Januartag mit Kant

Zuweilen hat die Krankheit etwas für sich, denn in den aufblitzenden und schnell wieder verglühenden Momenten von Geistestätigkeit und Intensität, jenen kurzen Stunden, die der extremen Wachheit geschuldet sind und sich selbst bei Krankheiten – aber vielleicht ja gerade dort – einstellen wollen, komme ich dazu, die Dinge zu treiben, welche ansonsten fern liegen, in der Vergangenheit entrückt. So nahm ich – ohne jede theoretische Intention und Motivation, einer bloßen Laune folgend – Kants „Kritik der reinen Vernunft“ aus dem Regal und las darin einige Passagen, insbesondere über den Begriff des Ideals.

Na ja: so etwas klingt zunächst banal wie Thomas Manns Tagebucheinträge: „Heute morgen rasiert. Heute mittag spazieren gegangen. Gestern abend Feuchtwanger getroffen. Schrecklicher Mensch.“ Oder es mutet wichtigtuerisch an, um sich im Bildungsdünkel zu differenzieren und den feinen Unterschied zu setzen. Wie dem auch sei – ich stieß auf folgenden Satz, der zwar erkenntnistheoretisch bzw. hier sogar erkenntniskritisch motiviert ist, jedoch sehr gut in das Feld der Ästhetik paßt, zumal Kant mit einem Beispiel aus derselben kommt:

„Das Ideal aber in einem Beispiele, d.i. in der Erscheinung, realisieren wollen, wie etwa den Weisen in einem Roman, ist untunlich, und hat überdem etwas Widersinnisches und wenig Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der Vollständigkeit in der Idee kontinuierlich Abbruch tun, alle Illusion in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen.“ (KdrV B.599)

Solche Versinnlichung gerät im Kunstwerk, gerät für beide Seiten nicht gut: weder für die Ethik, noch für die Ästhetik – wobei es mir für die erstere egal ist. Was Kant bereits 1781 respektive 1787 wußte und wie nebenbei aus dem Handgelenk heraus formulierte, hat sich in der Kunst teils bis heute nicht durchsetzten können. Ach, wenn ich nur genug Zeit hätte, die Ideenversinnlicher mit der Waffe der Kritik niederzumähen. Doch nächste Woche treibt es mich wieder zur Erwerbsarbeit.

Freilich: daß das Gute einer bloßen Erdichtung ähnlich sein könnte, hat für sich genommen schon seinen Reiz. Zuweilen erscheinen mir die Nebenstellen eines Textes als die besten.

26 Gedanken zu „Januartag mit Kant

  1. Na ja, „l’art pour l’art“ ist halt auch ein Ideal, und „gelungen“ oder „in sich stimmig“ eine Variation von „gut“ … so, wie Du das schreibst, könnte dem auch Dieter Bohlen zustimmen ;-) …

  2. Wir materiellen / idealistischen (das ist völlig gleichgültig) Solipsisten haben weniger Probleme mit den „Versinnlichern“, da unsere Ideen ja stets Ideale sind. Es gibt also nichts Unvollkommenes, denn wir sind alles was der Fall ist.

    In Hinblick auf Ihre Erkrankung wünsche ich Ihnen den von Ihnen gewünschten Zustand.

  3. Eine schöne Fundstelle, finde ich, dass ich die nicht gefunden habe…wo doch Kant…Es ist, wie´s für mich immer ist mit ihm: Er hat Recht und doch keine A h n u n g. Aber es stimmt: Das Gute wird verdächtig, wo es nicht als Idee auftritt, sondern versucht, eine „gute Figur“ zu machen.

    Ich wünsche Dir gute Besserung (Was für ein hartnäckiger Infekt ist das denn?)

