Zur Sache Rühmkorf – Celan sowie zur Goll-Affäre

In einem der letzten Kommentare brachte Hartmut bzw. hf99 den Hinweis auf Peter Rühmkorf, dessen Celan-Kritik samt dem mit dieser Kritik verbundenen Vorwurf des Antisemitismus gegen Rühmkorf. Er verwies auf die Unredlichkeit in solcher Argumentation.

Ich möchte zunächst jene Stelle, die Anlaß des Vorwurfs war, zitieren. Sie stammt aus einem Aufsatz, der 1962 in dem von Hans Werner Richter (Gründer und Hofherr der „Gruppe 47“) herausgegebenen Sammelband „Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962“ erschien. Rühmkorfs Text heißt „Das lyrische Weltbild der Nachkriegsdeutschen“:

„Indes, wer bei einem Gedicht wie der Todesfuge zum Lobe ansetzt und fast schon Worte wie meisterlich und eisig-einzigartig auf der Zunge wägt, der möchte dann den dreigestrichenen Applaus doch nicht ohne gewisse Zurücknahmen aus sich entlassen. Denn obwohl Celan sicher als Ausnahme nicht nur unter dichtenden Zeit-, sondern auch Artgenossen anzusprechen ist und obwohl bei ihm gemeinhin überzeugt, was bei anderen zeitgenössischen Zeitflüchtern von Poethen bis Demus, von Raeber bis zu Atabay nur als ein modisches Make-up empfindet (ich meine vor allem eine gewisse Feierlichkeit der Diktion und Stilisierung ins Würdevolle), vermag man doch bestimmte Schwächen und Mankos nicht übersehen.“ (S. 663, zit. nach „Paul Celan – Die Goll-Affäre, hrsg. v. Barbara Wiedemann, Frankfurt/M 2000)

Rühmkorf fährt in seiner Kritik fort, daß Schlüsselwörter wie Urne, Asche, Mohn, Kelch, Muschel, Schatten, schwarze Pappel – also Begriffe, welche in den Gedichten Celans vorkommen – nur ein „Sortiment von Nachschlüsseln“ sind, weil geborgt: es sind vorgegebene Symbole, die bereits bei Mallarmé, Trakl und Benn in Gebrauch waren. Tenor der Kritik: Im Grunde nichts Neues in dieser Dichtung.

Lassen wir einmal die Stimmigkeit oder Unstimmigkeit dieser Kritik beiseite; da ich kein Experte für Lyrik bin, kann ich diese Punkte im Detail nicht überblicken. Aber als Menninghaus-geschulter Schüler und Denker doch soviel: Mein genereller Einwand lautete: Selbst wenn es an dem wäre, wie Rühmkorf behauptet, so entwickelt Celans Text in seiner Sprache, in seiner Dichtung mittels dieser Begriffe eine Form von poetischer Sprache, die an die Grenzen des Ausdrucks geht und einerseits Bahnen der Kommunikation radikal abbricht, eine Atemwende eben, um zugleich ganz neue zu öffnen. Ein Gedicht wie „Engführung“ (1959) etwa verrätselt sich einerseits derart, daß für diese Form von Lyrik der Begriff Hermetik, wie als Reflex darauf, sich einstellte. Man sagt „Celan“, es folgt „Hermetik“und Kannitverstan. („fort aus Kannitverstan“ wie es in anderem Zusammenhang in einer Zeile des Gedichts „Kermorvan“ heißt). Zugleich aber ist dieses Gedicht derart überkonnotiert, funktioniert über mehrere Ebenen und arbeitet in und mit Sprache (als Musik, der Titel schon legt diese Lesart nahe), und es heißt ein Buch von Menninghaus über die Lyrik Celans ganz richtig „Magie der Form“. Der Vorwurf des Schlüsselklaus erscheint als vollkommen verfehlt und kurzsichtig.

Celan nun stieß sich in diesem Text Rühmkorfs an dem Begriff „Artgenosse“. Er assoziierte damit „artfremd“, „Artgemeinschaft“, und es läßt sich diese Kette von Assoziationen sicherlich im Kopf eines gerade dem Tod durch Vernichtung Entronnenen noch viel weiter fortschreiben. Celan hat in seinem Leseexemplar lediglich diese eine Passage im Textes unterstrichen. Nichts sonst.

