Riesling-Tage, Andenken – Grenzüberschreitungen, Ne pas se pencher au dehors

„So you‘re lying in your underwear
Oh, in someone else‘s bed“
Courtney Love

Am Samstag trank ich zum gedünsteten Lachs mit butterigem Kartoffelpüree und grünen Bohnen – ein einfaches Gericht, das ich mir immer wieder gerne zubereite – einen Riesling, und ich muß gestehen, daß ich die Ausgabe für diesen Wein ein kleines Etwas bereute. Das kommt selten vor. Die Hälfte des Geldes hätte es auch getan, denn so gut war das Erlebnis nicht. Weingut Robert Weil, Riesling Kabinett Halbtrocken, 2009. Vielleicht harmonisiert der Lachs mit Riesling nicht. Demnächst also mache ich mir einen Havelzander. Vielleicht ist ‚halbtrocken‘ am Ende keine gute Idee gewesen? Gerade beim Riesling kann ‚halbtrocken‘ jedoch eine Kompensation geben, wenn einmal nicht so viel Säure gewünscht ist, und ein feines Spiel auf dem Gaumen eröffnen, wenn man es einmal nicht so hart und intensiv mag. Halbtrocken – sozusagen für die gedämpfteren Momente, für die halbherzigen Tage, wie an solch einem trägen Maitag, welcher den Texten, den Büchern gewidmet ist.

Ganz gleich: Demnächst also trinke ich wieder die Weine vom Hauswinzer, da geht auch halbtrocken ganz mineralisch gut weg. Für dieses Geld, das ich bei dem 2009er Riesling ausgab, bekäme ich dort ein Wunderwerk. Demnächst, demnächst. Und was sagt uns das: Keine Experimente! (Ohne vorzukosten!) Weil ich aber über den Mangel an Genuß und das Fehlen des hinzutretenden Moments enttäuscht bin, schreibe ich einen kleinen Text dazu, was womöglich auch daran liegt, daß ich kürzlich in der schönen Stadt Weimar einen Vortrag zum Geschmack halten durfte, unter anderem über den Text von Detlev Claussen „Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens“ und im Hinblick auf Adornos „Meditationen zur Metaphysik“. Ich probiere und probiere den Riesling, aber es möchte das rechte Empfinden sich nicht einstellen. Auch nach dem Abendessen kommt dieses Hinzutretende im Geschmack nicht, nach einer Pause nicht, nach nichts, nichts und nichts geschieht es. Wein für‘n Arsch. Aber womöglich sollte man seine Weine nicht bei Karstadt kaufen – und sei dies die Delikatessen- und Lebensmittelabteilung –, sondern in passablen, kleinen Geschäften, sozusagen die letzten Reste der Zirkulationssphäre stützend. Andererseits: die österreichischen Weine dort, insbesondere der blaue Zweigelt, gefielen mir seinerzeit recht gut.

Es gibt Trink-Abende, die mißlingen im Ganzen. Nicht die Musik, welche das Hintergrundrauschen macht, noch das Essen, noch der Wein passen. Und wenn es vollständig schlecht läuft, dann gelingt nicht einmal das Gespräch mit einer Frau. Da ich diesen Samstag alleine sitze, wie viele Samstage, um mit meinem ungeteilten Selbst einig zu sein, wie es in Heiner Müllers „Hamletmaschine“ heißt, konnte auch kein Gespräch mißlingen. Pflugs noch eine zweite Flasche geöffnet, da die erste endlich geleert wurde.

Nach jenem Vortrag in Weimar, beim Sechsaugenhinterhergespräch, wie solche zuweilen nach Vorträgen stattfinden, wenn Fragen auftauchen, sagte mir eine junge aufgeweckte Schülerin mit ihrer nicht minder klugen Freundin, deren rosa Rock über einer schwarzen Hose ich lobte, nach meinem Kompliment: „Solche Cordhosen trägt mein Papa auch!“ Und ich hielt weiße (beige, ach hellbeige) Cordhosen immer für etwas sehr eigenes. So bittersüß schmeckt das heraufziehende Alter. Und ich weiß: es wird noch um vieles bittersüßer werden.