    @momorulez Glaub´ ich nicht, dass Dieter Bohlen zustimmen könnte. Obwohl er sicher „in sich stimmig“ ist (wenn er nur da bliebe…)

  4. @ momorulez
    Gut in diesem Sinne von gelungen meint dann aber nichts Moralisches, sondern aus innerer Notwendigkeit, aus dem Formgesetz heraus stimmig. L’art pour l’art ist kein Ideal, sondern die einzig verbleibende notwendige Möglichkeit.

    Worin Dieter und ich uns ähnlich sind, ist womöglich die Waffe der Kritik; der Unterschied mag der sein, daß ich zugleich die Kritik der Waffen betreibe. ;-)

    @hanneswurst
    Vielen Dank. Das haben Sie sehr fein formuliert: Wir sind alles, was der Fall ist. Und darüber hinaus, so möchte ich jedoch ergänzen.

    @ Melusine Barby
    Es mag womöglich stimmen, daß Kant in manchem nichts ahnte: Aber deshalb kam nach diesem Alleszermalmer der Philosophie immerhin der Deutsche Idealismus und sein Kulminationspunkt: G.W.F. Hegel.

    Die Krankheit ist eine Virusinfektion: Epstein Barr Virus, auch Kußkrankheit genannt. Nun gehe ich sämtliche Frauen des letzten Monats durch. Danke auch Dir für Deine Wünsche.

  5. Aus dem Kant-Ziat selbst geht aber nich hervor, ob er überhaupt das Gute im moralischen Sinne meint, geschweige denn, ob er das bei den Idealen so sieht. Man kann sich ja auch das ideale Auto vorstellen, zum Beispiel. Selbst die „regulative Idee“ analysiert er im Kontext der Kritik der reinen Vernunft ausgehend von theoretischen Fragen, nicht von praktischen, was ganz andere Antworten hervor bringt. Und das mit der „letzten Möglichkeit“ hat auch imner was von „There’s no alternative“ im Schröderschien Sinne :-D … nee, ich bleibe dabei, dass es gravierende Probleme in unserem Diskussionszirkel gibt, Fragen der praktischen Vernunft adäquat zu stellen und der Effekt dessen in Ästhetik betreffenden Diskussionen sich zeigt.

  6. In der Tat wird das Gute im Kant-Zitat allgemein gehalten und nicht weiter bestimmt. Das „ideale Auto“ ist dann aber doch nicht gemeint, sondern in dem Abschnitt, aus dem ich zitierte, ging es um „das Ideal überhaupt“. Darunter fällt dann auch das ästhetische und das ethische Ideal. Insofern wäre dann eine Lesart, die das Gute moralisch sistiert, nicht völlig falsch. Nach der Bestimmung des Ideals überhaupt geht Kant zur Analyse des „transzendentalen Ideals“ über. Dieses setzt er dann allerdings als das einzige, gleichsam tatsächliche Ideal an, dessen die menschliche Vernunft fähig ist (B 604), und zwar hier dann – da hast Du natürlich recht – im rein erkenntnistheoretischen Gebiet. Und flugs geht es hernach zu der Unmöglichkeit der Gottesbeweise über. Meine Formulierungen zum Ideal waren dann auch eher in der Bestimmung des „Ideals überhaupt“ gemeint und weniger auf das „transzendentalen Ideal“ gemünzt.

    Die Differenz zwischen theoretische und praktischer Vernunft bei Kant sehe ich auch. Ästhetisch (und zugleich geschichtlich) wird dieses Ideal dann wieder bei Schiller. Ich halte diese Differenz für produktiv. Die Frage bleibt aber, ob darin nicht zum einen etwas Künstliches steckt und ob man zum Ende hin nicht die Schwierigkeit bekommt, diese ausdifferenzierten Sphären hinterher, nachdem alles auseinandergelegt wurde, überhaupt noch zusammenzukommen. Der „Kritik der Urteilskraft“ wird ja zuweilen die Brückenfunktion nachgesagt. Aber das Signum der Moderne ist genau diese radikale Differenzerfahrung, was ja nicht nur philosophische, erkenntnistheoretische Gründe hat.

