„It always rains in Wuppertal“ (2) – Seltsamkeiten, Enthüllungen und Verhüllungen

Wieder gibt es hier einige Photographien von Wuppertal zu sehen; es ist der zweite Teil der Serie. Damit die Angelegenheit aber nicht im Sakralen verbleibt, wird – ganz trinitätisch oder schlicht im Dreiklang – in der nächsten Woche auch ein dritter (und letzter) Teil der Bildserie geboten, welcher dem Betrachter die weltlichen Dinge der Stadt zeigt. Freuen Sie sich also an und auf Wuppertal.

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Seltsam bis verschroben geht es manchmal bei den Sammlern zu. Das Gemälde „Frühlingsstimmung bei Vétheuil“ (1880) von Claude Monet ist seit dem 19.1.2011 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Eine ältere Frau schenkte es dem Museum und bewahrte das Bild aus Angst vor Dieben jahrelang auf dem Dachboden in einer Pappschachtel auf, so berichteten gestern verschiedene Zeitungen. Das Museum erhielt dieses Bild allerdings mit der Auflage, daß es erst nach dem Tod der Frau ausgestellt werden dürfe.

Dies ist eine Geschichte, wie sie angesichts ihrer Skurrilität in dem Band „Der Stimmenimitator“ von Th. Bernhard enthalten sein könnte. Warum macht eine Frau das mit einem solchen Bild? Geht sie von Zeit zu Zeit heimlich auf den Dachboden, schaut versunken auf dieses wunderbare Landschaft? Anstatt sich diese Szenerie jeden Tag im Wohnzimmer, im Salon oder wo auch immer anzusehen. Aber im Entzug oder in der Verhüllung, die selber zum Fetisch zu werden vermag, steckt bekanntlich der höchste Genuß, und das Begehren entfacht sich vollständig in der Abwesenheit der geliebten Objekts, welches zuweilen auch ein Subjekt sein kann. Nur was man nicht ganz besitzt, läßt sich rein genießen. Erwarten Sie, liebe Leserinnen und Leser, hier und an dieser Stelle jedoch keinen großartigen Text zum Verhältnis von Begehren, Subjekt, Objekt und Entzug. Es fällt mit nichts ein, denn ich bin ausgebrannt und leer.

Im Zweifelsfalle reicht es, wenn Sie ein wenig bei Lacan nachlesen. Ich habe das ein kleines Studium lang auch gemacht, und warum soll ich Ihnen immerzu die Arbeit des Begriffes abnehmen? Na ja, das mit dem Lacanlesen sagt sich so leicht und unbeschwert dahin, denn dort werden diese Begriffe ziemlich komplex, und auf verschlungenen Wegen gar, entfaltet.

Auch biographisch trifft man bei Lacan auf ein skurriles Moment. Er ersteigerte zusammen mit seiner Frau Sylvia Bataille Gustav Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ für seine Wohnung. Lacan versteckte Courbets Gemälde bekanntlich auf eigenwillige Weise. Wenn Leserin oder Leser auf den Link gehen, werden sie sehen, was ich meine. Vorher mit dem Kursor das Bild „berühren“. Der Rest ist selbstevident.

Zu Lacan heißt es bei „Welt-Online“

„Als einer der führenden Psychoanalytiker Frankreichs konzentrierte sich Lacan bei seiner Neuinterpretation Freuds vor allem auf die erotische Sublimation. Dabei spielten Scham und Enthüllung eine zentrale Rolle.

Auch Lacan verhüllte Courbets ‚L’Origine du monde‘, wie ein Besucher berichtete: ‚Rechts vom Flur, in einem schweren Goldrahmen, hing eine abstrakte Arbeit von Masson, breite Pinselstriche auf dunklem Grund. Und dann sagte Lacan, er sprach mich überhaupt zum ersten Mal an: ‚Jetzt zeige ich Ihnen etwas Außergewöhnliches.‘

Der Masson war auf einer dünnen Platte aufgebracht, die aus dem Rahmen glitt und eine detaillierte, wunderbar ausgeführte Nahaufnahme von den Genitalien einer prallen, fast beleibten Frau zeigte.‘ Massons ‚cache sexe‘ war mit weißer Farbe auf braunen Grund gemalt und stilisierte in einer an japanische Kalligrafie erinnernden Pinselführung die Formen des Körpers zu einer Art Seerosenlandschaft.

