Das Kino, Merleau-Ponty und eine verhaltene Dis-Hommage an Berlin-Brandenburg

Ich möchte Dir, Momorulez, zunächst für Deinen Hinweis auf Merleau-Pontys Text „Das Kino und die neue Psychologie“ aus dem Band „Das Auge und der Geist“ meinen Dank aussprechen. Ich habe den Aufsatz heute gelesen und fand ihn sehr anregend, instruktiv. Auch half er mir bei meinem zweiten Text zu Godard, der morgen oder Donnerstag erscheinen wird. Überhaupt scheint mir dieser Sammelband eine gute Einführung in Merleau-Pontys Denken abzugeben. Es zeigt sich hier eine bestimmte Sicht auf Kino, die sich – ein wenig – auch in den Texten André Bazins wiederfindet, auf den Godard sehr Bezug nimmt und der mit Godards Theorie von Film korrespondiert und dessen Filme zugleich darüber hinausgehen, den Realismus übersteigen.

Doch genug der Theorie und der Schmeicheleien:

Denn für Menschen, die morgens von Hamburg nach Berlin fahren und die bereits vorher sehr negativ gegenüber dieser schönen, großen und naturgemäß alle anderen Städten überragenden Stadt eingestellt sind, haben wir uns insbesondere ab Brandenburg – von Fall zu Fall – deprimierende Dinge für die Negativ-Reisenden ausgedacht. Bezaubernde teils vom Meer umschlungene Landschaften und Dünen, die im Grunde das Bild Brandenburgs prägen, deichen wir pflugs und blitzartig über Nacht ein und zaubern ungeahnte Ödnisse, weite karge (Schnee-)Landschaften, kaum Strauch, kaum Baum – Landschaften, die man zum Glück im Norden gar nicht kennt. Damit die Erwartungen im schlechten noch übertroffen werden, denn wir wollen Euch nicht enttäuschen. Während die Reisenden, welche beglückt und positiv gestimmt nach Berlin fahren, genau diese wunderbare Meerumschlungenheit wahrnehmen.

Im Speisewagen des ICE bedienen den Negativ-Reisenden Menschen, die in unverständlichem Mecklenburgischen Platt oder derbstem Brandenburgisch, welches schlimmer als das Berlinern ist, Fragen stellen, die der Reisende nicht versteht: „Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Hamen und seine Zunge mit einem Strick fassen?“ Natürlich weißt Du darauf keine Antwort und verbirgst Dich hinter Deinem i-Pad. Doch das ostdeutsche Personal insistiert: „Kannst du ihm eine Angel in die Nase legen und mit einem Stachel ihm die Backen durchbohren?“ Entnervt bestellst Du einen Bohnenkaffee, denn den gibt es hier im Osten immerhin. Das versöhnt zwar das Personal nicht im mindesten, aber es hört wenigstens mit der Fragerei auf und kassiert 6 Euro achtzig für den zierlichen Becher Kaffee. Für den Berliner kostet der Kaffee natürlich nur ein Drittel und für Berliner, die aus der Kunst her kommen, gar nichts, weil wir uns Kunst und Künstler etwas kosten lassen. Denn so sind wir, wir Berliner: Drei Opern, mehr Stadttheater als Finger an einer Hand und Museen ohne Ende. Von den nichtsubventionierten vielen In-Sachen und den vielen Progammkinos, sogar eines nur für Dokumentarfilme, ganz zu schweigen. Leider besitzen wir kein gut gehendes Polizeiorchester und auch die Reiterstaffel der Polizei haben wir abgeschafft bzw. an die Bundespolizei verkauft. Sollen die sich doch mit den Berliner Pferden herumärgern.

Sodann, wenn der Zug einfährt, postieren wir ab Berlin-Hauptbahnhof die übellaunigsten Service-Ossis, die wir vorrätig haben, um unseren lieben Gästen sogleich nach dem Aussteigen den richtigen Eindruck von unserer Stadt zu vermitteln. Barsche Bäcker, harsche Verkäufer, freche Kellner, vorlaute Zeitungs- und Zigarettenhändler, mürrische Imbißbetreiber. Ja, wir Wessis haben den Ossis viel genommen, doch ihre grundsätzliche Übellaunigkeit konnten wir ihnen nicht nehmen. Deshalb setzten wir unsere Ostdeutschen gezielt an solche Orten ein, wo Ihr Fremden ankommt. Das schmerzt Euch Fremde und der Ostdeutsche hat Gelegenheit, seine Schuld oder den unendlichen Kredit für den Opel abzuarbeiten. (Meine Versuche, die ich mit ostdeutschen Frauen durchführe, gehen gar in die Richtung, daß diese Unfreundlichkeit womöglich eine genetische Dispositionen ist.)

Um den Eindruck des Depressiven, das Unwillkommensein des Gastes zu verstärken, wurden sogar nächtens rund um den Hauptbahnhof sämtliche Gebäude, Lokalitäten, Altbaucafes und -bars, Stadtpalais, Jugendstilhäuser sowie der wunderbare Art Deco-Charme dieses alteingesessenen Bahnhofs-Viertels entfernt, so daß da eine anti-urbane für die Hauptstadt im Grunde peinliche Wüste sich auftut. Der Taxifahrer, dem Du im Hamburger Understatement sagst, er möge Dich zur Oberbaumbrücke fahren, bringt Dich zunächst nach Steglitz und zeigt Dir den vor ein paar Monaten bemalten „Bierpinsel“, verkauft Dir diesen als cooles urbanes Street Art-Ding. Du fragst ob das hier Friedrichshain sei, doch der Fahrer lacht nur böse. Und Du weißt: dies ist nicht Deine Stadt.

Demnächst aber, ab dem Spätsommer 2011, wirst Du öfters hier in Berlin weilen, wirst Dich an diese Stadt gewöhnen, wenn Dein Fußballverein gleich zweimal in der Saison nach Berlin fahren muß, um gegen unsere beiden Stadtvereine zu spielen. Und in der Alten Försterei werden sie stehen, aufrecht, und sie werden nicht nur „EISERN UNION“ brüllen, sondern es hallt der Ruf: „In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs“. Und womöglich stehe auch ich dabei.

Trotzdem wünsche ich Dir einen angenehmen Tag beziehungsweise eine gute Zeit in Berlin. (Es soll hier auch schöne Ecken geben.)

34 Gedanken zu „Das Kino, Merleau-Ponty und eine verhaltene Dis-Hommage an Berlin-Brandenburg

  1. Der Bierpinsel ist tatsächlich angemalt worden, sehe ich gerade via Wikipdia. Hm. Vielleicht konnte deshalb vor dem Abriss, den ein kulturfeindlicher Mob ja schon des öfteren gefordert hatte, bewahrt werden.

