Rolf Dieter Brinkmann – Rom (1)

Dieser Schriftsteller ist zu unrecht ziemlich in Vergessenheit geraten. Zu seinem 70. Geburtstag im letzten Jahr gab es in den Medien kaum Berichte über ihn bzw. sein Werk – zumindest erinnere ich mich nicht, darüber etwas gelesen zu haben. Es laufen mir Studenten der Germanistik über den Weg, die Rolf Dieter Brinkmann nicht einmal mehr vom Namen her kennen, geschweige denn sein Werk. Dies scheint mir im Grunde aber nicht weiter verwunderlich. Bereits die Lehramtsstudenten und -studentinnen zu meiner Studienzeit waren nicht minder schlimm (Lehramtsstudenten sind fast jedesmal schlimm): Betroffenheits- und Befindlichkeitsdiskussionen über Gewalt bei Kafka, über das Marterwerkzeug in Kafkas „Strafkolonie“. Ersthaft wurde im Seminar gefordert, seine Gefühle, seine Subjektivität beim Lesen der Erzählung darzulegen. „Aber Subjektivität setzt zunächst ein Subjekt voraus.“ Mein Einwand wurde wohl nicht recht verstanden oder als elitär ausgelegt. Von da ab bekam die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ ein konkretes Gesicht. Ich sehe die nach menschlicher Befindlichkeit fragende Frau und ihre Getreuen noch heute vor mir. „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ – ja: ein blödsinniger Ausdruck mit gutem Nebelpotential, doch in diesem Zusammenhang ganz treffend.

Nein, ich war damals nicht für den freien Zugang für jeden zum Studium. Wenn in der Medizin geprüft wurde, an den Schauspiel- und Musikhochschulen vorgespielt und bei den Kunstakademien eine Mappe eingereicht werden mußte, warum dann nicht auch in der Philosophie, in den Literaturwissenschaften und in der Soziologie? Weshalb müssen Menschen, die gerne Bücher lesen, das auch noch studieren, wenn Buch und Kopf so recht nicht zusammenpassen wollen? Emotionsleser sollten nicht die Literatur studieren, sondern einfach nur Bücher lesen. Das ist gut für die Verlage, welche diese Bücher verkaufen, das ist gut für die Seminare. Später einmal traf ich diese Frau auf einer Party wieder. Sie faselte dort genauso blöd daher. Zum großen Glück fand ich in jenem Seminar zwei GleichgesinntInnen, die genauso angeekelt waren wie ich, von dieser Art, mit Literatur umzugehen. Man muß – das als Gratisservicetip von „Aisthesis“ und als Rat für Studentinnen und Studenten, die hier mitlesen – bei den Arbeits- und Referatsgruppeneinteilungen nur den schwierigsten Text, das schwierigste Thema wählen, und schon reduziert sich die Anzahl der Gefühlsseligen und der Ich-will-so-bleiben-wie-ich-bin-Fanatiker. Ich wählte zum Referat die Kafka-Deutung von Adorno.

Das alles habe nichts mit Brinkmann zu tun? Doch, doch, gerade dieser Zorn gegen den Stumpfsinn und das Banale ist Brinkmann nicht fremd! Brinkmann ist ein Berserker, er wütet und schlägt um sich, und er gehört mit Thomas Bernhard zu den ganz großen Schimpfern in der Literatur. Und er ist – dennoch – in seinen Texten zugleich ein sanfter, genauer Beobachter.

Ich habe zuerst „Rom, Blicke“ angelesen wegen einer Schul-Projekt-Reise nach Rom, denn warum nur Kunstreiseführer zur Kenntnis nehmen, wenn es auch ausgefallene Lektüren gibt? Roma Termini, Ankunft am morgen, im Schlafwagen. Unausgeschlafen und völlig übernachtigt. Zuerst einen Espresso trinkend. Der Rausch beim ersten Anblick dieser Stadt. Die Mitoberstufenschülerin, in die ich unsterblich verliebt war, saß in meinem Zug-Abteil. Aber es ging leider sittsam zu. Die Rom-Reise 1983 war nicht viel anders als bei Brinkmann: im Nachtzug und lang, sehr lang während. Zwischenstop in München, mit Umsteigeaufenthalt. Wir aßen eine schreckliche Gulaschsuppe dort. München ist eine grauenvolle Stadt befand ich im Durchfahren und beim Blick in die Fußgängerzone.

