Rolf Dieter Brinkmann (2)

Brinkmann trifft in dem Gedichtband „Westwärts 1&2“ den Ton jener Zeit der ausklingenden 60er und insbesondere der frühen 70er Jahre, er legt einen kollektiven Strom dichterisch frei, bringt ihn in Bilder, verdichtet dieses Strömen: nämlich das Moment von Subjektivität und Empfindung als Gegenpart zur Macht der Vergesellschaftung, was später dann zu einer unendlichen, wälzenden, wühlenden Selbstbohrerei des Subjekts wurde und in die Innerlichkeiten und Innenwelten leerer Selbstbezüglichkeit sich verstieg. Objektlose Innerlichkeit. Diese neue Subjektivität in der Literatur der 70er Jahre manifestierte sich bei Handke und Brinkmann gleichermaßen und auf eine durchaus gelungene Weise, was man von dieser Literatur der neuen Subjektivität nicht immer sagen konnte: Zwei Schriftsteller des Aufbruchs, des Pop, die sich den Medien und der Musik ihrer Zeit verbunden fühlten. Transformierte sich der Text Handkes in den späten 70ern zunehmend hin zu einer artifiziellen, hochartistischen, gesteigerten Sprache und einer Ding-Ontologie, so gibt es in der Lyrik Brinkmanns, der die späten 70er nicht mehr erlebte, weil er vor ein Auto lief und starb, eine Evokation von Situationen und Momenten. Brinkmann zelebrierte den Einfall der Alltäglichkeit in die Dichtung, kurze Momente geraten in die Unendlichkeit und Banales sticht heraus. Diese Stunde der wahren Empfindsamkeit und der Empfindung des Augenblicks gibt es also nicht nur bei Peter Handke, sondern auch bei Brinkmann, aber doch anders strukturiert: lyrischer, leichter und zugleich spielerischer, manchmal freilich auch härter komponiert, wie ein Faustschlag, und cooler gestaltet:

Einen jener klassischen

schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon

ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer

dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe

ein Wunder: für einen Moment eine
Überraschung, für einen Moment

Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,

die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich

schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten

dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.

Brinkmann pflegt nicht den hohen Ton – anders als Handke. Die in Sprache gebannte Alltäglichkeit einer flüchtigen Szenerie und die Größe eines Momentes, einer Empfindung kommen unprätentiös ins Gedicht, blitzen auf, um wieder zu vergehen; sie erlöschen. Was bleibt, ist die Sprache. Die Assonanz von Unverbundenem bildet den Auftakt: jener schwarze Tango und irgendein griechisches Restaurant in Köln, in einer unbedeutenden Straße im Irgendwo der Stadt. Genau so, wie ich mir einen staubigen, heißen Sommertag, der sich zum Abend neigt, vorstelle: summer in the city. Es gibt nichts Schöneres als einen brütend heißen, ausgedorrten Sommerabend in einer Stadt, wenn sich kaum Menschen auf der Straße befinden, wenn die Stadt auf Abend zugeht, an einem Irgendwo-Ort einer abgelegenen Straße, und wenn die Menschen gerade woanders sind. Wie in den 70ern – Samstag am frühen Abend, 18 Uhr: beim Sportschausehen oder parallel dazu der Daktari oder Raumschiff Enterprise. Die Straßen sind leer, es geht auf das Abendbrot zu. Nur ich bin da, beobachtend. Ein herübergewehter Augenblick, fast eine Photographie, die Zeit ist stillgestellt und gleichzeitig wird der Moment gebrochen durch die Reflexion darauf, die das Gedicht eben zum Thema macht – den Vollzug, das Bannen, das Vergehen. Und insofern stellt sich in Brinkmanns Gedicht die Zeit selber dar.

Der Rhythmus des Gedichts ist vermittels des Enjambements ein harter, gebrochener. Zudem ist dieses Enjambment ein vollkommen willkürliches: der Bruch folgt nach jeweils zwei Zeilen. Es herrscht hier in diesem Brinkmann-Ton also nicht die gewöhnliche Zärtlichkeit für die Dinge und Momente (wie es an einer schönen Stelle in Hegels „Logik“ heißt) oder ein Pathos, der verklärt. Die Titel der Gedichte bilden bei Brinkmann häufig den ersten Satz des Gedichts.

