Potsdamer Straße – Berlin – Hommage

Die Kurfürstenstraße, welche – das sei für Nicht-Berliner gesagt – nicht mit dem Kurfürstendamm zu verwechseln ist, mündet, wenn einer in östlicher Richtung mit kleinem Schlag nach Süden flaniert, auf die Potsdamer Straße. Es ist dieses Viertel ein wenig liederlich, gar zwielichtig, es gibt einen Straßenstrich.

Aber es gibt in der Kurfürstenstraße als Kontrastprogramm auch das „Café Einstein“, welches, in einer Albauvilla mit Garten angesiedelt, ein schönes Interieur besitzt, zuweilen aber überfüllt ist. Sitzt man in dem großen Saal, bedeutet diese Fülle einen hohen Lärmpegel. Doch der Ort entschädigt. Und ich schreibe diesen kleinen Text samt den anschließenden Photographien als eine Reminiszenz an einen sehr angenehmen Freitagnachmittag. Berlin, 24.6. Wenn man am Nachmittag Kaffee getrunken und ein Stück Birnenkuchen mit Schlagsahne verspeist hat, ist man für Gespräche und für anschließende Photographien gestärkt.

Es herrscht in der Kürfürstenstraße eine Welt der Kontraste. Arm neben reich, Handwerker, Huren, Medienmenschen, Touristen, Betuchte und weniger Begüterte, die ins Einstein gehen. Wie so häufig in Berlin: das ungeordnete Nebeneinander, wenn ein Stadtteil noch nicht reguliert ist durch eine bestimmte Sorte von Geschäften oder Ausgehlokalitäten. Nach dem Cafébesuch, solitär in Richtung der Potsdamer schlendernd, und eine der am Straßenrand stehenden Frauen fiel mir vom Aussehen und vom Habitus her sofort auf. Sie hätte seinerzeit auch in einer meiner Studentengruppen sitzen können. Kurz schoß es mir durch den Kopf, ob ich sie ansprechen solle. Eine Frau auf der Straße rede ich normalerweise nicht an, weil das indiskret ist und mir zudem kein guter oder passender Satz einfiele, welcher den Auftakt machte und der nicht blödsinnig klingt. Hier aber werden diese Dinge, die Beziehungen über den „annihilierendsten Signifikanten“, sprich: das Geld geregelt und unterliegen dem Regiment der Funktionalisierung. Die Scham ist keine sprachliche, sondern in diesem Falle eine soziale, weil ich die Lage eines Menschen mir zunutze mache. Trotz alledem: die Frau gefiel mir – klein und schwarzhaarig.

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Nein, die Frau welche ich meinte, ist auf den Photographien nicht zu sehen. Aus der Kurfürstenstraße heraus spazierte ich in Richtung auf die Potsdamer Straße zu. Sie galt lange als verrufen, unangenehm und unansehnlich, jedoch – anders als die Kurfürstenstraße – ohne Straßenstrich. Trostlose Häuser und die Leere einer Durchgangsstraße, welche dazu gemacht ist, verschiedenen Punkte einer Stadt miteinander zu verbinden; ihr Wesen ist der Transit. Aber es ändern sich die Dinge in der Zeit. Mittlerweile haben auch Galerien ihren Weg in diese Straße sowie in die Nebengassen gefunden, was in diesem Falle nicht schlecht ist, denn diese Ecke von Berlin ist aufgrund ihrer urbanen Struktur im Grunde nicht gentrifizierbar; nicht einmal durch Künstler und Galerien, die in der Regel den Anfang machen und signalisieren, daß ein Viertel sich wandelt, Mieten steigen, Lebensräume anderweitig okkupiert werden. Der Grund für diese Schwergängigkeit rund um die Potsdamer Straße liegt darin, daß – anders als beim mittlerweile angesagten nördlichen Neukölln, kurz Kreuzkölln genannt – nicht ein trendiges Gebiet wie Kreuzberg SO 36 mit der Oranienstraße in der Nähe liegt. Und es gibt da auch keine „Ankerklause“, in welcher in den wilden Jahren manchmal ein Abend diskussionsstark und alkoholreich, gar volltrunken endete – diese Reise durch eine Nacht hindurch, die langsam beginnt, nach einem Seminar, das am frühen Abend endete, mit ihr auf dem Fahrrad fahrend, wir können ja noch was trinken fahren; „Ankerklause“, klar; am Tisch sitzend, rauchen, sie nimmt die Zigaretten mit Filter, ich die Lucky Strike ohne, weil ich gerade etwas Geld beisammen hatte, unendliches Reden, sie mochte nichts von meinem intellektuellen Zeug hören – „Ich weiß ja, daß du dich mit Hegel und Adorno auskennst“ –, sondern wollte etwas über die Musik erfahren, die ich höre, Alkohol trinkend, zu Zeiten, wo man in Kneipen besser Bier bestellt statt des Weins und die Beteiligten sich eine Zigarette nach der anderen anstecken konnten, weil es noch kein Rauchverbot gab. Heute bin ich Nichtraucher. Was soll es aber? In zunehmendem Alter lebt man sowieso nur noch in den Erinnerungen. In Gesprächen mit Frauen ist alles gesagt und der Zauber der wilden Jahre ist leergezaubert.