Für Lacan definierte gerade die Verhüllung, der Vorhang, die Ikonografie dieser Arbeit. Der Vorhang, die Tarnung, die ablenkende Ersatzleinwand, das verschämte Verstecken gehört für ihn untrennbar zum Werk. Lacan schreibt: ‚Die Abdeckung, der Vorhang ist immer noch die beste Möglichkeit, uns in die Lage zu versetzen, die fundamentale Situation der Liebe zu imaginieren.‘

Der Vorhang steht wie die Bekleidung des nackten Körpers nicht nur für Scham, sondern – in der Entkleidung, der Enthüllung, der Befreiung – auch für Schamlosigkeit. Er ist Teil des erotischen Spiels.

Der Vorhang minimiert die Sexualisierung des Motivs nicht, er verstärkt sie. Dessen war sich auch schon der erste Besitzer des Bildes, Khalil Bey, genauestens bewusst. Er führte ja das Verhüllungsmotiv als untrennbaren Teil der Inszenierung der Arbeit ein.“

(Sehen wir davon ab, daß dieser Text, so scheint es, von Mathias Döpfner stammt. Auch Widerlinge, die ansonsten unter ihrem Dache „Zeitungen“ wie Bild auf den Markt schmeißen, können also den Anschein des Kunstsinnigen erwecken.)

Zum Aspekt der Verhüllung, zur An- und Abwesenheit möchte ich auf Lacans Text „Das Seminar über E.A. Poes ‚Der entwendete Brief‘“ hinweisen, wo es um diese Struktur von Verbergen und Verhüllen sowie Subjekt und Anderes aber auch um die Frage geht, wie man in der Illusion wahrhaft täuschen kann bzw. inwiefern in der Täuschung eben das Moment der Wahrheit sich „verbirgt“. Es handelt sich jedoch, wie bei allen Texten Lacans, um einen schwierigen Aufsatz. Diese Schwierigkeit beim Lesen von Lacan schuldet sich nicht nur einem Manierismus, sondern hat eine gleichsam therapeutische Motivation. Foucault sagte dazu in einem Interview:

„Ich glaube, Lacans Schriften sind deshalb hermetisch, weil er wollte, dass man sich seine Ideen nicht einfach nur ‚bewußt macht‘. Er wollte, dass der Leser sich in der Lektüre selbat als Subjekt des Begehrens entdeckt. Lacan wollte, dass die Dunkelheit seiner Ecrits so komplex wie das Subjekt und die zum Verständnis erforderliche Arbeit eine Arbeit an sich selbst sei.“ (Foucault, Dits et Ecrits, IV, S. 249)

So, nun war heute also doch wieder Bildungstag bei Bersarin. Demnext dann, nach wiederhergestellter Gesundheit, geht es, wie angekündigt, über zur Lektüre Derridas.

9 Gedanken zu „„It always rains in Wuppertal“ (2) – Seltsamkeiten, Enthüllungen und Verhüllungen

  1. In dem Bild „Brieflesendes Mädchen am Fenster“ malt Vermeer einen aufgezogenen Vorhang, der immerhin die gesamte Höhe und etwa ein Viertel der Breite des Gemäldes einnimmt. Hierbei befindet sich der Vorhang jedoch vor der Bildebene, dh, er ist nicht Bestandteil der dargestellten Szenerie. Er ist gemalt als Vorhang, der vor das Bild gezogen werden kann, um es zu verhüllen.

