O sancta simplicitas – der Gutsherr hat‘s wieder getan

Unser Affirmateur aus Karlsruhe, ein wenig mit dem dicklichen Füßlein aufstampfend: „Warum ich doch recht habe“, so lautet die Überschrift in der „Zeit“ vom 2. Dezember, das Thema der freiwilligen Geldabgabe der Reichen erneut aufgreifend. Sloterdijk kann es nicht lassen. Auch dreimal falsch Geschriebenes wird beim vierten Mal und somit bei der dritten Wiederholung nicht richtig. Insbesondere seine Kritik am Text Marx gerät in diesem Beitrag über die bloße Denunziation nicht hinaus. Es ist dieser Artikel die Zeit nicht wert, sich damit weiter zu beschäftigen. Das Gute jedoch: das Konzept widerlegt sich mit einem einzigen Satz selbst:

„Sobald man der Auffassung zuneigt, der demokratische Rechtsstaat sei eine politisch-ethische Struktur eigenen Wertes und nicht nur die Maske von ‚Kapitalherrschaft‘, führt kein Weg daran vorbei, sich über die Möglichkeiten einer Ausweitung des vierten Modus von Geben und Nehmen (eben der schenkenden, herrschaftlichen Geste des Expropriateurs, Anm. Bersarin) im Verkehr zwischen Staat und Gesellschaft Gedanken zu machen.“

Genau: dieser zweiten Auffassung, der Maskierungsthese neige ich im großen und ganzen zu.

16 Gedanken zu „O sancta simplicitas – der Gutsherr hat‘s wieder getan

  1. Ich glaube, der Zweck von Sloterijks Interventionen ist es, eine (noch) theoretische, sozialdarwinistische Schutzzone abzustecken, in der solche Thesen propagiert werden können. Das kann ja nicht ernsthaft umgesetzt werden, aber der Zeitgeist wird beeinflusst. Sloterdijk saß kürzlich bei einer PR-Konferenz der Süddeutschen Zeitung und propagierte seinen steuerfreien Staat. Über diese hauseigene Konferenz berichtete die SZ dann auf insgesamt fünf bis zehn Seiten, nur neoliberales Geplapper der üblichen Verdächtigen. Man trifft sich da, man kennt sich, man konfiguriert Netzwerke, die bei Bedarf dann funktionieren. Sloterdijk hat die Aufgabe, das „intellektuell“ zu unterfüttern, das Kapital braucht sowas.

    Man sieht hier den katastrophalen Zustand dieses Landes: Der allgemein anerkannt wichtigste, zumindest populärste aktuelle Philosoph ist ein Biologist und Sozialdarwinist und Ämterraffer. Auf Platz zwei steht Norbert Bolz. Gute Nacht.

  2. Ja, an den dämlichen Bolz dachte ich auch schon.

    EIgentlich schreibe ich zu solchen Dingen ja nichts, aber es hat mich der Artikel in der „Zeit“ doch sehr geeärgert. Nicht daß er in der „Zeit“ stand, ärgerte mich, denn wenigstens weiß man bei Sloterdijk, was gehauen und gestochen ist. Sondern vielmehr, daß solches nicht im Wirtschaftsteil positioniert wird, wo es hingehört. Aber mein ehemals schönes Zeit-Feuilleton mit Fritz J. Raddatz, Benjamin Henrichs, Petra Kipphof ist eh ruiniert. Seit dort Menschen wie Iris Radisch schreiben, ist es sinnlos auf Besserung zu hoffen. Franz Schuh und Bendikt Erenz kann man lesen. Greiner ist furchtbar geworden. Mittlerweile hat man sich sogar an Thomas Assheuer gewöhnt.

  3. @ genova68: Ich würde auch glauben, dass es Sloterdijk nicht so sehr um die These als solche geht, sondern um die Veränderung eines gesellschaftlichen „Klimas“ (wenn man so will).

    Was ich mich innerhalb dieser merkwürdigen „Debatte“ allerdings schon öfter gefragt habe, ist, ob der Gedanke, dass ein „schenkungsfreundlicheres“ Klima für die Gesamtgesellschaft positiv wäre, als solcher schon als „jovial“ oder „gutsherrisch“ gedeutet werden muss, oder ob das nicht, wie Bersarin andeutet, eher mit einer unterschiedlichen Beurteilung des Gesellschaftssystems im Ganzen zu tun hat (die man dann so etikettieren könnte)!?

