Eve of Deconstruction? – Lektüren Derridas (1)

Wie anfangen?

Man muß irgendwo, an einer Stelle, an einem oder mit einem Punkt, anfangen. Es gibt keinen gerechten, keinen absoluten, keinen richtigen Anfang. Der Auftakt ist schwierig. Es ist – wie beim Spiel – zugleich eine Frage des Einsatzes. Hegel hat dieser Frage des Anfangs eine umfangreiche Einleitung zum Beginn seiner „Wissenschaft der Logik“ gewidmet: „Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“

Nun geht es im Text Derridas jedoch nicht um Philosophie als System, welche in dieser Art auch gar nicht mehr möglich ist. Das, was sich dem System entzieht und trotzdem als Philosophie auftritt, darf oder muß deshalb aber noch lange nicht unsystematisch im Sinne von Beliebigkeit, Durcheinander oder Spielerischem verfaßt sein, obwohl, wie wir sehen werden, die Momente des Spiels und der Aleatorik in Derridas Texten eine zentrale Rolle einnehmen.

Nicht immer kann der Auftakt eines Textes so vielschichtig sein und derart genau passen, wie in Derridas Vortrag „Die différance“, den er am 27. Januar 1968 vor der Société française de philosophie hielt. Wenn er nämlich damit ansetzt, daß er von einem Buchstaben sprechen werde: „Von dem ersten, wenn man dem Alphabet und den meisten Spekulationen, die darüber gewagt wurden, glauben darf.“ (Derrida, Die différance, S. 29, in: J. Derrida, Randgänge d. Philosophie, Wien 1988)

Jener bedeutungstragende Unterschied des „a“ anstelle von „e“, in dem von Derrida eingeführten Begriff bzw. Neologismus „différance“ (im Französischen gibt es nur „différence“), der in der Aussprache eines Vortrages nicht hörbar ist, sondern nur als Text lesbar, so daß man diese Einführung zugleich als einen strategischen Zug werten kann. Ein stummes Zeichen, ein schweigendes Denkmal, wie Derrida formuliert, das sich, als Majuskel geschrieben, durch eine Pyramide darstellbar macht.

„Das a der différance ist also nicht vernehmbar, es bleibt stumm, verschwiegen und diskret, wie ein Grabmal: oikesis. Kennzeichnen wir damit im voraus jenen Ort, Familiensitz und Grabstätte des Eigenen, an dem die Ökonomie des Todes in der différance sich produziert“ (S. 30)

Dieses Verhältnis von Eigenem und Anderem, der Aspekt der Ökonomie, des Aufschubs, der zeitlich-räumlichen Differenz, des Begehrens, des Todes (man denke hier korrespondierend an die Ausführungen Heideggers in „Sein und Zeit“ §§ 46 ff. und an das Herr/Knecht-Kapitel aus Hegels Phänomenologie, auch als Vorankündigung für hoffentlich Kommendes gedacht) spielen in Derridas gesamten Werk eine Rolle und tauchen darin – vielfach ausgefaltet – in unterschiedlichen Konstellation und Anordnungen auf. Insbesondere das Verhältnis von Einmaligkeit und Wiederholbarkeit gibt eine zentrale Chiffre ab: daß das, was nur ein einziges Mal stattfindet – beispielsweise die Beschneidung – in eine Struktur (der Wiederholung) eingeschrieben sein muß, um überhaupt erst als solches lesbar zu werden. Dieses Verhältnis von Einmaligkeit und Wiederholung, das man zunächst als ein dialektisches wird ausmachen können, wird aber bei Derrida in eine ganz andere Richtung als die dialektische transformiert, die man vielleicht als eine hyperbolische Dialektik wird bezeichnen können. Denn immer geht es Derrida darum, auch dem Diskurs der Dialektik, welchen er ernst nimmt und schätzt – sein Werk läßt sich genauso gut als ein Abarbeiten an Hegels Philosophie lesen –, in einer Form der Bejahung ohne Vorbehalt zu begegnen (anders etwa als Foucault oder Deleuze), was dann aber zugleich bedeutet, daß auch die Figuren der Dialektik einer Ökonomie (des Textes) unterliegen, die lesbar zu machen ist. Solches Lesbarmachen ist bei Derrida aber keines, das nun einerseits eine neue Opposition aufbauen will – es geschieht ganz immanent, und es verbindet sich nicht mit einem absoluten Geltungsanspruch oder operiert von einer sozusagen allwissenden Perspektive, von der aus die Lektüre vorgenommen wird. Auch die Dekonstruktion ist keine Letzte Philosophie, und es gibt immer die Möglichkeit ihres Verschwindens, so Derrida. Auch ihr Blick unterliegt Beschränkungen, die selber nicht gesehen werden können. (Hier wären auch Nähen zum Soziologen Niklas Luhmann auszumachen.) Nichts sichert ihren Bestand. Diesen Tod, dieses absolute Verschwinden als Möglichkeit ist in Derridas Texten immer mitgedacht, wird zum Thema oder schwingt als Grundton mit, weshalb zuweilen von einer melancholischen Skepsis, einem Ton der Trauer im Text Derridas gesprochen wird.

