Fashion Week in Berlin

Der Titel sei auf Englisch zu lesen, oder besser noch: Auf Amerikanisch! Angesichts dessen, daß wir uns in der tollen Stadt Berlin befinden, wo es Musik und Trends hinzieht, und wo die Modewoche mit „Fashion Week Berlin“ sowie „Bread and Butter“ (Flughafen Tempelhof) ihren Höhepunkt erreicht, ich allerdings zu dünne Models, aber auch schlecht gekleidete Menschen häufig nicht leiden mag, und vor allem deshalb, weil dieser Blog stilbildend unter den Menschen wirken möchte, zeige ich heute Modetrends aus den USA. Wie immer sind dieses Land und seine Menschen ihrer Zeit weit voraus und zu Erstaunlichem fähig. So wie hier zum Beispiel:

Seien Sie stark und tapfer, nehmen Sie sich die Zeit und hören Sie bis zum Ende. Schauen Sie auf das Publikum und auf die Protagonisten! Wichtig ist es dabei, sich beim Betrachten des Videos von den Bildern inspirieren zu lassen. Keine Band der Welt wirkte derart auf die Welt der Mode. Danach ab in die Schönhauser, nach Mitte oder Kreuzberg in die einschlägigen Geschäfte. Lebst Du noch oder kleidest Du dich schon?

Aber lassen wir zum Schluß ein wenig Baudelaire sprechen, damit durch das Video kein Unbehagen oder schaler Nachgeschmack verbleibt:

„Das Schöne besteht aus einem ewigen, unveränderlichen Element, dessen Anteil außerordentlich schwierig zu bestimmten ist, und einem relativen, von den Umständen abhängigen Element, das, wenn man so will, eins ums andere oder insgesamt, die Epoche, die Mode, die Moral, der Leidenschaft sein wird. Ohne dieses zweite Element, das wie der unterhaltende, den Gaumen kitzelnde und die Speiselust reizende Überzug des göttlichen Kuchens ist, wäre das erste Element unverdaulich, unbestimmbar, der menschlichen Natur unangepaßt und unangemessen. Ich bezweifle, daß sich irgendein Probestück des Schönen auffinden läßt, das nicht diese beiden Elemente enthält.“ (Baudelaire, Der Maler des modernen Lebens, in: Sämtliche Werke, Bd. 5, S. 215)

Die Mode muß deshalb als ein Zeichen für das Streben nach dem Ideal gelten, das im menschlichen Gehirn alles überdauert, was das natürliche Leben dort an Grobem, Irdischem und Schmutzi­gem anhäuft, als eine erhabene Deformation der Natur, oder viel­mehr als ein dauernder und wiederholter Versuch, die Natur zu­rechtzubringen. So hat man denn auch verständlicherweise darauf hingewiesen (ohne den Grund dafür zu entdecken), daß alle Mo­den reizvoll sind, das heißt relativ reizvoll, jede als eine mehr oder minder gelungene erneute Anstrengung auf das Schöne hin, eine jeweilige Annäherung an ein Ideal, dem nachzutrachten den unbe­friedigten menschlichen Geist ein unaufhörlicher Kitzel treibt. Doch man soll die Moden, wenn man sie recht genießen will, nicht wie abgestorbene Dinge betrachten; ebensogut könnte man den Kleiderplunder bewundern, der schlaff und reglos wie die Haut des heiligen Bartholomäus beim Trödler im Schrank hängt. Man muß sie sich verlebendigt vorstellen, zum Leben erweckt durch die schönen Frauen, die sie einmal trugen. Nur dann wird man begrei­fen, wozu sie dienten und was sie bedeuteten. Sollte demnach der Aphorismus: Alle Moden sind reizvoll, in seiner Unbedingtheit Widerspruch erregen, so sage man, und man wird sicher sein dür­fen, sich nicht zu täuschen: Alle Moden waren berechtigterweise einmal bezaubernd. (dgl. S. 249)

„Die besondere Schönheit des Dandy liegt vor allem in dem Ausdruck der Kälte, der dem unerschütterlichen Entschluß entstammt, sich nicht rühren zu lassen; als glimme da ein Feuer, das sich höchstens andeutet, das zwar auflodern könnte, sich dessen jedoch enthält.“ (dgl. S. 245)