Die teuerste und insgesamt doch nicht ganz angemessene Ausgabe für einen Wein tätigte ich jedoch in Bordeaux bei einem Château Mouton Rothschild 1989 – das Etikett wurde von Baselitz gestaltet. Das Erlebnis, diesen Wein zu trinken, war einzigartig zwar. Doch zum einen vertrank ich den Château Mouton Rothschild zu früh und bei einer um ein geringes zu tiefen Temperatur. Zum anderen hätte es ein Wein der mittleren Klasse in diesem Zusammenhang, in dem ich ihn ausschenkte, geschmacklich genauso getan. Ich denke, die Frau, mit der ich den Wein genoß, weiß bis heute nicht, was sie da kostete. Dies freilich macht nichts. Dinge messen sich nicht an ihrem Preis, sondern in der Konstellation der Momente. Nein, nichts und nichts. Und nicht einmal darin messen sich die Dinge, die Augenblicke. Es gibt kein Messen. Das sagt sich leicht. Ich bin ein Fanatiker der Augenblicke. Maiabend, nach dem Seminar zur Philosophie Nietzsches. 18 Uhr ct. Als wir mit dem Fahrrad zu mir fuhren. Ihr helles Lachen, während ich Unsinn machte. Und mein Zynismus: Sie: „Über sowas kann ich überhaupt nicht lachen!“ „Ach, schon nach einem Monat findest Du meine Späße öde; wie soll das dann erst später mit uns werden?“; an der Ampel einer Hauptstraße, während wir mit den Fahrrädern auf Fahrtgrün warteten. Sie schaute woanders als in meine Richtung hin, und in ihrem Woandersschauen sah ich aus dem Winkel heraus dieses kleine Lächeln, das sie nicht zugeben wollte. Nähe ist zuweilen nur für den kurzen, für den verpaßten Augenblick. Der Abend gestaltete sich, wie sich Abende zwischen Unentschlossenen gestalten. Intensitäten vermittelten sich und arbeiten über die Theorie: Adorno und das Erstarren der Kunst, weil die Fortschrittsspirale abzubrechen droht. Nietzsches Geburt der Tragödie, die ein Findelkind ist, so sie. Und es geschah im Mai. Kleine Unendlichkeit.

Vor dem Abendessen photographierte ich sie in möglichen und in unmöglichen Posen. Ich habe nach den Photos, weil sie dieses Gericht gerne aß, noch schweißnaß von der Hitze der 2×1000-Watt-Scheinwerfer, einen Heilbutt mit Kartoffelgratin zubereitet. Lange den Fisch wässern, mit Zitrone säuern, gründlich salzen, so geht die Regel. Und auch ein Kartoffelgratin möchte viel Salz zugeführt bekommen. Rotwein und Fisch mag da einer denken. Aber keine Sorge – einmal davon abgesehen, daß es Fische gibt, zu denen sich durchaus ein Rotwein trinken läßt –, es gab einen Weißwein zum Fischgericht. Der Rothschild gesellte sich dann zum späteren, gemütlichen Teil hinzu, während wir uns in das Fragment steigerten und die Theorie hochschraubten. Sex ist das, was davor kommt und eine Debatte über Adorno und Nietzsche.

Ich brachte mir seinerzeit in den frühen 90er Jahren, in meinen Koffern verstaut, mehrere Weine aus Bordeaux mit, und da ich in dieser Zeit kein Auto besaß, fuhr ich mit dem Zug, was eben bedeutet, daß die Trageleistung eingeschränkt ist, insbesondere dann, wenn einer mit der umfangreichen Photoausrüstung verreist. Man kann nicht alles haben. Die schönste, begehrenswerteste Frau, die ich in Bordeaux traf, aus Hannover kommend oder dort Germanistik studierend, ich weiß nicht mehr genau, was von beiden es war, diese Frau habe ich dort verpaßt, verfehlt und die Situationen derart falsch eingeschätzt, daß es noch heute schmerzt. Zuweilen. Verhaltene, schüchterne Menschen stolpern zuletzt über ihre eigenen Beine. Wie sie zum Schlafen Federbetten liebte, erzählte sie mir; von ihrem Studium, von Filmen. Blick auf ihr T-Shirt. Schwarz.

Ein einziger Moment, ein Satz, den ich nicht auffaßte, nach dem Gang aus dem Universitätskino von Bordeaux, Claude Sautet, Max et les ferrailleurs (Der Kommissar und das Mädchen) mit Michel Piccoli und Romy Schneider. Als es zu regnen begann. Filmplaudern danach, Männer sind nach solchen Filmen immer ganz besonders klug und haben für alle Fälle Derrida gelesen und sind mit Deleuzes Kinobuch vertraut, und ihre Schuhe drohten, naßzuwerden, als wir nebeneinander über die Wiese der Universität gingen: „Wer trägt mich jetzt?“, fragte sie unvermittelt.

Sie entsprach nicht ganz meinen Frauentyp: Klein, kurze schwarze Haare. Und als ich wußte, daß sie es war, sie, die ich begehrte und keine andere, nur sie, stieg ich in Bordeaux – vor irgend einem Gebäude dieser Stadtrand-Universität „Université Michel de Montaigne de Bordeaux III“, welche eine Ausgeburt der 60er Jahre-Moderne abgibt – in das Auto einer Mitfahrgelegenheit nach Paris. Sie kam entlang gegangen, etwas abseits, dann auf das Auto zuhaltend. Und sie blickte nach mir, mit ihren dunklen Augen, und ich blickte nach ihr. Und ich blickte. Und sie tat es genauso. Der Fahrer startete den Motor. „Mach die Autotür zu!“ Vor mir sehe ich diese Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und diesem schönen Gesicht noch heute, wie sie schaute und wie ich nach ihr sah. Ich bewahrte nicht einmal das Etikett des Bordeaux-Weines auf.