Nachts im Gang des Zuges pflaumte mich ein italienischer Grenzschützer an, warum ich im Gang rauche [Zum Rauchen und zu diesen wunderbaren Jahren der 80er gibt es bei „Metalust“ einen sehr schönen Text, welchen ich allen ans Herz lege. Es geht dort um Philosophie, Punk und Pop, Denken, Rauchen und die große Liebe. Ganz wunderbar. Solche Texte sind die „Verzückungsspitzen des Daseins“ (Nietzsche)]

Ich verstand zwar kein Italienisch, aber der Grenzer deutete auf die Zigarette, erregte sich immer mehr, tippte immerzu inmitten seiner Wortkaskaden auf diese brennende selbstgedrehte Zigarette, gefertigt mit jener schönen, silbernen Zigarettendrehmaschine, in der man zugleich diese gedrehten Zigaretten aufbewahren konnte; ja, diese Maschine benötigte ich, denn ich war der schlechteste Zigarettendreher, den es auf der Welt gibt. Der Grenzer hörte nicht auf zu zetern und zu palavern. Irgendwann vernahm ich aus dem Schwall der geschimpften Sätze das Wort „Hitler“. Nun aber reichte es, denn ich war mir keiner Schuld bewußt. Denn in jenen seligen Zeiten, das muß man wissen, weil es nicht mehr selbstverständlich ist, durfte man in den Gängen der Züge durchaus rauchen. Ich entgegnete dem Grenzer, daß den Italienern der Name Mussolini sicherlich nicht unbekannt sei. Er wird mich nicht verstanden, sondern nur das jenes Mussolini vernommen haben. Sein Gezetere schlug um in Freunde, und der Mann rauchte mit mir eine Zigarette. Ich weiß bis heute nicht, was dieser italienische Grenzschützer von mir wollte.

Mit jener jungen und begehrenswerten Mitschülerin in Rom, das war wunderbar, eigentlich wichen wir kaum voneinander, machten jeden Ausflug gemeinsam, jede Exkursion, hielten zusammen ein Referat über den alten Hafen Ostia Antica, jedes abendliche Ausgehen geschah gemeinsam. Wir haben uns auf göttliche Weise abends in einem römischen Restaurant, irgendwo in einem Nebenstraßenviertel, zum Essen betrunken, so daß wir kaum die Tür aus dem Restaurant fanden, der alte Patron fand uns verwerflich und widerlich, der junge Kellner jedoch konnte sich sein Grinsen über uns aber nicht ganz verkneifen, so zumindest nahm ich es aus den Augenwinkeln wahr, die Frau stützend, so gingen wir hinaus, und wir verirrten uns zu allem Überfluß, denn ich gab vor, den Weg ins Hotel zu kennen, obwohl ich ihn nicht wirklich kannte, sondern nur mit meinen nicht vorhandenen Stadtkenntnissen prahlen wollte. Wir sind über Autos gestiegen, die auf dem Gehweg parkten. Die junge Frau rief den vor einem Palast Wache schiebenden Carabinieri etwas zu, was nicht ganz fein war. Sie verstanden es zum Glück nicht.

(Und ich war so blöd, die Gunst des Alkohols nicht auszunutzen, weil ich mir dachte, daß ein Gentleman so etwas nicht macht.)

Da für dieses Schulprojekt neben den Latein-Rom-Eingeweihten, die bereits ein Jahr zuvor mitfuhren, nur eine begrenzte Zahl an Teilnehmern zugelassen war, mußten die übrigen Mitreisenden gelost werden. Wir sagten der Lehrerin, daß wir nur gemeinsam führen. Entweder wir beide oder keiner von uns. Wenn nur der oder die eine gezogen würde, und der/die andere nicht, reiste die geloste Person auch nicht mit. Dann hätte wir nämlich die rustikale Wanderung in die Vogesen mitgemacht. So ergab sich für uns beide auf wundersamen Zufall Rom, die ewige Stadt, denn wir wurden gelost.