Rühmkorfs Kritik an Celans Lyrik fiel – neben dem eingestreuten gönnerhaft-überheblichen Lob – in diesem Text ansonsten hart aus. Gut, möchte man sagen, damit muß ein Dichter leben und Rühmkorfs Äußerungen kann man genauso gut als Futterneid oder Gehacke unter Dichtern abtun. Alles halb so wild, so mag man aus der Perspektive des Nichtbetroffenen, Nichtgetroffenen sagen. Zudem: Künstler sind in der Regel die schlechtesten Rezensenten. („Und jedem Künstler ist es recht, spricht man von andren Künstlern schlecht“, wie es bei Kreisler heißt.)

Und wer sich mit Texten, mit Bildern, mit Gedichten in die Öffentlichkeit begibt, kann mißverstanden werden, muß mit Kritik rechnen. Bei Celan wirkte in der Wahrnehmung jedoch fort, daß er (von Deutschen) nicht als Dichter (und primär natürlich als Mensch), sondern womöglich zuvorderst als Jude beurteilt und betrachtet wurde. Der sich bis hin zum Systematisch-Eliminatorischen steigernde Antisemitismus ist ja nicht 1933 plötzlich gekommen und dann war er, oh Wunder, 1945 wieder fort. Der Schoß war und ist fruchtbar noch. Und die ästhetisch konventionelle und ästhetisch großenteils wenig avanciert auftretende realistische Nachkriegsmoderne beschäftigte sich mehr mit sich selbst, mit den Kriegsfolgen, dem eigenen Leid, kaum jedoch mit der Shoah. Was nicht einmal schlecht ist, denn wie ließe dies sich im Böllschen Realismus begreifen? Dieser Neorealismus mit seinen Härten und seinem (zuweilen) existentialen Pathos steht nun diametral zu Celans Lyrik, die im Grunde der einzige adäquate Ausdruck – zumindest auf dem Gebiet des Lyrischen – für das sein konnte, was wenige Jahre zuvor planmäßig organisiert wurde.

Gut, manchem Gebilde dieser Nachkriegsliteratur merkt man die Hilflosigkeit unmittelbar an, so Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“. Entlastungsstück allemal. Auch für eine junge Kriegsheimkehrergeneration, die sich womöglich mehr dafür interessierte, daß der Krieg ihnen die Jugend raubte als für das, was im polnischen und russischen Hinterland und in den Vernichtungslagern geschah; nicht nur gegenüber Juden, sondern auch mit Sinti und Roma, Schwulen, der politischen Linken, Zeugen Jehovas, Behinderten – mit allem, was anders war und in die bis 1943 im ganzen recht fröhliche Volksgemeinschaft nicht hinein sollte. So löblich die Moralfragen, die Borchart stellt, vom unmittelbar ethischen Standpunkt sein mögen, ästhetisch und politisch sind sie naiv. Doch geht es hier nicht um die ästhetische Bewertung der deutschen Nachkriegsmoderne.

Ja, die Angelegenheit Celan und seine Beziehung zu den BRD-Schriftstellern ist verwickelt. Celan hatte 1952 nach bzw. während einer Lesung bei der „Gruppe 47“ üble Erfahrungen mit einigen ihrer Mitgliedern gemacht. Der Vortrag seiner Gedichte wurde teils verlacht und stieß auf Unverständnis; wie in der Synagoge, hieß es. Ob es sich um eine Fehleinschätzung, Überbewertung  Celans handelte oder ob es de fact sich so verhielt, daß da ein latenter Antisemitismus mitschwang, ist aus dem Stand heraus schwierig auszumachen.

Fixpunkt all dieser sich summierenden Anfeindungen und der Kritik ist sicherlich die Goll-Affäre. Es wurde Celan durch diese Angelegenheit auf der persönlichen als auch der ästhetischen Ebene übel mitgespielt, denn das böse Weib Claire Goll bezichtigte Celan, die Gedichte des expressionistischen, surrealistischen Lyrikers Yvan Goll zu plagiieren. Dieser Vorwurf traf Celan hart. Der Kontakt zwischen den Golls und Celan begann Anfang November 1949 mit einem Besuch Celans am Sterbebett Golls in Paris. Celan sollte einige von Golls Gedichten vom Französischen ins Deutsche übersetzten. 1950 verstarb Goll. Celan übersetzte.