Ausführlich stellt Derrida dieses Verhältnis von Einmaligkeit und Wiederholung in seinem Buch „Schibboleth“ dar. Dort liest er verschiedene Gedichte Celans (unter anderem das für Celan zentrale Gedicht „Schibboleth“, was dem Buch seinen Titel gab) sowie Celans Büchnerpreisrede „Der Meridian“. Ich werde diesem Buch mindestens einen Text widmen. In „Schibboleth“ insbesondere entfaltet Derrida einen Begriff von Erfahrung, den ich für philosophisch als auch politisch so gewichtig halte, daß er nicht unerwähnt bleiben sollte. Das Spannende ist, daß gerade an einem Text, der sich auf den ersten Blick – über die Poetik des Datums – einem literarischen Werk widmet, das politische Moment der Dekonstruktion sich abzeichnet. Etwa wenn es darum geht, das sowohl das Diskriminierende als auch die Vernichtende, welche sich vermittels des Begriffs „Schibboleth“ eröffnen, zu zeigen:

„Und die Gileaditer nahmen ein die Furten des Jordans vor Ephraim. Wenn nun die Flüchtigen Ephraims sprachen: Laß mich hinübergehen! so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein! hießen sie ihn sprechen: Schiboleth; so sprach er: Siboleth und konnte es nicht recht reden; alsdann griffen sie ihn und schlugen ihn an den Furten des Jordans, daß zu der Zeit von Ephraim fielen 42000.“ (Buch Richter 12 5-6, Übersetzung aus der Lutherbibel)

Solches aber ist für Derridas Werk im ganzen typisch: insbesondere an Stellen, wo man es nicht erwartet, taucht ein völlig neuer Aspekt auf, der die Lektüre noch einmal in eine ganz andere Perspektive und Sicht bring. Es verschränken sich die verschiedenen Aspekte, der Text Derridas ist multiperspektivisch gefaltet. Dies macht den Reiz der Philosophie Derridas aus.

Um die Lektüre Derridas jedoch auch für die Leserinnen und Leser lesbar und fruchtbar zu machen, welche nicht zahlreiche Semester Philosophie studierten, möchte ich zunächst einige grundsätzliche Dinge schreiben und im ersten Text eine kleine Hinführung zu Derrida geben. Dabei stellt sich eben die Frage, wie hier vorzugehen sei: die für Derrida zentralen Begriffe wie différance, Schrift, Supplement, Spiel, Struktur, Gabe, Euro-, Phono- sowie Logozentrismus und einige mehr werde ich anhand von Texten und Zitaten darstellen und sichten. Es sind teils komplexe Begriffe, die sich nicht durch Definition erschließen, was ja in der Philosophie sowieso ein schwieriges und eher unphilosophisch sich gebärdendes Unterfangen ist, sondern durch ihren Gebrauch, die Darstellung bzw. die Art und Weise, wie Derrida diese Begriffe verwendet.

