„Es ist alles Lächerlich, wenn man an den Tod denkt“ – Thomas Bernhard zum 80. Geburtstag

Wenn ein Blog einige Zeit lang existiert, kann man – anders als beim Feuilleton einer Zeitung, da funktioniert das nicht – gut auf seine alten Texte verweisen, indem man einen Link setzt. Denn dort wurde bereits Wesentliches besprochen und für all die jungen und neuen Leserinnen (vor allem) und Leser, welche den Blog aufmerksam verfolgen, denen aber das Vergangene entgangen ist, bietet sich auf diese Weise eine Gelegenheit, in die Archive zu steigen, um eine ältere Würdigung des Schriftstellers Thomas Bernhard zu lesen. Hier ist sie.

Andererseits möchte ich mich nicht langweilen und zudem meinen Leserinnen und Lesern Neues anbieten: Sie nicht mit den alten Dingen abspeisen, zumal sich über Bernhard manches und vieles schreiben läßt. Da mag es zu seinem 80. Geburtstag naheliegen, einen Blick auf die autobiographischen Romane zu werfen, so daß vermittels diese Textes der Geburtstag in einer essaiistischen Form gewürdigt wird. Es sind ihrer fünf Romane, die zwischen 1975 und 1982, nicht bei Suhrkamp, was Unseld sehr ärgerte, sondern im Residenz Verlag (und dann bei dtv), in jener Reihenfolge erschienen: „Die Ursache. Eine Andeutung“, „Der Keller. Eine Entziehung“, „Der Atem. Eine Entscheidung“, „Die Kälte. Eine Isolation“ und „Ein Kind“. Der letzte Text dieser autobiographisch geprägten Romane beschriebt von der Chronologie her den Anfang dieses Lebens, nämlich die Jahre der Kindheit bis zum Eintritt ins Salzburger Internat, der dann in „Die Ursache“ den Auftakt bildet. Eine Kreisbewegung vollzieht sich dabei und vollendet sich.

„Mein Großvater griff sich an den Kopf und sagte: wie gut, daß es nicht Passau ist, daß ich Salzburg für Dich bestimmt habe.“ So der Schlußsatz des Romans „Ein Kind“. Zum Ende des letzten, eigentlich harmonisch ausklingenden Teils hin wird der Leser wieder in die Verstörung geworfen, weil er weiß, was folgt. Es ist dieses Ende (der Kindheit) von der Strukturierung her konsequent komponiert.

Das Verstörende einer Existenz, die das Ende der Kindheit bedeutete, ist zum Beginn des Romans „Die Ursache“ an eine Stadt gekoppelt und wird eins mit ihr. Es ist Salzburg, das den Auftakt des Textes bildet; genauer gesagt ist es eine Zeitungsmeldung über das Bundesland Salzburg vom 6. Mai 1975, in der es heißt, daß Salzburg gegenüber allen übrigen österreichischen Bundesländern die höchste Selbstmordrate aufweise. Man dachte, es wäre Kärnten, aber tatsächlich ist es Salzburg. Dieser Roman beginnt – nach jener Zeitungsmeldung, die aus der Schreibgegenwart Bernhards stammt – mit furiosen Sätzen, von der Konstruktion her taumeln und atemlos gebaut – beim bekanntermaßen schlechten Wetter Salzburgs anfangend –, eine Tirade des begründeten Hasses auf diese Stadt und seine Menschen, ein Sprachstrom der Verzweiflung und der Aufwallung, welcher auf die Umstände und vor allem auf diese, so Bernhard, durch und durch katholische und nationalsozialistische Menschenvernichtung, die mit Salzburg und mit den Erinnerungen des Protagonisten verkoppelt ist, reflektiert: Die nationalsozialistische Erziehungsanstalt, in welche der Protagonist wie aus dem Nichts und für ihn völlig unbegreiflich 1943 hineingeworfen wurde, die dann nach 1945 mühelos zum katholischen Internat sich wendete.