    Die Bestimmung einer Berlin-Identität ist derzeit ja in, habe ich das Gefühl. Frau Rösinger singt mal wieder davon, die Berliner Morgenpost wirbt seit Monaten mit diesem Thema („Berlin ist, wenn alles doppelt da ist.“), und Wowereit, beberlin und Co. sorgen ja erfolgreich in der ganzen Welt für ein Image,das dafür sorgt, dass nachts um drei die U-Bahnen in den einschlägigen Bezirken rammelvoll sind mit englisch, niederländisch, italienisch, spanisch und nach wie vor schwäbisch sprechenden kids, wie man sagt. Folgt man ihnen, gelangt man an wirklich geheimnisvolle Orte.

    Je unmöglicher die Aufgabe, eine einheitliche Identität zu schaffen, desto energischer wird daran gearbeitet.

    Und zur anti-urbanen Wüste rund um den HBF: Ich finde die mittlerweile ganz praktisch, denn da kann jeder, der keinen Bock hat, sich mit Stadt zu beschäftigen, schnell eine Latte trinken und wieder abreisen.

  2. O Schreck, jetzt muss ich ja im gleichen Kommentarstrang wie der G-Punkt antworten :-( … das wollte ich ja eigentlich nicht mehr. Aber wo ich schon direkt angesprochen werde …

    Einen herzlichen Dank für die charmant-humorigie Replik, jedoch: Sie trifft den Kern nicht dessen, was ich meinte. Mit den Taxifahrern und dem Zugpersonal verstehe ich mich ja zumeist prima, mit Ossis oft besser als mit Wessis, so weit es Berlin betrifft – die Leute, die große kulturelle Reden schwingen und dabei nix sagen, womit ich tatsächlich und wirklich nicht Dich meine, die nerven kolossal. Die Poseure und ihr eitles, sinnentleertes Gequatsche, das sich an gar nicht vorhandener Größe labt.

    Dass ansonsten der hochsubventionierte Haupstadtraum nicht über ein affiges Polizeiorchester verfügt und Simone Young die Staatsoper in Grund und Boden dirigiert, das sind ja Themen, die man als Hamburger auch häufig selbst verzweifelt diskutiert. Eine Fähigkeit zur Selbstkritik, die mir in Köln oder Berlin einfach fehlt. Da wird zwar im Alltag viel mehr gestänkert und gepöbelt als hier, aber ich habe heute lange gegrübelt, ob mir in den letzten zehn Jahren eigentlich irgendwas von Relevanz eingefallen wäre, was aus Berlin kam. Was mir einfiel, ist, dass die Spex endgültig ein Dummschwätzerorgan wurde, die Tocotronic-Musik schlechter und die Interviews mit Daniel Richter armseliger, seitdem die in Berlin sich rumtreiben. Da tendiert alles zur leeren Geste. Und dass die heroischen Zeiten des Techno-Undergrounds nun auch schon eine Weile her sind, trotz aller Renaissancen unweit des Ostbahnhofs.

    Und was man sich ja zudem fragt, ist, ob Du davon ausgehst, dass sowohl Union als auch Hertha aufsteigen oder aber, ob Du der Hertha den Aufstieg nicht zutraust ;-) …

  3. @ genova
    Jawohl, der „Bierpinsel“ muß bleiben, unbedingt, das ist ein sehr interessantes, wichtiges Bauwerk.
    „Je unmöglicher die Aufgabe, eine einheitliche Identität zu schaffen, desto energischer wird daran gearbeitet.“ So ist es: Um philosophisch aufzudrehen oder im Bernhardschen Übertreibungsmodus zu agieren: Berlin ist die Stadt der Différance – auch im Derridaschen Sinne. Es gibt hier keine Identität, die sich festschreiben, festsetzten und fixieren könnte. Denn morgen kann alles wieder woanders oder vorüber sein. Natürlich wirbt auch die Springer-„Morgenpost“ mit solchen bzw. ähnlichen Slogans. Aber das gehört alles dazu, das schreckt den Berliner nicht. Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, wie es in einem Lied heißt. Darin freilich gründet sich eines der Probleme, die der Insulaner hat.

    Es gibt in Berlin keine Kuschel- und Schmusebereiche, die als Refugium gegen Draußen dienen. Insofern herrscht hier die Nicht-Identität. Berlin ist böse. Kein Ort nirgends, keine Geborgenheit, denn es gibt kein richtiges Leben im falschen. Dieser Aspekt eben manifestiert sich in Berlin. Hier ist jeder scheiße: ob Hartz IVler, Landowsky-Clan, Yuppies, Arabische Großfamilien, Nicht-Arabische Großfamilien, herzneurotische Kleinfamilien, Neu-Prenzlauerberger, Kleinbürger, Kaliningrader Klopse, Dahlemer, Szenemenschen, Künstler, Kleinkünstler, Gewerbekünstler, Lebenskünstler, Künstlerdarsteller, Alleinerziehende, Rentner: ganz egal; das Scheiße-Sein und die Unfreundlichkeit verteilen sich in dieser Stadt gleichmäßig durch die Schichtungen hindurch.

    Berlin ist schnell. Berlin ist sogar noch schneller. Berlin ist immer schon woanders, wenn alle noch da sind. Berlin ist New York, nur ein wenig langsamer (und preisgünstiger, deshalb die vielen Amerikaner hier). München ist Schlaf- und Totenstadt für ab 55 plus, Stuttgart hat einen schönen Hauptbahnhof, Düsseldorf die längste Theke der Welt, Frankfurt besitzt viele Hochhäuser, Hamburg immerhin einen bezaubernden Fluß, der von der gleichfalls schönen, zum Segeln so geeigneten Havel gespeist wird, auch das Wasser der Elbe kommt somit aus Berlin, Hannover hat einen Flughafen. Leipzig hat Flair. Berlin hat alles.

    Ja, Kunst findet momentan in Berlin statt. Sogar Marius Müller-Westernhagen zog es nach Berlin. Wir ersticken an schwäbischen, rheinländischen, hamburgischen, münchenerischen Kreativen. Und sie rufen: „Wir bleiben alle.“ Aber der Insulaner verliert die Ruhe nicht. Ihm ist es egal, Angeber kommen, Angeber gehen auch wieder. Wo gestern Prenzlauer Berg war, ist heute eben ein Arschlochviertel. The Times they are a Changing. Wir sagen da nüscht zu. Auch die Touristen gehen – irgendwann – wieder. Un denn machen wir’rt uns wieder in unsra „Ankerklause“ jemütlich.

  4. @ momorulez
    Berlin hat sicherlich seine Schwächen, und das sind nicht nur die sprichwörtlichen Hundehaufen. Und es gibt hier, wie in vielen Städten, eine grausame Kulturschickeria, Dummschwätzer und idiotische Angeber. Aber fahr‘ mal auf die „documenta“ und hör‘ Dir das an, was dort so geredet wird. Oder München oder Frankfurt, ganz gleich. Kulturgeschwätz auf jeder Vernissage. So etwas hat nichts mit einer Stadt, viel aber mit den daran beteiligten Personen zu tun. Und frage mal die, welche hier so groß schwatzen, woher sie kommen. Doch im Grunde ist mir die Herkunft völlig egal: mich interessiert nur, wie einer tickt, wie er redet, wie er denkt, ob er Witz hat. Und wenn es eine Sie sein sollte, die flott ausschaut und klug ist: umso besser. Leider werde ich dann nur immer sehr, sehr schüchtern.