Für meinen schönsten Monat in Rom wäre dieses Gedicht gelesen worden, wenn es zu diesem schönsten Monat in Rom gekommen wäre.

Hymne auf einen italienischen Platz

O Piazza Bologna in Rom! Banca Nazionale Del
Lavoro und Banco Di Santo Spirito, Pizza Mozzarella
Barbiere, Gomma Sport! Gipsi Boutique und Willi,
Tavola Calda, Esso Servizio, Fiat, Ginnastica,

Estetica, Yoga, Sauna! O Bar Tabacci und Gelati,
breite Hintern in Levi‘s Jeans, Brüste oder Titten,
alles fest, eingeklemmt, Pasticceria, Marcelleria!
O kleine Standlichter, Vini, Oli, Per Via Aerea,

Eldora Steak, Tecnotica Caruso! O Profumeria
Estivi, Chiuso Per Ferie Agosto, o Lidia Di Firenze,
Lady Wool! Cinestop! Grüner Bus! O Linie 62 und 6, das
Kleingeld! O Avanti grün! O wo? P. T. und Tee Fredo,

Visita Da Medico Ocultista, Lenti A Contatto!
O Auto Famose! Ritz Cräcker, Nuota Con Noi, o Grazie!
Tutte Nude! O Domenica, Abfälle, Plastiktüten, rosa!
Vacanze Carissime, o Nautica! Haut, Rücken, Schenkel

gebräunt, o Ölfleck, Ragazzi, Autovox, Kies! Und Oxford,
Neon, II Gatto Di Brooklyn Aspirante Detective, Melone!
Mauern! Mösen! Knoblauch! Geriebener Parmigiano! O dunkler
Minimarket Di Frutta, Istituto Pirandello, Inglese

Shenker, Rolläden! O gelbbrauner Hund! Um die Ecke
Banca Commerziale Italia, Flöhe, Luftdruckbremsen, BP
Coupons, Zoom! O Eva Moderna, Medaglioni, Tramezzini,
Bollati! Aperto! Locali Prowisori! Balkone, o Schatten

mit Öl, Blätter, Trasferita! O Ente Communale Di
Consumo, an der Wand! O eisern geschlossene Bar Ferranzi!
O Straßenstille! Guerlain, Hundeköttel, Germain Montail!
O Bar Fascista Riservata Permanente, Piano! O Soldaten,

Operette, Revolver gegen Hüften! O Super Pensione!
O Tiergestalt! O Farmacia Bologna, kaputte Hausecke,
Senso Unico! O Scusi! O Casa Bella! O Ultimo Tango
Pomodoro! O Sciopero! O Lire! O Scheiß!

Eine Hymne sieht in der Regel anders aus, klingt anders, folgt einem anderen Soundsystem, man lese Hölderlin. Diese hier ist ein Klangwerk eigener Art, das laut gelesen werden sollte, und diese Hymne evoziert Lokalkolorit, selbst wer den Piazza Bologna nicht kennt, ist durch dieses Gedicht hindurch in Italien. Eine Ansammlung von Wörtern, Namen und teils von Klischees, Dadaistisches, all diese Momente und Aspekte des Disparaten verbindet dieses Gedicht, parataktisch, ohne auf irgend eine Synthese zu zielen. Mag der herkömmliche parataktische Satz noch einen sprachlichen Zusammenhang und damit auch eine – zumindest minimale – Synthese in der Sprache stiften, eben weil er ein Satz nach der Form Subjekt, Prädikat, Objekt ist, so sind diese Parataxen aus bloßem Wortmaterial gebaut – Substantive, Eigennamen, Ausrufe. Der Zusammenhang bzw. die Synthese bildet sich in diesem Falle vielmehr über die Visualisierungen. Italien und westliche Lebensart, Sex und Attribute desselben, Mafia, Gehwege, Konsum, Werbung, der Wunsch nach einem Espresso, und genau so bewegt sich ein Spaziergänger in seiner Wahrnehmungsweise über einen Platz, auf einer Straße, durch eine Stadt, die er als Tourist besucht oder wo er einige Zeit lebt, um irgendwann wieder fort zu sein. Der Flaneur nimmt die verschiedenen Zeichen so intensiv wahr, daß sie sich einbrennen; er registriert die Welt der ausgestellten Waren, die ihn anspringen, er schaut und eröffnet um diese Zeichen und Gegenstände herum einen Raum der Assoziation, er trödelt entlang und läßt die Zeit auf sich wirken. Und manchmal, wenn es schön war, verklärt er.