    Ja, es gibt gravierende Probleme und Differenzen in unseren Diskussionszirkeln hinsichtlich dieser Betrachtungen von „theoretisch“ und „praktisch“ und dies berührt dann notwendigerweise auch das Feld der Ästhetik. Diese Differenzen sind aber nicht schlecht, denn sonst schrieben wir alle das gleiche.

    Ich komme, wie ich das sehe, in meinem Denken wieder etwas mehr auf Brecht (zumindest im Hinterkopf), auch im Rahmen von Benjamin und der Photographie, und da müßte ich mal schauen, was über den Begriff der Montage so drin ist. Aber das ist ein anderes und weites Feld.

    Wird man eigentlich alt, wenn man am Freitag um 21:45 zu Bett geht?

  7. Naja, aleo, wenn anhand dieses Kant-Zitats diskutiert wird, dann kann zumindest ich das eben nicht auf den Nazi-Kram anwenden. Die haben „das Formgesetz“ gerade nicht für sich genommen, sondern jede Form gebeugt, als nur relativ zu ihren ideologischen Interessen.. Sie ist vollständig verzweckt, und das ist konsequent und logisch, und es wird daraus sozusagen wieder ein Formgesetz. Die Form ist eben eine Funktion der ideologischen Rhetorik, aber doch sichtbare Form. Und in der Relation kann ich natürlich wieder innere Stimmigkeit finden.

    Nörglers Nolde hat eben keine Nazi-Kunst betrieben, sondern die Malerei als Form gesucht. Der hat eben kein völkisches Programm formal „gestaltet“, wie Padua oder Ziegler, sondern er verhielt sich als Maler integer. Da hatte er Glück, dass die Nazis ihn ausgeschieden haben; das rettete ihm die Ehre – als Künstler,
    ein ekliger Antisemit war er trotzdem.

    – „dass es gravierende Probleme in unserem Diskussionszirkel gibt, Fragen der praktischen Vernunft adäquat zu stellen und der Effekt dessen in Ästhetik betreffenden Diskussionen sich zeigt.“
    Ja, seh ich auch so. Aus der Verzweckung und Funktionalisierung künstlerischer Form rauskommen zu wollen, ist alltäglicher Anspruch, von dessen Realisierung wenigstens ich in meiner Arbeit nicht weiss, wie sie aussieht. Das Formengesetz einer Arbeit ist ja nicht gegeben, sondern realisiert , während ich am Objekt arbeite, u. a. mit dem Händen an physischem Material.

  8. es muss natürlich im letzten satz heissen: Das Formengesetz…realisiert sich, usw.

  9. Was Du zur Form schreibst, deckt sich (weitgehend) mit dem, wie ich (und wahrscheinlich auch Nörgler) den Begriff der Form verstehen. Und deshalb kann man ja ganz immanent nachweisen, daß die Werke, welche Arno Breker et al. schufen, vollständig mißlungene Kunst sind: hineingepumpte Ideologie (etwa der vom gesunden Volkskörper. Und deshalb stehen die Körperbilder, welche F. Bacon malte, ungleich höher als die der Körperverkitscher. )

    Das Formgesetz ist nicht per se gegeben, ist nichts Statisches und ein für allemal Feststehendes: diesen Aspekt sehe ich genauso. Was zugleich nicht bedeutet, daß Formgesetz zugunsten eines kruden, nationalen Realismus oder irgendeines Bitterfelder Weges zu beugen. Aber auch darin sind wir uns vermutlich einig.

    Was Kunstwerke betrifft, die bereits historisch geworden sind (und dazu zählt ja nun einmal die ganze mittlerweile klassisch genannte Moderne), so ist die Frage nach der Wahrheit eben auch an einen Zeitkern gebunden, wie schon Benjamin schrieb.

