„It always rains in Wuppertal“ (3) – Nietzsches Januar

Zum dritten und letzten Male gebe ich in meinem Photoblog Bilder aus Wuppertal. Immer noch regnet es dort, und auch in Berlin regnet es. Oder schneit es hier vielmehr schon? Nein es geht beides zusammen und ineinander über. Die Unterschiede sind nicht leicht auszumachen, wenn ich aus dem Fenster sehe. Der heutige Tag wollte nicht hell werden, mit den brennenden Augen beobachte ich das Altbauhaus auf der anderen Seite der Straße. Ich schaue manchmal abends mit meinem Teleobjektiv in die andere Wohnung hinein, die gegenüber eine Etage tiefer liegt. Seit Tagen schon lebt da, wo früher Mann und Frau gemeinsam wohnten, nur noch der Mann. Selten verläßt er seine Wohnung. Einmal als er eilig aus der Tür trat und aus dem Haus ging, sah er kurz nach oben, zu mir. Ich tat als öffne ich das Fenster, um zu lüften. Und ich wischte mit unwilliger Geste über den Fensterholzschenkel, als ob ich da irgend etwas Unliebsames entfernte.

Die Eckkneipe unten öffnet bereits vormittags. Hier im Viertel trinken das mittelständische (Früh-)Rentner-Publikum und abends dann die Angestellten auf gepflegte Weise ihre Kaltgetränke. Ich war noch nie dort unten; bei denen, wie ich sagen müßte. Denen, das sind die anderen. Für mich sind alle die anderen. Einmal ermahnte mich der Wirt diese Kneipe, weil ich mein Auto quer über mehrere Parkplätze abstellte. So etwas erregt in einem Viertel mit großem Parkplatzmangel und viel Wettbewerb um dieselben natürlich eine gewisse Unruhe. Mein Widerstand gegen die Welt ist subversiv. Ich bin der Partisan im Gebälk des Alltags. „Da ich unverhältnismäßig hohe Steuern zahle“, entgegnete ich dem Wirt, „habe ich ein Recht auf mehrere Parkplätze. Das ist einfach so. Auch brauche ich das zum Entladen.“ Der die Straße gut beobachtende und auch verteidigende Wirt schien böse auf mich zu sein und ging unter dem Ausruf, daß dies ja wohl unglaublich und das allerletzte sei, in den Wirtssalon zurück. Ach, warum hätte ich ihm sagen sollen, daß ich gleich nach dem Entladen wieder fortführe. Ich bin kein Mann der großen Worte. Unsereiner nimmt seine Winchester, sattelt das Pferd und reitet wortlos weiter.

In meinem geliebten Paris photographierte ich vor Jahren nachts von meinem Hotelzimmer aus in die gegenüberliegende Wohnung. Dort stand eine alte Frau in ihrem Kostüm, wie es alte Frauen tragen, breitbeinig mit dem Rücken zu einem Sessel. Sie schaute und sie stand von der Haltung des Körpers her, als ob sie gerade in diesem Moment ihrem Mörder in die Augen schaute, und als fiele sie sogleich hinten über in den Sessel, als wäre dieses Bild, das ich schoß, die letzte ewige Sekunde in ihrem Leben und damit zugleich die letzte Sekunde vor ihrem Tode, die nur ich festgehalten habe. Womöglich war es so. Ich bin hernach zu Bett gegangen und am nächste Tag woanders hingereist. Mein schönes Hotel in einer der kleinen Nebenstraße des Boulevard St. Germains verlassend.

Ich bin vor wie nach und auch nach wie vor krank(-geschrieben). Wenn es an einem vorherigen Tag Besserung gab, zerstiebt die aufkeimende Hoffnung am nächsten, sobald sich die Verschlechterung wieder einfindet wie eine schlechte Gewohnheit. Der Winter ist kein Monat, um gesund zu werden. Es fehlt die Wärme. Aber zuweilen liebe ich sie: diese grauen Häuser und die trüben, schmutzigen Winterstraßen der Stadt, besonders in Mitte oder Kreuzberg, wenn es regnet. Ich muß wieder hinaus und Photographien fertigen.

