Auftakt

Bevor ich morgen oder am Wochenende mit einer kurzen oder längeren Serie zur Kunst starte (ich weiß noch nicht, wie sie von der Länge her ausfallen wird), die den durchaus fragwürdigen Titel Wozu Kunst? trägt, möchte ich mit dem Beginn des Kulturindustriekapitels, das sicherlich eine Hintergrundfolie für diese Veranstaltung gibt, aufwarten. Es bringt diese Passage die Kolonialisierung der Lebenswelt, wie Habermas diese Dinge einmal umschrieb, doch gut auf den Punkt:

„Die soziologische Meinung, daß der Verlust des Halts in der objektiven Religion, die Auflösung der letzten vorkapitalistischen Residuen, die technische und soziale Differenzierung und das Spezialistentum in kulturelles Chaos übergegangen sei, wird alltäglich Lügen gestraft. Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit. Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen. Die ästhetischen Manifestationen noch der politischen Gegensätze verkünden gleichermaßen das Lob des stählernen Rhythmus. Die dekorativen Verwaltungs- und Ausstellungsstätten der Industrie sind in den autoritären und den anderen Ländern kaum verschieden. Die allenthalben emporschießenden hellen Monumentalbauten repräsentieren die sinnreiche Planmäßigkeit der staatenumspannenden Konzerne, auf die bereits das losgelassene Unternehmertum zuschoß, dessen Denkmale die umliegenden düsteren Wohn- und Geschäftshäuser der trostlosen Städte sind. Schon erscheinen die älteren Häuser rings um die Betonzentren als Slums, und die neuen Bungalows am Stadtrand verkünden schon wie die unsoliden Konstruktionen auf internationalen Messen das Lob des technischen Fortschritts und fordern dazu heraus, sie nach kurzfristigem Gebrauch wegzuwerfen wie Konservenbüchsen. Die städtebaulichen Projekte aber, die in hygienischen Kleinwohnungen das Individuum als gleichsam selbständiges perpetuieren sollen, unterwerfen es seinem Widerpart, der totalen Kapitalmacht, nur um so gründlicher. Wie die Bewohner zwecks Arbeit und Vergnügen, als Produzenten und Konsumenten, in die Zentren entboten werden, so kristallisieren sich die Wohnzellen bruchlos zu wohlorganisierten Komplexen. Die augenfällige Einheit von Makrokosmos und Mikrokosmos demonstriert den Menschen das Modell ihrer Kultur: die falsche Identität von Allgemeinem und Besonderem. Alle Massenkultur unterm Monopol ist identisch, und ihr Skelett, das von jenem fabrizierte begriffliche Gerippe, beginnt sich abzuzeichnen. An seiner Verdeckung sind die Lenker gar nicht mehr so sehr interessiert, seine Gewalt verstärkt sich, je brutaler sie sich einbekennt. Lichtspiele und Rundfunk brauchen sich nicht mehr als Kunst auszugeben. Die Wahrheit, daß sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie vorsätzlich herstellen. Sie nennen sich selbst Industrien, und die publizierten Einkommensziffern ihrer Generaldirektoren schlagen den Zweifel an der gesellschaftlichen Notwendigkeit der Fertigprodukte nieder.“
Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Beginn des Kapitels: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. In: GS 3, S. 141 f

14 Gedanken zu „Auftakt

  1. Man müsste das Kapitel einmal mit der Perpsektive „Architektur und Städtebau “ lesen, da käme sicher einges raus, und zwar einiges mehr als Adornos Bezug zu den „hygienischen Kleinwohnungen“, wo er meines Erachtens grundsätzlich sicher recht hat, aber wo auch seine persönlichen Erfahrungen als Großbürger hineinspielen, der sich um unzulängliche hygienische Verhältnisse in Frankfurt sicher keine Sorgen machen musste. Es ist eine Kritik an Architektur, die zu sehr vom heutigen Standtpunkt ausgeht und die damaligen realen Verhältnisse außer Acht lässt.

    Fällt mir nur gerade ein, weil ich bei mir den Kommentar zu Dresden geschrieben habe.

  2. Ich selber komme nicht von der Architektur her und bin dort eher ahnungslos, insofern sind ergänzende Perspektiven natürlich willkommen.