    Der Vorhang gehört zum Bild und er gehört nicht dazu. Wenn mal wieder ein Troglodyt banausentriumphisch fragt, was ist denn Kunst, dann sagt man: „Das!“
    Zumal die tieferen Geheimnissse dieses Bildes erst dahinter beginnen. Die Raumperspektive stimmt nicht, aber Vermeer malt es kalkuliert so, dass es aussieht, als ob sie stimmt. Dem wurde in Dresden aufwendig mit IT-Unterstützung (CAD) nachgerechnet. Vermeer erzeugt einen real-irrealen Raum, buchstäblich einen Kunst-Raum – ausreichend um jegliches gegen L’art pour l’art gerichtete Gequengel verdampfen zu lassen.

    Auch der Erotik-Content kommt nicht zu kurz: Der Faltenwurf des Bettes, und dass da überhaupt eins steht, sowie die – zumal noch teils vaginal geformten/aufgeplatzten – Früchte lassen keinen Zweifel daran, welche Art von Brief die Dame liest.
    Als ich das Bild in einer Vermeer-Ausstellung betrachtete, kam eine Reisegruppe älterer Herrschaften herein, überwiegend kunstsinnige Frauen. Die junge Dame, die die Gruppe führte, sprach ohne weitere Begründung von einem Liebesbrief. Das rief Widerspruch hervor; man fürchtete um die Reinheit der Kunst. Ich mischte mich ein und erläuterte, warum das eindeutig ist. Eine aus der Gruppe heftig: „Aber der Brief könnte doch auch von ihrem Vater sein!“ Ich: „Oh, gnädige Frau, das wollen wir aber nicht hoffen, dass der Brief von ihrem Vater ist.“

  2. Es gibt Kommentare, denen kann man nichts hinzufügen. Man müßte sie als eigenen Beitrag in den Blog stellen. Dieser Kommentar gehört dazu. Ich schreibe diese wenigen Sätze aber nicht, um gönnerhaft Lob auszusprechen, sondern um anzuzeigen, daß ich über den letzten Satz seit zehn Minuten lache, weil er es auf den Punkt bringt. (Und dieses Lachen trägt zu meiner Genesung bei.)

  3. Vermeers Vorhang ist ein echter. Der Springer-Presse-Artikel findet „Erotik“ toll, du lieber Himmel, ist das aufregend, Lacan und Khalil Bey und ihr Verhüllungsmotiv als „untrennbarer Teil“ der Inszenierung der Arbeit.
    Ist jetzt auch ein erotisierender Vorhang vor dem Bild? Abbildungen kenne ich nur ohne „Verjüllung“.
    Und auch wenn es sich um Lacan und Masson handelt, die da surrealistisch-tautologisch handelten – dieser Naturalismus ist ja vielleicht einfach nur unerträglich und Courbets Titel an der Arbeit nur Verschleierung seines eigentlichen Interesses, immerhin Verschleierung. ich mein, der Courbet war ja ein recht grober Klotz. Aber nicht schlüpfrig, wie sein Bild auch nicht ohne „untrennbare“ Teile.

  4. @ T. Albert

    Ich verstehe zwar nicht, worauf Dein Kommentar hinaus will, aber das ist nicht weiter schlimm, denn auch mein Text ist einer, der um das kleine Nichts herum geschrieben wurde.