  4. Ach Sloti, den mochte ich mal, aber seitdem er sich mit Politik beschäftigt, ist da einfach die Luft raus. Seine biologistischen Thesen sind jedoch eindeutig – so sieht´s jedenfalls für mich aus – aus der Sicht des Bhagwan/Osho-Schülers, der er ja ist, zu verstehen. Bei einer Fernsehdiskussion sagte XX, dessen Name mir jetzt nicht einfällt, in etwa: „aber das steht doch alles wunderbar geschrieben in Ihrem Buch (ließt vor) ….“, weil sich S. so bescheiden gab. Sloterdijk., der ja gar kein Philosoph ist, sondern Germanist, bekannte, dass er sich jetzt erst mit all den Texten beschäftige, die er zuvor alle allein durch die Lektüre von Sekundärliteratur kenne. Philosophisch sei er allenfalls mit einer gewissen phänomenologischen Schule vertraut. So charakterisierte er sein Denken. Und, auch in diesem Zusammenhang, er sei dabei, „zu üben“ (später erschien dieses „Du musst Dein Leben ändern“). Offensichtlich ist er sich nicht treu geblieben, denn dann veröffentlichte er diesen unglaublich schwachen Artikel in der FAZ (ich glaube, es war die FAZ, haben die Blubberwasser getrunken?, frage ich mich).

    Sloterdijk ist ein Esoteriker! Hat das denn keiner geschnallt? „Du musst Dein Leben ändern“ zeigt´s doch recht deutlich. Und ich finde es eigentlich recht sympathisch. Üben, üben, üben – mit der „richtigen“, meditativen, zenartigen Einstellung. Das Leben ist ein Anlass, um zu üben. Das ist die Einstellung des Meditierenden; Meditation ist Übung. Mich selber gewissermaßen als Bhagwan/Osho-Schüler begreifend, habe ich mich gefreut, dass er, sozusagen als Bhagwan/Osho für Intellektuelle (er schöpft eigentlich die ganze Zeit aus dem Bhagwan/Osho-Gedankenkosmos – sofern es sich um „Gedanken“ handelt, siehe z.B. „Kritk der zynischen Vernunft“, welches Werk mich damals ziemlich gelangweilt hat, was ich aber nach überbordender Osho-Lektüre sehr gut verstehe), wieder bei seinen Ursprüngen angekommen ist/war. Wenn man Bhagwan/Osho nicht kennt, versteht man Sloderdijk einfach nicht. Das muss alles vor diesem 80er-Jahre-Hintergrund gesehen werden. Und Bhagwan/Oshos Bemerkungen über Politik sind teilweise einfach fatal. Die wirklich schlimmen Sachen, die er gesagt haben soll, etwa über Hitler, lasse ich lieber unerwähnt. So hat er etwa das Engagement gegen Armut (in Indien) kritisiert. Genau erinnere ich mich nicht, aber es hieß, glaube ich, es würde die Zustände nur verfestigen und sei eh´ verlogen (Ghandi, Maria Theresa). Worauf er mit seinen „spirituellen Unterweisungen“ fortfährt. Solche Allgemeinplätze mögen in gewisser Weise für Indien zutreffen, aber genau auf diesem Niveau bewegt sich die politische Dünnbrettbohrerei eines Peter Sloterdijk. Es war in der FAZ, wo es, anlässlich seines Buches über Frakreich oder Eines Vortrags, glaube ich, hieß, damit habe sich „so einer“ wie Sloterdijk selbst erledigt, so in etwa. Da begann – ok., meinestwegen spätestens – der Niedergang des Peter Sloterdijks.

    Dass überhaupt das Feuilleton und eine Reihe verschiedener kluger Köpfe sich überhaupt auf diese „Debatte“ eingelassen hat, DAS ist der eigentliche Skandal !!

  5. Edit: hätte natürlich heißen müssen: „der Niedergang des Peter Sloterdijk“ (ohne ’s‘).

  6. In der Tat folgen solche Debatten einer bestimmten Strategie bzw. werden in den Hinterzimmern angestoßen. Sloterdijk ist jedoch nur die Spitze eines Eisberges. Man kann ihm sogar zugute halten, daß er diese Dinge, die ja ansonsten schleichend und tröpfchenweise verabreicht werden, öffentlich ausspricht, so daß überhaupt ein Diskurs hergestellt wird.