Dann im Anschluß kaufte ich mir vor lauter Brinkmann-Begeisterung etwa 1983 gleich „Westwärts 1&2“. Denn Frauen beeindruckt man mit cooler Literatur und coolen Zitaten, am besten mit Gedichten, vielleicht nicht unbedingt mit Hölderlin oder Celan, aber mit einem Pop-Dichter sicherlich, so dachte ich damals etwas naiv. Später bekam ich dann jedoch heraus, daß man Frauen mit ganz anderen Dingen beeindruckt. Dann besorgte ich mir „Schnitte“ und „Film in Worten“ sowie den Gedichtband „Standphotos“. Dieser Band reicht nicht ganz an „Westwärts“ heran. Frühe Gedichte sind nicht immer die besten Gedichte.

Gerade diese Collagentechnik (in „Schnitte“ etwa), das Zusammenschnippseln von Comics, herausgerissene Fetzen aus Zeitungen, Postkartenmotiven, Trash, Kitsch, Obzönitäten, eigenen Typoskriptseiten mit Poesie und Prosa, und die Kombination von Text und eigenen Photographien überzeugten mich damals auf einer intuitiven Weise, wenngleich die Photos, die Brinkmann machte, lediglich schlechte Zufallsbilder waren, sozusagen eine Vorwegnahme der Lomographie. Aber das war ja das Prinzip: die Momente festzuhalten, Augenblicke bannen.

Das Destruktive habe ich bei Brinkmann natürlich geliebt. Genau so bin ich durch die Welt gegangen. Damals. Das traf seinerzeit sehr genau meinen Ton. Reflektieren, destruieren. Wenn jene schöne schwarzhaarige Frau, mit der ich die Seminare der Soziologie besuchte, mich einen Intellektuellen nannte, so war es gerade gut genug für mich. Dafür war sie Frau Körper. (Ich schrieb darüber an anderer Stelle.)

Manchmal frage ich mich, wie Brinkmann diese neuen Medien für sich genutzt hätte, sicherlich wären sie für seine Prosa und Poesie entgegenkommende Formen gewesen.

Ja, Rolf Dieter Brinkmann ist einer der ganz großen Dichter der 60er/70er Jahre. In jenem Jahrzehnt lief er zum Höhepunkt auf. Er setzte in seinem Sound, in seiner Sprache ästhetische Maßstäbe. (Und von Sound zu sprechen ist hier ganz und gar richtig, denn Brinkmann gehörte zu denen, die den Pop in die Literatur hineinnahmen. Nun bin ich nicht sonderlich popaffin, aber das Potential, was dort in die Schrift gebracht wird, dieser Ton der Texte, den muß man mit (Pop-)Musik zusammenlesen, zusammenhören.

Ende der ersten erratischen oder besser mäandernden Betrachtungen eines Tauge-Nichts

11 Gedanken zu „Rolf Dieter Brinkmann – Rom (1)

  1. Einen ganz herzlichen Dank für die Verlinkung und den sie umgebenden Text! Bin ja ganz rot geworden ;-) – soweit es meine Ausführungen nicht den so grandiosen Heise.de-Text betrifft.

    Bekenne ja, trotz permanentem Pop-Angebertum den Herrn Brinkmann nur aus Popliteratur-Anthologien zu kennen und da meistens gleich bei dem „Subito“-Text von Goetz hängen geblieben zu sein. Was ja mal spannend wäre, wäre unser Geblogge etwas ernster zu nehmen und zu diesen Collagier-Prinzipien, die ja auch Schwitters und solche fortsetzen, in Beziehung zu setzen. Was an die Derrida-Diskussion anknüpft, der kommentiert ja auch Collagen und läßt aufreißen, und macht den Blick oft weiter, indem er bei aller immanenten Lektüre den Bezugsrahmen anders spannt – wenn man unsere Blogs inclusive Kommentarsektion, Bildern etc. nicht Eintrag für Eintrag in sich, sondern als umfassendere Rahmen fùr’s Collagieren betrachtet, kommt man da nicht manchem, was Du von Brinkmann schreibst, schon nahe? Oder gar mehrere Blogs, die aufeinander verweisen, als Werkganzes sieht?