  10. Der Künstler hat keinerlei ethische Neigungen. Ethische Neigungen beim Künstler sind unverzeihliche Manieriertheit. (…) Alle Kunst ist gänzlich nutzlos.
    Oscar Wilde, Vorrede zu Dorian Gray

    L’art pour l’art ist nicht Ideal der Kunst, sondern deren Wirklichkeit. L’art pour l’art ist kein Leuchtturm, dem zu folgen wäre, sondern der Ort, an dem die Werke sich befinden. L’art pour l’art ist keine gute Idee, sondern ein gute Praxis, die – ex post – ihre Bestimmung im Begriff des L’art pour l’art erfährt.
    Als der Begriff des L’art pour l’art in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert gefunden wurde, gab es längst L’art pour l’art. Bereits die Emanzipation der Renaissance-Kunst von der kirchlichen Kanonik war Ästhetizismus. Die Polemik gegen L’art pour l’art richtet sich nicht gegen eine ‚Auffassung‘ von Kunst – sie richtet sich gegen 500 Jahre Kunstgeschichte.

    Die in abermaliger Anwendung des „Ick bün all do“-Verfahrens gewonnene Feststellung „’l’art pour l’art‘ ist halt auch ein Ideal“, ist nahe bei Hegels „sinnlichem Scheinen der Idee“ und weit weg von Kants „interesselosem Wohlgefallen“. Momorulez zufolge soll nämlich eine Richtung existieren, der auch Bersarin und ich anhangen, welche der Kunst das L’art pour l’art-Normierungsideal vor- und voraussetzt, so, dass Kunst das sinnliche Scheinen der L’art pour l’art-Idee sei. Doch Theorie und Praxis von L’art pour l’art folgen weder Hegel noch Momorulez.

    Wer Schwierigkeiten mit L’art pour l’art hat, lese Flauberts Briefwechsel mit G Sand, Wildes Vorrede zu Dorian Gray und die einschlägigen Texte Baudelaires. Über die Behauptung, L’art pour l’art sei „Ideal“ oder sonstwie Norm, wären sie in homerisches Gelächter ausgebrochen.

  11. Gerade Wilde durfte ja nun am eigenen Leibe erfahren, was bei einer Totalisierung der l’art pour ‚lart einem widerfahren kann … zudem das wie üblich irgendwelche Lektüreerfahrungen an die Stelle ästhetischer Praxis setzt, was Du schreibst, Nörgler. Dein homerischen Gelächter lacht das eigene Spielbild an, weil es das, was ich regelmäßig verzeifelt wenigstens verständlich zu machen versuche, wiederum nur zu Lektüren in Beziehung zu setzen versucht im Rahmen ganz anders gebauter Grundbegriffe. Das hat ja eher mit den Phänomenologen und Pragmatisten zu tun, was ich vertrete (und zum Teil lebe) und nicht mit dem Zurückweisen des „sinnlichen Scheines der Idee“, die wie ein Popanz dann Dialoge abwehrt.

    Und „500 Jahe Kunstgeschichte“ ist so eine hegelianische Konstruktion, die zudem auch noch hochgradig eurozentrisch ist. Frantz Fanon hat doch mehr über die ästhetische Erfahrung des Bürgertums zu sagen als deren Objekt als Oscar Wilde, der glaubte, es sich in einer Upper Class-Welt als überhöhter einrichten zu können, und dann haben sie ihm gezeigt, was sie davon halten, dass einer wie er das tut.