Die Beziehung zwischen der Witwe und Celan brach aber 1952 aufgrund von Unstimmigkeiten ab. 1953 äußerte Claire Goll im privaten Kreis zum ersten Mal Vorwürfe, da ein amerikanischer Germanist (Richard Exner) zu bemerken glaubte, daß es (Wort-)Übereinstimmungen in den Gedichten von Goll und Celan gebe. Er löste damit (vermutlich unfreiwillig und ungewollt) eine tiefgreifende Diskussion aus. Den Höhepunkt erreichte diese Kampagne 1960, als Claire Goll in einem diffamierenden Artikel der Münchener Zeitschrift „Baubudenpoet“ Celan direkt und unverhohlen des Plagiats bezichtigte. Es entbrannte in der BRD eine Debatte unter einigen Schriftstellern, Journalisten und Literaturwissenschaftlern. So etwa Peter Szondi, Marie Luise Kaschnitz, Armin Mohler, Dietrich Schaefer und anderen. Rühmkorf beteiligte sich daran nicht. (Meiner Sicht nach ging es ihm in seinen Texten um eine Kritik von Celans Lyrik mit binnenästhetischen Mitteln.) Diese Debatte reichte bis in die 80er Jahre hinein.

Detailliert kann man den Gang dieser Diffamierungskampagne sowie die Äußerungen der Verteidiger und Kritiker Celans nachlesen in dem Dokumentationsband „Paul Celan – Die Goll-Affäre“. Das Buch wurde von der in Tübingen lehrenden Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann herausgegeben. Es ist unbedingt lesenswert, wenn man sich zu den verschiedenen Positionen einen Überblick verschaffen möchte. Am Ende erwiesen sich diese Anschuldigungen als haltlos, bestimmten aber jahrelang die Debatten. Paul Celan beschädigten sie schwer: sowohl physisch und als auch psychisch. 1962 kam er zu einem zeitweisen Aufenthalt in die Psychiatrie, er mußte Psychopharmaka nehmen. 1970 nahm er sich in Paris das Leben, indem er nachts von der Pont Mirabeau in die Seine sprang.

Auch diese kurze,  im Rückblick womöglich harmlos erscheinende Äußerung Rühmkorfs ist es für Celan eben nicht harmlos gewesen, und er verband damit mehr als nur eine Kritik an seinen Gedichten. Es ist eine tragische Verstrickung. Rühmkorf beabsichtigte sicherlich nicht die geistige Vernichtung Celans. Wieweit latente antisemitische Unterströmungen als politisch Unterbewußtes dennoch mitwirkten, ist schwierig auszumachen, und die Analyse erforderte sicherlich eine intensive Sichtung verschiedener Materialien, um die kollektiven Strömungen in den Blick zu bekommen.

Was ernst zu nehmen ist: dieses Bedrohung, die ja nicht nur latent war, sondern geschichtlich und biographisch ganz real nur wenige Jahre zuvor sich ereignete. Wer kann dieses Gefühl, daß sich da erneut Unheil zusammenbraut, und diese kaum irreal zu nennende Bedrohung jemandem absprechen, dessen Familie in den Todeslagern von den Menschen, in dessen Sprache er als rumänische Jude schrieb, ausgerottet wurde? Manchmal genügt eine falsche Wahl der Worte.

Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt schwer, in der Tat. Ich lese ihn aus dieser Passage des Rühmkorf-Textes in einer unmittelbaren Lektüre nicht heraus. Daß Celan jedoch zutiefst irritiert gewesen ist, verwundert angesichts der Ereignisse wenig. Zudem: auch andere Intellektuelle, wie etwa Marcel Reich-Ranicki äußersten ihr Befremden in dieser Gesellschaft: daß sie zuweilen primär als Juden und nicht als Literaten oder Kritiker wahrgenommen wurden. So etwas Ranickis Vorwurf gegen „Die Zeit“ für die er in den 60er Jahren Artikel schrieb. Natürlich: es sind immer nur Anzeichen und Äußerlichkeiten: „Aber das Ihr Zimmer ganz am Ende des Ganges in einer abgelegenen Ecke inmitten von alten Zeitungen liegt, hat doch nur etwas mit den räumlichen Gegebenheiten hier im Haus zu tun. Daß Sie an den Redaktionskonferenzen nicht teilnehmen, findet seinen Grund lediglich darin, daß Sie freier Redakteur sind. Da muß man sich nichts bei denken.“