1995 wollte ich mit einer Freundin, die zugleich eine große Liebe der 90er war, von der ich schwer loskam, obwohl ich eigentlich mit einer anderen Frau zusammen war, die ich – zu allem Überflusse – mit jener einen auch noch in einer schnellen Stunde betrog, eine Reise nach Italien unternehmen. Wir hätten das hübsch als Kunstgeschichtsstudiumsprojektreise getarnt, alles war besten vorbereitet; ich bin eigentlich ein sehr schlechter Lügner, doch ihretwegen log ich zuweilen, und ich hatte vorgehabt, gewissermaßen als ein Geschenk für sie, ihr dieses Gedicht auf eben jenem Platze laut zu rezitieren – keine ausgefallene Idee, aber doch eigentlich ganz romantisch – wie unsereiner so war: in diesen wunderbaren, wilden, verwegenen Jahren. Zu dieser Romreise ist es jedoch nicht mehr gekommen.

So blieb es bei jener Schulprojektreise in den 80ern, zusammen mit jener schönen Frau, deren jugendlichen Liebhaber in einem Theaterstück der gymnasialen Laienspielgruppe ich geben durfte. Am Ende wäre eine der anderen Projekt-Reisen, etwa die Fahrt in die Vogesen womöglich besser gewesen: Diese Wanderung, welche von meinem hochverehrten Lehrer für Philosophie durchgeführt wurde. Jener Lehrer, bei dem ich Hegel und Adorno lernte, dessen Reflexionsniveau ich beschloß zu erreichen. Wir hätten nach den langen oder harten Wandertouren angenehm in einem kleinen Zelt gemeinsam gelegen, statt in Rom in getrennten Jungs- und Mädchenzimmern zu schlafen; unter der gestrengen Aufsicht der Lateinerin und den laxeren Blicken meines links-liberalen Geschichtslehrers. Und wenn ich das Lied „Wildledermantelmann“ von Degenhardt hörte, dachte ich immer gleich an diesen Geschichtslehrer, der uns nicht verpetzte, als wir vollkommen verspätet und völlig trunken nach diesem torkelnden, irrenden Gang durch Rom heim ins Hotel kamen.

Andererseits fuhren bei der Vogesenwanderung meine Punkfreunde mit. Und das wäre dann wieder eine andere Geschichte geworden.

Die Intensitäten Brinkmanns, das ist wohl richtig, lassen sich im Grunde nur mit dem Moment der Subjektivität koppeln, dessen eingedenkend freilich, daß auch diese Subjektivität in ihrem Wesen ramponiert ist und zuweilen einen Vorwand für den Eskapismus liefert. Das Problem mit den Entäußerungen ist es, daß eigentlich alles zur Masche geworden ist und man den eigenen und den fremden Wörtern kaum noch trauen kann. Selbst das Transzendierende ist Schein, jedoch im Sinne des Pseudos, nicht als Emanation. Womöglich läßt sich einzig im positivistischen Dokument des „Es ist so“, in der Darstellung dessen, was der Fall ist, ausharren. Deshalb bleibt am Ende die Photographie, eine Photographie übrig, die das einfängt. Auch das, was war.

7 Gedanken zu „Rolf Dieter Brinkmann (2)

  1. Hymnen an Alltägliches. WOW, besser kann man es wohl kaum machen. Pop ist eine literarische Form, sag ich ja die ganze Zeit ;-)

    Die Idee, dass ein Musikstil, in diesem Fall der Blues, eigentlich eine literarische Form ist, stammt ja nicht von mir; fand´s aber interessant, und verfolge den Gedanken seitdem weiter. Das geht sogar soweit, dass ich mich nicht traue, mir die Sachen von P.J. Proby – nicht P.J. Harvey! – anzuhören, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die daran heranreichen, wie Nick Cohn 1970 über ihn schreibt (und ich stellte fest, ich bin nicht der einzige, als ich die beiden Namen googelte), denn manchmal ist das Schreiben über einen Pop-Musiker – ein Alltagsphänomen – viel mehr „pop“, viel einprägsamer, mitreißender als dieser selbst.