  12. Die Abwertung des Idealen macht m.E. nur Sinn, wenn man wie Kant davon ausgeht, dass es „eine objektive Realität“ (Kr.d.r.V. B596) gäbe. Verlässt man jedoch die alte Behauptung von Objektivität – wie ich es aus gegebenem Anlass tue – dann ergibt sich für alles, was Philosophen bzw. Menschen für erstrebenswert und wertvoll halten, die Bezeichnung „Hirngespinst“. Kant hielt solche Hirngespinste für nützlich: „Diese Ideale, ob man ihnen nicht gleich objektive Realität (Existenz) zugestehen möchte, sind doch um deswillen nicht als Hirngespinste anzusehen, sondern geben ein unentbehrliches Richtmaß der Vernunft ab, die des Begriffs von dem, was in seiner Art vollständig ist, bedarf, um darnach den Grad und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen und abzumessen. Das Ideal aber …s.o.“ (Kr.d.r.V. B597/8)
    „Hirngespinst“ betrachte ich im Hinblick auf neurophysiologische Beschreibungen der menschlichen Natur als zutreffende Bezeichnung für alles, was wir uns ausdenken. ‚denken‘ dürfte ohne die neuronale Aktivität unseres Hirns nicht möglich sein.

  13. „… zudem das wie üblich irgendwelche Lektüreerfahrungen an die Stelle ästhetischer Praxis setzt, was Du schreibst, Nörgler.“
    Flaubert, Baudelaire und Wilde verfügten durchaus über ästhetische Praxis. –

    Und wo ist eigentlich Deine fußballerische Praxis, Momorulez? ;-)

  14. Ich käme ja nicht auf die Idee, nun Fussball aus der Perspektive des Spielers zu beschreiben, würde mir aber schon eine ausgiebige Zusehpraxis bescheinigen ;-) … und da ist es doch wie überall, dass ich ein Spiel des Fc St. Pauli anders angucke als eines des FCK, um jedoch Fussball als Phänomen zu begreifen, muss man diese Differenz zwischen Teilnehmer- und Beobachterperspektive schon auch aufgreifen und beides thematisieren, auch im Falle von Schiedsrichterfehlentscheidungen, z.B.

    Nun würde ich Fussball auch nicht als Kunstform begreifen, bei aller Möglichkeit der ästhetischen, nicht aisthetischen, Einstellung zum Spiel, und es eher als Form der erotischen Inszenierung auffassen. Das enthebt einer aber nicht dessen, die Perspektive der 1. und eben auch 2. Person im Zuge der Ästhetischen Theorie im Rahmen einer der auch, nicht nur, Theorie der praktischen Vernunft als Theorie der ästhetischen Erfahrung. Bersarin wird jetzt wieder schreiben, ich hätte das von Seel, was nur halb stimmt, der hat da manches nach geliefert, was ich eher bei z.B. der Interviewerfahrung im Grenzbereich des Journalismus, also nicht dem politischen !!!, mir dachte und was auch dem Umgang mit den Figuren beim Schreiben eines Romans wichtig ist.

    Das sind Fragestellungen, bei denen man nicht landen kann im Zuge der Analyse der Antinomien der reinen Vernunft oder auch Platons Ideenlehre, auf die Kant da ja implizit Bezug nimmt. Du wirst auch die Performance mit Masken in afrikanischen Regionen, für die europäische Kulturgeschichte ja nicht unwichtig, über ‚lart pour l’art nicht erkunden können und schon gar keine Antwort darauf finden, wieso die im Völkerkunde-Museum hängen, der Picasso aber in der Kunsthalle.

  15. “ ‘denken’ dürfte ohne die neuronale Aktivität unseres Hirns nicht möglich sein“. Aber nicht jeder, bei dem die Meßgeräte anschlagen, ist darum schon ein Denker.

  16. „L`art pour l`art“ ist aber als Begriff kaum noch zu gebrauchen. Kriegsästhetizistische Futuristen und spätere Mussolini-Fans haben den auch benutzt und eben den Krieg zum grössten Kunstwerk an sich erklärt, an dem einfach alle Menschen beteiligt sind, parallell dazu später den faschistischen Staat als ein Kunstwerk, an dem alle beteiligt sind. Oder die Novecento-Leute, teilweise. Oder Sironi – und da haben wirs nämlich, oder ich: Sironi als malerischer Chef-Faschist der Bildenden Künste war ein grossartiger Künstler und Maler, Pound ähnlich. Als Kunstkritiker ein scharfer Kritiker der Nazis. Aber der hat nicht nur eine neue, faschistische Repräsentationskunst gefordert, der hat sie auch gemacht. Aber da wird der Kunst-als-Kunst-Gedanke auch auf den Staat und seine ständischen Kollektive ausgedehnt.

