Sätze des Tages – Impressionismus ist eine Droge

Während ich, im Wohnzimmer im behaglichen Ohrensessel sitzend, meine Frau dabei beobachte und naturgemäß auch kontrolliere, ob sie die Hausarbeit in der gutbürgerlichen, viel zu großen Altbauwohnung ordnungsgemäß und korrekt verrichtet – diese 25-Jährigen Dinger sind ja so übermütig und sorglos im Umgang mit dem Reinigungsgerät –, höre ich im Hintergrund aus dem Fernseher jenen Satz: „Die Salatgurke an sich ist unschuldig.“ Es ging hier, wie Sie sich denken können, nicht um Kachelmann, Strauss-Kahn oder die Hamburg Mannheimer („Nur bei Herrn Kaiser stöhnen die Frauen leiser!“, so witzelte ich zu ihr herüber, den Putzfluß interruptierend), sondern um diesen eigenwilligen Ehec-Erreger. Wobei Erreger in diesem Zusammenhang wirklich gut ist. Und da fällt mir dann sogleich auch das Buch von Stefan Hardt „Tod und Eros beim Essen“ in die Hände. Die Gurke bietet für dieses Stelldichein von Tod und Eros ein schönes Bild – zumindest im Kontext des männlichen Diskurses. Allerdings mag ich keine Gurken, lediglich Schmorgurken bereite ich manchmal zu: schön mit Hack, Dill und Kartoffeln.

Treffender kann man diesen Sachverhalt nicht formulieren und nicht philosophischer denken: „Die Salatgurke an sich ist unschuldig.“ Dies übertrifft gar, von den Husserlschen Dimensionen schweigen wir, das Konzept von Kants Ding an sich, welches bekanntlich die unbekannte Ursache der Erscheinung abgibt – eine Aussage, die seinerzeit sofort der Kritik unterzogen wurde, weil dann auf das Ding an sich die Kategorien eben doch anwendbar seien, was eben bedeute, daß auch das Ding an sich nicht gar so an sich sei, und sowieso heißt eine Grenze setzen, sie bereits zu überschreiten.

Man müßte vielleicht den ganzen Tag über Fernsehen sehen, damit man häufiger solch Wunderbarem teilhaftig wird. Ach, was gäben die dabei gemachten Beobachtungen für Glossen ab, um diesen Blog mit herrlichen Texten zu füllen. Walter Kempowski soll dieses Experiment einmal durchgezogen haben: 24 Stunden lang vor dem Fernseher zu hocken. Nur der „Schein des Scheins“ (Nietzsche in: „Die Geburt der Tragödie“), den das Fernsehen uns liefert, vermag womöglich noch die Erlösung im Sinne der vollständigen Entropie, des vollkommenen Verglühens herbeizuführen, so daß wir, im Sinne Celans gesprochen, „tief im glühenden Leertext (…) im Zeitlich“ als purem Vergessen weilen. Der reine Eindruck. Irgendwann, nach einer Phase größter Unruhe und womöglich der Aggression, vielleicht in der zwölften Stunde, setzte eine Phase der Ermattung ein, die dann von jenem In-Sich-Kehren gefolgt wird. Ein weiteres Ausspannen dieses Bogens von der Hausarbeit zum In-sich-Kehren (gar zur Heideggerschen Kehre oder zur Kehrwoche) lasse ich mal sein.

Jener Schein des Scheins, sowohl im Sinne einer Strategie der Potenzierung als auch der gleichzeitigen Depotenzierung, wird sicherlich in einer der nächsten Folgen zur Ästhetik, genauer zum Ende der Kunst bedeutsam werden – ist dies doch eine Figur, die auch für Adorno von Belang ist. Um hier wieder die Richtung zum nötigen und gebotenem Ernst zu finden.

Der zweite Teil zu Gerhard Richter kommt dann morgen oder übermorgen. Mich hat ein wenig die Schreibfreude verlassen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Sätze des Tages – Impressionismus ist eine Droge

  1. hanneswurst schreibt:

    Meine Distanz zu sämtlichen mir bekannten Mainstreammedien ist heute so groß, wie sie vor 20 Jahren nur zum Boulevard war. Ausnahme vielleicht: Wikipedia. Ich bezweifle, dass dies nur an meiner inzwischen kritischeren Rationalität liegt. Der Journalismus scheint sich mehr und mehr dem Hedonismus anzudienen, alles muss irgendwie grell sein und zielt auf Emotionen, nicht auf Informationen. Man kann das alles lesen oder auch nicht, die Relevanz ist nicht mehr auszumachen.

    So, das hat gut getan, sich einmal diesen gemeinen Frust vom Leib zu schreiben. Dass Ihre Schreibfreude leidet, ist natürlich trotzdem unerfreulich, ich meine aber dass die Freude wiederkommt, spätestens wenn Sie in den kühlen Wiesengrund herabsteigen.

  2. hanneswurst schreibt:

    Ich frage mich übrigens, wann im Zoo die Eisbären koloriert und den Orang Utan Weibchen die Brüste vergrößert werden. Wieso ist mit dem Zoo noch nicht das passiert, was im Journalismus längst passiert ist? Wohl weil der Zoo an sich schon eine perverse Angelegenheit ist und deshalb eine schwere Anstandshypothek aus sich geladen hat. Aber auch die ist bald abgetragen und dann gibt es im Zoo nicht nur süße Eisbär- und Elefantenbabies, sondern Spinnen so groß wie Kleinwagen, Schlangen die eine Kuh verspeisen können und die ganze andere Harry Potter Scheiße die kein Mensch braucht, die aber irgendwie für eine Sekunde vergessen lassen, wie absolut verzichtbar das eigene Dasein ist.

  3. fk schreibt:

    hallo,

    zu erst wollte ich schreiben, dass es doch legitim sei, die kommentarfunktion des blogs bei so wunderbaren texten einmal abzuschalten. weil manches gar nicht kommentiert werden muss. dann habe ich aber die beiden kommentare vom werten hanneswurst gelesen und revidieren diese vorschnelle meinung nun doch, fühle ich mich doch in ihr zuhaus.
    auch ich bin zunehmend sprachlos beim wirklich offenkundigen schwachsinn der uns um die ohren geblasen wird. und so verrückt es auch klingen mag, es erscheint mir in der tat so, als wäre der schwachsinn gerade in den letzten tagen nocheinmal qualitativ gesteigert worden.

    aber zurück auf anfang. ich gehe also nicht nur ab von meiner vorschnellen position, nein ich verstoße sogar gegen das was mir vor wenigen minuten noch bedeutsam und richtig erschein. JA! ich gebe auch selber noch meinen senf zur gurke.

    denn ja. natürlich ist die salatgurke unschuldig.
    die tomate im übrigen auch!

    ich wünsche einen angenehmen tag.
    hgfk

  4. Bersarin schreibt:

    Danke für die guten Wünsche. Und: ja sicher: der Schreibfluß, er kommt wieder.

    Wobei ich einmal im Jahr gerne in den Zoo gehe. Daß es sich dabei auch um eine traurige Angelegenheit handelt, ist mir bewußt.

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