    Wesentlich in dieser Passage ist, daß alles mit Identität geschlagen ist, was man eben auch der Architektur ansieht. Alles muß in den Funktionszusammenhang des Systems passen und nichts hat draußen zu bleiben. Insofern ist für jeden etwas parat, wird jedem etwas geboten. Ich könnte stundenlang eine Litanei der Abscheu dazu schreiben.

  3. Ganz interessant finde ich, daß die Internationalen Lettristen und dann die Situationisten in ihrer frühen Phase des Unitären Urbanismus eine ähnliche Kritik an Le Corbusiers „Wohnmaschinen“ geäußert haben: „Heute aber wird das Gefängnis zum Wohnmodell und die christliche Moral triumphiert unwidersprochen, wenn einem klar wird, daß Le Corbusier die Straße abschaffen will. Denn er ist sogar noch stolz darauf. Sein Programm: ein Leben, das endgültig in voneinander abgeschottete Inseln aufgetilt ist, in überwachte Gesellschaften; das Ende aller Möglichkeiten zum Aufstand und zur Begegnung; automatische Resignation.“

    Allerdings situieren sie sich nicht auf der abstrakten Ebene einer Kritik der Identität, sondern konstatieren eben ein mehr oder minder bewußtes Ziel, nämlich die Eliminierung von möglichen Begegnungen und Aufständen – eine Konstante der Stadtplanung seit Haussmann. Tatsächlich entwickeln sie aus der Kritik einen Gegenentwurf, nämlich eine „Architektur täglicher Befremdung“: „Mit Le Corbusier werden Spiel und Erkenntnis, die wir von einer wirklich umwälzenden Architektur täglicher Befremdung erwarten dürfen, dem Müllschlucker geopfert […]. Man muß schon ein Vollidiot sein, um so etwas für moderne Architektur zu halten.“ (Potlach Nr.5, 20. Juli 1954)

    Leider sind derartige Vollidioten immer noch nicht ausgestorben, wie eine Ausstellung im Vitra Design Museum vor drei Jahren anschaulich bewies.

  4. Danke für diesen Hinweis, da hinein paßt sicherlich auch der Kontakt Le Corbusiers mit dem Faschismus; zumindest ist das Biographische und die eingebundene Tätigkeit hier der Sache nicht ganz zufällig. In diesen Fickzellen mit Fernwärme, wie Heiner Müller das in anderem Zusammenhang anläßlich der DDR-Plattenbauten schrieb, gerät der Mensch zur vollendeten Monade. Objektlose Innerlichkeit, die in den Kreislauf des Systems eingebunden wird und kontrolliert funktioniert.

    Interessant an dieser Architektur ist, daß die Einzelhäuser in ihrer Fomstrenge durchaus ihren Reiz haben, aber die Wohnsilos, in welche die Arbeitenden an die Ränder, an die Banlieus abgeschoben werden, grausam sind. Technokratie und sozialdemokratischer Machbarkeitswahn.

    Der Aspekt der Hygiene und der Hygeinekontrolle, den genova anspricht, wäre sicherlich auch noch einmal von Bedeutung, vor allem über einen so vielfältigen Begriff wie den des Cordon sanitaire, wo eine Übertragung vom Medizinischen auf das Politische stattfand.

    Die Aspekte zu Haussmann und dem Paris des 19. Jahrhunderts würde ich gerne, wenn die Zeit es zuließe, mit Benjamins Passagenwerk gegenlesen. Einerseits der Fortschritt: das mittelalterliche Paris wird beseitigt, andererseits der poltisch-militärische Aspekt daran, um auf den breiten Boulevards den kommenden Aufständen um so besser Herr werden zu können.

    Sich vermehrt mit den Situationisten zu beschäftigen, die bisher bei mir nur am Rande vorkamen, dürfte lohnend sein: und das ist ja das schöne an der Welt der Blogs: daß ich immer wieder auf neue erweiterte, andere Aspekte gestoßen werde. Wie sich Denken immer wieder neu gruppiert.

  5. „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit. Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen. Die ästhetischen Manifestationen noch der politischen Gegensätze verkünden gleichermaßen das Lob des stählernen Rhythmus. Die dekorativen Verwaltungs- und Ausstellungsstätten der Industrie sind in den autoritären und den anderen Ländern kaum verschieden.“

    Ist ja wirklich entsetzlich, aber irgendwie klingt das sehr nach „Früher war alles besser“.
    War Adorno wohl wirklich der Meinung, ein Arbeiter im 19. Jahrhundert hätten eine weniger entfremdete ästhetische Wahrnehmung gehabt, als ein heutiger, der RTL schaut und BILD liest ?