    Kunst kann man an jedem Ort der Welt fertigen, das braucht nicht Berlin zu sein. Jeder muß allerdings den seinigen, den Ort, welcher zu ihm gehört, finden. Viele, die nach Berlin kommen, passen im Grunde nicht hierher. Sie wollen aber unbedingt dabei sein. Deshalb finde ich es auch sehr sympathisch, wenn der Schriftsteller Clemens Meyer sagt, daß er lieber in Leipzig bliebe, weil in Berlin ja schon alle seien. Genau so ist es. Ich rate jedem Künstler, dort zu bleiben, wo er ist. Meinetwegen kann morgen ein Hype um Karlsruhe einsetzten und alle gingen dorthin: dann ließe es sich in Kreuzberg oder Friedrichshain wieder wohnen. Und wenn Ihr in Ottensen noch ein Flüchtlingskontingent aus dem Prenzlauer Berg aufnehmen könntet, so wäre ich Hamburg sehr dankbar.

    Was den Fußball betrifft: nein: ich traue Hertha den Aufstieg nicht zu. Allerdings wäre ich natürlich mit Dir traurig, wenn St. Pauli absteigt. Also lassen wir diese Dinge besser so wie sie sind.

    Ich selbst gehöre, das muß ich zum Schluß noch loswerden, zu den Nicht-idiotischen Angebern. Oder wie es, in leichter Abwandlung, „Element auf Crime“ einmal schön sagte: Ich bin zwar arrogant und ziemlich überheblich, aber ich laß‘ das nicht so raushängen.

  5. Vielen Dank für Dein Lob. Nein, „es“ hat sich ausgespielt. Endspiel sozusagen. Fin de partie.

    Der Linkinhalt ist nun aber sehr komplex, ich habe da kursorisch hineingelesen und wußte auf den ersten Blick nicht, was die wollen. Vielleicht lese ich aber demnächst genauer dort hinein.

  6. @Bersarin:

    Ja, stimmt ja alles. Problem ist halt, dass die Dummschwätzer aus Berlin eine gewisse mediale Dominanz und diskursive Machtfülle erreicht haben. Was sonst allenfalls bei den Münchenern der Fall ist. Sonst wäre es mir auch echt egal, habe ja auch schon tolle Tage in Berlin erlebt. Aber tatsächlich immer seltener, was freilich auch an meinem Altern liegeh kann ;-) …

    Ottensen ist hier mittlerweile fast die teuerste Wohnlage, teurer als Eppendorf. Das ist ganz schlimm, was da passiert ist. Und kein Deut besser als das, was mich in Berlin nervt.

  7. Als ich 1995 nach Berlin kam, war die Stadt in meinem Sinne angenehmer und die Entwicklung seitdem hätte kleineren Städten schon den Garaus gemacht. Aber das jetzt als spezifisches Berlin-Problem zu sehen, führt zu nichts. Berlin ist Hauptstadt geworden, dann kam logischerweise die Politprominenz samt ihrem gezähmten Anhang, Lobbyisten, Journalisten, alle möglichen Verbände undund. Außerdem hat die Stadt kein Geld, deshalb gibt es solche flachen neuen Orte wie den Potsdamer Platz und anderes. Das Kapital kann dort machen, was es will. Das wird so weitergehen und irgendwann wird die Stadt leergefegt sein von allem Widerständischen, dann gibt es eine Banlieue. Städte wie Düsseldorf, das ja in den 80ern wohl mal ganz passabel war, haben das schon längst vorgemacht.

    Das fiese ist halt, dass das alternative Image einer Stadt wie Berlin vom Kapital ausgenutzt wird, das Nichtkapitalisierte wird akut gebraucht, um es kapitalisieren zu können. Eine Stadt wie Düsseldorf ist da total neidisch, nicht auf das Nicht-Kapitalisierte als solches, sondern auf die Gelegenheiten, die sich dem Kapital da bieten. Aber im Gegensatz zu Düsseldorf ist Berlin eben so groß und immer noch so bunt und interessant, dass man die Deppen in der Regel ignorieren kann. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es ständig Gentrifizierungsdebatten laufen, das wird ja alles diskutiert. Und wenn das carloft in Kreuzberg immer wieder mal mit Farbbeuteln bearbeitet wird, wird sich der nächste Investor genau überlegen, ob er sich das antun will.

    Berlin als nicht-identischer Ort, das stimmt wohl. Lokalpatriotismus von der dümmlichen Sorte scheint mir in Düsseldorf und Hamburg stärker ausgeprägt, auch weil das da von einem bonzigen Wirtschaftspatriotismus gespeist wird, ob rheinisch oder hanseatisch: Wir sind wer, weil wir Geld haben. Sowas gibt es hier nicht. Ich fühle mich nach wie vor trotzdem wohl hier.

  8. Ja, die Stadt hat sich innerhalb der Jahre, der Jahrzehnte sehr verändert. Nicht zum Guten.

    Der Potsdamer Platz ist so abstoßend, daß er, zumindest soziologisch, schon wieder interessant ist. Gleichfalls das Regierungsviertel. Ich habe selten einen so öden und photographisch zugleich interessanten Ort gesehen. Hier zeigt sich das Gesicht der Macht als Leere.

    Was ich in Berlin immer wieder mag: dieses Nebeneinander: Die südliche Friedrichstraße: Wohngebiet für weniger Privilegierte, ein paar hundert Meter weiter jedoch beginnt eine glitzernde Geschäftswelt.

  9. Die Friedrichstraße als Experiment, ja. Eine der lohnensden Angelegenheiten in Berlin: Am Mehringplatz beginnen,sich dort ein wenig auf eine Bank setzen, die Düttmannschen Sachen samt ihrer Bewohner angucken und dann nach Norden. Links aufgelockert die IBA (?), dann immer dichter, zuerst Wohnhäuser aus der Zeit, als es noch sozialen Wohnungsbau gab, rechts der skurrile Betonklotz von Abraham, dann der frühe Eisenman, das Touristencheckpointgewusel, das ich eigentlich auch mag, dann der Schickiteil, aber auch da viel Interessantes, teils aus der DDR, der hochverdichtete Teil nördlich der Linden mit so skurrilen DDR-Überbleibseln wie dem Friedrichstadtpalast, später das wohl größte Gebäude Berlins oder Deutschlands,der im Entstehen begriffene Verfassungsschutzklotz, dann franst es zum Wedding hin wieder aus. Eine unglaubliche Menge interessanter Architektur, jedes Haus erzählt seine Geschichte, und das zusammen ergibt eine schöne Sozialgeschichte Deutschlands auf drei Kilometern, das hat schon einen Reiz.