    Natürlich wird niemand mit einem Schlage bspw. das Gesundheitssystem auf „privatfinanziert“ umstellen. Das macht man besser in kleinen Schritten, und es finden sich dann die PR-Agenturen, die Slogans wie „Entkoppelung von Gesundheit und Arbeit „erfinden. Na ja, es sind dies bekannte Dinge.

    Ob Sloterdijlk nun Esoteriker ist, weiß ich nicht. Sein Buch „Du mußt dein Leben ändern“ ist nicht generell schlecht. und die These vom „Üben“ ist ja nicht per se falsch. Denn Praktiken beruhen eben auf Übung bzw. auf Bildung. Geschmack etwa bekommt man nicht in die Wiege gelegt. Ästhetische Kompetenz erfordert ein gewisses Maß an Umgang mit Kunst. Aber dies im Grunde sind triviale Dinge.

  7. Ja, da bin ich wohl zu praktisch veranlagt. Die Steuerschenkungsidee fände ich schon überlegenswert, wenn sie eingebettet wäre in irgendein soziales Konzept. Sloterdijk macht stattdessen nur das Fass auf, dass keine gerne Steuern zahlt, es also sozialpsychologisch unvorteilhaft ist. Das halte ich für Bild-Niveau, die erzählen ihren Lesern ja auch gerne, an welchem Tag im Juli man erstmals „für sich“ arbeitet und nicht mehr für den Staat (Steuerquote). Das ist auch so eine völlig sinnlose bzw. neoliberale Herangehensweise. Ich meine, der Mann will doch Philosoph sein. Seine biopolitischen Ansätze Menschenpark) dazugenommen, ergibt das ein übles Gebräu. Ich gebe aber zu, vor ein paar Jahren auf der Buchmesse eine halbe Stunde in einem neuen Buch von ihm gelesen zu haben, das mir gut gefiel, irgendwas gesellschaftskritisches war das, Titel entfallen.

  8. Es laufen solche Fragen am Ende immer darauf hinaus, in welcher Weise ein Gemeinwesen organisiert ist, wie sich Arbeit verteil, inwieweit der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapitel ausgeprägt ist. Zudem schließen sich für mich bei solchen Dingen einige Fragen an: Wie kommen die, welche so viel Geld haben, daß sie im Grunde nicht wissen, wohin damit, zu eben diesem?

    Was die Steuer-, Abgaben- und Enteignungssysteme betrifft bin ich als ästhetischer Theoretiker jedoch nicht befugt, diese einzurichten.

    Sloterdijk ist in seinen Schriften nicht per se, nicht immer schlecht. Man muß seine Texte nur mit großer Vorsicht lesen. Das was gerade abläuft, ist jedoch gruselig. Und insofern gehört er als Philosoph zu denen, welche zu bekämpfen zu widerlegen sind. Was er mit diesem Menschenparktext damals eigentlich wollte, hat sich mir nicht recht erschlossen.

  9. Im Klassifikationssystem der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg war früher Sloterdijk zu finden unter: „Pseudophilosophie“.

  10. Das wollen wir ja hoffentlich nicht als letztes inhaltliches Qualifikationskriterium für einen Autor akzeptieren…

    Ich muss gestehen, dass ich im Begriff der „Immunisierung“, bzw. der „Ko-Immunität“ (den S. sowohl in den Sphären als auch in „Du musst dein Leben ändern“ gebraucht), durchaus Ansätze sehe, die ihn gegen eine neo-liberalistische Deutung seiner Thesen in Schutz nehmen könnten. Die sind allerdings in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Texte noch kaum angekommen, was man ihm wohl nachdrücklich vorwerfen sollte. Auch die Foucaultschen Inspirationen seiner Überlegungen („Hermeneutik des Subjekts“) sollte man keinesfalls unterschätzen.

    Mir scheint vor allem die etwas kuriose Inszenierung seiner Interventionen problematisch (die „Menschenpark-Rede“ halte ich für einen seiner schwächsten Texte: grauer Herbstregen ohne Gewitter). Da kommt man fast nicht umhin zu vermuten, dass er bewusst die Rolle des bösen Buben spielen will.

    Eine scharfe, kritische Auseinandersetzung reicht möglicherweise schon. Und ich wäre bis auf Weiteres nicht bereit, den Glauben an die Wirksamkeit des „zwanglosen Zwangs der besseren Argumente“ aufzugeben. Mit Polemik hat man noch keinen Gegner einer Position überzeugt, die unterstreicht bloß ein schon geteiltes Ressentiment.