    Sehr treffend sagt Kolakowski dazu: „Die »Dialektik der Aufklärung« und viele andere Werke der Frankfurter Schule enthalten eine ganze Reihe überzeugender Bemerkungen zur Kommerzialisierung der Kunst in den Industriegesellschaften und zur Ärmlichkeit der den Forderungen des Markts unterworfenen künstlerischen Produktion. Die Autoren behaupten jedoch, dass gerade aufgrund dieser Situation sowohl die Kunst insgesamt als auch die Qualität der ästhetischen Erfahrungen, an denen alle Menschen teilhaben können, herabgesunken sei. Diese Behauptung ist indessen überaus zweifelhaft. Wenn es einen solchen Niedergang tatsächlich gegeben hat, muss man annehmen, dass beispielsweise die Dorfbewohner des 18. Jahrhunderts irgendwelche höheren Formen der Kultur genossen haben, um dann durch die Ausbreitung des Kapitalismus dieser Werte beraubt und zur Betrachtung der primitiven Produkte einer vervielfältigten Massenkunst gezwungen zu werden; es ist jedoch nicht sicher, dass die kulturelle Beteiligung von Dorfbewohnern des 18. Jahrhunderts -also die Beteiligung an kirchlichen Zeremonien, Volkstänzen und volkstümlichen Spielen – ihnen höhere Werte vermittelte, als Arbeiter von heute, vor dem Fernseher sitzend, sie erreichen.“

    Hauptströmungen des Marxismus, Bd. 3

  6. Ich glaube, dass Herr oder Frau Kolakowski die Dialektik der Aufklärung nicht mal im Ansatz verstanden hat, wenn ich das hier so flott formulieren darf. Es geht da doch nicht um „höhere Formen von Kunst“ im Sinne von E gegen U. Und die Ansicht, dass „die kulturelle Haltung von Dorfbewohnern“ generell eine „primitive“ Kultur sei, ist auch merkwürdig. Im Sinn der DdA kann doch gerade in den „volkstümlichen Spielen“ mehr von dem stecken, was für Adorno Kunst ausmacht als in den einheitlichen warenförmigen TV-Formaten, die der „Arbeiter von heute“ konsumiert. Den Aspekt der industriellen Herstellung von Kunst bzw. Unterhaltungsprodukten sieht Kolakowski nicht, der Hauptströmungsspezialist.

  7. Ja, El_Mocho, immer diese Linksradikalen: die pösen Purchn, werft sie zu Poden.!

    „Ist ja wirklich entsetzlich, aber irgendwie klingt das sehr nach ‚Früher war alles besser‘.“

    Ich schrieb es schon einmal: Eine Auseinandersetzung über einen Text, hier: über Adorno wird erst dann lohnend und spannend, wenn sie auf Augenhöhe mit dem Gegenstand stattfindet. Auf allgemeinen Blahfasel, der über Adorno geäußert wird, gehe ich nicht mehr ein, weil mir meine Zeit zu schade und vor allem zu knapp ist. Ich habe mir schon bei Foucault viel Mühe mit Dir gegeben. Noch einmal mache ich es nicht.

    Löblich aber, daß Kolakowski Adorno lobt, und in einer zweiten Lektion wird dann noch der Kunstbegriff bei Adorno sowie die Kategorie des Bürgertums begriffen und gelernt werden. Also: ganz phänomenologisch gesprochen: zu den Sachen: und dies sind hier eben die Texte und nicht irgendwelche Schuhplattler oder Jodelgesänge.

  8. Ja wie üblich, wer Adorno und andere Säulenheilige kritisiert, hat sie nicht verstanden und ist überhaupt doof.

    Wie schön war doch das 19. Jahrhundert, als nur wirklich gebildete Menschen Zugang zu Kunst hatten und der Pöbel keine Klassik-CDs und Taschenbücher kaufen konnte.

  9. Es gibt Kritik, die ist berechtigt, weil sie in der Sache ist, und es existiert solche, die der Sache äußerlich bleibt, ihr hinterherhinkt, und zuweilen ereignet sich auch das Blahfaseln des Ahnungs- und Bewußtlosen.

    Und nun das Preisrätsel, El_Mocho, es ist nur für Dich gedacht: Zu welcher der drei Kategorien gehörst wohl Du?