Wie ich das genau betreibe, wie ich en detail vorgehe, weiß ich nicht. Ich habe keinen konkreten Plan, es werden sich diese Teile, sozusagen wie beim Kaleidoskop, zusammenfinden, entwickeln und fügen oder auch nicht. Auf alle Fälle geschieht die Lektüre aber sehr nahe am Text Derridas und wird weniger Großthesen und Überflug eines Adlers, als vielmehr konkrete Arbeit bzw. Darstellung enthalten. Die qualifizierte Diskussion wird sich dann hoffentlich durch den einen oder anderen Kommentar ergeben. Zuweilen kann es aber geschehen, daß ich insofern abschweife, indem ich einen Blick auf Heidegger und Adorno insbesondere, aber auch auf Nietzsche und Hegel werfe, um hier wiederum gegenzulesen. „Sein und Zeit“ als auch Heideggers (hermeneutische) Hölderin-Interpretation, die er in seiner Vorlesung zum „Isther“ und zu „Andenken“ entfaltet, könnten hier Bezugspunkte bilden, um zu Derrida noch einmal eine Erweiterung zu produzieren, Gleiches gilt für Adorno Parataxis- und seinen Eichendorff-Aufsatz. Ein Strang der Lektüre wird also zu einer Philosophie des poetischen Sprechens hin ihren Lauf nehmen, ein anderer wird politische Aspekte der Dekonstruktion sichten. Denn die Dekonstruktion ist eben keine rein ästhetische oder literaturwissenschaftliche Angelegenheit. Dies zeigt sich etwa an dem Konzept einer Ethik der Gabe und insbesondere in den späteren Texten Derridas „Politik der Freundschaft“ (1994) und „Schurken“ (2003).

Was die Dekonstruktion betrifft, die zuweilen und fälschlich als eine Methode bezeichnet wird, so beschränke ich mich hier lediglich auf Derridas Texte. Paul de Man und überhaupt die sogenannte Yale-School tauchen hier nicht auf. Das wäre dann ein Projekt für sich. Wenn hier in den Kommentaren aber einer oder eine mit Judith Butler, die ja, wie ich das sehe, zentrale Aspekte Derridas aufgreift und weiterentwickelt, gegen- oder mitlesen möchte, so ist das herzlich willkommen. Ich selber kenne Butler zu wenig, um Qualifiziertes schreiben zu können.

Die Dekonstruktion Derridas ist keine Methode – Derrida hat sich gegen eine Funktionalisierung bzw. eine Kanonisierung seines Vorgehens vehement gesträubt –, sondern vielmehr eine, fast kann man sagen, individuelle (Text-)Praktik, die explizit mit dem Eigennamen „Derrida“ verknüpft ist. Wobei dieses Konzept des Eigenen von Derrida zugleich kritisiert wird. Als ein Movens seiner Philosophie kann man sicherlich feststellen, „daß das gesamte Werk J.D.s von von diesem Unbehagen an der Zugehörigkeit“ (G. Benningeton, Jacques Derrida, S. 333, Fft/M 1994) durchzogen ist. Derrida betreibt die Dekonstruktion des „Eigen(tlich)en“ und der identitären, das Subjekt besetzenden und fixierenden Diskurse – darin bestehen sicherlich eine Analogie zur Philosophie Adornos.

Ich gestehe, daß ich Derrida zusammen mit Adorno, Benjamin, Foucault und mit Abstrichen Heidegger für die bedeutendsten Philosophen des 20. Jhds halte, wobei diese Auswahl natürlich manche Perspektive ausläßt, denn die Einsichten der verschiedenen Positionen in der sprachanalytischen Philosophie und in der Phänomenologie sind auf ihre Weise für die Philosophie des 20. Jhds genauso bedeutsam, und freilich wird man auch hier einiges gegenlesen können. Insbesondere zwischen Derrida uns John Searle gab es eine philosophische Debatte.