Den Text zu Derrida verspreche ich und verzögere dieses Versprechen und damit auch den Text, verweise auf die Krankheit und die große Genesung, so wie Nietzsche die Krankheiten in zahlreichen Vorreden zu seinen Büchern (und nicht nur dort) nannte und auf die unterschiedlichen (teils metaphorischen) Felder von Krankheiten anspielt:

„… langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend“ (Geburt d. Tragödie), „Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist nähert sich wieder dem Leben … (Menschliches, Allzumenschliches), „– Aber lassen wir Herrn Nietzsche: was geht es uns an, daß Herr Nietzsche wieder gesund wurde.“ (Die fröhliche Wissenschaft)

Das reichte von der Krankheit des Platonismus bis in hin zu denen der Gegenwart, welche der Zeitdiagnostiker Nietzsche herausstellte. „Des einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des anderen Einsamkeit die Flucht vor den Kranken.“, so heißt es im Dritten Buch des „Zarathustra“. Und noch Nietzsches Zarathustra selbst – es kann nicht anders sein – geht und verkündet nach seiner schweren Krankheit, in der er reglos danieder lag, diesen einen, diesen abgründigsten Gedanken. Wie davon sprechen? Aber der „Zarathustra“ handelt natürlich nicht primär von Krankheit, sondern im Medium poetischen Sprechens wird dort eine Philosophie der Zeit und ein Konzept von Rhetorik vorgeführt, weshalb es nicht ganz verkehrt ist, diesen Text der Philosophie/Literatur als performativ zu bezeichnen.

Nietzsche war einer der ersten Philosophen, die eine Schreibmaschine benutzten.

Ach, solche Dinge fallen einem so nebenbei auf dem Krankenlager ein.

7 Gedanken zu „„It always rains in Wuppertal“ (3) – Nietzsches Januar

  1. Super Text. Aber so langsam bekommt deine Krankheit Castorpsche Dimensionen, was die Dauer angeht. Nochmals gute Besserung.

  2. Vielen Dank. Ja, es ist dieser Virus nicht so angenehm. Auch die Hühnersuppe, die ich mühsam kochte, half nicht. Vielleicht wäre Davos in der Tat ganz gut. Aber ich denke, daß es mir dort auf die Dauer zu kalt ist. Eine Clawdia Chauchat wäre sicherlich nicht verkehrt, könnte aber die Angelegenheit genausogut kompliziert machen. So bleibe ich besser in Berlin.