Zum Anfang von „Die Ursache“ ist es ein „Er“, auf das der Erzähler blickt, das beschrieben wird inmitten dieser Welt der Verzweiflung, in die Welt des Internats hineingeschleudert, wo eine Geistes- und Gemütszersetzung des Menschen, der sich in seiner Reifezeit bewegt, stattfindet. Diese Stadt ist in allen ihren Aspekten und Ausprägungen ein Todesort, in den der Heranwachsende, der 13-Jährige mit einem Male und unvermittelt gestoßen wird. Und im Fluß der Sprache gerät dieses Er, das da rückblickend in der Außenperspektive der abgelebten und doch fortwirkenden Vergangenheit gesehen wird, zum Ich; es reflektiert in sich hinein und zieht das Geschehene im Akt des Erinnerns hervor. Es sind diese Sätze samt der anfänglichen Distanz, die nicht „Ich“ schreiben kann, zugleich eine furchtbare, aber notwendige Vergewisserung des Selbst, der eigenen Existenz, der Künstlerexistenz, welche am Ende und im Gang der Reflexionen und Spiegelungen die einzig mögliche ist. Intuitiv ahnte der 13-Jährige dies bereits. Schon dem Jugendlichen bot diese Kunst den einzigen Ort des Rückzugs; exemplarisch wird dies an der widerwärtigen Schuhkammer des Internats vorgeführt, die der Zögling zum Geigespielen und -üben zugewiesen bekommt.Diese Kammer ist ein Selbstmordort, ein Verzweiflungsort und zugleich das Gegenteil davon, der Ort, wo in der äußersten physischen Enge sich das Vergessen des Daseins in der Musik einstellt, dieses Schopenhauersche Motiv seiner Kunstmetaphysik: wenn das Subjekt aus sich heraustritt, sich aus der Welt der Vorstellungen entläßt (und es hat insofern seine Gründe, weshalb Schopenhauer, neben Novalis, einer der für Bernhard so bedeutsamen Philosophen ist.)

„Die Schuhkammer ist mit hunderten von schweißausschwitzenden Zöglingsschuhen in morschen Holzregalen angefüllt und hat nur eine knapp unter der Decke durch die Mauer geschlagene Fensteröffnung, durch welche aber nur die schlechte Küchenluft hereinkommt. In der Schuhkammer ist er allein mit sich selbst und allein mit seinem Selbstmorddenken, das gleichzeitig mit dem Geigenüben einsetzt. So ist ihm der Eintritt in diese Schuhkammer, die zweifellos der fürchterlichste Raum im ganzen Internat ist, Zuflucht zu sich selbst, unter dem Vorwand, Geige zu üben, und er übt so laut Geige in der Schuhkammer, daß er selbst während des Geigenübens ununterbrochen fürchtete, die Schuhkammer müsse in jedem Augenblick explodieren, unter dem ihm leicht und auf das virtuoseste, wenn auch nicht exaktesten kommende Geigenspiel geht er gänzlich in seinem Selbstmorddenken auf, in welchem er schon vor dem Eintritt in das Internat geschult gewesen war, denn er war in dem Zusammenleben mit seinem Großvater die ganze Kindheit vorher durch die Schule der Spekulation mit dem Selbstmord gegangen.“ (S. 12, München 1977)

Spekulatives Denken gerät – fast antiidealistisch – zur Verzweiflungstat, weil die Augenblicke der Wirklichkeit vollständig entstellt und deformiert sind. Die Musik wird dem Zögling zum Mittel des Rückzugs, frühreifer ästhetischer Eskapismus, der noch nicht weiß, was er ist und wohin es ihn treibt. Durch die Musik gelingt es diesem Ich, sich abzusondern – von den Mitschülern, von der Welt. Diese Kammer dient ihm zur einzigen Fluchtmöglichkeit, wie es einige Zeilen später heißt. Diese Kammer transformiert sich zum Ort der Verdichtung. Was im ausströmenden Klavierspielen des Hanno Buddenbrook an jener berühmten Stelle des Buches noch den Orgasmus evozierte, so daß sich Musik(-Spiel) und Sexualität verbanden, wird hier zum Spiel mit und zugleich gegen den Tod. Aber es heißt im Französischen die Umschreibung für den Orgasmus schließlich La petite mort, und das erotische Moment ist diesen musikalischen Todesmomenten der Entrücktheit nicht fern. „Sein Eintritt in die Schuhkammer bedeutete gleichzeitiges Einsetzten seiner Selbstmordmeditation und das intensivere und immer noch intensivere Geigenspiel eine immer intensivere und immer noch intensivere Beschäftigung mit dem Selbstmord.“ (S. 13) In diesem biographischen Roman gerät die Kammer schließlich aber zur Rettung, weil sich eine Möglichkeit für den Zögling offenbarte, die stärker als jede Regung des beschädigten Lebens sich erweist: die Kunst. Diesen Weg zur Kunst und zum Subjekt, das seine Beschädigungen und die Versehrtheit, die es erfuhr, jedoch niemals mehr verlieren kann, entfalten die fünf Romane. Diese fünf Bücher sind, um es ganz emphatisch zu schreiben, große Literatur und mehr als eine Autobiographie, die immer Fiktion ist und bleiben muß.