    Ad Reinhardt meint den Begriff ja als Amerikaner in anderer historischer Rückbezüglichkeit (Form im Islam, Buddhismus, Romanik, usw. , als internationale abstrakte Tradition) und als Kunstausübung des Einzelnen, u. U. ohne Publikum, ohne Kommunbikation über die eigene Arbeit.
    Ihm gehts auch stark um die Erfahrung, die das Arbeiten selbst im Arbeitenden auslöst, nicht nur um die des Betrachters.
    Mir sehr sympathisch ist sein daraus kommender Begriff des „Gentleman-Künstlers“, den er den Chinesen entlehnt.

    Duchamps Pinkel-Schüssel war auch eine Reaktion auf Kunst-als-Kunst. Er hat ja gesagt, man kann heutzutage auch ein Urinoir ins Museum stellen, als „reine Form“. Der war am Gegenteil interessiert. Von ihm kommen auch Sätze wie: Die reine Malerei als Idee ist uninteressant, und: EIn Titel muss wie eine zusätzliche Farbe sein. „Reine Malerei“ fand der nicht gut, der wollte literarisch sein und auch aussenbezogen, was er ja auch vorgeführt in seinen irre aufwendigen Sachen, an denen er dann in USA zwanzig Jahre verborgen rumgebastelt hat.

    Das Urinoir oder die Flaschenständer sind ja sehr interessante Beispiele „reiner Form“ und Selbstbezüglichkeit, wenn sie ihrem Zweck entzogen werden. Damit sind wir nicht so schnell fertig. Gegenstände funktionieren in sich, das hat mit ihrer „Formensprache“, die aus Haltung und Intention des Urhebers kommt, nichts zu tun. Wenn ich zehn Stühlen unterschiedlicher Formensprache jeweils ein Bein wegnehme, dann sind sie keine Stühle mehr, sondern was anderes. Ihre Formensprache hat sich zwar nicht geändert, aber sie lösen trotzdem eine andere Erfahrung aus, als reine Form.

  17. @ Momorulez
    Ich halte das für sehr bedenkswert, was Du in Deinem letzten Kommentar sagst, und sehe da jetzt gar keine Inkompatibilität (im Sinne von ‚gegenseitigem Ausschluß‘) zu l’art pour l’art.

  18. @ momorulez

    Natürlich muß man zwischen Teilnehmer- und Beobachterperspektive differenzieren, wer widerspräche dem? Ästhetische Erfahrung bzw. Erfahrung des Kunstwerkes (was zugleich ästhetische Kritik einschließt) und ästhetische Praxis sind doch zwei Dinge. Insofern ist es dann auch interessant und vor allem bereichernd, wenn T. Albert hier von seiner Sicht schreibt. Doch häufig stehen diese Fragen der (oder aus der) Produktion dann wieder quer zur ästhetischen Erfahrung und der daran gekoppelten Kritik/Interpretation/Lektüre des Kunstwerkes. Und das ist gar nichts Schlechtes, sondern liegt in der Struktur dieser Objektbereiche. Denn dem Kunstwerk kommt noch einmal eine ganz eigenständige Weise von Gegenständlichkeit zu. Die Wahrheitsfrage entzündet sich da gleichsam an der Frage nach der Wahrheit eines Gemachten.

    Ich verstehe nicht ganz, inwiefern Deine Ausführungen nun dem l‘art pour l‘art entgegenstehen. Gerade die Fragen zur den Masken öffnet da noch einmal ein weites Feld: nämlich das, welches zwischen Kult, Bild und Kunst angesiedelt ist.