    Mir gefällt dein blog in letzter Zeit zunehmend; wann finden eigentlich deine Derrida-Texte Eingang in ein (Online)-Lexikon á la http://www.iep.utm.edu/? Und Brinkmann – eine der wenigen Leseerfahrungen, die mich ad hoc vom Autor überzeugten (soviel hab ich ja nun wieder auch nicht gelesen, aber trotzdem…) Danke, dass du dich ihm so ausführlich widmest!

    Meine Eltern fanden die Venedig Projektwochen dekadent (so etwas schulisch zu veranstalten), sodass ich in den Sommerferien in einem Hochregallager zum heutigen Mindestlohn (16,xx DM, 1986!) arbeiten musste, um teilzunehmen. Ausgerüstet mit Aquarellkasten, also aquarellierend, Renaissancemusik im Ohr, mit der wir uns im Musik-LK ein halbes Jahr beschäftigt hatten, und nem Gramm Schwarzen Libanesen in der Hosentasche, nicht zu vergessen der Rotwein, war Venedig dann eine Mischung aus Poes Massenmensch und – dazu gehörten der Besuch des kleinen Guggenheimmuseums und der damals in Venedig gerade eröffneten Dalí-Ausstellung – Stendhal-Syndrom. Immer habe ich versucht, diesen Zustand zu beschreiben, bis ich erfuhr, dass Stendhal das für mich bereits getan hatte. Das war übrigens eine sehr einsame und schmerzhafte Zeit.

    Übrigens, die Dokumenta-Idee (war doch Dukumente, oder?), „Sound of Venice“, wie ich die Installation nannte, den Klang, den die Gondeln dadurch erzeugen, dass sie gegen Holzplanken an denen sich an den Stegen am Markusplatz festgemacht sind, „auszustellen“, hatte ich damals auch schon: ich legte mein Ohr an den einen und erklärte der Kunstlehrerin, die mich erstaunt anblickte: „the sound of venice“!

  2. Danke für Deinen sehr schönen Beitrag. Zu den Musikaspekten kann ich nicht viel schreiben, weil das nicht so sehr mein Gebiet ist. Die Namen kenne ich nicht einmal. (Lediglich P.J. Harvey)

    „Poes Massenmensch“: das ist sehr passend. Für das Geld zur Romreise mußte ich auch ein wenig bitten gehen.

    In dem von Dir genannten Lexikon kann ich nichts veröffentlichen, weil ich nur in Deutsch schreiben kann, und eine Übersetzung wäre mir zu mühsam. Danke aber für den Hinweis.

    Die Serie zu Derrida geht auch noch weiter.

  3. Toller Text! Habe ich noch nicht mal was zu ergänzen oder zu hinterfragen :-D – wollte ich nur applaudierend anmerken.

    Die Lehrer … hatte gestern „25 Jahre Abitur“-Treffen in meiner alten Schule, und keiner von denen war da. Fand ich traurig. Dein Text passt aber somit auch herrlich zu meiner „Tagesform“.

  4. Schade: ich schätze es ja durchaus, wenn Du kritisierst. ;-) Danke aber für Dein Lob!

    Ich habe es gestern bei Dir auf Twitter gelesen und Dich bedauert. Ein wenig arten solche Treffen ja zu einer Leistungsschau aus: Mein Haus, meine Frau/mein Mann, meine Kinder, meine Pferde usw. Ich gehe da nicht mehr hin. Und es stimmt mich auch eher traurig, wenn Frauen, die ich einst schön und intelligent fand, nur noch banal sind.

    Ich hätte, glaube ich, letztes Jahr 25-jähriges Abitreffen gehabt.

  5. Habe ja gerade noch mal einen Text drüber verfasst. Eigentlich war es sogar ganz schön. Ich will in diese Stadt nur nie wieder ziehen müssen … und war froh, als ich wieder in Hamburg war.

  6. ‚Abendbrot‘ — was für ein gottesdienstliches, um trockene Brot-Ration bittendes, deutsches Unwort!

    I’d like to have my dinner, please.

    JR

  7. Aber zugleich doch – trotz der Nähe zum Gottesdienst – ein schönes Wort, wie ‚Habseligkeiten‘ oder ‚famos‘.

    Auch paßt es ganz gut in diese damalige Zeit. Ansonsten bin ich natürlich, wie Oscar Wilde, der Meinung: Geben sie Luxus; auf das Notwendigste kann ich verzichten!

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