    Danke auch für Deinen wundervollen Erfahrungsbericht.Gerade beim Müncher Bahnhof musste ich sehr schmunzeln ;-) – wir waren allerdings auf dem Weg nach Stromboli.

  2. Ja, „Rom, Blicke“, das war eine der wichtigsten Lese- und Seherfahrungen des Gymnasiasten Ende der siebziger Jahre, blieb es lange, bis ich das Buch nicht mehr ertrug und Mitte der Neunziger loswerden musste. Wahrscheinlich, weil ich mittlerweile seinen erbarmungslosen Realismus bestätigt gefunden hatte, wieder und wieder, was Italien und deutsche Künstler angeht. Jetzt hast Du mich freundlicherweise daran erinnert, dass es in der Buchhandlung hier an der Strasse liegt und ich es seit zwei Monaten wieder kaufen will. „Westwärts 1 und 2“ auch und „Keiner weiss mehr“ auch wieder, mal gucken, ob letzteres heute immer noch so frappierend auf mich wirkt, wie damals, als ich jede Strasse, die dort langgegangen wird, kannte mitsamt der ganzen Kölner Atmosphäre. Das war ja alles grossartig und Brinkmanns Tod eine traurige Schweinerei.

  3. Nein, kein Grund zum Erröten. Wenn ich, ganz generell geschrieben, die persönlichen, privaten Texte bei Dir lese, fühle ich mich vermutlich auch deshalb angesprochen und so etwas wie eine memoire involontaire bricht ein, weil wir nicht nur (fast) gleicher Jahrgang sind und uns (zuweilen) für Ähnliches interessieren, sondern weil wir zudem ein ähnliches Nachtlebenverhalten an den Tag leg(t)en. Da kommt dann dieses Dèja vu auf: da war doch mal was, bist du in Berlin nicht auch ins X oder Y gegangen und warst dort häufiger Gast? Im „Subito“oder im „Dschungel“ (Euer schönes Bermuda-Dreieck, die dritte Station fehlt mir darin gerade) bin auch ich früher gewesen, wenn ich mal in Eure Stadt hineinschneite.

    Und bei der Fahrt nach Hamburg klangen zuweilen im Ohr aus dem Kassettendeck des Autos die „Lassie Singers“, denn genau so ging es uns:

    „Hamburg
    Jesus liebt dich
    Wo am Hafen
    die Schiffe und die Fische schlafen
    Skianzüge
    am Hans-Albers-Platz
    Frühstückstyrannen
    und auch Sorgenbrecher
    Du altes Hamburg
    unsere Schatzstadt
    wo am Hafen
    die Schiffe und die Fische schlafen

    Du eitle Hanse
    Alle wollen dich
    und du weißt das
    und du genießt das
    und dir gefällt das
    und du brauchst das
    Du sexy Hamburg“

    Ja, mein Gott, wenn die „Lassie Singers“ diese Stadt einstmals lobten, dann springe ich halt mal über meinen Schatten und dann darf ich dies, denke ich, auch mal machen.

    ______________

    „sondern als umfassendere Rahmen fùr’s Collagieren betrachtet, kommt man da nicht manchem, was Du von Brinkmann schreibst, schon nahe? Oder gar mehrere Blogs, die aufeinander verweisen, als Werkganzes sieht?“

    Das ist etwas, was ich noch nicht so im Blick hatte, als ich vor zwei Jahren mit dem Bloggen anfing, was auch bei mir aber immer stärker in den Vordergrund tritt. In den besten Momenten entstehen da zwischen den Blogs und innerhalb derselben wunderbare Kontexte und Verknüpfungen; ein ganz eigenes Textnetz, sowohl bei den Blogeinträgen, aber genauso durch die Kommentare, wo es zuweilen Perlen und Champagner gibt.

    Und insofern nehme ich dieses Bloggen immer ernster, auch als Informationsmedium, und da reicht dann die Spannbreite vom Ästhetischen bis zum Politischen.