    Daß l‘art pour l‘art nicht abschlußhaft und hermetische ohne jedes Draußen und nicht als reiner Selbstzweck des Zwecklosen (auch, aber nicht nur) konzipiert ist, zeigt sich doch an jenem Doppelcharakter des Kunstwerkes, auf den zuletzt Nörgler bei Dir drüben hingewiesen hat, und auch ich betonte dieses Moment zuweilen: Das Kunstwerk ist fait social und autonom.

  19. „Aber da wird der Kunst-als-Kunst-Gedanke auch auf den Staat und seine ständischen Kollektive ausgedehnt.“
    Dagegen steht l’art pour l’art: gegen eine Kunst, die einen Zweck außerhalb ihrer selbst haben soll. Zwar spricht man von Staatskunst (Kochkunst, Kriegskunst, Seefahrerkunst, Liebeskunst, Handwerkskunst), man muß aber, wie Aristoteles sagt, Poiesis und Techne unterscheiden.

  20. Die Struktur ästhetischer Erfahrung, um das noch zu ergänzen, ist dabei komplex: Sie reicht von einem mimetischen, fast präreflexiven Versenken in die Sache bis hin zur rationalen Durchorganisation der Momente im Kunstwerk. Es ist diese Erfahrung nie etwas Vorgefertigtes.

  21. Der Ad Reinhardt-Bezug ist ja völlig richtig. Ich sehe hier aber gar keinen Widerspruch zum l’art pour l’art. Ich muß mal kramen, Reinhardt hat ja auch Texte geschrieben. Diese Bilder, das ist unglaublich. Das hat mich damals erschlagen, als ich das sah, um es etwas mit Emotion behaftet zu formulieren. Dieses Schwarz war genau das Schwarz, von dem ich früher schrieb,so dachte ich es mir zumindest.

  22. @Nörgler:

    Ich will ja auch gar nicht zwanghaft wiedersprechen, sondern mich nur verständlich machen, und es kann schon immer sein, dass ich meinerseits aus diesem Drang heraus dann eben manches nicht verstehe ;-) – das ist tatsächlich gerade fürchterlich ehrlich gewesen, der Satz, das ist charakteristisch für mich. Bin irgendwie so aufgewachsen, tatsächlich nicht verstanden worden zu sein, und habe daraus eine nicht immer dosierte Laustärke entwickelt.

    @bersarin:

    Ich lese euch so, dass ihr diese Fragen durchgängig aus der Beobachterperspektive analysiert und die Perspektive der 1. und 2. Person gar nicht realisiert. Die ja die der Moral auch, nicht nur, ist. Und ästehtische Erfahrung macht ja zuerst der Künstler, und diese Erfahrung selbst ist dann auch Thema der Kritik, wenn man sie als dialogischen, prinzipiell offenen Verstehensprozess begreift. Zudem auch die Gegenständlichkeit z.B. bei Musik ja nicht im selben Sinne wie bei einer Skulptur gegeben ist, und der Künstler wie auch der Rezipient müssen um die Skulptur erst mal rum laufen, um sie zu erfassen und ihre Materialität zu erfahren.

    Das soll jetzt NICHT heißen, das man sich ein Kunstwerk über die Künstlerintention zu erschließen habe, weil ja jeder, der welche macht, weiß, dass er gar nicht wusste, was er mit dem Werk hätte meinen können, bevor er fertig ist. Man kriegt das aber nie ganz auf die Objektseite, weder auf Rezipienten- noch Produzentenseite, und genau das macht ja Formen der afrikanischen Performance Art so spannend, weil sie diese Mehrdimensionalität, auch das Über-Subjektive, thematieren und Erfahrung ziemlich originell verarbeiten.

  23. „… auch das Über-Subjektive, thematieren und Erfahrung ziemlich originell verarbeiten.“ Genau: Und da fängt die Kunst dann an, richtig spannend zu werden.