  10. Ich denke mal, der Hinweis darauf, dass Kulturgüter aller Art sowie entsprechende Bildung heute, im Zietaltert der „Kulturindustrie“, unendlich viel leichter zugängig sind, als zur Entstehungszeit der von Adorno so geschätzten Werke von Mahler oder Proust, ist ein berechtigter Einwand gegen die Behauptung des kulturellen Niedergangs.

    Natürlich werden auch heute mehr Mainstream-Pop und Fernsehshows konsumiert, aber die Anzahl von Menschen, die sich mit Klassischer Musik und Literatur beschäftigen, ist unendlich viel höher als je zuvor.
    Worin ich keinen kulturellen Niedergang zu erkennen vermag.

  11. Bereits der Begriff Kulturgüter zeigt an, wo es im argen liegt. Kultur, die ihrem Begriff und dem einmal darunter Verstandenen entspricht, fällt eben nicht unter die Güter wie Zahnbürsten oder Autos. (Bei aller Problematik des Kulturbegriffs.) Hier spiegelt sich genau diese Warenlogik wider, die Adorno und andere nicht müde werden zu kritisieren. Wer ein Kunstwerk als Ware wahrnimmt, verfehlt das Wesentliche an ihm. Der Begriff „Kulturgut“ ist ähnlich strukturiert wie der der „Glücksmaximierung“.

    Adorno wendet sich nicht dagegen, daß viele an der Kunst teilhaben können, sondern gegen die Art und Weise, wie diese Veranstaltung vor sich geht. Er stößt gerade nicht in das Horn der antidemokratischen Kulturkritik eines Gehlen oder Heidegger und fordert „echte Werte“ und die Wiederherstellung einer „eigentlichen Kultur“ und überhaupt einer Sphäre der Eigentlichkeit. Hinter die fortschrittlichen Entwicklungen führt bei Adorno kein Weg zurück, weshalb sein Werk „Dialektik der Aufklärung“ und nicht „Aufklärung als Verfall“ heißt.

  12. Nun ja, Teilnahme an Kultur erfolgt nun mal in Form von Lektüre, Hören von Musik, Besuch von Theatern und Kinos usw., hat also immer einen materiellen Aspekt. Ist die Art und Weise, wie dies geschieht, wirklich wichtiger als die Tatsache, DASS es geschieht, und zwar viel mehr als zu Zeiten der Hochkultur des 19. Jahrhunderts? Wenn ich mir ein Buch von Adorno kaufe, verdient der Suhrkamp-Verlag daran, zweifellos, aber ich sehe nicht, warum das die Lektür wertloser machen sollte (als sie ohnehin ist).

    Mir ist auch nicht klar, wie sich Adornos Kulturpessimismus von dem Heideggers unterscheidet. Nur durch den Bezug auf die sog. „Warenlogik“? Der Marxismus ist schließlich genauso durch die Geschichte diskreditiert wie der nazifreundliche Existentialismus Heideggers.

    Wie könnte denn ein Umgang mit Kunst und Kultur aussehen, der nicht durch den Kapitalismus verfremdet wird? Soweit ich sehe, steht das bei Adorno nirgendwo.

  13. Kolakowski dazu:

    „Adorno, der sich in seinen verschiedenen Schriften vielfach zum Niedergang der Kunst geäußert hat, scheint im übrigen der Ansicht zu sein, dass ihre gegenwärtige Lage ausweglos sei, dass also die Kunst nicht wisse, woher sie die Kräfte schöpfen soll, die es ihr erlauben würden, ihrer Berufung gerecht zu werden; auf der einen Seite haben wir die affirmative Kunst, welche die bestehende Kultur akzeptiert ‚und dort Ordnung vortäuscht, wo nur Chaos ist (z. B. Strawinsky), andererseits Versuche des Widerstands gegen die Realität, die jedoch, da sie nicht in der Welt verwurzelt sind, sogar das Genie zum Eskapismus zwingen und es dazu bringen, sich in dem sich selbst genügenden Bereich des eigenen künstlerischen Materials einzuschließen (Schönberg). Die künstlerische Avantgarde ist Negation, aber mehr kann sie, zumindest derzeit, nicht sein; insofern ist sie – anders als die Massenkunst und die affirmative, betrügerische Kunst – die Wahrheit unserer Zeit, allerdings eine düstere Wahrheit, in der sich die Ausweglosigkeit der ganzen Kultur ausdrückt. Das letzte Wort der Kulturtheorie Adornos scheint zu sein, dass er Protest für notwendig und gleichzeitig für ohnmächtig hält. Eine Rückkehr zu den Werten vergangener Zeiten ist unmöglich, die gegenwärtig herrschenden Werte sind ein Anzeichen der Verrohung und des Niedergangs des Geistes, und neue Werte gibt es nicht, abgesehen von der Geste totaler Negation, die gerade durch ihren totalen Charakter inhaltslos ist. „