    Den Potsdamer Platz finde ich dagegen nicht mal soziologisch interessant, es ist eine Investorenarchitektur, die noch verschlimmert wird durch die eingegangene Koalition mit dieser typisch norddeutschen, also kultur- und wagnislosen Herangehensweise auf selbst dafür noch dürftigem Niveau. Kollhoff zeigt beispielhaft, dass die norddeutsche Ziegelsteinkultur ganz und gar verkommen ist, seit industriell hergestellt wird. Da helfen auch die Terracottaimitate von Piano nicht bzw. sie kommen gerade recht. Eine Materialität, die nach Farbbeuteln ruft. Liebeskind hatte seinerzeit einen klasse Entwurf vorgelegt, der hatte bei der Reaktion keine Chance. Und selbst Leute wie Renzo Piano (Centre Pompidou, Paris) haben später bekannt, dort nur Schrott gebaut zu haben. Der Platz wirkte wegen der Berliner Verantwortlichen und der Industriellen bei allen Architekten als Kreativbremse. Heute ist das ein Shoppingcenter, könnte auch in Bielefeld stehen. Vermarktung war seinerzeit alles, die Infobox als Verheißung.

    Regierungsviertel ist interessanter, finde ich auch.

  10. Ich denke, Du hast mich gerade zu einer Friedrichstraße-Fotoserie gebracht. Genau so, wie Du es schilderst, ist es. Das gibt ein lohnenswertes Projekt: Nur die Friedrichstraße in Photographien zu bannen. Und womöglich dazu noch etwas schreiben. Mange tak. Dies wird im nächsten Jahr mein Blog-Projekt.

    Zum Potsdamer Platz möchte ich irgendwann einmal noch etwas schreiben. Ich weiß nicht, ob Du das Buch im Fink Verlag zum Potsdamer Platz schon gelesen hast. (Potsdamer Platz. Soziologische Theorien zu einem Ort der Moderne) Es harrt bei mir noch der Lektüre. Ja, der Ort ist schrecklich, auch architektonisch, wie ich das als Laie sehe. Das Kollhoff-Haus sieht aus wie bestellt und nicht abgeholt. Ohne Frage ist das ein furchtbarer Konsum-Mist, der angerichtet wurde. Ich kann mich an dieser wirren-irren Mischung des Potsdamer Platzes trotzdem nicht sattsehen. Und wenn Du etwas weiter südwestlich gehst, bist Du mit einem Male am Kulturforum und dann an der geil- widerlichen Potse. Gehst Du östlich kommst Du zum ehemaligen „Tresor“ und siehst Gebäude aus einer anderen Welt. Ich mag diese harten Schnitte in dieser Stadt. Das bietet, im Rahmen der Aisthesis, nur diese Stadt. Allerdings: ich bin schnell zu begeistern: Duisburg und Essen habe ich sofort geliebt und in mein Herz geschlossen. Hamburg natürlich auch. Karo-Viertel, aber auch Harburg, Elbstrand bei Othmarschen, Dulsberg-Nord. Diese Backstein-Häuser. Ich sehe Kollhoff allerdings weniger in dieser Tradition, sondern eher als postmodernes Anzitieren („New York New York“, F. Sinatra)

    Am Potsdamer Platz sieht man den Schrott, man sieht es den Häusern an, und es macht mich dieser Schrott glücklich. Und deshalb paßt sogar diese schreckliche Jeff Koons-Skultur so gut dort hin. Es gibt in Berlin keinen Ort, an dem ich nicht gerne bin. Sogar in Tegel-Nord.

    Wenn ich aus meiner Haustür heraus auf die Nebenstraße trete, dann aus der Nebenstraße auf die Hauptstraße abbiege, diese immerzu geradeaus einige Zeit gehe, komme ich direkt auf den Potsdamer Platz. Und nun kannste raten, wo ich wohne.

  11. Das Friedrichstraßenprojekt wird sicher ein gutes. Da ist die Gemeinde schon gespannt. Könnte ich ja auch machen.

    Das Buch aus dem Fink-Verlag hört sich lesenswert an: http://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-3708-2.html
    Nein, habe ich nicht gelesen. Die harten Schnitte ja, Kulturforum ist ein ganz merkwürdiger Ort, so abgelegen, obwohl so nahe am P-Platz, eine ganz eigene Architektur und Platzgestaltung, der Scharoun gerät in Vergessenheit, der Mies dagegen nicht, aber die Besucher, auch ich, sind ignorant und sehen neben Mies nichts. Ich war letzte Jahr zum ersten Mal im Kunstgewerbemuseum und sehr angetan.

    Du siehst das ganz richtig, es ist überall schön, und in der Versuchsanstalt der Postmoderne in Tegel-Nord erst recht. Aber ich bin mit dem Ort, wo ich wohne, kritischer als mit Besuchsorten. Duisburg finde ich in der Tat wunderbar, aber eher als Gegenentwurf zu Düsseldorf, wenn ich dort wohnen wollte, wäre das wohl Ausdruck einer Lebenskrise. Vielleicht aber auch nur für einen neuen Abschnitt.

    Hamburg ist in Teilen wunderbar und respekteinflößend, allerdings gibt es dort nach meinem Empfinden wirklich eine sehr durchdringende Dummheit, dieses hanseatisch wirtschaftsliberal-ungebildete, aus dem sich der erwähnte Lokalpatriotismus der Dummen speist. Ich habe, abgesehen von Düsseldorf, noch nie so flache, lokalpatriotisch-dümmliche Zeitungen wie in Hamburg erlebt. In der dort gepflegten Ansicht, Hamburg sei allen Ernstes die schönste der Welt, steckt keinerlei Ironie. Dieses liberale Wirtschaftsbürgertum gibt es hier praktisch nicht, Gottseidank. Mir ist das außerdem zu weit im tristen, unkultivierten, windigen Norden. Norden und deutsch ist keine gute Mischung, denn da trifft Dumpfheit auf Exaktheit, das Ergebnis sind Industrieziegelstein, Sprossenimitat und Goretex. Man fahre aufmerksam durch Lothringen und dann aufmerksam durch Nord(west)deutschland. Man erkennt, dass letzteres eine einzige große Katastrophe ist, die nur deformierte Menschen hervorbringen kann. Eine Zugfahrt von Dortmund nach Hamburg ist visuell kaum zu ertragen, schaut man aus dem Fenster.

    Ich habe das Gefühl, dümmliche Lokalpatrioten trifft man hier in Berlin kaum, oder ich treffe sie kaum. Es hängt wohl auch mit den vielen Auswärtigen hier zusammen, gerade in den einschlägigen Bezirken.

    Du wohnst in der Kurfürstenstraße.