Ralf Schnell schreibt in „Die Literatur der Bundesrepublik“:

„Salzburg bildet den Hintergrund dieses desaströsen Lebensberichtes aus der Feder, aus dem Denken, aus dem Empfinden eines Österreichers, der erst im letzten Band seiner Autobiographie Distanz zum eigenen Weg zu finden beginnt, einfacher, sachlicher, unprätentiöser schreibt, gleichsam im Grade einer versöhnlichen Besinnung auf die früheste Kindheit die späteren Obsessionen und Manierismen preisgebend. Denn dies ist zumal für die ersten drei Bände festzuhalten: Thomas Bernhards Besessenheit durch die einmal und grundlegend erfahrenen Erschütterungen reißt in seinem Werk wie ein Strudel das Treib- und Sperrgut österreichischer Ungleichzeitigkeit unablässig und in immer neuen Facetten in sich hinein, um es wieder herauszuschleudern und abzustoßen, um es abermals, verändert und verstört, aufzugreifen und umzuwälzen, ein Prozeß der gleichzeitigen Hervorbringung und Vernichtung von Erfahrung durch Sprache, ebenso obsessiv wie unabschließbar.“ (S. 261, Stuttgart 1986)

Den ersten Satz kann ich so nicht teilen, denn gerade in diesem Zorn, in den Wucherungen und dem Wüten in der Welt, in der Sprache sowie in der Gesellschaft liegt die Stärke insbesondere des ersten Bandes. Durch die hypotaktische Struktur der Bernhardschen Sätze mit diesen Kaskaden, den Aufsteigerungen und Wiederholungen, in denen Motive angespielt, abgebrochen, wieder neu durchgespielt werden, entsteht einerseits dieser Klang, jene Musikalität der Sprache, und zugleich erzeugen diese Hypotaxen das Atemlose und Furiose. Es entsteht eine monologische und monadologische Struktur, ein innerer Monolog, wie ihn die ästhetische Moderne bisher nicht kannte. Rausch, Musikalität, Emphase, Haß, Hinabziehen und Herausstoßen des Erfahrenen bilden eine Melange von ganz eigener Art, die diesen ersten Band bereits zum Beginn seine Struktur gibt – eben das, was zuweilen jener grandiose Bernhard-Sound genannt wird.

Zorn und Verzweiflung des Protagonisten treiben sich in dieser Sprachaufwerfung, diesen Wortaufschüttungen ins Unermeßliche. Was einmal romantische Unendlichkeit war, wandelt sich zur unendlichen Wut am Immanenzzusammenhang. Ein Entrinnen gibt es nur in der künstlerischen Form, in der Formung und Durcharbeitung jener beschissenen Faktizität – indem es zur Schrift gerinnt, zur Literatur wird. Hier, im Schreiben findet sich der Rettungsort, die einzige Möglichkeit des Daseins, ja zuweilen erreicht der Protagonist dabei sogar eine Form von Ruhe, wenn man die späteren Bände dieser Autobiographie liest. Darin ist Schnell rechtzugeben. Künstlerische Urszene aber bleibt diese Schuhkammer mitsamt dem, was sich darin abspielte – als Ort von Erfahrung. Und so bildet sich eine Korrespondenz von Sprache und Musik.

Zu diesem Beginn des Romans 2Die Ursache“ werden einem auf den ersten Seiten bereits die Sätze geradezu um die Ohren geschlagen. Es entäußert sich in dieser Sprache vermittels des Stils eine extreme Subjektivität, die aber nicht darin stehen bleibt und auf ihre Unmittelbarkeit pocht. In ihrem Extrem bringt die Sprache Bernhards es auf den Punkt, in der maßlosen Übertreibung liegt die Wahrheit, denn die Begebenheiten sind maßlos – die Wahrheit jenes durch und durch verlogenen, katholischen, nationalsozialistischen Österreich, das durch diesen faschistischen Mechanismus eben die Menschen bricht. Der nahtlose Übergang vom Nationalsozialistischen zum Katholischen. Dieses Zerbrechen geht soweit, daß die, welche nicht mitkommen, sich in den Tod stürzen, auf die asphaltierte Müllner Hauptstraße, die vom Protagonisten Selbstmörderstraße genannt wird.