In einem etwas anderen Zusammenhang als dem der Mode, nämlich in bezug auf einen Begriff von „zeitloser Wahrheit“ und dessen Kritik schreibt Walter Benjamin in seinem „Passagenwerk“:

„… daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee.“ (GS V, S. 578)

10 Gedanken zu „Fashion Week in Berlin

  1. Vielen Dank dass Sie diese historische Aufnahme von der Kelly Family für uns ausgegraben haben. Welche Demut, welche Minne. Schade nur, dass Weihnachten schon vorbei ist. Ihre Referenzen auf das Schöne und Modische kann ich nicht verstehen, geht es doch in diesem Lied nur um tief empfundenen Schmerz und einen Weg diesen zuzulassen. Wie Sie wissen, haben die Kellies „Amazing Grace“ auch bei der Beerdigung Ihrer Mutter Barbara vorgetragen, da bleibt kein Auge trocken.

    Übrigens bevorzuge ich ebenfalls mollige Models, zumindest in Bezug auf erotische Aspekte, denn wer möchte sich schon an einem Gerippe abarbeiten. Ein schlanker, durchtrainierter Männerkörper und ein molliges, vollbusiges Weib – so soll es sein. Leider bin ich selber eher der mollige, vollbusige Typ.

  2. Dank auch von mir! Dieses Video zeigt, was Kulturindustrie vermag!
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    Was ich jedoch an der „Kelly Family“ immer mochte, ist der Umstand, dass es sich um einen anarchisch zusammengevögelten Haufen handelt, mit Kindern unklarster Herkünfte, entstammend den Katakomben dunkler Leidenschaft.

  3. (Ach, check das jetzt erst beim Lesen der Kommentare, Kelly Family! Es sei irgendeine amerikanische evangelikale Veranstaltung, dachte ich zuerst.)

    Absolut irre, atemberaubend und durch und durch professionell! Ehrlich, das hat was, nein, das ist cool. supercool. Sauberes Timing, lupenreine Glissandi und echt amrerikanisch. Der heimliche aber der wahre Ursprung des Pop, besser des Superpop, die Hymne, das alles mit absolutem Ernst vorgetragen und zugleich Totaltrash, ein Ulk, die ganz, wirklich, die ganz ganz großen Gefühle. Nur die kleine tat mir im ersten Moment leid. Aber, David Bowie hat´s vorgemacht, “ … can be heroes, just for one day“, das Überwältigt-Werden von eignen Berührt-Sein, die Fassung verlieren und es dennoch hinauszuschreien, und, meine Bewunderung ist grenzenlos, selbst das bringt sie noch 100 %ig kalkuliert und vorexerziert. Da komm ich nicht mehr mit, und kenne kein Mitleid mehr. DAS nenne ich Pop. Das IST der ’nichtendenwollende Western‘. Pop hat die ‚Kraft zum Mythos‘, um an dieser Stelle Nick Cohn.(aus der Erinnerung) zu zitieren. Was ist es dagegen für eine schamlose Unverfrohrenheit, sich „Wir sind Helden“ zu nennen, die Kelly Family zeigt wie man´s macht!

  4. Na ja, die sehen aus wie die Amish-People, die in der Altkleidersammlung wühlten.

    Ob da wohl auch ein Stück Bewunderung für den Betreiber dieses Blogs abfällt, der das superbe Fundstück ausgrub?

    Schade, daß niemand meine Baudelaire-Zitate würdigt. Andererseits ist man von diesem Blog ja nichts anderes gewohnt als die gleichbleibende Qualität: Mag es Stürmen oder Schneien, mag die Gorch Fock auch untergehen: Wir bleiben!

  5. fühle mich mal ungefragt angesprochen, bersarin (und sorry, hab ja am Thema vorbeigeschrieben).

    Natürlich: Danke! Gib mir meine tägliche profane Erleuchtung, komme aus dem Staunen gar nicht wieder heraus, und viele Grüße, yrs, ziggev.

  6. Nein, ist schon ok. Du kannst und darfst ja schreiben, wie Du es magst. War auch eher ironisch gemeint, der Kommentar von mir.