Obwohl man in bezug darauf, daß ein Viertel zum teuren Bezirk umkippt, der für Menschen, die wenig bis kein Geld haben, nicht mehr bewohnbar ist, nie absolute Prognosen machen kann, wird sich entlang der Potsdamer Straße aller Voraussicht nach nicht viel tun. Gerade einmal das Varieté „Wintergarten“, welches kurz vor der Pleite sich befand, dann aber wieder auferstand, siedelt hier. Die nächsten Ausgehviertel sind zu weit entfernt. Doch man weiß nie.

Wie kann man die Potsdamer Straße beschreiben? Kleingewerbe, sogar ein Laden mit Bürobedarf wie es sie früher häufig gab, Spielhallen, Gemüsehändler, Billigläden, Tätowierladen, Cafés, Bäckereien, Imbiß, traditioneller Fleischer, ein Woolworth, der innen in herrlich erbärmlichem Zustand ist. Das übliche für den schmalen Geldbeutel. Und das Varieté „Wintergarten“.Vom Süden her beginnt die Potsdamer Straße am Kleistpark im Bezirk Schöneberg, dort wo die Hauptstraße endet. Und wenn man sie in südlicher Richtung immer weiter geradeaus fährt, immer die Hauptstraßen entlang, via Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Zehlendorf, Wannsee, dann gelangt man tatsächlich in rund einer ¾ Stunde Autofahrt über die Glienicker Brücke herüber nach Potsdam.

Wenn man bei nördlicher Fahrt, von Schöneberg herkommend, links in die Pallastraße abbiegt, so kann man unter einem Hochhaus durchgehen oder auch mit dem Auto durchfahren. Das Gebäude nennt sich Sozialpalast. Es lassen sich sicherlich zahlreiche stadtsoziologische und gesellschaftliche Debatten zu solchen Wohneinheiten führe. In bezug auf Ostberlin sprach Heiner Müller seinerzeit von Fickzellen mit Fernwärme. Da ich in der Stadtsoziologie nicht sehr bewandert bin und aufgrund einer anderen Wohnlage nicht gut über diesen Ort berichten kann, muß ich mich hier enthalten. Minder gute Wohnlagen und gute liegen in Berlin jedoch nicht gar so weit auseinander. Zum Viktoria-Luise-Platz, den repräsentativen Altbauten säumen, geht man gerade einmal zehn Minuten in westliche Richtung.Berlin ist die Stadt der nahtlosen Übergänge. Insbesondere die Friedrichstraße zeigt dies, die im Süden am Mehringplatz ein armes Quartier ist und nach Norden hin zur teuren Geschäftsmeile sich wandelt.