  12. Wer sich so alles zutraut, „Dümmlichkeit“ Anderer beurteilen zu können, ist auch immer wieder erstaunlich :-D – sehe den Herrn G-Punkt schon gepflegten Smalltalk in den Hinterzimmern der Hamburger Handelskammer führen und „liberales Wirtschaftsbürgertum“ diagnostizieren, höre auch, wie ihm dann Gelächter entgegen schallt, garniert er es mit ähnlich analytischer und begrifflicher Schärfe wie in seinem konservativen Ressentiment.-Blog. „Deformation“ passt da gut ins Vokabular. Ein echter Sarrazin, wahrscheinlich total ironisch gemeint. Das hanseatische Großürgertum ist komplett traditionalistisch-konservativ und ausschließlich besitzstandswahrend in fast schon ständischer Form. Westerwelle hätte hier keine Chance, was zwar nicht nur für Hamburg spricht, aber viel darüber aussagt, dass G-Punkt wieder mal über was schreibt, was er weder kennt noch begreift.

    Das Gute ist ja, dass die Schutzvorrichtungen gegen solche Pfeiffen hier ganz gut funktionieren, deswegen ziehen die Süddeutschen (also alles südlich der Deister-Linie) zum Glück ja lieber nach Berlin. Geschwätz beißt man hier zumeist weg, trotz einiger Enklaven in Barmbek.

    Dass Hamburg sehr spät erst dem „Deutschen“ sich öffnete und lange als freie Stadt institutionalisiert war und Altona noch lange zu Dänemark gehörte, das ist hier tatsächlich spürbar. Hamburg ist durch den Hafen eher very british, im Positiven wie im Negativen. Das versteht man im Deutschtümelei instrumentalisierenden Preußen halt nicht.

    Es sei, man lebt Berlin so, wie Bersarin das tut. Der versteht deshalb auch Dulsberg. Diese „Arbeiterhöfe“ im roten Backstein sind ja historisch ganz interessant, in Barmbek wie in Wien wie auch in Berlin.

  13. @ziggev:

    Danke für Deine Ergänzugen weit da oben; und obgleich ich auch viel Verfall wahr nehme und für eine langjährige Print-Hochburg die Tageszeitungen tatsächlich immer schon in einem erbärmlichen Zustand waren, was eben an der Springer-Dominanz lag – seitdem die BILD in Berlin ist und nicht mehr sofort ein Hundegesetz erlassen wird, sobald Herr Diekmann in einen Haufen getreten ist, scheint sich mir die Lage ein wenig entspannt zu haben. Auch diese Marketing- und Cluster-Fritzen scheinen mir ein wenig abgewirtschaftet zu haben, weil sie es zu bunt getrieben haben. Spüre daher eher Entspannung. Es entsteht dadurch, dass so viele Deppen nach Berlin gehen, ja auch ein neuer Möglichkeitsraum.

    „aber bei stürmischen Böen riechst du hier in der Vorstadt das Meer. und in einer Stadt, die sich nicht zum Meer hin öffnet, in einer Stadt ohne Hafen könnte ich nicht leben. ohne das Bewusstsein: da hinten ist der Hafen, du schmuggelst dich auf n Schiff (war früher jedenfalls noch leicht machbar) – und dann bist du weg, und zwar wirklich weg !!

    denn von allen Seiten von Land umschlossen, an einem solchen Ort könnte ich nicht leben, würde mich immer wie „auf dem Land“ fühlen.“

    Das isses doch, und mir persönlich reicht das völlig. Würden einen nicht ständig irgendwelche Berliner blöd von der Seite anquatschen und sich an einem reiben, wäre mir Berlin schnurz. Da passiert wenig, was ich für relevant halte, mal ab von der politischen Großwetterlage und dass es eine der schwulen Welthaupstädte ist.

    Ich will doch einfach nur das Wasser, den Hafen, die Alster und die Fleete spüren, die trockenen Sprüche meiner Haupttribünennachbarn hören und die damit einhergehende Relaxtheit, eigentlich ganz selbstgenügsam. Wenn das „dümmlicher Lokalpatriotismus ist“, von mir aus. Ich mag das Licht, den Michel, den Wind, bin heute im großen U-Bahn-Bogen bis Barmbek und zurück in die Schanze gefahren, sah, was ich mag und wo ich mich zu Hause fühle – reicht doch.

  14. oh, wie blöd, jetzt habe ich im falschen Kommentarstrang geantwortet, nämlich da oben, als Bersarin mir antwortete, das war ein Kommentar zu Genovas letztem. Sorry.

  15. @ genova
    @ momorulez
    (Ich reserviere mal jedem von Euch eine Extrazeile, sozusagen aus Sicherheitsgründen)

    Auch meine Einschätzung ist, daß ein Westerwelle in Hamburg wenig bis keine Chance hat. Hamburg ist, was die sogenannten, selbsternannten Eliten betrifft, sehr konservativ, zumindest in meiner Wahrnehmung. Deshalb ist der Unterschied zwischen Voscherau, von Beust, Dohnanyi gering; die Differenz dieser drei zu Althaus jedoch sehr hoch.

    Aber eine gute Tageszeitung hat Hamburg doch: das Abendblatt ;-)

    Na ja, wir in Berlin haben auch unsere Piefkes, nur mit weniger Eleganz: Landowsky, Diepgen und im Grunde auch Wowereit (Lichtenrader resp. Tempelhofer Klüngel der SPD) Und wir haben das sogar doppelt vorrätig: einmal im Osten und dann noch im Westen. Ja, Berlin hat alles doppelt.

    Aber so pauschal kann man das alles gar nicht sagen. Berlin hat eine im Westen abgeschottete sogenannte Elite (Westend, Dahlem, Grunewald, Lichterfelde-West).

    Das große Manko von Berlin: wenig Eleganz. Ich mag Menschen nicht, die im Jogginganzug einkaufen. Das ändert sich momentan aber ein wenig.

    Den Norden mag ich schon sehr. Das Raue, Verschlossene entspricht gut meinem Naturell. Wenn ich in Rente gehe, kaufe ich mir ein Haus, in etwa dort, wo der Grass wohnt. Ein drahthaariger Vorstehhund oder ein Münsterländer wird dann mein Gefährte.

    Was die schönste Stadt sei, das vermag keiner zu sagen. Ich ordne die Städte nach meinen Stimmungen, ich könnte mir sogar München für eine Woche vorstellen, wenn ich weiß, daß ich da auch wieder fort darf und nicht bleiben muß.

    @ genova
    Das Friedrichstraßenprojekt kann ja auch parallel laufen oder gemeinsam oder einsam. Solitaire ou solidaire.

    Kurfürstenstraße ist nicht schlecht. Ich wohne dort aber nicht, sondern habe in dieser Straße nur meine Geschäfte laufen. Früher ging ich zuweilen mit einer Dogge oder meinem Rhodesian Ridgeback die Potsdamer entlang.