  11. @ Die Neonleuchte

    Daß man Sloterdijk in seinen Texten sozusagen beim Wort nehmen solle, ist richtig. Ich tat dies in meinem kurzen Text zu seinem Machwerk in der „Zeit“ ja. Und wenn man das noch intensiver betreibt, dann bleibt von diesem Blödsinn, welchen er im Namen anderer verfaßt hat, nicht viel übrig.

    Mit diesem Text spielt Sloterdijk nicht die Rolle des bösen Buben, sondern die des willfährigen Büttels; er inszeniert und schreibt einen bestimmten Diskurs fort, er gehört zu denen, die das intellektuelle Futter eines Wirtschaftsliberalismus liefern, den man, von seiner Struktur und den Mechanismen der Ausgrenzung her, gut auch als erweiterten Wirtschaftsfaschismus bezeichnen kann.

    Das Schwachmatische dieser Texte in Zeit und FAZ entbindet sicherlich nicht davon, seine Bücher zu ignorieren. Sie sind ja deswegen nicht allesamt schlecht.

    „Du mußt dein Leben ändern“ ist zwar zunächst ein fragwürdiger bis bescheuerter Titel (aber nicht umsonst gemahnt es an den zuweilen kunstgewerblichen Rilke). So wie ich in dieses Buch bisher kursorisch hineingelesen habe, scheint es mir trotzdem nicht uninteressant. Inwiefern es Korrespondenzen zu seinen Thesen in der „Zeit „und der FAZ gibt, müßte man gesondert in den Blick nehmen.

    Wo jemand in einer Bibliothek einsortiert steht, halte auch ich für ein ungeeignetes Kriterium. Zumal angesichts des gegenwärtigen Bildungsstandes.

  12. Mir scheint schon länger, Sl hat das Lachen verlernt. Die beste Voraussetzung, um ins politische Fach überzuwechseln. Eben noch dabei, eine kynische Bewegung ins Leben zu rufen (denn warum sollte eine Selbstpraxis des Übens nicht, wie einst, Staat, Zivilisation, Bequemlichkeit und Gesellschaft in Frage stellen?), will er uns jetzt, wo er nicht mehr lacht, zu schwanzwedelnden Gabenempfängern machen.

    Elke Brüns machte unter Nennung von Foucoult, Derrida, Bourdieu und anderen in der FR auf die Unmöglichkeit der Gabe aufmerksam. http://www.gespenst-der-armut.org/sloterdijk/

    Das Schwanzwedeln ist aber bekanntlich nur eine mögliche Antwort auf die Unmöglichkeit der Gabe. Diogenes pisste die Gäste an, die ihm bei einem Essen die abgenagten Knochen vorwarfen.

    Ich finde das jedenfalls nicht witzig, und die Fähigkeit zum Lachen ist Voraussetzung für s Üben als Selbstpraxis. Also jetzt zynisch werden? Wie Sl offensichtlich, das Üben aufgeben? Und das, wo ich nicht zu der Gesellschaftsschicht gehöre, die sich etwa vor dem Hundegeschlecht fürchten würde? Wie Lucian offenbar, der in den „Entflohenen Sklaven“ die Philosophie sagen lässt (auch wenn er möglicherweise das kynische Lachen eigentlich hatte retten wollen):

    „Von solchen Betrügern ist nun die ganze Stadt voll, besonders von denen, die sich bym Diogenes, Antisthenes und Krates haben einschreiben lassen und unter der Fahne des Hundes dienen: aber weit entfernt um die Tugenden des Hundegeschlechts, um ihre Wachsamkeit, Häuslichkeit, Treue, Anhänglichkeit und Dankbarkeit gegen ihre Herren zu beeifern, lassen sie sich bloß angelegen seyn, im Bellen, in Gefräßigkeit, Raubsucht und Geilheit, im Schmarotzen und Schwanzwedeln gegen jeden, der ihnen etwas gibt, und im fleißigen Aufwarten bey vollen Tafeln, sich als ächte Hunde Darzustellen.“ ?

    Es soll ja Leute gegeben haben, die ihren Hund „Heidegger“ nannten. „Sloterdijk“ wäre aber für meinen Geschmack eine Beleidigung alles Hündischen. wau !