Das Licht der 1000-ich weiß-nicht-Watt-Scheinwerfer fällt auf ihren Körper. Ihr Name. Der Hintergrund ist schwarz. Dein blondes Haar. Aufnahmen im Detail. Die Posen. Sie wußte sich vor der Kamera zu bewegen, ohne daß ich irgend etwas erzählen, anweisen oder sagen mußte. So wie ich es mag. Ich löse aus, wenn es richtig ist. Ich bin lediglich der Apparat, der das registriert, was sich öffnet. Damals, zum Beginn der 90er Jahre waren Frauen nicht grundsätzlich rasiert. Jedes Begehren ist nichtig, wenn der Preis eine gelungene Photographie ist.

Während der nächtlichen Rückfahrt von Paris, wo ich eine weitere Woche verbrachte, stand ich rauchend im Zuggang des Schlafwagens, das Fenster offen, der Blick ins Schwarze, die vorbeiziehenden Lichter, und ein Mann kam und hockte nächtens neben mir am Zugfenster, um genauso wie ich eine Zigarette zu rauchen, dem Alkohol zugetan, wie auch ich, und eine dazugehörige sie lag bereits im Schlafwagenbett, schaute durch die nun offene Schiebetür des Abteils zu uns, wie wir in die Nacht hinein palaverten. Schließlich gesellte auch jene Frau sich dazu. Er studierte Philosophie, war jedoch etwas vulgär, sie Mathematik. So trank ich im Nachtzug nach Deutschland mit einem Pärchen, das ich nicht kannte, Wein, den sie mir anboten, und kredenzte eine Flaschen aus meinem Gepäck, als ihr Wein zur Neige kam.

Im Zug von Paris. Bordeaux. Andenken.

6 Gedanken zu „Riesling-Tage, Andenken – Grenzüberschreitungen, Ne pas se pencher au dehors

  1. Robert Weil hat uns auch schon manchmal enttäuscht. Renommee und Preis ist nicht immer gleich Genuss.

    Morel und ich haben bei einer Mosel-Wanderung (fast) zufällig dieses Weingut hier entdeckt: http://www.karthaeuserhof.com/ , wo wir nun häufiger bestellen. Auch die weniger teuren Rieslinge sind sehr ordentlich und passen zu vielem.

    Ein Geheimtipp (immer schnell ausverkauft) ist unser Winzer vom Bodensee, dessen Weine ebenso gut sind, wie die hoch prämierten, finden wir: http://www.roehrenbach.de/weingut.html

  2. „Renommee und Preis ist nicht immer gleich Genuss.“ Wie wahr.

    Vielen Dank vor allem für diese beiden Tips. Beim Karthäuserhof werde ich mir auf alle Fälle ein Probepaket bestellen.

    Wegen des Weinkaufs ist die Lage, wo ich wohne nicht so gut. Ok: es ist dafür nicht so weit in die Weinlagen Saale-Unstrut-Region, aber nur um dort Wein einzukaufen, fahre ich nun doch nicht dahin.

  3. Ach, an solch einem strahlenden Mai-Tag sollte man doch keine melancholischen Herbsttexte verfassen, auch nicht so schöne, die klingen wie ein französischer Film mit Catherine Deneuve, die am Fenster steht und in den Regen hinaussieht.

    Wobei ich die Erinnerung an den verpaßten Moment nachvollziehen kann, wen auch ex negativo. Mir bricht der kalte Angstschweiß aus, wenn ich mir vorstelle, daß ich vor vierundzwanzig Jahren an jenem Abend, als einer meiner Mitbewohner zwei junge Frauen eingeladen hatte, nach dem Essen wie geplant zu einer Aufführung der Schwabenoffensive gegangen wäre. Ich ging nicht; und eben deshalb werde ich nachher bei einer dieser beiden Frauen nach dem Abendessen und einer kleinen Übung in praktiziertem dérive auf ihrer Dachterrasse sitzen und bei einem Muscat von Alphonse Meyer et Fils die Sonne hinter dem Kaiserstuhl untergehen lassen. Glück gehabt.

    Bei den jungen Frauen hingegen hilft bei zunehmendem Alter allerdings auch kein Glück mehr. Bemerkungen über beige Cordhosen sind noch harmlos, richtig schlimm wird es erst, wenn sie in der U-Bahn für den grauhaarigen Herrn aufstehen. Dann weiß man wirklich, daß Selbstbild und Fremdwahrnehmung endgültig auseinanderklaffen.

  4. „… die Sonne hinter dem Kaiserstuhl untergehen lassen. Glück gehabt.“ Dies ist in der Tat Glück, das man gar nicht hoch genug schätzen kann. Die Frau, die Sonne. Der Wort „Kaiserstuhl“ hat für mich immer so einen Klang nach Verheißung: ich war noch niemals dort und sehe dennoch die schöne Landschaft, den schönen Wein vor meinem Auge. Allerdings auch Wyhl und Fessenheim.

    Nein, in der U-Bahn ist zum Glück noch niemand bei mir aufgestanden. Kann aber auch daran liegen, daß ich sehr selten damit fahre :-)

  5. Danke sehr. Es soll hier im Blog ja nicht nur die Theorie gegeben werden – wenngleich natürlich auf ihr das Primat liegt.

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