihrem Ende.

6 Gedanken zu „Stadtlandschaften – Ancien et Moderne

  1. Ein spannender Text. Ich verstehe das Bedauern über die Gentrifizierung. Doch Paris wird für mich immer die Stadt des Flanierens sein, staubiger Etagenpensionen, verwinkelter Ecken zum Küssen im Marais und leuchtender Schaufenster der Haute Couture zum Nase-platt-Drücken. Ich blende einfach alles aus, was mir in mein Paris-Bild nicht passt. (Zum Beispiel: den Eiffelturm. Ich war noch nie drauf ;-). Der Flaneur, das darf man nicht vergessen, ist vor allem auch eine Melancholikerin. Er flieht den Tod nicht und die Massen, sondern „wandelt“ sich ihnen an.
    In wenigen Tagen fahre ich zum ersten Mal im Leben nach Rom. Ich werde den Vergleich suchen. Und Rom.Blicke. Natürlich. Helmut Schulze empfiehlt den prostestantischen Friedhof auf dem Aventin. Einer Freundin ist dort ein Wunder widerfahren. (Glaubst du daran?)

    Viele Grüße, ich bin gespannt auf das „Wozu der Kunst“ (und auf ihr Ende ?) Immer schon.

    Melusine B./J. Piveckova

  2. Flaneur und Flaneurin. Ja, ich bin auch einer von dieser Sorte, und ich liebe Paris – dennoch und trotz alledem. (Rom habe ich aus anderen Gründen lieb.) Das Moment der Melancholie, auch im Sinne Benjamins natürlich, ist auf alle Fälle dabei, wenn ich durch diese Stadt gehe. Die staubigen Etagenpensionen kenne ich auch, mit Pseudotapeten, wo bloß Muster auf die weiß gekalkte Wand gemalt wurden mit einer Schablone, so daß es die Illusion von feiner Tapette gab. Eine meiner Pensionen lag fast am Bd. Saint-Germain. Wenn ich abends in die Pension wankte, ging ich an einer Polizeiwache vorbei; zuweilen übten die Bullen im Souterrain hinter den vergitterten und gesicherten Fenstern Dienstpistolenziehen, acht oder zehn Mann in Reihe. Zwei Minuten von meiner Pension entfernt wohnte Mitterrand, in der Rue de Bièvre.

    Der Eifelturm, da war auch ich noch nicht drauf, ich vermute aus den gleichen Gründen wie Du. Maupassant schrieb einmal, er gehe ständig auf den Eifelturm, weil dies der einzige Ort in Paris sei, wo er den Eifelturm nicht sehen müsse.

    Küsse in der Marais sind sicherlich schön, ich habe in Paris hauptsächlich photographiert und bin flaniert. Einmal, im Jahre 1985 hätte es wohl zu Küssen und darüber hinaus kommen können, doch ich habe mich mit einer blonden Frau in einem Restaurant irgendwo am Montparnasse so derartig über Literatur gestritten, daß (ihrerseits) der Wille, hernach zu ihr zu gehen, nicht mehr in die Tat umzusetzen war. Und so mußte ich nachts um 1 Uhr vom Montparnasse bis zum Montmartre, wo mein kleines Hotel lag, gehen, gehen und gehen. In Paris fahren, anders als in Berlin, nachts keine U-Bahnen, sprich keine Metro. Und die letzte Metro war eben abgefahren – im doppelten Sinne. Ich hatte zwar noch Geld für ein Taxi übrig, aber das wollte ich für einen Kunstkatalog über surrealistische Photographie aufsparen. Dieser Katalog steht heute noch in meinem Regel, und er ist gar wunderbar. Paris kann sehr weitläufig sein. Auch durch die Hurenviertel ging der Weg, durch einsame Kleinbürgerstraßen im 9. Arrondissement. Als ich am Hotel nach Stunden endlich angelangte, war die Hoteltür verschlossen und niemand da, der sie auf mein Klopfen und Pochen öffnete.