  13. Der FR-Artikel ist nett zu lesen. Zwar nichts wirklich neues, aber wo gibt es das schon. Der Hinweis auf die Rückführung der Gesellschaft in feudale, vormoderne Zeiten ist auch nicht neu, aber wichtig. Genau wie die Kritik an dem Stiftungswesen, das ebenfalls darauf hinausläuft, dass der einzelne Reiche selbst entscheidet, wer unterstützungs bedürftig ist. Den Namen der Autorin sollte ich mir merken, wenn ich ihn nicht schon wieder vergessen hätte.

    Man kann es drehen und wenden, wie man will: Sloterdijk steht exakt für diese Refeudalisierung, und genau deshalb hat er eine zentrale Rolle, was die mediale Vermittlung irgendwie als intellektuell betrachteter Positionen angeht. Die herrschende Klasse freut es, auch wenn mir dieser Ausdruck ob seiner Brachialität missfällt.

    Andererseits hat es auch mit dem zu tun, was man in den USA wohl seit längerem beobachtet (stand vor ein paar Wochen in der Zeit): Seriöse Nachrichten interessieren immer weniger, Meinungen immer mehr, je offensiver und provokanter vertreten, desto interessanter. Late-Night-Shows übernehmen die politische Meinungsbildung. Sloterdijk schwimmt da ganz gut mit.

  14. Hm, also, auf den FR-Artikel, den zu lesen es mir leider an Gelegenheit ermangelt, hat S. in einem – wie ich finde – aufschlussreichen Interview im Vorhinein bereits geantwortet [„Antizipationsmacht“ (Bloch)].

    Ab 6:30 geht er da auf die Vorwürfe der Refeudalisierung und speziell auch auf die „Ideologie der Unmöglichkeit der Gabe“ (unter einem etwas anderen Namen) ein.

    Ich muss sagen, dass ich – auch angesichts der hier laufenden Debatte – den Eindruck habe, dass eine sehr viel grundlegendere, anthropologische Streitfrage hier im Hintergrund brodelt: Die Frage, ob der Mensch, so im Großen und Ganzen besehen, ein „gutes“ oder ein „schlechtes“ Tier ist oder sein kann. Man muss da ja nicht auf die ideengeschichtliche Konsonanz so unterschiedlicher Denker wie Plessner, Heidegger, Foucault oder Derrida (Luhmann geht hier sicher auch) verweisen, um zu glauben, dass der Mensch wesensmäßig ein Nicht-Festgestellter ist, der sich durch Einübung (Habitualisierung) bestimmte mittelfristig-stabile Charaktereigenschaften aneignet.

    Die Frage ist nun, ob es realistisch ist zu glauben – und davon scheint S. ja offenbar überzeugt – dass man das, was er eine „Kultur des Stolzes“ (vielleicht schüttelts manch einen schon bei dem Begriff) realisierbar wäre, in der die Menschen (und eben gerade nicht nur die, die in der Nahrungskette oben sitzen) wieder gerne geben, eine philanthropische Gesellschaft, in der man sich als Intellektueller nicht mehr wieder und wieder dazu berufen fühlen muss, die Masse als verblendet und verblödet, geil und geizig zu denunzieren.

    Ich halte den Vorschlag von S. für merkwürdig, für „weltfremder“ als einige seiner älteren Publikationen, sofern er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ja eindeutig provoziert und auch inhaltlich sich auf mehr als wackligem Terrain bewegt. Allerdings würde ich dafür eintreten, in erster Lesung die Gedanken einmal als die, die sie sind, ernst zu nehmen, um danach darauf zu verweisen, was die Probleme solcher Vorschläge sind. Man muss ihm schon unterstellen, dass er nicht meint, was er sagt („Wie wäre es wenn die Menschen freiwillig gäben?“), um die gegen ihn vorgebrachte Kritik („S. will die Armen prellen und die Oberen stärken“) zu unterschreiben.

    @ Bersarin:

    Mit Begriffen wie „Wirtschaftsfaschismus“ wäre ich immer vorsichtig. Ich habe gelegentlich echte Sorge, dass das positive Potential der „Kritischen Theorie“ (ich darf das mal hier pro tanto so nennen) in ihrem Hang zum Rückzug aus allen Bezügen, die sich mit „Macht“ assoziieren lassen, verlorengeht. Vielleicht sollte man wieder danach fragen, wie eine hilfreichen politische Einmischung heute möglich sein könnte, auch (!) im Sinne eines system-internen, politischen Handelns. Begriffe wie „Politik“ und „Macht“ dürfen da nicht mit einem Bann belegt sein.