  5. Ach, worauf will ich hinaus? Khalil Bey gibt beim Spezialisten Courbet ein Schlafzimmerbild in Auftrag, um es mal so auszudrücken. Schlafzimmerbilder, die die ganze Frau nackt zeigen, wurden in der italienischen Renaissance erfunden, und sie konnten recht feinsinnig sein, siehe Tizian, auch wegen der vom eigentlich gemeinten ablenken sollenden mythologischen Geschichtchen, in die der Akt eingebettet wurde. Jeder wusste aber doch, um was es ging, auch wenn wir diese Privatpornographien heute im Museum ansehen können.
    Courbet zeigt, was der Photoapparat ermöglicht, nämlich nicht mehr die ganze Frau, sondern nur noch das dem pornographischen, objektiven Objektivblick wichtige an ihr. Klar, jetzt muss man das Ergebnis dieses eingeschränkten, naturalistischen Blickes irgendwie legitimieren und beschreibt es metaphysisch mit diesem lustigen Titel vom Ursprung.
    So weit so, so gut. Ich denke, Herrn Khalils Gründe für diesen Auftrag waren relativ einfacher Natur, aber als kultivierter Mann plakatiert er das Bild natürlich nicht für jedermann sichtbar an die Wand seines Salons. Die Odalisken der Renaissance hingen auch nicht in den Salons.
    Jetzt kommt aber diese ganze artistische Verhüllungsgeschichte von Lacan und Masson und ihre Springer-Rezeption, und das finde ich in seiner Spiessigkeit alles schwerlich überbietbar, weil ich so ein einfacher Mensch bin. Das folgt ja alles reiner Logik des Zeigens, es geht ja nicht um das Verhüllen oder Verbergen oder Durchstreichen, und das ist es, was mich nervt. Der Altwarenhändler, der das Mösenbild an Frau Bataille verkauft hat, hatte es als Bückware in einem Kistchen, das er öffnen musste, naja, das war ja das interessante für die Kundschaft, das die Bückware eben Bückware war, und ihre Illegalität spornte manchen Surrealisten in seinem Interesse mächtig an, bloss diese „Verhüllungslogik“ bleibt eben doch recht einfach und braucht kunsthistorische Mystifizierung; wir könnten auch sagen, dass Pornographie in unserem kulturellen Zusammenhang Kunst ist, dass es kein Privates gibt, wir aber im Wissen um Anderes das immer noch nicht zugeben wollen, und darum diese ewigen angeblichen Verhüllungen benutzen. Selbst das kuturelle Gewissen wird funktionalisiert, um das Zeigen in jedem Fall zu ermöglichen.

    (Wer sich mal privat in gelebter Hochkultur aufgehalten hat, weiss vielleicht, was Verhüllen bedeuten kann. Aber das ist ein anderes Gespräch.)

  6. @ T. Albert

    In meinem Text versuchte ich, einen Kokon der Assonanzen und Assoziationen um die Geschichte(n) von Enthüllung und Verhüllung, vom Ent- und Verbergen zu spinnen, weniger analytisch, als vielmehr frei flottierend, weniger um die Rezeptionsgeschichte dieses Bildes zu entschlüsseln, als vielmehr, um dieses beeindruckende Bild von Courbet anzuzitieren und in einen Rahmen zu stellen, der nicht der des Bildes ist. Der Text diente zugleich dazu eine Passage, und sei es nur um ein geringes, zum Poststrukturalismus zu öffnen. Insofern ist der Name Lacan – als Eigenname – nicht ganz zufällig gewählt und nicht nur assoziiert, sondern diente (auch) als pars pro toto.

    Betriebe ich diesen Blog professionell und verdiente damit mein Geld, dann fiele meine Recherche sicherlich besser und gründlicher aus, weil ich dann mehr Zeit gehabt hätte, weitere Assoziationsräume zu öffnen. Ich ginge in Bibliotheken und suchte mir die passenden Texte heraus. Machte Photographien von verschiedenen Fetischen, auch Erotisches/Pornographisches, stellte dies in einen Zusammenhang mit Texten; ich bearbeitete zunächst die Bücher von H. Böhme und K.-H. Kohl zum Thema „Fetisch“. (Denn dieser kann im erotischen Kontext u. a. ein Gegenstand sein, der etwas verhüllt.) Also müßte ich auch Freud hinzunehmen. Ich führe auf Kosten der Blogredaktion bspw. nach Rom, Paris und Madrid, um mir einige weitere Gemälde anzusehen und mich anregen zu lassen. Leider ist dies alles nicht so, und übrig bleiben Textskizzen.