Weiter nördlich gegangen, gelangt man an die Kreuzung Bülowstraße. Unrühmliche Bekanntheit erlangte die Potsdamer Straße dort im Jahr 1981, als an der Ecke Bülowstraße zu den Zeiten des Häuserkampfes bzw. der Haus- oder Instandbesetzungen Klaus-Jürgen Rattay am 22.9. zu Tode kam und vor einen Bus der BVG lief bzw. von der Polizei getrieben wurde. Eine grobe Chronologie des Berliner Häuserkampfes im Jahre 1981 kann man hier nachlesen.

Ab der Kürfürstenstraße beginnt der Bezirk Tiergarten (Mitte) und die Straße führt am Wintergarten vorbei, das Flair dort ist ein sehr eigenes: versucht man, sich an das zu erinnern, was dort an Gebäuden steht, so vergißt man es nach zehn Minuten. Über den Landwehrkanal, in den Rosa Luxemburg weiter östlich geworfen wurde, geht es zum Kulturforum mit der Neuen Nationalgalerie, die von Ludwig Mies van der Rohe erbaut wurde und der Philharmonie von Hans Scharoun – sozusagen als Namennennen und als Information für die Nicht-Berliner. Hinter dem Kulturforum macht die Straße einen scharfen Bogen nach Ost und führt direkt auf den Potsdamer Platz, und wenn man diesen speziellen Ort überquert und die Straße weiter geradeaus schlendert, kommt man auf die Leipziger Straße in den Osten Berlins. Im Grunde ist die Potsdamer Straße bloß eine Linie, die Unverbundenes in Korrespondenz bringt. Sie ist eine Durchgangsstraße. Für die Photographie wie geschaffen. Einen kleinen Abschnitt der Potsdamer habe ich photographiert und zeige die Bilder auf „Proteus Image“.

Glanz verbreitet die Potsdamer Straße nicht. Aber das ist womöglich gut so, selbst in ihrer Langeweile ist sie besser, als wenn die Straße zur Auguststraße in Mitte sich transformierte. Diese ist eine schmale, im Grunde nicht uninteressante Straße mit Galerien und viel Kunst. Die Potsdamer ist das Gegenteil davon.

Die Photographien von der Potsdamer Straße gibt es hier zu sehen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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15 Antworten zu Potsdamer Straße – Berlin – Hommage

  1. hanneswurst schreibt:

    Das musste durchaus veröffentlicht werden, aber wo bleibt die Auflösung des Fronleichnam-Quiz? Meine Vermutung ist, dass Sie mit dem Leib Gottes etwas durcheinander geraten sind.

    Wohlmeinend,
    Wurst

  2. Bersarin schreibt:

    Sie sind, Hanneswurst, ein subtiler Scholastikus. Nicht nur, daß wir es in diesen Dingen mit dem Substanzproblem zu tun haben, sondern Sie stellen zugleich die Frage nach der Trinität, welche im Ersten Konzil von Nicäa allerdings in eine Richtung hin entschieden wurde. Tz, Tz: vom Leib Christi zu dem Gottes. Was für ein Sprung!

    Freilich bin ich nicht durcheinander geraten. Es ergab sich nur nicht die Zeit, den Text weiterzuschreiben.

    Ich muß zudem gestehen, daß ich mit Ihren Häresien, insbesondere was die Trinität betrifft, bisher sehr sehr nachsichtig umgegangen bin.

    Hochachtungsvoll Ihr Innozenz IV.

  3. Noergler schreibt:

    Der analoge Feiertag bei den Fischen heißt übrigens „Fronlaichnam“.

  4. hanneswurst schreibt:

    Ihr Häresiebewurf ist ridikulös und antifaktisch; wenn das so weiter geht belege ich Ihr Blog mit einem Bannfluch. Was an Religion, Glauben und den damit verbundenen Symbolen substantiell sein könnte (abgesehen davon, dass Substanz nicht existiert) konnten Sie noch nicht erklären, nur ein paar Falschmacher haben Sie konstruiert, diese jedoch nicht belegt.