In jedem Falle muß man Bernhards fünf Romane zugleich als eine Reaktion auf die Literaturproduktion und die Tendenz dieser 70er Jahre lesen, welche für gewöhnlich unter dem Begriff der „Neuen Subjektivität“ eingeordnet wird; eine Literatur der Innerlichkeit, des Inwendigen, teils auch der Fluchten ins Private, der Selbstvergewisserung. Das reichte von der Knast- über die Arbeiter- bis hin zur Frauenliteratur. Im schlechtesten Falle entstanden grausliche Befindlichkeitstexte, für die einzig das Wort Empfindungskitsch zutrifft. Kulminierend in „Der Tod des Märchenprinzen“. Im besten Falle gelangen genaue Beobachtungen der Innenwelt, die zugleich eine Außenwelt darstellen.

Charakteristisch für die Literatur dieser Zeit ist – grosso modo – das autobiographische Schreiben: sei dies nun, um die besten des Faches zu nennen, Max Frisch mit seinen Tagebüchern und der Novelle „Montauk“, Walter Kempowskis „Tadellöser & Wolff, Grass mit „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ oder Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“.

Doch Bernhards fünf Romane weisen über das Autobiographische hinaus, und innerhalb seines Werkes nehmen diese autobiographischen Texte eine Zwischenstellung ein. Sie bilden den Übergang zu seinem Spätwerk. Die in seinen früheren Romanen bereits angespielten Motive wie das Spazierengehen, die grenzenlose Welt und Daseinsverachtung, die (scheiternden, absurden) Geistesmenschen, die nie abschließbare, nie abgeschlossene Geistesarbeit, diese Menschen der Kunst, der Philosophie treten in der Autobiographie verdichtet und verändert wieder auf, und es stellt sich durch diese Neujustierung für die in den 80er folgenden Romane ein Wandel in der Durchführung dieser Motive ein.

Der Klang änderte sich gegenüber dem Ton, der das Frühwerken durchzog, die Sprache fuhr eine neue Richtung. Die hypotaktische Struktur verband sich mit dem Iterativen und Ausufernden. Bernhards Prosa lebt von der spielerischen, durchgespielten Wiederholung, die als Inszenierung auftritt. Deshalb eben ist Bernhard zugleich ein großartiger Dialog- und Theaterschriftsteller. Zu schreiben, es ginge in seinen Romanen und Theaterstücken nun heiterer zu als vormals, wäre sicherlich übertrieben, aber das ironische Moment, die Gebrochenheit auch der Tragik sowie eine Form von zynisch bis ironischer Gelassenheit gewinnt mehr Raum, seine Figuren sind tragische Komödianten bzw. komödiantische Tragiker. Ich schrieb es an anderer Stelle schon einmal: Auch für Bernhards Figuren, insbesondere die seiner Theaterstücke, trifft der Satz Becketts aus dem Endspiel zu, daß nichts komischer als das Unglück sei.

Die monadologisch-monologische Verfaßtheit des Subjekts tritt in diesem Spiel der Bernhardschen Protagonisten jedoch nicht zurück, sondern sie verstärkt sich, und zwar gerade durch das Moment der Komik. Herrschte im „Endspiel“ zwischen Ham und Clov bzw. Nell und Nagg noch das Moment von Kommunikation und – wenn auch nicht gelingender, aber doch versuchter – Intersubjektivität, so ist das bei Bernhard ausgeschaltet. Der Theatermacher betreibt sein ganz privates ureigenes Endspiel in jenem Gasthof in Utzbach mit dem Hitlerbild an der Wand, wo jenes Welttheaterstück aufgeführt werden soll: „Das Rad der Geschichte“, welches eine Menschheitskomödie ist und wohl nicht zufällig an das Rad des Ixion erinnert. Was bleibt, ist der Moment, wo das Licht ausgeht, sogar das Notlicht im Theater, was seinerzeit einen kleinen Theaterskandal am Wiener Burgtheater auslöste, denn in den ach so geordneten Verhältnissen muß es wenigstens das Notlicht noch geben.