  7. Ich würdige! Die Baudelaire-Zitate! Wiewohl ich dem Auftritt der Kellys meinen Respekt nicht versagen kann. Ich sah sie in den frühen 80ern noch in der Fußgängerzone, bevor die Medien sie entdeckten, hypten und fallen ließen. An ihnen wird sichtbar, was die Kehrseite jenes – auch unter Intellektuellen verbreiteten – Affektes gegen die Mode(-Industrie) ist. Eine wertvolle (Ein-)Sicht.

    Jahrelang schwebte mir, vor einen Roman über Beau Brummel zu schreiben. Freund J. (der eine einzigartige Weise hatte, sich das Haar aus der Stirn zu streichen) schenkte mir „Über das Dandytum“ von Jules Barbey d’Aurevilly. Was die Kritiker der Oberflächlichkeit immer vergessen, ist, die Anstrengung, die der Dandy auf sich nimmt, um seine Erhabenheit aufrecht zu erhalten. Und alles kommt darauf an, sich diese Anstrengung niemals anmerken zu lassen. Ein Artist auf dem Hochseil, lächelnd. Und wie die meisten Artisten: melancholisch. So gestehe ich: Ich bin ein Fashion Victim (http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2010/08/fashion-victim.html)

  8. Oh, vielen Dank. d’Aurevilly steht bei mir auf der Bücherkaufliste, u.a. auch das Dandy-Buch. Im Schrank harrt noch ungelesen Max Beerbohm „Dandys“ (bei Haffmans erschienen) Huysman natürlich nicht zu vergessen und die großartigen Texte Benjamins im Passagenwerk und vor allem in seinen Baudelaire-Studien. Soviel zur Empfehlung.

    (Was Du zum Dandy schreibst, ist vollkommen richtig.)

    Ob ein Paar Schuhe aber ausreicht zum Fashin Victim? ich hoffe andererseits, daß Du nicht so veranlagt bist, wie die Witwe des philippinischen Dikatators Imelda Marcos, die eine unendliche Schuhsammlung besaß und wohl noch besitzt. Schöne Photographie aber.

  9. Ein paar Schuhe reicht sicher nicht. Eine Passion wie die Imelda Marcos kann ich mir aber schlicht nicht leisten. Mein Opfer-Gang ereignet sich eher vereinzelt, überfallsartig, auf ein Objekt gerichtet. Ist das in Besitz gebracht, ebbt die Leidenschaft ab.
    (Allerdings habe ich schon mehr Paar Schuhe als die meisten Männer, die das einfach nicht begreifen, das praktisch jedes Kleid ein spezielles Paar, passend in Form, Höhe, Farbton erfordern würde – wenn man das nötige Geld dazu hätte…)

  10. So ist es: jedes Kleid, jede Kombination von Elementen erfordert passende Schuhe. Insofern verstehe ich Dich da sehr gut. Ja, so etwas hakt dann am Geld, dem „annihilierendsten Signifikanten“ wie Lacan wußte. Ich selber bin leider zu faul und habe zu wenig Zeit, mich für myself mit Mode intensiv zu beschäftigen. Ich gehe zuweilen aber gerne in Geschäfte. (Ich dürfe das eigentlich gar nicht schreiben, denn wenn Frau Fünfeinhalb diese Sätze liest, werde ich demnächst durch sämtliche Geschäfte Berlins, vom Kudamm bis nach Mitte und weiter nach Kreuzberg geschleppt. Alles natürlich an einem Tag. Will ich hingegen einen schönen ausgedehnten Spaziergang (in zügigem Schritt, nicht schlendernd) machen, eignen sich die vorher doch eigentlich trefflichen, bequemen Schuhe, auf denen drei Stunden durch Berlin geshoppt wurde, plötzlich gar nicht mehr. Aber das sind andere Geschichten.)

    Ich selber trage am liebsten beige, eierschalenfarbene (NICHT WEISSE) Hosen bzw. Jeans, dazu schwarzes Hemd und schwarze Lederjacke; bei Bedarf auch Jackett . Im Sommer gerne mit Sonnenbrille gepaart. Das macht die Angelegenheit einfach. Schwierig ist es lediglich, die passende Hosen zu finden. Solche in dem Farbton, wie ich sie mir vorstelle, gibt es kaum. Das meiste ist weiß und sieht scheußlich aus. Wer hier Tips hat, wo man kaufen kann, der möge schreiben. Gleiches gilt für Lederjacken: Schwierig, die richtige zu erwerben.

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