    Schade ist es allerdings, daß dieses Medium so flüchtig ist und morgen, so der Betreiber, die Technik oder Hacker es wollen, ein Blog mit allen seinen Texten verschwunden sein kann, weshalb man – einerseits – für eine Archivierung sorgen müßte. Aber zugleich gehört diese Flüchtigkeit, das potentielle Verschwinden zu diesem Kommunikationsmedium dazu. Ein unendlicher Text, der jederzeit verlöscht und verglüht. Fast möchte ich im Derridaschen Sinne von einer Spur sprechen.

  4. „und Brinkmanns Tod eine traurige Schweinerei.“

    Ja, absolut. Ähnlich wie bei Barthes, wenn ich mich recht erinnere, der auch totgefahren wurde.

  5. Der Text der Lassie Singers ist natürlich wundervoll :-)

    Jetzt grübel ich natürlich nach dem Dritten im Bermuda-Dreieck … Am Pferdemarkt gab es irgendwann das etwas yuppieske „Nil“ was aber ganz schön war, es gab das furchtbare „Picken Pack“, an der Schanzenstraße war auch der erste Pudelclub, und alles andere war eher schon richtig Kiez oder auf dem Weg dorthin (Sonderbar, Bar Central, Tom Perstall) oder Karo-Viertel („Marktstube“ und dieser Postpunkladen an der Karolinenstraße).

    Aber wahrscheinlich meinst Du das „Vienna“ und das „439“ weiter oben, da wohnte die Kunst! Die gibt es heute noch, im „439“ hab ich meinen letzten Geburtstag gefeiert. Da warst Du bestimmt mal! Und kennst damit Hamburg einst besser als ich Berlin damals ;-) …

    Lenkt jetzt alles ab von Rom und Brinkmann, sorry. War drüben nur im Rahmen eines St. Pauli-Blog-Projektes schon wieder am Nostalgie schieben …

  6. Danke für den Text. Selten so eine ausführliche Antwort bekommen :-)

    Es ist wohl die adäquate Entsprechung, Brinkmanns Rom-Buch zu beschreiben, indem man seine eigenen Romerfahrungen aufschreibt. Meine bestanden vor vielen Jahren im Wesentlichen darin, mir römische Nachkriegsarchitektur anschauen zu wollen, und zwar kurz nachdem in Rom die Buslinien ihre Nummern geändert hatten. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich fuhr mehrere Wochen mit Bussen durch die Vororte, sah vieles, nur nicht das, was ich sehen wollte. Gegen Ende fiel mir das mit den Busnummern auf… Ist aber auch egal, denn bis auf die unerträgliche Altstadt ist Rom interessant zu erkunden. Ganz tolle Sachen außerhalb.

    Brinkmanns Sound, seine Sprache, ja, toll. Das Destruktive gehört dazu, mir wurde es nur im letzten Drittel oder Viertel zuviel, das Destruktive wurde banal, oder ich spürte, dass er einfach unzufrieden war mit sich oder sonstwem und das ständig den Römern in die Schuhe schob. Das ist zumindest meine Erinnerung.

    Es ist eine Form der dichten Beschreibung, ohne Allüren, ohne Dünkel. Die Beschreibungen Roms sind so wohltuend, gerade weil er die dort sehr dicke Schale durchbricht.

  7. @ Momorulez

    Ja, das 439 kenne ich. Es war damals ganz angenehm, ich habe da aber nie von alleine hingefunden, sondern mich immer verlaufen. Bis auf die Marktstube und die Bar Central sagen mir die anderen Läden nichts.

  8. @ Genova

    Da hast Du ja ein ganz anderes Rom gesehen als ich. Bei mir war es das antike Rom, das der Renaissance, das des Barock, das der Kunst. Gar wunderbar läßt sich in Rom in Restaurants speisen und schön ausgehen. Und an des Eis von Giolitti (damals zumindest) kam nur das von Berthillon in Paris auf der Ile Saint-Louis heran (damals zumindest).

    „Rom, Blicke“ müßte ich noch einmal durchgehen. Zumindest war das Buch damals sehr inspirierend.

