Vom Kunstwerk – Subjekt und Objekt

Aus Adornos 16. Vorlesung zur Ästhetik vom 22.1.1959

„… ob und in welcher Weise überhaupt ästhetische Betrachtungen sinnvoll durchgeführt werden können, in denen der Begriff der Schönheit nicht seinen Ort hat. Es könnte darauf ja zunächst einmal geantwortet werden: Wenn ein Kunstwerk nicht schön ist, also wenn es nicht in irgend einer Weise sich doch auch einem wie immer idealen Betrachter, Hörer, Leser gegenüber legitimiert, wozu ist dann das Ganze eigentlich da? Wenn es also kein Maß gibt, an dem ästhetische Erfahrung überhaupt gemessen werden kann, wozu soll das Ganze eigentlich gut sein? Hat dann Kunst überhaupt so etwas wie eine raison d‘être? Ich glaube, daß dieser Einwand nicht durchschlägt, weil er eben doch (…) etwas voraussetzt wie einen Betrachter, der also doch in irgendeiner Weise etwas davon haben müßte, dem, wie man so schön sagt, das Kunstwerk etwas ‚gibt‘; wobei ich Sie nur en passant auf den abscheulichen Tauschgedanken hinweisen möchte, der darin steckt. Der Betrachter gibt also dem Kunstwerk die Ehre, ihm seine Zeit, seine Augen, seine Ohren und seine kostbare Nervenkraft zu widmen, und dafür will er dann aber auch vom Kunstwerk etwas in barer Münze, sei es als Genuß, sei es als Bereicherung seines werten Innenlebens oder in sonst irgendeiner Gestalt, zurückgezahlt haben: Eine Vorstellung, deren Vulgarität sie eigentlich a priori von der ästhetischen Betrachtung ausschließen sollte.“
[Th. W. Adorno, Ästhetik (1958/1959), S. 247 f, Frankfurt/M 2009]

„In der verwalteten Welt ist die adäquate Gestalt, in der Kunstwerke aufgenommen werden, die der Kommunikation des Unkommunizierbaren, die Durchbrechung des verdinglichten Bewußtseins. Werke, in denen die ästhetische Gestalt, unterm Druck des Wahrheitsgehalts, sich transzendiert, besetzen die Stelle, welche einst der Begriff des Erhabenen meinte. (…) Kants Lehre vom Gefühl des Erhabenen beschreibt erst recht eine Kunst, die in sich erzittert, indem sie sich um des scheinlosen Wahrheitsgehalts willen suspendiert, ohne doch, als Kunst, ihren Scheincharakter abzustreifen. Zur Invasion des Erhabenen in die Kunst trug einst der Naturbegriff der Aufklärung bei. Mit der Kritik an der absolutistischen, Natur als ungestüm, ungehobelt, plebejisch tabuierenden Formenwelt drang in der europäischen Gesamtbewegung gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in die Kunstübung ein, was Kant als erhaben der Natur reserviert hatte und was in ansteigenden Konflikt mit dem Geschmack geriet. Die Entfesselung des Elementarischen war eins mit der Emanzipation des Subjekts und damit dem Selbstbewußtsein des Geistes. Es vergeistigt als Natur die Kunst. Ihr Geist ist Selbstbesinnung auf sein eigenes Naturhaftes. Je mehr Kunst ein Nichtidentisches, unmittelbar dem Geist Entgegengesetztes in sich hineinnimmt, desto mehr muß sie sich vergeistigen. Umgekehrt hat Vergeistigung ihrerseits der Kunst zugeführt, was, sinnlich nicht wohlgefällig und abstoßend, dieser zuvor tabu war; das sensuell nicht Angenehme hat Affinität zum Geist. Die Emanzipation des Subjekts in der Kunst ist die von deren eigener Autonomie; ist sie von der Rücksicht auf Rezipierende befreit, so wird ihr die sinnliche Fassade gleichgültiger. Diese verwandelt sich in eine Funktion des Gehalts. Er kräftigt sich am nicht bereits gesellschaftlich Approbierten und Vorgeformten. Nicht durch Ideen, die sie bekundete, vergeistigt sich Kunst, sondern durchs Elementarische. Es ist jenes Intentionslose, das den Geist in sich zu empfangen vermag; die Dialektik von beidem ist der Wahrheitsgehalt.
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie, S. 292 f., in: GS 7)

2 Gedanken zu „Vom Kunstwerk – Subjekt und Objekt

  1. „Der Betrachter gibt also dem Kunstwerk die Ehre, ihm seine Zeit, seine Augen, seine Ohren und seine kostbare Nervenkraft zu widmen, und dafür will er dann aber auch vom Kunstwerk etwas in barer Münze, sei es als Genuß, sei es als Bereicherung seines werten Innenlebens oder in sonst irgendeiner Gestalt, zurückgezahlt haben…“

    Eine weit verbreitete Vorstellung, die immer mehr um sich greift. Wozu Kunst, wenn sie nicht das Ich aufwertet? Das ist der Westerwelle-Effekt, Roland Berger ist ja auch leidenschaftlicher Kunstsammler.

    Adornos Vorlesungen sind besser zu lesen als seine Hauptwerke, merke ich mal wieder. Selbst die Vorlesungen zur Negativen Dialektik, die vor ein paar Jahren herausgegeben wurden, verstehe ich (an den Stellen, wo ich reingeschaut habe).

  2. Ja, die Vorlesungen eignen sich (bedingt) als Einstieg ins Denken Adornos. Zugleich möchte ich jedoch vor dem Trugschluß warnen, daß sich darin dann die Philosophie Adornos erschöpfen könnte. Es sind eben Vorlesungen, die transkribiert wurden. Denn Philosophie ist im wesentlichen nicht referierbar, wie Adorno an einer Stelle schrieb. Die Zusammenfassung einer Philosophie ist>/i> eben nicht diese. Ihr Gehalt entfaltet sich in der Sprache, im Rhythmus der Sätze, in den Verdichtungen, den Anspielungen, dem Moment des Stils.

    Was am Ende zählt, das sind die Werke – Adornos Texte. Nein, nebenbei lassen sie sich nicht lesen. Dies erfordert Zeit, und fast möchte ich sagen, es erfordert zwingend ein Studium und setzt die Kenntnis der Tradition voraus. Man sollte den Text einerseits Satz für Satz lesen und dabei dennoch beachten, daß diese (Satz-)Teile nicht losgelöst vom Ganzen zu betrachten sind. Dieses Verhältnis richtig ins Lot zu bekommen, ist die Schwierigkeit bei allen guten Philosophen

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