    Ihr Substanzbegriff ist an das Konzept der Identität gebunden. Identität jedoch ist nur ideell konstruiert. Nennen Sie mir eine Substanz, die Identität hat. Realität ist offensichtlich nur Interpretation. Sollte diese Interpretation stofflich tatsächlich fundiert sein, so ist dies absolut belanglos.

  5. Bersarin schreibt:

    Dies, Hanneswurst, ist ja Dekonstruktion und radikaler Konstruktivismus in einem und damit von Übel. Kehren Sie um, Hanneswurst: Sie gehen den falschen Weg. Beschreiten Sie den Pfad der Metanoia, kehren Sie zurück in den Schoß der Mutter Kirche.

    __________

    Der Substanzbegriff muß, selbst wenn man ihn in die Derridasche Wendung bringt, zunächst an den Begriff der Identität gekoppelt sein. Es geht gar nicht anders. Wieweit sich die Substanz dann entfaltet und ein dynamisches Moment (Hegel) oder das von Nichtidentität (Adorno) in sich trägt, dies kann man in einem zweiten Schritt dartun. Aber es gibt keine Nichtidentität und keine Différance ohne Identität. (Was mich zugleich daran erinnert, meinem Text über Derrida weiterzuschreiben.)

  6. hanneswurst schreibt:

    Mit Paranoia kenne ich mich aus, Metanoia war mir neu, sehr schön. Was man in Blogs nicht alles lernen kann. Argumentativ bleiben Ihre Ausführungen jedoch äußerst spärlich, werter Herr Bersarin, es gipfelt in dem Ausspruch „es gibt keine Nichtidentität […] ohne Identität“, der sowohl ein Pleonasmus als auch ein Oxymoron sein könnten, aber nichts, was nach den Gesetzen der Logik auszuwerten wäre. Ich stelle mir gerade vor, dass Sie diesen Satz bei „Bärbel am Mittag“ – oder wie diese Shows heute heißen – fallen ließen, man würde Sie wahrscheinlich des Saales verweisen, so wie es vor Ihnen schon Eva Hermann erging. Dass Identität ein gedankliches Hilfskonstrukt ist, welches ebenso wenig in einer postulierten physischen Welt existieren kann wie ein Gleichheitszeichen, ist doch völlig evident. Aber selbst wenn eine physische Welt in der Art existieren würde, wie sie in der Physik nach aktuellem Forschungsstand angenommen wird, gäbe es keine Identität in dieser physischen Welt da physische Identität auch nach diesen physikalischen Gesetzten schlichtweg unmöglich ist. Sie reden jetzt von Substanz und Identität bei Hegel, Adorno, Derrida – damit kann nur die Substanz als das substantielle, wesentliche gemeint sein, nicht die Substanz als das physische und vom wahrgenommenen unabhängige. Wenn Sie das anders gelesen haben, dann rate ich Ihnen dringend, Ihr Weltbild zu entrümpeln – es ist viel mystische, physische Substanz darin! Lesen Sie die Schrift, nicht das Papier!

    Zurück zur eigentlichen Frage: „Inwieweit kann überhaupt von einem Substanzwandel bei gleichbleibender Akzidenz gesprochen werden?“ Als Katholik müsste ich antworten, „sehr weit“ – tatsächlich wandeln sich während der Transsubstantiation Brot und Wein in Leib und Blut Christi – ohne dass sich die Akzidenz ändert. Das heißt der Gläubige weiß, dass er Leib und Blut Christi vor sich hat, obwohl er nach wie vor Brot und Wasser sieht, fühlt und schmeckt. Anders als bei einem Wunder – zum Beispiel bei der Wandlung von Wasser zu Wein – bleibt also der Anschein gleich, obwohl die Substanz sich geändert hat. Das ist prinzipiell auf zwei Arten erklärbar: eine Sinnestäuschung (Brot und Wein wurden in Fleisch und Blut gewandelt, die getäuschten Sinne jedoch nehmen nach wie vor Brot und Wein wahr) oder – unter Annahme des Primat des Bewusstseins – einer Substanz, die vom Bewusstsein abhängig ist (tatsächliche Substanzänderung bei gleichbleibender Akzidenz – wobei Substanz das ist, was das Objekt ausmacht – und ein Objekt wird zu dem gemacht was es ist durch nichts anderes als durch das Subjekt, welches das Objekt wahrnimmt).