  16. „Ich mag das Licht, den Michel, den Wind, bin heute im großen U-Bahn-Bogen bis Barmbek und zurück in die Schanze gefahren, sah, was ich mag und wo ich mich zu Hause fühle – reicht doch.“

    Ich verstehe, was Du meinst, geht mir auch so. Um genau diese Momente geht es. Und wenn man die dann noch mit Texten oder mit Bildern aufladen kann, dann ist das eine ganz wunderbare Sache.

  17. ah, momorulez hat schon geantwortet, here jetzt my reply,

    Dear genova. natürlich ist es traurig, was in Hamburtg in den letzten Jahrzehnten abgelaufen ist; das Ergebnis ist, dass die ganz Dummen die Stadt mit der in der Tat immer blöder werdenden Lokalpresse und Marketig-Slogans identifizieren, mit der katastrophalen Kultur“Politik“ der letzten Jahre. dein Text zeugt nämlich von einer großen Unwissenheit, was die Stadt betrifft. ja, das Bürgertum ist hier traditionell etwas kulturfremd. mit „wirtschaftsliberal“ hat das nun aber wirklich nichts zu tun, es sei denn, du meinst die Klüngelpolitik eines Ole v. Beust. als hätte man das hier je nötig gehabt, sich dafür noch eine Ideologie zurechtzulegen – viel praktischer ist es doch gewesen, Menschen in Übersee auszubeuten und sich über seine Einkünfte auszuschweigen. deshalb ist es ja so beschämend, das so klar & offen zutageliegende Banausentum, welches sich hier im Senat breitgemacht hat. aber: „hanseatisch wirtschaftsliberal“, wenn du dich ein wenig auskenntest, wüsstest du, dass das eine Contradiction in Terms ist. hier hat es Jahrzehnte keine CDU-Regierung gegeben, die FDP, nie besonders gut angesehen, diese Neureichen, irgendwo in den Vorstädten angesiedelt, ist bzw. war, völlig bedeutungslos; das alles insgesamt eine lange Geschichte… gut, an einem Text wie dem deinen kann man vielleicht ablesen, was Ole v. Beust u. Co. in relativ kurzer Zeit hier und in der Folge bei schlichten Gemütern haben anrichten können. aber einen solchen beschränkten Lokalpatriotismus, der es mit einer derartigen Oberflächlichkeit, die du dich nicht entblödest hier vorzuexerzieren, aufnehmen könnte, habe ich in Hamburg bei noch keinem erlebt.

    Hamburg war immer fast „die kleinste unter den großen“, immer fast Weltstadt; jetzt blamiert es sich. und das spüren die meisten; auch wenn Kultiviertheit sich hier nie gerade zum Massenphänomen entwickelt hat. und auch das arrogante Schnöseltum hatte hier nie eine richtige Chance, jedenfalls haben solche wie U. Tukur hier jetzt sicher auch nicht mehr so richtig ihre Freude, oder stürzen, mehr oder weniger bekannt, ziemlich heftig ab. und das Bildungsbürgertum wirkt hier immer etwas abgehetzt.

    die größeren Straßen sind hier alle aufs Zentrum ausgerichtet, weil früher auf diesem Wege das steinige Material für die Bauten der Kaufleute an die Alster/Elbe transportiert wurde. das hatte zur Folge, dass die Stadtteile, zu denen die dazwischenliegenden Dörfer wurden, voneinander abgeschnitten sind und als Ort, wo Kultur stattfinden konnte, sich nur die Stadt anbot. bekanntlich hat hier die (ehemalige) Subkultur einiges geleistet. wie ich hörte, war es auch schon mal in den 50er – 60er-Jahren „kult“ auf´m Kiez zu wohnen. das wird jetzt alles kaputt gemacht, mit der Folge, dass jetzt tatsächlich viele hier weg wollen. (ein südamerikanischer Freund von mir redet in letzter Zeit immer öfter von Bayern!)

    aber bei stürmischen Böen riechst du hier in der Vorstadt das Meer. und in einer Stadt, die sich nicht zum Meer hin öffnet, in einer Stadt ohne Hafen könnte ich nicht leben. ohne das Bewusstsein: da hinten ist der Hafen, du schmuggelst dich auf n Schiff (war früher jedenfalls noch leicht machbar) – und dann bist du weg, und zwar wirklich weg !!

    denn von allen Seiten von Land umschlossen, an einem solchen Ort könnte ich nicht leben, würde mich immer wie „auf dem Land“ fühlen. Terror der Topographie. Kulturlandschaft, wohin man sieht. man hätte gar keine andere Chance, als ein Schriftsteller wie Arno Schmidt zu werden. ich wüsste nie, wohin mich wenden, alles würde sich wie im Kreise drehen, es gäbe kein Vergessen, kein Entkommen. und wenn dann noch fremde Einflüsse fehlen – früher, immerhin, fühlte sich Hamburg wirklich noch wie eine „weltoffene Stadt“ an -, dann sind wir in Deutschland.

  18. @ziggev:

    Lustig, den Artikel hatte ich auch schon bei der Parallel-Diskussion bei mir verklinkt ;-) …

    @Bersarin:

    Das Abendblatt ist ja auch Springer :-( …

  19. Die Kommentare zeigen in Teilen, dass mit dem Lokalpatriotismus von Hamburgern in der Tat nicht zu spaßen ist.

    Also, ich schreib am laufenden Band von Sachen, von denen ich kein Wissen habe, nur ein Gefühl. Das ist mir auch als Leser lieber als die Klugscheißerei der Faktenhuber. Was Hamburger Geschichte angeht, lasse ich mir gerne einiges erzählen, liberales Wirtschaftsbürgertum ist wohl der falsche Begriff, aber wieso soll hanseatisch und wirtschaftsliberal nicht zusammenpassen? Freihandel, Privateigentum, das Kaufmännische etc. stehen doch nicht in grundsätzlichem Gegensatz zu diesem gediegenen, kühlen, zurückhaltenden und sehr wirtschaftsaffinen, weltoffenen Hanseatischen, oder? Und traditionalistische kulturelle Ausrichtungen sind doch schon lange kein Gegensatz mehr zu wirtschaftsliberalem Verhalten. Besitzstandswahrend in ständischer Form? Das Kapital? Und das klappt heutzutage ökonomisch? Soso. Hamburg liegt wohl auf einem anderen Stern.

    Ich gebe aber zu, dass mein obiger Kommentar doch deftiger rüberkommt, als ich das beabsichtigte, wenn ich das jetzt so lese. Ich will auch dir, Ziggev, nicht zu nahe treten, ich meine ja niemanden persönlich. Ich schreibe halt drauflos.