Das aber, was Derrida mit Emphase betreibt, zu imitieren oder – unter dem Aspekt des Mimetischen – ähnlich zu machen, ist schlicht unmöglich. Wenn man dieses Vorgehen kopierte, käme lediglich ein furchtbarer Abklatsch heraus. Insofern wird es hier keine Dekonstruktion Derridas mit seinen eigenen Mitteln geben – was auch nicht einfach zu betreiben ist, weil dafür sein Text zu komplex gebaut ist. Derrida hat die Kritik an ihm bereits mitgedacht, ähnlich wie in der Philosophie Hegels, um es ein wenig generalisierend zu formulieren.

Nebenbei sei bemerkt, daß Derrida in der Rezeption auch für die Bildenden Künste sowie für die Architektur bedeutsam war. Vielleicht gelingt es mir, im Hinblick auf die Bildenden Künste eine Sicht auf sein Buch „Die Wahrheit in der Malerei“ zu werfen, das unter anderem eine Auseinandersetzung sowohl mit Kant als auch mit Heideggers Aufsatz „Der Ursprung des Kunstwerks“ sowie der darin enthaltenen Deutung des van Gogh Bildes „Ein Paar Schuhe“ abgibt.

Einige biographische Details noch: Derrida wurde am 15. Juli in El-Biar in der Nähe von Algier geboren, also im damals französisch besetzten Algerien. Er ist von seiner Religion her Jude, wuchs aber relativ säkular geprägt auf. Spät erst erhielt Derrida in Paris einen Lehrstuhl. Eines der wichtigsten Jahre für ihn war sicherlich das Jahr 1967, als gleich drei seiner Werke erschienen: „Die Stimme und das Phänomen“, „Grammatologie, und „Die Schrift und die Differenz“. Dieses Buch ist eine Sammlung von Aufsätzen, wo so unterschiedliche Autoren wie Freud, Artaud, Hegel, Bataille, Foucault, Jabès und Lévinas gegengelesen werden.

Manche schreiben, diese drei Bücher seien die bedeutendsten Werke Derridas, aber es verfehlt den Blick auf ihn und steht quer zu seiner Philosophie, in der umfangreichen Literaturliste Hierarchisierungen vorzunehmen. Anerkannt war Derrida im traditionellen, altbackenen, konservativen akademischen Betrieb nicht. Viele begriffen nichts von seiner Philosophie, weil sie Derrida nicht gelesen hatten, oder hielten es für eine Spielerei, für Literatur oder Scharlatanerie. Solche Herren der offiziellen Diskurse konnten den Zug seiner Philosophie über Frankreich hinaus in die USA, nach Italien, aber auch in die Seminare deutscher Universitäten hinein nicht aufhalten.

Als besonders perfide gilt der Protest von zahlreichen Professoren aus der Sektion der analytischen Philosophie, darunter auch W. V.O. Quine, gegen die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge im Jahre 1992: „Weit verbreitet, so seine Philosophie-Kollegin Sarah Richmond, sei bei britischen Akademikern die Meinung, Derridas Ideen bedeuteten ‚Gift für den Geist junger Leute‘.“ (Der Spiegel v. 13.4.1992) Er erhielt diese Ehrendoktorwürde dennoch. 2001 wurde ihm der Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt verliehen. Auf Einladung von Jürgen Habermas hielt er in Frankfurt den Vortrag „Die Zukunft der Universität“. Am 31. Mai 2003 veröffentlichen Derrida und Habermas in der FAZ gemeinsam den Text zur Rolle der Europäischen Außenpolitik „Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas“. Der Text ist auch als eine Reaktion auf den Irak-Krieg der USA zu lesen.

Derrida starb am 8. Oktober 2004 in Paris. Er wurde lediglich 74 Jahre alt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu Eve of Deconstruction? – Lektüren Derridas (1)

  1. hf99 schreibt:

    Besten Dank, ich werde frech und schmarotzend hiervon Gebrauch machen.

    Der Protest gegen seine Ehrendoktorschaft ist mir erst vor einigen tagen bekannt geworden, hab das damals gar nicht mitbekommen. So etwas ist immer infam. „Gift“…es kann gar nicht genug Gift geben in dieser Welt.