    Das Subjekt ist also imstande, Deutung und Wahrnehmung auseinanderzudividieren. Vergleichbar etwas mit einer Wrestling-Veranstaltung. Normalerweise tun Kämpfer und Zuschauer so, als würde ein Kampf stattfinden – sie deuten die Situation als Kampf, obwohl sie einen Schaukampf wahrnehmen. Allerdings tauscht der Priester ja nicht schnell das Brot gegen einen Fleischlappen aus (warum eigentlich nicht). Das Ganze ist also am ehesten vergleichbar mit einer Wrestling-Veranstaltung, bei der die Kämpfer nur Händchen halten, die Zuschauer dies jedoch immer noch als Kampf deuten. That’s entertainment. Und gleichzeitig eine schöne Art, sich das Geheimnis des Glaubens zu vergegenwärtigen.

    Und so hoffe ich, dass auch Sie zum Glauben zurückfinden, Herr Bersarin. Denn worum geht es eigentlich? Darum, dass Bewusstsein und Wahrnehmung göttlich sind.

    mfg
    Wurst, Laichlingen

  7. Noergler schreibt:

    Es mag zunächst so aussehen, als sei dies gänzlich OT, aber ich sehe doch hier erörterte Fragen der Identität berührt:
    Bei der Frauenfußball-WM wird stets nur die Spielerin „Hublot“ ausgewechselt. Dies ist mir aufgefallen.

  8. Bersarin schreibt:

    @ nörgler
    :-) Besser und pointierter kann man es nicht schreiben.
    (Obwohl ich keine Fußballübertragungen oder Livespiele sehe: egal ob Mann oder Frau. Ich habe zu Sport keinerlei Beziehung, außer, so muß ich gestehen, zum Pferderennen.)

    @Hanneswurst
    Ich hoffe doch sehr, daß ich bei „Bärbel am Mittag“ des Saales verwiesen werde. Nebenbei: M. Friedman und ich begehren dieselbe Frau: ich lag einmal eine Nacht mit einer Frau zusammen, die sah genau so aus wie Bärbel Schäfer in den jungen Jahren, nur daß jene Frau schwarzhaarig war. Aber das gehört nicht zum Topos der Identität.

    Mein Satz zu Identität und Nichtidentität ist womöglich als banal aufzufassen, aber die einfachste Beziehung A = A ist dafür nun einmal die Grundlage – man kann dies sprachphilosophisch, spekulativ oder aber ökonomisch wenden, wenn man mag. Wenn es im Fluß der Zeit und in den Augenblicken kein durchhaltendes Moment gibt, so wäre es sicherlich die reine Flüchtigkeit, die bleibt – also wieder eine Identitätsbeziehung.

    Ich zitierte schon einmal Kant und schreibe es noch einmal: „Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit, d. i. die Vorstellung desselben als eines Substratum der empirischen Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andere wechselt.“ (KdrV, B 183 Diese Beharrlichkeit ist mit Identität verbunden und anders nicht zu denken, zumindest auf der transzendentalen Ebene. Wobei das Schematismuskapitel Empirisches und Transzendentales in eine Beziehung setzt, weil ansonsten die Frage bleibe, wie eigentlich die Kantischen Kategorien Bedingungen der Möglichkeit abgeben können, die auch im Empirischen ihre, nennen wir es einmal so: Wirkung entfalten können.