    Wer dieses Doppel von Verborgen/Offen auf der literarischen Ebene möchte, der lese Poes Story „The purloined letter“/„La lettre volée“/„Der entwendete Brief“. Man kann auch andere Texte nehmen.

    Da es zu jener Zeit die Photographie bereits gab, stellt sich die Frage, warum Khalil Bey sich keine solche bestellte, sondern ein Gemälde. Wahrscheinlich weil Gemälde kultivierter wirken. Zeigbar war solches zu jener Zeit dennoch nicht. Dies ist freilich eine andere Sache, die ich auch nicht zusammen mit Herrn Döpfner klären wollte. Die Geschichte vom „Ursprung der Welt ist sicher auch eine Geschichte der Scham. Was Döpfner daraus macht, ist Journalismus.

    Diese Rezeptionsgeschichte verbarg sich dann in er Tat hinter dem Springer-Link, der mich ansonsten nicht weiter interessiert, weil der Text (für mich) unerheblich ist. Der Springer-Text interessierte mich einzig deshalb, weil er komprimiert darstellte, wie es sich mit dem Bild und mit Lacan verhielt. Ansonsten handelt es sich bei diesem Text, wie schon angedeutet, um kunstsinnige Scheiße. Gerne füge ich aber ein „Kauft keine Zeitungen von Springer“ nach und teile mit, daß ich dies auch nie tat und vor langer Zeit sogar an einer Blockade des Springer-Gebäudes teilnahm. Diese verlief (zum Glück) gewalttätig, was sich gut auf meine Photosammlung auswirkte. (Eine lange, eine andere Geschichte.) Ich habe ansonsten diesen Döpfner-Text lediglich überflogen. Mit der Struktur von Verhüllung/Enthüllung speziell bei Lacan und noch allgemeiner im Hinblick auf Philosophie hat dieser Text gar nichts zu tun.

    Wieweit Lacans Verhalten spießig ist, entzieht sich meiner Kenntnis, weil ich Lacan nicht mehr persönlich kennengelernt habe. Ich las lediglich einige seiner Texte. Aber ich tröste mich damit, daß die meisten Menschen relativ spießig sind, wenn man sie dann privat kennenlernt.

    Pornographie ist zuweilen Kunst und zuweilen ist sie es nicht. Die Frage wäre ja einmal interessant, wie sich das gruppiert. Diese Verhüllung/Enthüllung ist nun aber nicht bloß kunstgeschichtlich interessant – diese Aspekte spielten hier lediglich bei –, sondern generell auf eine Struktur innerhalb der Philosophie und speziell der Subjektkonstitution hin, die nicht mehr nur über eine Logik der Anerkennung und des Dialogischen funktioniert. Deshalb eben der Verweis auf den Text von Lacan, worin es nicht um Kunstgeschichte geht, sondern – vordergründig – um Literatur und tiefer um das Verhältnis von Symbolischem und Imaginärem.

    Die Lacan-Lektüre können wir leider nicht vertiefen, weil sich dies nicht nebenbei machen läßt. Die Lektüre Lacans ist wie die Psychoanalyse: Das muß über die Jahre wachsten.

    Die Verhüllungen innerhalb sogenannter, selbsternannter Hochkulturen gäbe in der Tat ein weiteres Gespräch.

  7. „Die Verhüllungen innerhalb sogenannter, selbsternannter Hochkulturen gäbe in der Tat ein weiteres Gespräch.“