  3. lieber bersarin,
    auch von mir gute und baldige besserung. ich hatte im letzten sommer zum erste mal in meinem leben eine grippevirus infektion. wohl nicht so schwer, trotz fieberschübe und totalermattung, dauerte insgesamt eine woche und ich blieb neugierug genug, in der selbstbeobachtung auch eine solche hinstreckung noch für interessant zu halten. drei schritte laufen und vor absoluter erschöpfung, als hätte man gerade drei lastwagen gestemmt, in den sessel sinken ist schon ein phänomen.
    sehr geholfen, im sinne von körperlich entspannt, hat mir das inhalieren, wobei ich thymian ins wasser tat. falls bei Ihnen atemwege und rachen betroffen sind empfehle ich thymiantee aufgebrüht mit der schale einer viertel zitrone (bio ist da ratsam), dann leicht abkühlen lassen, zitronensaft und viel honig rein .
    ist alleingenommen auch ein lecker getränk, und gibt überraschend viel energie. man sollte dann nur darauf achten, sich nicht gleich wieder in enthuisastisch geplanten vorhaben zu verausgaben.
    auch wenn das jetzt lapidar erscheint, am wertvollsten war für mich die erfahrung, dass einen bestimmte krankheiten ganz unvorbereitet, ohne ersichtlichen grund, fast unwillkürlich, erwischen können.
    noch am abend zuvor hab ich im garten meiner großeltern munter feigen gepflückt. einer der bäume hatte einen pilzbefall, die nah drumrumstehenden nicht. ich habe kurz darüber nachgedacht, ob die esotherische haltung, bei physischer krankheit ein vorausgehendes psychisches ungleichgewicht anzunehmen, in diesem fall nicht auch von einer labilen mentalen verfasstheit dieses eines baumes auszugehen hätte.
    (baum x: „mühsam ist das wachsen so , das süße wasser rar, täglich brennt die sonne mir ins blätterhaupt, tag ein tag aus das selbe gewimmel um mich, an mir, und die vom wind bewegten fündfästler reißen mir so oft die früchte weg, die noch einige tage hätten reifen müssen. unliebsam ist das. und wie soll man nur gedeihen in dieser brachen einöde, umringt von stoisch ignoranten lichtereiferern
    baum y: “ mach dich locker, tini, am ende raffts uns alle weg, genieß die gunst der stunde und freu dich am geträller der finken.
    baum x: unhold ist alles, ich hör nur die hundescharen heulen, die mir des nachts die zweige brechen.)
    usw. das war zwar lustig vorzustellen, aber ich hielt fest, das manche krankheit einen einfach überkommen kann. das diesselbst eben mir gerade am darauffolgenden tag widerfähren ist, gab wiederum anstoss zu der überlegung, ob einsicht der erfahrung weg bereitet.
    wie dem auch sei. ich hoffe, Sie gesunden bald, und finden wieder zeit und muße für schöneres als kranksein.
    mit bestem gruß,
    lyra.

  4. Lass dich von Clawdia dazu verleiten, dauerhaft krank zu bleiben und genieße ihre Sinnlichkeit. Eine angenehme Form von Verantwortungsabgabe. Und sie soll die Hühnersuppe kochen. Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß.

  5. Ich danke sehr für die guten Wünsche. Nein, die Atemwege sind nicht betroffen. Es handelt sich um eine Virusinfektion (Epstein-Barr). Langsam wird es jedoch besser. Kann aber auch sein, daß morgen wieder alles anders und wie vorher ist. Egal. Den Thymian-Tee werde ich trotzdem probieren. Belebung ist für mich gut.

    Ja, die Sinnlichkeit genieße ich gerne. Aber die Erschöpfungszustände sind auf Dauer doch nicht so schön. Die Hühnersuppe koche ich allerdings lieber selbst. Ich habe nicht so viel Zutrauen in kochende Frauen. Und bei Clawdia denke ich, daß das Kochen da gänzlich mißlingt. Inzwischen kann ich Hühnersuppe bzw. Hühncheneintopf aber nicht mehr sehen. Na ja, einen Crayon muß ich der Mme noch zurückbringen. Dies sollte nicht aufgeschoben werden. Trotz Schwäche.

    Zur Aufheiterung werde ich mir am Wochenende eine schöne Zitronenschaumcreme (natürlich nicht aus der Tüte) oder leckere crème brûlée zubereiten.

    Oder ob den Virus am Ende doch nur ein guter Whisky besiegen wird? Ich weiß es nicht. Vom Wein zumindest muß ich mich fernhalten, was schade ist. Aber es kommen ja bessere Tage. So sagt man.

  6. Auch tolle Fotos sollten bei Krankheit helfen ~

    Die Bilder in diesem „Wuppertal“-Stream gefallen mir wieder ausgemacht gut ~ ein Schmaus für Augen und Sinne ~~

    Gute Besserung wünsche ich ~~~

  7. Vielen Dank für die guten Wünsche. Wobei ich mit dem Beisatz „ein Schmaus für Augen und Sinne“ aus vielfachen Gründen nicht ganz einverstanden bin.

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