    Ihre Darlegung zur Eucharistiefeier oder zur Transsubstantiation sind aufschlußreich, und um diesen Widerspruch geht es Berengar von Tours und später auch Dietrich von Freiberg ja durchaus. (Und es ist dies eine grundsätzliche Frage der Theologie.) Ihrer beider Ziel war es, einen Substanzwandel bei gleichbleibender Akzidenz mit den Mitteln der Vernunft und sogar sprachphilosophisch zu klären bzw. zu verwerfen, um gegen den Dogmatismus der offiziellen Lehre und den Hokuspokus vorzugehen. Ich möchte hier aber nicht vorgreifen, auch wenn Sie ungeduldig sind, verehrter Hanneswurst, sondern diese Dinge im zweiten Teil klären. Ich weiß nicht wann, aber demnächst. Mir fehlt nur momentan die Zeit und dann verläßt mich wieder die Lust, auch habe ich diesen Text zur Kunst zu schreiben.

    Der Bezug auf das Subjekt greift bei Ihrer Erklärung zur Transsubstantiation jedoch für die Philosophie des Mittelalters zu kurz. Ihre Erklärung ist eine solche, die aus der heutigen Zeit heraus denkt. Damit unterschlagen Sie jedoch die Motive dieser Zeit, mithin die Aspekte mittelalterlichen Denkens und den Kampf zwischen Aristotelischer Philosophie und dem kirchlichen Dogma. Dessen Metaphysik und die darin verhandelte Substanzlehre, die sich von der aus der Kategorienschrift doch unterschied, galt lange als verschollen bzw. war im christlich-europäischen Raum gar nicht mehr bekannt. Bei Berengar und vor allem bei späteren Philosophen sollte dieser Aristotelische Text einen Motor abgeben, um Glauben und Wissen in einen Einklang zu bringen. Richtig ist allerdings Ihr Hinweis auf das bildliche Denken, damit kommen Sie Berengar von Tours dann doch nahe, wenngleich ihm das Wrestling vermutlich fremd war.

  9. hanneswurst schreibt:

    Die Identität von Personen ist ganz besonders unscharf, Herr Nörgler. Was geschieht mit der Person nach dem Tod? Und wann genau? Und was ist wenn Ihnen eine Hirnhälfte entnommen und in einen zweiten Körper verpflanzt wird? Tatsächlich lebt es sich auch mit einem halben Gehirn zuweilen ganz annehmbar. Und wie oft sagt man „Ich bin nicht mehr ich selber“ oder Ähnliches – das ist wahrhaft Identität im Fluss. Am besten, man orientiert sich an seiner Personalausweisnummer, aber oh weh, ganz und gar ideell ist diese Identität dann. Diese Einwände gelten auch für Fußballerinnen, und auch für den Fußball selber, der ja auch alle naslang und oft unbemerkt die Identität wechselt, ohne dass die Mehrzahl der Zuschauer dies bemerkt.

    Und Sie, Herr Bersarin, jetzt belege ich endgültig Ihr Blog mit einem Bannfluch, und zwar für den Rest dieses Tages, weil Sie mir all diese metaphysischen Anstrengungen zumuten und dabei nur eine geschichtsphilosophische Randnotiz suchen.

  10. ziggec schreibt:

    Ich führe zunächst ein:

    A=B
    ——————

    Sodann schließe ich folgendermaßen:

    A=B, mithin B=A; also:

    A=A

    Es gibt nun Philosophen, die bei „A=B“ „A“ und „B“ die Identität absprechen, denn „B“ muss sich von ‚“A“ unterscheiden – wie könnte es sonst mit „A“ identisch gesetzt werden. Diese Aufgabe erfüllt das Gleichheitszeichen. „Identität“ sollte darauf beschränkt bleiben, dass alles, was es gibt, mit sich selbst identisch ist. Eine Identitätsbeziehung ist eben keine Identität. Sobald wir aber von einer Identitätsbeziehung sprechen, gilt: Nichtidentität ist Voraussetzung für Identität, die nichts anderes besagt, als dass A sich drehen und wenden kann, wie es will, es bleibt immer A, und sei es dann eben A(t1) (ließ: A zu Zeitpunkt eins) und „A(t2)“ zu Zeitpunkt zwei. Ob es nun irgend Identität gibt, steht weiterhin im Zweifel. Denn wie etwas zu sich selbst in einer Beziehung stehen kann, ohne sich zu verändern, ist ein großes Rätsel.