    Bezeichnend ist doch, dass in der Stadt mit dem schlechtesten Wetter es die meisten Cabrios gibt, dieses leicht Protzige zeigt sich in Hamburg, das ist mein Eindruck von vielleicht 20 Aufenthalten dort. Ob da die SPD oder die CDU an der Macht ist, ist doch irrelevant. Ein Dohnany ist vielleicht laut Parteibuch Genosse, sonst nicht. Viel Geld, wenig Geist, was natürlich extrem allgemein ist und ich jederzeit relativiere und in Bezug auf kulturelle Phänomene wie die Hamburger Schule auch sehr ungerecht ist. Das ist mein Eindruck, und der entwickelt sich, will er authentisch sein, nicht an dem, was ich zuhause in meinen CD-Player einlege, aber momo hat mir ja schon beigebracht, dass man Eindrücke nur haben darf, wenn sie dem Chef in den Kram passen.

    Dann der „dümmliche Lokalpatriotismus“: Eurer hier ist nicht dümmlich, aber doch ein wenig aggressiv, und genau das wundert mich nicht. Das kommt mir in anderen Städten nicht so rüber. In unbedeutenderen eh nicht, wohl kein Duisburger käme auf die Idee, seine Stadt so pseudoheroisch zu verteidigen; ob Hamburg jetzt „Weltstadt“ ist oder nicht, wie banal. Aber auch nicht in Berlin. Was man in Zehlendorf so macht, weiß ich kaum. Nicht, weil ich nicht dort wäre, sondern weil der Bezirk wegen der vielen hohen Kiefern so unübersichtlich ist. Man sieht dort keine Bewohner. Abgeschottet, Bersarin, ja. Ich fühle mich übrigens nicht als Berliner, kein Bedarf, ich würde „Berlin“ auch nie verteidigen, da wäre man ja mit den übelsten Leuten im Boot. Mir ist jeglicher Patriotismus fremd, und wenn ich irgendwo zuhause bin, dann auf einem Platz, in einem Kiez, in einer bestimmten Struktur, auf einer Dachterasse mit Blick auf das Kottbusser Tor, in bestimmten Stimmungen frühmorgens, aber bestimmt nicht in „Berlin“. Was soll das überhaupt sein? Nördliche oder südliche Friedrichstraße?

    Ich finde eure schöne Stadt Hamburg aber auch interessant. Sehr interessant, sogar, das bisschen, was ich da kenne. Es ist eher eine Frage des Anspruchs „der“ Bewohnerschaft, und die erinnert mich an die Provinzialität Düsseldorfs, so als Menge, die abgebildet wird, vor allem in Zeitungen. Das ist aber eben der Eindruck von außern, der muss euch nicht stören, was es offenbar doch tut. Dass Wind und Mond und Michel und Fleete einem individuell gefallen, ist doch ganz wunderbar, das habe ich mit „dummem Lokalpatriotismus“ natürlich nicht gemeint. Das ist eben ein individueller Eindruck, gegen den ich ja nie etwas schreiben würde.

    Die Nordsee finde ich, das muss ich so deutlich sagen, das hässlichste Meer, das ich je gesehen habe. Eine graue, kalte Brühe mit geraden Deichen, eine statisch durchkonstruierte Landschaft, dazu Wind und tieffliegende Wolken und ständiges Frieren wo man nach zehn Minuten in der Böe stehend sagt: lass uns gehen. Mein Gott. Ich habe das Gefühl, dass die Nordseeverfechter aus der Not eine Tugend machen. Da gibt es halt nix anderes. Aber das ist wahrscheinlich auch eine Frage der Sozialisation, ich spreche ja nur für mich. Das mit Ebbe und Flut fand ich interessant, als ich mal da war, immerhin. Fühlt euch bitte wohl in Hamburg, vielleicht geht es auch ohne Aggressionen gegen jemanden, der lieber Richtung Süden fährt. Ich mache in Deutschland eh nicht Urlaub.

    Momo, mach es doch einmal so, wie ich dir das schon so oft geraten habe: zuerst den Schaum vom Mund wischen, dann schreiben. Du schreibst ja viel interessantes Zeug. Aber so aggressiv-eliminatorisch, das fällt doch nur auf dich zurück und mir ist es unangenehm. Und nebenbei: Mir fällt immer wieder auf, dass du zusammengesetzte Verben auseinanderschreibst, die zusammengeschrieben gehören. Entgegenschallen, beispielsweise. Nur so als Tipp unter Bloggerkollegen, nichts zu danken.

    Bersarin,
    Landowsky, Diepgen, ich hatte hier immer das Gefühl, dass diese Leute weit weg sind, auch wenn sie regierten. Das Friedrichstraßenprojekt, jo, lass uns da mal drüber reden. Dann kannst du mir auch deine laufenden Kurfürstenstraßengeschäfte einmal zeigen :-) Aber jetzt schneit es ja erstmal.

    zu lang.

  20. Das Faszinierende der Großen Stadt ist die Zusammenballung von höchster Kultur und äußerstem Schwachsinn. (Je kleiner ein Ort, desto einsinniger ist er. Wann hätte man je ein Streiten über Dudenhofen oder Bad Mergentheim gesehen?)
    Das, jene Zusammenballung, macht es möglich, jegliche Großstadt zu bashen und hypen – jede ist angreifbar, jede ist verehrungswürdig.
    Die Große Stadt ist auch und zuvörderst die Zusammenballung einer riesigen Warensammlung. Die Magie der Stadt speist sich unweigerlich aus der des Warenfetischs, in der sie zugleich nicht aufgeht ohne Rest. Dieses nicht ganz Stimmige im Kontinuum der Waren; das, was nicht selbst wiederum bloß Warenform ist, die Differenz, wäre dann das eigentlich Magische, das Faszinosum.
    In diese Richtung hätte man auch, so meine ich, den Grund zu suchen, warum das Passagenwerk wohl in 100 Jahren noch nicht vollendet gewesen wäre. Die Differenz ist da, aber sie entzieht sich. Läßt man sie fallen, da man ihrer nicht habhaft werden kann, so drängt sie unwiderstehlich sich auf, um zu entschwinden, so man ihr sich zuwendet. Benjamin, der da nicht locker ließ, bezahlte seine Hartnäckigkeit mit dem Ton des Beschwörerischen. Will man einen Luftgeist fokussieren, dann geht das nur als Beschwörung.
    Bisweilen scheint es mir, als arbeiteten Bersarins Photographien an einer visuellen Theorie der Großen Stadt, und damit an der Fortschreibung des Passagenwerks.

  21. Ich kann ja nicht jeden Kommentar vom Nörgler als eigenen Beitrag posten, aber dieser wäre es – wieder einmal – wert, weil der Text die Aspekte pointiert. Es ist sozusagen der Basistext (zur Stadt), der bei mir als Grundmelodie, jedoch verborgen und nicht gewußt, mitschwang, während ich die Argumente noch hin und her wälzte. Der Bezug zu Benjamin, die Stadt als Ort von Waren und ihrer Zirkulation sowie der Warenfetischismus bringen es auf den Punkt, welcher geradezu zur Reflexion herausfordert.