  14. Das Wie in der Auseinandersetzung mit Kunst ist eine Frage der Qualität und der Intensität. Damit ist diese Frage naturgemäß wichtig und kein Aspekt für nebenbei: es ist in bezug auf die Kunst sogar die zentrale Frage, und zwar um der Werke und nicht um irgendwelcher Äußerlichkeiten willen. Da wir in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft des Marktes leben, gibt es kein Draußen. Jeder kauft sich die Dinge, die er haben möchte, sofern er das nötige Geld besitzt. Daß man eifrig mittut, heißt aber nicht, diesen Markt und seine Mechanismen zu bejahen und nicht zu kritisieren. Ganz im Gegenteil. Der Träger des feinen Armani-Anzugs kann der größte Kritiker dieses Systems sein.

    Nein, Adornos Philosophie gibt keine Handlungsanweisungen, wie zu leben sei und wie Gesellschaft aussehen könnte. Insofern trifft auch der Begriff Emanzipationstheorie die Philosophie Adornos unzureichend. Daß die Utopie schwarz verhängt ist, liegt im Wesen der Theorie gegründet. Diese befaßt sich mit mit dem, was ist und darin ist Adorno positivistischer als jeder Positivismus oder Naturalismus. Hoffnung gibt es hier wenig. Das Etablissement, in welches Du Dich hier verirrtest, heißt Grandhotel Abgrund. Der Blog-Wart ist einer seiner Bewohner und hat sich hier einen angenehmen Salon angemietet.

    Der Vorwurf der Aporie gegenüber Adornos Philosophie ist zwar zu einem Teil richtig. Diese Aporie hat jedoch ihren materialen Grund. Der Widerspruch bleibt Widerspruch bis er vergeht. Deshalb eben Adorno Beharren auf der Theorie, um diese Verschränkungen und die Mechanismen zu begreifen und in den Begriff zu bringen. Mehr ist momentan nicht zu haben. Die eingreifende (und vor allem: verändernde) Praxis ist problematisch, auf Kollektive nicht zu vertrauen.

    Die Aspekte, die Kolakowski zum Niedergang der Kunst anführt, greifen jedoch zu kurz. Wenngleich er dabei zwar einen richtigen Kern streift, gestaltet sich die Ästhetik Adornos dennoch komplexer. Ich hoffe, diese Komplexität im Hinblick auf das „Altern der Moderne“ demnächst in einem meiner Texte zur Kunst genauer darstellen zu können.

    Von Werten spricht Adorno jedoch nicht. Dieser Begriff ist ihm suspekt. Auch dies unterscheidet ihn, neben der geschichtsphilosophischen Ausrichtung sowie einer dezidiert materialistischen Philosophie, von Heidegger.

    Heideggers Philosophie ist – nebenbei – kein Existenzialismus. Es ist dies eine unzureichende Charakterisierung der Philosophie Heideggers, wenngleich er Elemente des Kierkegaardschen Denkens aufnimmt. Auch wenn Adorno geäußert haben soll, daß die Philosophie Heideggers bis in den Text hinein faschistisch ist, würde ich hier doch widersprechen. Aber auch dies muß sich am Text erweisen. Ich gebe insofern demnächst hier auch noch eine Heidegger-Lektüre.

    Wenn Marxismus als Synonym für die Philosophie bzw für die Texte von Marx verwendet wird, etwa „Das Kapital“ oder „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, so erschließt es sich mir nicht ganz, weshalb diese Philosophie diskreditiert sein sollte. Es liefern diese Texte eine sehr genaue Beschreibung und Analyse für das, was momentan geschieht. Mithin sind sie Theorie im besten und im aristotelischen Sinne. Marxismus ist allerdings ein Begriff, der mißlich ist. Der vom Nörgler verwendete Begriff der Salonmarxologie scheint mir die Sache trefflich zu benennen und genauer zu charakterisieren.

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