    Nehmen wir etwa Frauenfussball. Abgesehen von mereologischen Fragen (Nörgler) ist Frauenfussball Frauenfussball, ende der Durchsage, jedenfalls seit „Frauenfussball“ nicht mehr als Oxymoron verstanden wird.

    Ansonsten befürchte ich, dass Gott allein mit sich selbst im Sinne einer Beziehung identisch ist, also Er ist Er selbst auch dann, wenn er nicht Er selbst ist.

    Ein Freund schrieb vor Jahren diesen Song (denn er immer mit den Worten ankündigte, der Song stamme aus der Zeit, als noch jedes Lied philosophisch hatte sein müssen):

    You ain´t getting old for getting wise/you ain´t getting old for getting gray/you just getting old for there´s somting that makes you stay/that´s the reason why you getting gray

    Das leuchtet ein, doch bewiesen scheint es mir damit nicht.

  11. Bersarin schreibt:

    Nein, eine Identitätsbeziehung ist keine Identität, das ist ist richtig, weil es sich hier schon um eine Metaebene handelt.

    „Denn wie etwas zu sich selbst in einer Beziehung stehen kann, ohne sich zu verändern, ist ein großes Rätsel.“

    Die Antwort auf dieses Rätsel liefert die Hegelsche Dialektik, indem die Bezüge nicht bloß starr gehalten werden, und richtig spannend wird es, wenn man Hegel auf die Füße stellt und material unterfüttert.

  12. ziggev schreibt:

    Jetzt hast du mich fast dazu gebracht, Adorno zu lesen (mir fehlt im Moment leider trotz Sommer die Muße), und jetzt soll ich auch noch Kant (nicht die praktische Philosophie) lesen? Da kommen mir nicht nur jahreszeitbedingte Identitätszweifel. Was schlägst du vor: sommers Kant, im Winter Adorno?

  13. Bersarin schreibt:

    Im Sommersemester werden Kant (KdrV) und Adorno (ND) gelesen sowie zeilengenau gemeinsam kommentiert, und blonde Frauen oder Männer dienen der auf das Praktische ausgedehnten Geistesarbeit, denn wir Geistesmenschen paaren uns gerne und führen nächtliche alkoholselige Philosophiegespräche in Bars, Kneipen und anderen wilden Orten gerne unter unseresgleichen.

    Im Wintersemester wird es, weil etwas mehr Zeit übrig bleibt, schwieriger, und es muß (quantitativ) mehr gemacht, gelesen, gedacht werden: Aristoteles, Hegel, Marx, Derrida und schwarzhaarige (oder sehr dunkelbraune) Frauen oder Männer, da bin ich dann weniger wählerisch; obwohl: wenn ich an jene schwarzhaarige Frau aus Bordeaux denke und eine dazu aus Hamburg, da wußte ich genau, was ich wollte und was ich nicht realisierte.

    Ich denke dieses Pensum an Lektüre ist auch für den Hamburger zu bewältigen.

  14. hanneswurst schreibt:

    Ein sehr schönes Outing, Herr Bersarin. Ein Hoch auf die Bisexualität.

  15. ziggev schreibt:

    ok.danke für den Tipp, ich werde versuchen, mich daran zu halten. nur fasse ich nach nächtlichen alkoholseligen was oder wo auch oder wie auch immer aus Prinzip 2 oder drei Tage keinen philosophischen Text mehr an. und wenn manche Flasche Wien im Spiel ist, dann musst du ja auch als armer Student dafür sorgen, dass sie am nächsten Tag wenigstens etwas vernünftiges zu Essen bekommt, denn alles andere wäre ja gesundheitsschädlich, außerdem müsstest du ja auch in diesem Monat in diesem Mietverhältnis ohne Mietvertrag mal die Miete bezahlen, männo, und dann, der prekäre Job, hab ich eigentlich einen Job? plötzlich hatte sie selber Geld.

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