  9. Ja, das Barockrom ist eine schöne Sache, das soll man nicht unterschlagen. Dennoch ist Rom von Touristen versaut, es ist eine Stadt der Vergangenheit, es ist vor ein paar Jahren erst das erste Museum für moderne Kunst erbaut worden. Es lässt sich sicher wunderbar in Restaurants speisen, es lässt sich aber noch wunderbarer überteuert und schlecht in Restaurants speisen. Trastevere, das ehemalige Arbeiterviertel, ist eine touristische Enklave, jede zweite Wohnung ist eine Zweitwohnung eines Amis oder sonstwem, es ist die ganz normale Gentrifizierung, die dort schon vor Jahrzehnten stattgefunden hat. Die Innenstadt ist größtenteils ein Freilichtmuseum, und das ist ein Stadtbegriff, mit dem ich nichts zu tun haben möchte. Es ist eigentlich keine Stadt mehr.

    Andererseits ist der Umgang der Römer mit dem ganzen alten Krempel beeindruckend. Die lassen alles stehen und fahren mit ihren Autos drumrum. Hier undenkbar.

    Generell ist es wohl so, dass mir in Rom die extreme Fokussierung auf alte Steine auf den Sack ging. Mich interessiert immer mehr das hier und jetzt und so graust es mir vor den Vergangenheitstouristen. Das ist in Rom sehr spürbar, finde ich. Ich wohnte einmal drei Wochen dort, in Centocelle, einem Viertel für eher arme, normale Leute. Das hatte nichts, überhaupt nichts mit der Innenstadt zu tun. Ich finde es auch sehr angenehm, dass es in Berlin keine alten Kirchen und ähnlichen Krempel gibt.

    Ich empfinde ähnlich bei Ägyptentouristen, die im Vorfeld zwar die Namen aller Pharaonen auswendig lernen, sich aber für die 85 Millionen heute lebenden Ägypter null interessieren. Diese touristischen Ausflüge in die Geschichte sind doch meist nur Versuche der Selbstbestätigung: „Auf solch eine tolle Kultur bauen wir auf!“

  10. Ganz kann ich Deinen Ausführungen nicht zustimmen. Was die Aspekte von Gentrifizierung und Vergangenheitstourismus betrifft, der von der Gegenwart nichts wissen mag, teile ich Deine Vorbehalte. Wie die Römer mit ihrer Geschichte umgehen, ist einerseits interessant, weil dies auf eine natürliche Weise geschieht, andererseits aber auch erschreckend, und insofern wundert es mich wenig, daß dort ein Wicht wie Berlusconi zu Ehren kommen kann.

    Man muß (oder sollte) sich beiden Seiten der Stadt nähern, und es ist für die, welche sich mit der (Kunst-)Geschichte beschäftigen, wohl nicht unwichtig, zugängliche Dokumente vorliegen zu haben. Dies schließt nicht aus, Geschichte auch aus der Perspektive derer zu betrachten, die in der Regel unter den Tisch fallen, wie eben in Brechts Frage, wer das siebentorige Theben baute.

    Die Vatikanstadt mit dem Petersdom und den Vatikanischen Museen ist für mich jedoch auch nicht per se grauenhaft, nur weil diese Päpste darin hausten und immer noch hausen. Sie ist zwiespältig: interessant, schön und grausam zugleich. Man muß beim Betrachten all dieser Dinge gewahr werden. Alles andere gerät nur zur Bilderstürmerei. Und die ist von ihre Struktur her nicht viel anders als der kunstbeflissene Tourismus.

    Obwohl es „in Berlin keine alten Kirchen und ähnlichen Krempel gibt“, sind manche Viertel nur noch von Touristen bevölkert, die sich nicht um die dort lebenden Bewohner scheren. Insofern ist eine Stadt, die diese Dinge nicht besitzt, kaum vor dem Touristen gefeit.

    Es gibt keine richtige Stadt in der falschen. Diese Aporie läßt sich nicht ausschalten, sondern man muß sie aushalten. (Den Photographierenden interessiert sowieso alles gleich viel.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.