    An Wunder glaube ich nicht, ich habe mein Wissen so ausgeweitet, daß für den Glauben kein Platz mehr ist. 2004 war ich zuletzt in Paris mit meiner damaligen Freundin. Wir haben uns dort ziemlich viel gestritten, und als wir irgendwo im 7. Arrondissement spazierten, wieder palavernd und im Streit, in Richtung des Rodin-Museums gehend, um seine Werke zu sehen, kamen wir mit einem Mal in eine Kirche, in der ein Gottesdienst stattfand. Da küßten wir uns unendlich und es gab dann eine Weile keinen Streit, in der Bretagne dann stellte sich die Harmonie ein, die uns sozusagen in einem Gleichklang leben ließ. Bis zum Jahre 2007.

    Paris ist eine Stadt, zu der ich zahlreiche Geschichten schreiben und Photos liefern könnte, wenn ich denn meine s/w-Negative digitalisierte.

    Das ist zwar großer Kitsch, aber ich werde verrückt und sehnsüchtig, wenn ich an Paris nur denke. Ach, ich möchte einen Paristext schreiben, ich möchte da wieder hin.

    Es würde mich interessieren, wie Du beide Städte beschreiben und sehen würdest. Ich hoffe, Du machst auf Deinem Blog etwas dazu, das würde mich freuen. (Vom protestantischen Friedhof las ich auch. Der soll sehr schön und sehenswert sein) Ich muß freilich sagen, daß ich in den frühen 80ern in Rom war, da ist viel Wasser den Tiber heruntergeflossen und an der Spanischen Treppe gab es noch keinen Mc Donald‘s, und ich konnte mit einer Mitschülerin, in die ich so unendlich verliebt war, betrunken über Autos steigen. Eine andere Mitschülerin hat mir einen Tag später einen Waschlappen ins Gesicht gehauen. Es war dieselbe, mit der ich mich dann zwei Jahre später in Paris gestritten hatte.

    Il n‘y a plus d‘après:

    Viel Freunde in Rom und eine gute Reise, wünscht Dir Bersarin. (Ach, könnte ich auch! Na ja ein andermal eben.)

  3. Danke.

    (In Paris bin ich immer glücklich gewesen – und meistens verliebt… Selbst das eigentümlich hässliche Palais de Tokyo hat sich mit orangenen Plastikstühlen in ein Café d´ Art Moderne verwandelt, in dem es immer was zu bestaunen, verlachen, betratschen gibt – und von gegenüber grüßt der verachtete Tour d´Eiffel – der kann uns mal! – Im „Petit Garcon“ habe ich die köstlichste Erdbeer-Charlotte gegessen, in der Fondation Cartier 2007 David Lynch als Maler entdeckt, vor dem Lichtermeer der Fenster von St. Chapelle bin genau so ich in die Knie gegangen wie für das Eis von Berthillon. Ich werde schwärmerisch, wenn ich an Paris denke. PARIS MON AMOUR. Gut, dass man ab und zu mal ins Sauerland fährt. Da klärt sich die Frage: Wozu Kunst? vielleicht eher… ;-) )

    Wie wird Rom? „…die ich bislang so gewandert bin/alles Schutt, alles Spuk/aber wohin wollte ich? Ich wußte es nicht einmal genau und weiß es jetzt heute nicht: wer bin ich? Wer ist man, wenn man so geht & schaut?/ Ich dachte, daß Rom die letzte größere westliche Hauptstadt sein könnte, die ich mir anschaute – sie gleichen sich bis auf unwichtige Abweichungen, alle.“ (Brinkmann: Rom.Blicke). Hoffentlich nicht. Ich werde sehen. Und vielleicht schreiben.

    Herzliche Grüße

  4. Ich mochte den letzten Part mit der „Ankerklause“ sehr gerne, melancholisch und etwas wehmütig. Ich frage mich die ganze Zeit, in welchem Alter sich der Verfasser befindet.

  5. Ach, über das Alter spricht man in meinem Alter nicht mehr. Man öffnet melancholisch eine gute Flasche Rotwein und freut sich als Mittvierziger, daß es einem gut geht.

  6. Dieser letzte Part ist echt. Ich kann die Ankerklause regelrecht vor mir sehen, sie sozusagen empirisch fassen. Mehr davon, wenn es geht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.