  2. momorulez schreibt:

    „Die Dekonstruktion Derridas ist keine Methode – Derrida hat sich gegen eine Funktionalisierung bzw. eine Kanonisierung seines Vorgehens vehement gesträubt –, sondern vielmehr eine, fast kann man sagen, individuelle (Text-)Praktik, die explizit mit dem Eigennamen „Derrida“ verknüpft ist. Wobei dieses Konzept des Eigenen von Derrida zugleich kritisiert wird. „

    Im Grunde genommen trifft das ganz gut das Problem, das ich bei jedem Versuch der Derrida-Lektüre hatte: Dass dessen Texte sehr schnell selbstreferntiell wie auch selbstaufhebend, aber im Nichts, werden und man manchmal das Gefühl hat, das außerodentlich wortreich nichts gesagt wird, dass aber genau das das Programm ist. Was ja als radikale Kritik identifzierenden Denkens durchaus möglich ist, wortreich verstummen, aber, hmmm – mir kam das in meinen kritischen Momenten das immer wie höherer Humor, eine radikaliserte Ironie, ein Lachen im Nichts vor.

    Rorty beschäftigt sich ja später auch eher mit der „Postkarte“ und versteht sie als Versuch, radikal sich selbst und seine Sprache erfindend alles bisher Gedachte in einem radikal subjektiven Diskurs aufzulösen, so alles Allgemeine zurück zu weisen, um sich frei zu schreiben – mal halbgar aus der Erinnerung referiert. Dann wäre die Kritik des Subjekts in einer Radikalsierung des Subjektivismus aufzuheben, ein mir sehr sympathisches Unterfangen, das politisch, sieht Rorty auch so, allerdings allerhand Probleme aufwirft und im Grunde genommen tatsächlich, die Habermassche Kritik, Philosophie in Literatur sich auflöst. Was nun auch nix Schlimmes ist; kann man dann aber Derrida im selben Sinne als Philosoph rezipieren wie einen Hegel, einen Habermas oder einen Sartre?

    Geht jetzt natürlich wieder über das hinaus, was Du schreibst. Ich habe aber auch die Lektüren Lévi-Strauss‘ und Rousseaus durch Derrida immer nur so lesen können: Mit viel Lust alle Strukturen, die dem Text zugrunde liegen, auflösen, um pointiert Nichts an deren Stelle zu setzen. Was machen dann aber Begriffe wie „Supplement“ und „differance“ noch für einen Sinn?

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, das ist nicht ganz leicht, und auch mir bereiten Derridas sozusagen programmatischen Schriften (Auftakt der „Grammatologie“ oder der Différance-Aufsatz) zuweilen Schwierigkeiten. Das macht es auch nicht leicht, Begriffe wie Spur, Supplement, Schrift, Logozentrismus darzustellen. Es handelt sich in diesem Programmatischen eben um eine Grundkritik abendländischen Philosophierens (ähnlich wie Heidegger), das zuweilen sehr pauschal auftritt. Interessanter wird Derrida, wenn er diese Dinge ganz konkret an Texten entfaltet: etwa an Bataille und Hegel, Celan, Freud, Artaud usw.

    Ich gebe Dir ja nicht gerne recht ;-) aber hier steckt sicher ein Punkt, auf den sich die Kritik richten muß. Ich bin da selber unschlüssig und arbeite mich durch diese Dinge, die lange schon zurückliegen, noch einmal durch.

    Im Sinne einer emphatisch verstandenen Philosophie würde ich Derrida jedoch im selben Zug mit den von Dir Genannten sehen. Ich hoffe, daß ich diese Dinge soweit herausarbeiten kann und freue mich da auch auf Deine Kritik.

    Das Verhältnis Philosophie – Literatur muß man bei allem Moment von Subjektivität noch einmal gesondert sehen. Es geht nicht um das Einziehen von Grenzen, sondern die Reflexion auf Grenzen ist bei Derrida Thema. Ich denke, daß ich darauf auch noch gesondert komme.

    Ich denke, daß ich zu diesen programmatischen Aspekten im nächsten Text komme.

  4. Nörgler schreibt:

    Der €-Zentrismus meiner Konten erfüllt mich bisweilen mit Sorge.