    1., 2., 3. Person: diese Perspektivierungen fand ich dann bei Tugendhats Vorlesesungen recht spannend. Und das ist auch für die Ästhetik nicht ganz unwichtig, diese Subjekt-Objekt-Sprache-Relationen in den Blick zu nehmen.

    Aus der Beobachterperspektive sehe ich Kunst nun gerade nicht, sondern vielmehr im Sinne des Werkes, das die Augen aufschlägt und blickt.

    (Ich dachte, Du wärst schon beim Fußball und mit einem schönen Astra das Spiel vorbereitend. Ist das noch Aisthesis oder schon Ästhetik? ;-))

  24. Reinhardt nennt das Ding „Kunst-als-Kunst“, nicht „l`art pour l`art“. Worauf ich nur hinweise, weil der französische Begriff in den Augen einiger eine gewisse Färbung durch seine Anwender erhalten hat. „Art-As-Art“ bleibt auch durch „As“ näher am Objekt, das keine kommunikativen Funktionen mehr erfüllen soll. Robert Motherwell bezieht sich teils auf Baudelaire, ja, und entwickelt seine Ideologie des Neuen und Frischen als absolutes, wie es erst Baudelaire ermöglicht habe. Möglich, aber Reinhardt hält das auch für „Leben“, „Botschaft“, „Bedeutung“, „Ziel“.
    Reinhardt, den De Kooning als „Scheisssozialist“ bezeichnet, würde nie eine „Elegy To The Spanish Republic“ malen, wie Motherwell.
    Er will auch nicht, wie Wilde oder so, die Kunst zum Masstab für das Leben machen. Der trennt Kunst und Leben als zwei Sphären. Daraus resultieren aber Form und Struktur.

    Sein Problem ist, dass er weiss, dass er seinen Wunsch nach reiner Kunst nur als Sehnsucht realisieren kann, die nur durch Verneinungen und Ausstreichungen deutlich wird, aber im Objekt und durch das Objekt nicht erfüllt wird, weil wir keine Gegenstände herstellen können, in denen wir keine Bedeutung sehen würden, wie auch immer.
    Drum macht er immer diese sprachlichen (und zeichnerisch-comicartigen) Parallellaktionen.
    Auch im Bildobjekt selbst gibt es solche historisch bezogenen Sicherheitsmassnahmen, als technische Vorkehrungen: die kostbar gemachte, hinfällige Oberfläche, die Profilformung der Rahmung, die konstitutiver Bestandteil des Objekts ist, kein Bilderrahmen.

  25. Ich war selbstverständlich beim Spiel ;-) – ach, was war das schön! Und dieses 1:0 von Charles gehörte schon in den Bereich großer Kunst :-D … wow, was ein Tor! Und einige Astra waren es auch.

    Ich muss mal einen Weg finden, wie ich dieses 1., 2., 3. Person im Rahmen eines Blog-Eintrages pointiert kriege, das ist ja ein Thema für Dissertationen oder Habilitationen und grundlegend auch für das, was T. Albert schreibt und viele unserer Diskussionen. Ich kann das auch gar nicht mehr an einem Autor fest machen, da rotiere ich in einem Patchwork aus Habermas, Tugendhat und Sartre, das auf Foucault und auch Adorno antwortet, und Kant. Mal gucken, ob ich das hin kriege.

  26. Ja, es ist gut gelaufen für Euch, wie ich gelesen habe. Und da (aber auch sonst) sind natürlich einige Astra genau das richtige.

    Wäre ja schön, wenn Du einen Text zur 1., 2., 3. Person machst. Es stimmt auf alle Fälle, daß dies ein Thema für die Dissertation ist. Nein, an einem Autor kann man es sicherlich nicht mehr festmachen; und es ist diese Konstellation ja nicht nur auf den Modus der Intersubjektivität beschränkt. Nietzsches Perspektivismus und Hegel haben da sicherlich auch noch ihren Platz. Ja: ein großes, ein schönes Projekt.

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