    Nur ich nenne jetzt die „persische“ Kultur, auf die ich mich beziehe, Hochkultur, unabhängig von ihrer Selbsternennung durch einige Kreise, die was anderes damit meinen. Ich denke ein bisschen dabei an den Ausdruck von der „gelungenen Kultur“, den Adorno mal kurz in den „Minima Moralia“ bringt.
    Tatsächlich habe ich von der ganzen Psychoanalyse bezogen auf Kunstwerke keine Ahnung. Vielleicht wehre ich mich auch etwas dagegen, wenn ein psychoanalytischer Ansatz auf alles mögliche angewandt wird, anstatt, im kunstgeschichtlichen und praktischen Zusammenhang gesehen, eine surrealistische Strategie zu bleiben. Die hat dann aber, wie ich immer im Vergleich mit anderen Schulen finde, ihre tiefenspiessigen psychischen Anteile, mit denen sie „spielt“ und hier lässt sich Psychoanalyse vielleicht schön anwenden und darum sind Surrealismus und Psychonalyse so geschwisterlich zueinander. So verstehe ich Breton, Ernst, Dali, Aragon.

    Was Lacan und Masson mit dem Courbet-Bild machen, ist ja nichts weiter, als es sozusagen zu surrealisieren. Sie belassen es eben nicht so, wie es ist, obwohl es diesen Titel trägt, der es eh schon surrealisiert, vielleicht auch ironisiert, was ja Courbet zuzutrauen wäre.
    Und jetzt kommt in der Geschichte, die Döpfner zitiert, der des Besuchers bei Lacan, der unvermeidliche Zeigegestus; darauf beziehe ich mich mit meinem Spiesser-Vorwurf, obwohl ich Lacan nicht persönlich kannte, leider auch Masson nicht.

    Das Bild an sich kann man noch ganz anders besprechen, es spielt ja seine Rolle in der Geschichte des Naturalismus, der seinerseits, in meinen Augen, keine beglückenden Konsequenzen, auch nicht bei der Linken, zu der Courbet sich zählte, zeitigte und zeitigt. Warum sollte man das nicht gegen andere Traditionen als Vergleich lesen können, zumal die westliche die einzige Kultur ist, die diesen Naturalismus und die Ideologie der Ähnlichkeit entwickelte, der mit viel Metaphysik beladen ist.

    – Weil Khalil Bey der Auftraggeber Courbets war, empfehle ich Fatima Mernissi zu lesen. Scheherazadeh war, im Unterschied zu einem enthüllten weiblichen Geschlecht ohne Gesicht und Sprache eine Frau von überschäumender Intelligenz und Bildung, wie ihren Erzählungen zu entnehmen ist.

  8. Ich habe, mit einem kleinen Abstecher ins Internet zwischendurch, drei Stunden einen Hühnereintopf gekocht und einen Teil davon gegessen. Bin nun etwas erschöpft und müde. Ich werde Dir auf Deinen sehr ausführlichen Kommentar, für den ich Dir danke, morgen antworten.

  9. Der Ausdruck von der „gelungenen Kultur“ ist sicherlich nicht falsch, wenngleich der Begriff als solcher zugleich kontaminiert ist, denn Kultur in einem emphatischen Sinne – wie bei Adorno gedacht – ist noch gar nicht, sondern wäre erst herzustellen. Adorno verwendet im Zusammenhang mit der Kultur zugleich den Begriff des Mülls. Der Kultur kommt dabei eine eigentümliche Integrationsleistung im Sinne des Gefügigmachens zu:

    „Heute, da das Bewußtsein der Herrschenden mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginnt, zergeht die Spannung von Kultur und Kitsch. Kultur schleift nicht länger ohnmächtig ihren verachteten Widersacher hinter sich her, sondern nimmt ihn in Regie. Indem sie die ganze Menschheit verwaltet, verwaltet sie auch den Bruch zwischen Menschheit und Kultur. Noch über Roheit, Stumpfheit und Beschränktheit, die den Unterworfenen objektiv auferlegt sind, wird mit subjektiver Souveränität im Humor verfügt. Nichts bezeichnet den zugleich integralen und antagonistischen Zustand genauer als solcher Einbau der Barbarei. Dabei aber kann der Wille der Verfügenden auf den Weltwillen sich berufen. Ihre Massengesellschaft hat nicht erst den Schund für die Kunden, sondern die Kunden selber hervorgebracht.“ (Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: [Januspalast] GS 4, S. 168)
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    Was die psychoanalytische Sichtung von Kunstwerken – insbesondere im Hinblick auf ihren Verfertiger – betrifft, so halte auch ich davon nichts, weil es über die (Binnen-)Struktur und das Gemachtsein eines ästhetischen Objekts nichts aussagt; tauglich nur als Beispiel (im Sinne von ‚beispielen‘). Allenfalls als eine strukturale Psychoanalyse mag das gehen, indem sie auf das sich bezieht, was im Werk selbst sich abspielt. So recht glücklich bin ich mit solchen Methoden, die besonders in der Literaturwissenschaft zeitweise modisch ausufernd betreiben wurde, nicht. Seinen Höhepunkt fand dieses Verfahren, Philosophie sowie Literaturwissenschaft, Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie aneinander in der Lektüre zu koppeln, in den Begriffen Diskursanalyse und Diskurstheorie.

    Es gibt Bilder (Gemälde und Photographien gleichermaßen, aber womöglich fallen auch Filme – überhaupt das Visuelle – dort hinein, so wie man dies eins zu eins übersetzt bei Buñuel sieht), da geschieht dem Betrachter Gewalt: „als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“, wie H. v. Kleist in seiner Besprechung „Der Mönch am Meer“ schrieb. Courbets „Der Ursprung der Welt“ gehört zu diesen Bildern. Der Titel ist ausgesprochen glücklich gewählt. Ich assoziiere bei diesem Titel und ein wenig auch vom Subjet her das Max-Ernst-Bild „Der Garten Frankreichs“, was sich dann sehr schön mit Masson rückkoppelt. Man kann solche Bezüge zufällig nennen. Für ganz unbedeutsam halte ich sie dennoch nicht. Nebenbei: das Gemälde kommt in Lacans Seminar zu Poe, das er im Jahre 1956, also etwa ein Jahr nachdem er Courbets Bild erwarb, nicht vor. Interessant ist dies auch deshalb, weil Lacan ansonsten gerne auf Werke der Bildenden Kunst zurückgriff.

    Faszinierend und erschreckend zugleich auch diese Anonymität im Gemälde Courbets. Das Bild führt eine doppelte Struktur, der es in der Lektüre gerecht zu werden gilt. Nicht ganz unbedeutend erscheint es mir, daß das Gesicht verhüllt bzw sogar oben rechts in der Ecke abgeschnitten, das primäre und das sekundäre Geschlechtsmerkmal jedoch unverhüllt offen dargeboten wird. Diese Frau könnte genauso eine Tote sein. Auf dem Tisch der Anatomie liegend. Und sicherlich spielt in dieses Bild auch die Frage des Blickes hinein: der des männlichen, der des weiblichen sowie der westliche Blick.

    Dieses offen zur Schau gestellte Obzöne erschreckt selbst in der heutigen Zeit noch, die umstellt ist von konsumistischen männlichen und hauptsächlich weiblichen Geschlechtsbildern, die zuweilen als pornographisch bezeichnet werden und es manchmal auch sind. Und deshalb ist dieses Bild eben nicht bloße Pornographie. Vielmehr zeigen sich in dem Bild Strukturen von Entfremdung und Dinghaftem, die das bloße naturalistische Element transzendieren.

    Lacan Seminar zu Poe paßt zu diesen verschiedenen, hier thematisierten Aspekten (als Illustration) schon gut. Ohne daß das Bild sich allerdings darin erschöpft. Das ist richtig. Der Einfluß des Surrealismus auf Lacan ist sicherlich nicht gering zu veranschlagen.

    Zu sehr sollte man den Naturalismus jedoch nicht beiseite schieben und gering für die Kunst erachten, allein aus dem Moment der Entwicklungslogik heraus: war er doch Wegbereiter für das, was man so gemeinhin als Klassische Moderne bezeichnet, und prägte sie entscheidend.

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