    Solche Kommentare stehen derart für sich, daß es im Grunde ein Frevel ist, da etwas hinzufügen zu wollen, weil dadurch der Ton, der Gehalt eines solchen Kommentars unterbrochen wird. Schon durch einen solchen Einschub geschieht die Unterbrechung. Jedoch: diesen Text vom Nörgler einfach so stehenzulassen und mit Schweigen zu goutieren, das bringe ich genauso wenig über das Herz. Auch auf die Gefahr hin, die Stringenz des Textes zu verletzten.

    Dies schreibe ich nicht wegen des Lobes, das meinen Photographien gilt. Selbst wenn der Kommentar meine ewige Verdammnis enthielte, wäre der Beitrag von Nörgler wahr.

    Wenn Paris sich als die Stadt des 19. Jahrhunderts erwies, so wird die Stadt des 21. nur im Plural existieren, und man muß sie wohl auf mehreren Kontinenten aufzusuchen. Diese Stadt liegt an verschiedenen Orten. Um das sichtbar zu machen, um dieses Benjaminsche Passagenwerk nicht verglühen und ausbrennen zu lassen, sondern weiterzuschreiben, fruchtbar zu machen, geht mein Plädoyer in die Richtung, diese Orte in die Reflexion, in den Blick zu nehmen und sie in eine Form zu bringen. Solches kann, der Natur der Sache gemäß, nur ein überbordendes Werk, in dem zugleich ein Wahnsinn steckt, leisten. Und von einem allein kann es nimmermehr getan werden, es sei denn, man stellte ihn von jeglicher Erwerbsarbeit frei.

  22. Leuten, die „mach es doch wie ich!“ schreiben, antworte ich auch in Zukunft wieder nicht mehr …

    Schade, jetzt habe ich mir mit meinem langen Posting solch eine Mühe gegeben.

  23. Na ja, genova, bei allem Respekt, aber ich glaube, ich reagierte da ähnlich. „Mach’s doch wie ich“, stieße auch bei mir auf taube Ohren.

    Nichtsdestotrotz bleibt die Frage, wie sich denn das Projekt Friedrichstraße gestalten könne.

  24. Na, Bersarin, wenn ich Momo angesichts von Vorwürfen wie aktuell „dumm“ und „Sarrazin“ und angesichts des früheren bekannten Vernichtungsgeplappers mir gegenüber den Rat gebe, vorm Posten sich zu beruhigen und nicht nur aufgrund gepflegter Hassgefühle draufloszutippen (das hat nichts damit zu tun, es „so wie ich“ zu machen, auch wenn Momo diese bewusste Fehlinterpretation vorgibt), dann finde ich meine Reaktion recht milde, zumal da (wie ich hoffte erkennbar) Ironie mitspielt. Der Ironiehinweis gilt auch für mein Posting von 13.30 Uhr. Ich glaubte nicht ernsthaft, dass das Momolein in Bezug auf mich noch zu seriöser Argumentation fähig wäre, wollte aber auf seinen mich herabsetzenden Kommentar dennoch reagieren.

    Wie sich das Friedrichstaßenprojekt gestalten ließe, darüber müsste man nachdenken. Interessant finde ich das auf alle Fälle. Wir könnten ja unabhängig voneinander dort Fotos machen und sie im Blog präsentieren. Oder ein Leitmotiv voranschicken. Oder zusammen losziehen. Oder jeder nimmt sich eine Straßenseite vor. Oder wir gehen das professionell an mit einem Verlag und Buch. Oder was denkst du?

  25. Schlimm finde ich ja vor allem immer die Nicht-Akzeptanz des Gesprächsabbruches. Auch so eine entwertende Unsitte.

    Aber besser als das permanente Unterstellen von Tötungsabsichten, was unter chronisch homophobe Stereotype Reproduzierenden ja als legitim gilt, nicht jedoch das „Unterstellen von Homophobie“. Es sei erwähnt, dass „eliminatorisch“ als Begriff von Daniel Goldhagen im Zusammenhang mit dem spezifisch deutschen Antisemitismus in den allgemeinen Diskurs gespeist wurde.

    Kurz vor Weihnachten gilt freilich: Herr, vergib ihm, er weiß wirklich nichts. Geschweige denn, was er schreibt.

  26. Grüß Gott, Momo,
    deinen selbst erklärten Gesprächsabbruch akzeptierst vor allem du nicht, wie dein erneutes Posting zeigt. Aber das ist ja nicht schlimm.

    Ansonsten nur die Bitte, vielleicht mal eine Aufstellung zu machen, was ich alles bin. Ich verliere nämlich so langsam den Überblick. Homophob wusste ich schon, antisemitisch ist mir neu. Man lernt nie aus.

    Und danke, dass du für mein Seelenheil betest, zeigt es mir doch, dass du mich nicht für einen völlig hoffnungslosen Fall hälst.

    Da Bersarin solche Auseinandersetzungen in seinem Blog aber lieber vermieden sieht, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, schweige ich ab sofort zu dem Thema.

  27. Du bist sogar zu doof, das mit dem „eliminatorisch“ zu verstehen, das Du mir permanent andichtest. Aber wenn Du von nun an zu dem Thema schweigst, ist ja alles in Ordnung.

  28. Es gibt Differenzen, die lassen sich nicht beseitigen und die werden sich nicht beseitigen lassen. Wie schrieb schon Brecht: Keinen Gedanken verschwende an das Unabänderliche.
    ______________
    Zur Friedrichstraße überlege ich noch mal: Jede Variante hat ihre Vorteile und besitzt ihren Reiz. Ab morgen bzw. Mittwoch gehe ich jedoch in die Weihnachts- resp. Neujahrspause. Da wird nicht gebloggt, es gibt kein Internet und keine Medien. Ich schreib Dir zur Friedrichstraße dann im Januar etwas. „Verlag“ ist natürlich in der Tat eine gute Idee.

  29. Mein Gott, linke Internationalisten. Die Unterdrückten der III. Welt wollen sie befreien, aber Berliner (oder Hamburger je nachdem) können sie nicht riechen.

    Was für ein Kindergarten.

  30. Ach, ich esse Berliner und Hamburger aus einem richtigen guten Diner beide gerne.

    Mit sozialistischen Grüßen aus der Sowjetischen Kommandantur Berlin-Karlshorst

    Die Kommentarfunktion geht nun aus, weil ich verreist bin. Tja.

  31. Da fällt mir gerade ein, dass ich den Willy noch auf der Liste habe mit seinen bizarren Aristoteles-Imaginationen, die er auf diesem Blog und bei Che hinterließ.
    Da gibt es doch diesen Song von Konstantin Wecker „Sie ham den Willy derschlagn“ – eine gesungene Warnung, dem Nörgler allzu naseweis sich in Erinnerung zu bringen.

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