Thomas Bernhards letzter Roman heißt „Auslöschung“. Es ist eines der besten Bücher. Lebte Bernhard länger, man könnte sich kaum vorstellen, was noch an Theaterstücken, Erzählungen oder Romanen käme. Andererseits will ich sein Frühwerk nicht geringschätzen – „Frost“ und „Verstörung“ etwa. Eine Freundin und ich hatten vor mehr als 20 Jahren darin die Strukturen einer „Dialektik der Aufklärung“ ausgemacht. Das zu rekonstruieren, bekomme ich leider nicht mehr hin und sowieso ist es nun an der Zeit den Text zu beenden. Es sind diese Gedanken bereits zu lange her und geschahen in einer Zeit, welche ich die wunderbaren Jahre nenne – eine Zeit, in der die Daseinsverfinsterung eigentlich ein Spiel war, während wir beim Rauchen unserer Zigaretten und beim Trinken des vielen Weines dachten, es wäre der große Ernst. Heute ist es anders herum.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu „Es ist alles Lächerlich, wenn man an den Tod denkt“ – Thomas Bernhard zum 80. Geburtstag

  1. genova68 schreibt:

    Schade, die Rekonstruktion der DdA in „Verstörung“ würde mich interessieren.

    Schön zu sehen war der arte-Film über Bernhard, austestrahl am Montag Abend, unter anderem, weil dort klar wurde, dass Bernhard zur Heldenstilisierung nicht taugt. Und auch, weil dort angesprochen wurde, wie schnell man Bernhard den Stachel ziehen kann, wenn man ihm huldigt. Seine Übertreibungen rein literarisch sehen, wäre genau eine Möglichkeit dazu.

    Und noch etwas: Mir kommt bei den vielen Bernhard-Betrachtungen derzeit das Motiv der Wiederholung zu kurz. Eine Wiederholung, die sich im Wiederholen weiterentwickelt, dieses ewige Drehen in leichten Richtungsänderungen, das, wie ich finde, das leicht rauschartige Gefühl beim Lesen hervorruft. Mich hat das früher an etwas erinnert, was Lyotard zu Wiederholungen gesagt hat. Gute und schlechte Wiederholungen, ohne dass ich das jetzt wiedergeben könnte. Man lese die ersten drei Sätze von „Gehen“ und weiß, was ich meine.

    Du hast das in deinem Aufsatz von 2009 beschrieben,sehe ich gerade.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, das Motiv der Wiederholung ist auf alle Fälle in den Blick zu nehmen.

    „Gehen“: genau das ist es. Eigentlich lustig, bei den Bernhard-Kennern: man muß nur ein Stichwort sagen, und schon weiß der andere, was in etwa gemeint ist. Diese Erzählung ist so derartig großartig, daß ich’s kaum in Worte fassen kann, zumindest nicht in dieser kurzen Kommentarantwort.

    Auch diesen Samstag kommen auf Arte zwei Dokumentationen zu Bernhard. Die von Montag habe ich zumindest aufgezeichnet.

  3. Nörgler schreibt:

    “ … eine Zeit, in der die Daseinsverfinsterung eigentlich ein Spiel war, während wir beim Rauchen unserer Zigaretten und beim Trinken des vielen Weines dachten, es wäre der große Ernst. Heute ist es anders herum.“

    Wie lange schon suche ich nach diesen Worten! Jetzt hast Du sie mir geschenkt.

  4. Bersarin schreibt:

    Danke für dieses schöne Kompliment :-) Ja, es spiegelt das wider, was mich momentan umtreibt.

    Ich habe gerade in „Kulturzeit“ auf 3sat einen kurzen Ausschnitt von „Ritter, Dene, Voss“ gesehen und mußte bemerken, wie großartig dieses Stück ist. Leider konnte ich es bisher nur lesen. Gleiches gilt für „Heldenplatz“. Das mußte eine grandiose Inszenierung seinerzeit am Burgtheater gewesen sein. Es ist schade, daß Bernhard in den Theatern mittlerweile so selten inszeniert wird.

    Und auch für die BRD ließe sich das Stück meiner Ansicht nach bestens inszenieren.

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