    Na, ich hoffe, das klingt jetzt für manche nicht allzu reaktionär.

  15. Nein, zum Begriff der Macht sind gerade im Rahmen der „Dialektik der Aufklärung“ die Bezüge gut gegeben und ausgearbeitet. Das reicht aber insofern nicht aus, weil diese Aspekte in der DA auf einer Makroperspektive entfaltet werden – sozusagen im Adlerblick als geschichtsphilosophische Diagnose. Diese gilt es, an der Sache zu erproben. Mit- und weiterzulesen sind die dort analysierten Aspekte deshalb unbedingt bei Foucault, der schrieb, es wäre ihm mancher Umweg erspart geblieben, wenn er die DA früher gelesen hätte. Foucault entwickelt diese Dinge in seinen mittleren Schriften dann im Detail. „Überwachen und Strafen“ sowie viele kleinere Aufsätze wären hier zu nennen. Eine Kritische Theorie kann also sehr gut mit einem Begriff von Macht arbeiten. Zunächst einmal, indem sie die Normierungs- und Unterwerfungsmacht zur Darstellung bringt. Und weiterhin natürlich, im Sinne einer politischen Ökonomie, die Arbeit der Wirtschaftsmacht im Zusammenspiel mit der Biomacht in die Analyse zu nehmen: Das zu sagen, was der Fall ist.

    Mit dem Begriff des Faschismus bin ich in der Regel eher vorsichtig, denn wenn alles faschistisch ist, dann ist es am Ende gar nichts mehr. Es ist ja auch nicht der gleiche Faschismus wie der Italo-, Ibero- oder der Germano-Faschismus. Doch von den Strukturen der Ausgrenzung und Selektierung her gibt es augenfällige, anschlußfähige Analogien. Diese bedient Sloterdijk nicht nur, sondern er füttert und initiiert diesen üblen Diskurs. Die Differenz zwischen Meinen und Schreiben ist unerheblich. Ich habe nur den Text: mehr nicht. Dieser Text scheint mir ziemlich eindeutig. Ich lese da auch keine Ironie oder eine seine Position doch übersteigende Perspektive heraus.

    Was nun die Konzeption des Menschen betrifft, so steckt in Begriffen, die man zunächst als anthropologische Konstanten wähnt (wie etwa böses Tier usf.) die Ideologie. Der Mensch ist, was er ißt, so sagt man. Das gilt auch für sein Verhalten, seine Entäußerungen, sein „Wesen“. Diese Dinge unabhängig von der Gesellschaftsformation zu analysieren, in der Menschen existieren, greift ins Leere und ist mithin abstraktes Denken (im Hegelschen Sinne). In einer kapitalistisch durchorganisierten, warenproduzierenden Gesellschaft verhalten sich Subjekte anders als in einer Feudalgesellschaft ohne Kreditwesen und doppelte Buchführung, anders als in einem Failed State oder in einem Land, wo Krieg herrscht. Nur weil in bestimmten Gesellschaftsformationen das Gesetz „Alle gegen alle“ herrscht, heißt dies nicht, daß der Mensch auf dem Niveau der Bestie handelt. (Und die Gleichung Mensch – Tier ist sowieso unsinnig, zudem ungerecht, und zwar gegenüber beiden.)

    Der Mensch sei nun einmal so, das sei eine anthropologische Konstante wird als Satz von denen formuliert, die im Grunde wollen, daß alles so bleibt wie es ist. Es läuft dies auf die Naturalisierung von gesellschaftlich Gemachtem und Gewordenem hinaus.

    Wie hilfreich politische Einmischung (als kritische Theorie und als kritische Praxis) heute sein mag, wie und ob sie möglich ist, vermag ich angesichts einer aporetischen Situation, in der die Kälber sich ihre eigenen Schlachter wählen, nicht zu sagen. Die europäischen Systeme werden sicherlich immer mehr an ihren sozialen und politischen Rändern kollabieren. Das wird sich entäußern wie in den französischen Banlieues, in eruptiven Riots. Möglicherweise nehmen auch Protestbewegungen zu, was ja als ein geringer Erfolg zu werten wäre. Ich bin da aber kein Prophet.

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