  5. Bersarin schreibt:

    Ich hatte einst zwei Goldbarren. Die verkaufte ich leider etwas vorschnell. Und so sehe auch ich mich als Opfer des monetären Eurozentrismus

  6. Nörgler schreibt:

    In dem verlinkten „Spiegel“-Artikel lese ich Zitate von englischen Professoren:

    – „Purer Nihilismus“,
    – er setzt „die gesamte Zivilisation in Gänsefüßchen“,
    – „Gift für den Geist junger Leute“,
    – er agiert „wie ein Computervirus“.

    Verblüffenderweise wurden diese laudatorischen Äußerungen von Gegnern (!) Derridas formuliert.
    Da sag ich mal: Wenn man solche Gegner hat, braucht man keine Freunde mehr.

  7. Bersarin schreibt:

    Mir fällt momentan nichts mehr ein, der Esprit ist ausgelaufen, selbst der nächste Text zu Derrida stockt, weil ich durch diesen dämlichen Epstein-Barr-Virus ständig von Müdigkeit und Kopfschmerzen geplagt werde.

    Ich lege mich wieder ins Bett, lese im Tagebuch von Raddatz weiter, das ist zwar alles sehr voyeuristisch, doch egal. Ich bin krank, ich darf das.

  8. momorulez schreibt:

    Gute Gesundung!

  9. Nörgler schreibt:

    Allein die begriffliche Nähe des Virus zu Katja Epstein und Benjamin von Stuckrad-Barre läßt mich, wiewohl nicht infiziert, förmlich hinwelken, wenn ich nur davon höre.

  10. Bersarin schreibt:

    @ momorulez
    Danke, die kann ich gut gebrauchen. Diese Sache kann sich mit Pech hinziehen. Sie ist nicht ganz schlimm, aber eben auch nicht ganz angenehm

    @ Nörgler
    Das ist doch im guten adornoschen Sinne eine Reaktionsweise, die an taktvolle Mimesis gemahnt. (Zum Glück habe ich nicht den Schönburg-Westenhagen-Virus.)

    _____

    Ach und im Nachtrag: Es sieht rechts in der Icon-Spalte mit den Kommentarbildern so schön aus, wenn nur noch wenig Buntes, sondern lediglich s/w vorherrscht. Vielleicht legten sich alle Kommentatoren s/w-Bilder zu.

  11. Gunzelin schreibt:

    Ah. Ja, ich müsste mal diesen Derrida mehr lesen, dann hilft das vielleicht meinem Kopfzerbrechen über das Ende und den Anfang.

    Und was immer ich auch hier nur mal so allgemein schreiben werde, ich werde drei bis fünf Dinge sagen, und dreihundert, die mir auch noch einfallen werden, nicht. Es ist so ein furchtbar weites Feld, dass ich immer wieder Angst habe damit anzufangen, weil ich nicht weiß wo das Ende ist. Eigentlich weiß ich ja noch nicht mal, wo der Anfang ist.

    Jenes trifft mich doch ganz alltäglich in spezifischen Problemen die ich im Gesellschaftlichen vorfinde. Denn das Problem dabei ist doch das: Kein Wissen, wo wir anfangen sollen. Es gibt viele, viele Ursachen und viele, viele daraus irgendwie resultierenden Symptome und mittlerweile seh ich an jeder Ecke irgendwas, wo ich denke, ja, das ist auch irgendwie scheiße und nein, ich weiß auch nicht, was man da machen soll.

    Anders gesagt: Wenn ein Problem so groß und so unübersichtlich ist, dass man gar nicht weiß, wo man ansetzen soll, wenn es so tief verwurzelt ist in Traditionen und Gewohnheiten, wenn Mädchen rosa sind und Jungs blau und niemand weiß, was dieser Mist eigentlich sollte, dann muss man eben irgendwo anfangen. Ja, gut, muss ja dann keine Willkür bedeuten.

  12. Pingback: Zivilisation in Gänsefüßchen und doch kein Schierlingsbecher für Derrida

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