Und daß Celan mit nicht einer Zeile in dem durchaus wichtigen Buch von Hugo Friedrich „Die Struktur der modernen Lyrik“ (1956) vorkam – das ist kein Zufall. Das Buch ist in neunter Auflage erschienen. Friedrich lebte bis 1970. Sand aus den Urnen: 1948, Mohn und Gedächtnis: 1952 Von Schwelle zu Schwelle: 1955, Sprachgitter: 1959. Entweder hat Friedrich 1956 noch nie etwas von Celan gehört, dann ist es ein eher unvollständiges Buch zur modernen Lyrik, wenn er den avanciertesten Lyriker seiner eigenen Gegenwart nicht kennt, nicht wahrnimmt; oder Friedrich wollte es ganz einfach nicht. (Aber das Buch ist im Rahmen des Lehrhaften gut: ich rate trotzdem zu.)

Die Gesellschaft der Nachkriegs-BRD ist durch und durch antisemitisch. Sie verklausulierte es nur anders. Und der Philosemitismus eines Axel Springer stellt bloß das Zerrbild jenes Antisemitismus dar. Gestern haben wir Juden ausgerottet, heute erdrücken wir sie in der Umarmung. In der zuweilen sehr lustigen, aber dann auch wieder bedenklichen und fragwürdigen Sendung am Sonntag im ARD „Entweder Broder – Die Deutschlandsafari“ begibt sich Broder, als Stein des Holocaust-Mahnmals verkleidet, zur Jubiläumsfeier „5 Jahre Holocaust-Denkmal“. Broder fragt seine Begleiter Hamed Abdel-Samad, ob er wisse, was das für Musik sei, die da zu hören ist. „Irgend etwas Hebräisches“, antwortete Abdel-Samad. „Nein, schlimmer“, so Broder, „es ist Klezmer!“ Der Witz war wahrscheinlich abgesprochen: inszenierte Spontaneität. Trotzdem trifft der Gehalt desselben zu.

Diese Überlegungen zu Celan lassen sich genauso gut ins Jetzt wenden, wenn man darauf schaut, wie mit Minderheiten verfahren wird. Insofern möchte ich mich nicht nur auf den latenten und manifesten Antisemitismus beschränken. Hier aber ging es um Paul Celan. Was übrigbleibt, ist das kritische Denken, das sichtet und genau prüft. Denn nur der kritische Weg steht offen, so möchte ich es auch in diesem Zusammenhang anzitieren. Hätte man beizeiten die Texte Celans und Golls gründlicher angesehen, betrachtete man die Dokumente genauer, wäre vieles erspart geblieben. Erst im Jahre 2000 ist es Barbara Wiedemann gelungen, in ihrem äußerst instruktiven Buch diese Dinge ein für alle Mal klarzustellen.

16 Gedanken zu „Zur Sache Rühmkorf – Celan sowie zur Goll-Affäre

  1. Mehrere Dinge, die nicht vermischt werden dürfen, nur Stichworte

    a – Plagiatsvorwürfe (übrigens nicht nur durch Claire Goll befeuert, sondern auch durch die Rezeption des Gedichts „Er“ von Immanuel Weißglas). Diese Plagiatsvorwurfe sind natürlich tief unwahr. Wahr ist, dass Celan sowohl die Goll-Formulierung „Dunkle Milch der Frühe“ als auch Weißglass´ Gedicht gekannt hat.
    http://www.fa-kuan.muc.de/WEISSGL.RXML
    Celan hat, mehrere gute Gedichte kennend, sich literarisch mit ihnen auseinandersetzend, ein überragendes, ein Jahrhundertgedicht geschrieben. Ein völlig übliches, legitimes Schreibverfahren. Die Plagiatsvorwürfe sind infam, aber natürlich muss man sich mit den Einflüssen auseinander setzen. Siehe das Weißglas-Gedicht; die Einflüsse sind ja evident.

    b – Brieglebs allgemeine Vorwürfe gegen die Gruppe 47. Hier verstiegen sich in Folge der Kritik manche gar dazu, zu unterstellen, die Gruppe 47 habe den Judenmord überhaupt nicht in Blick genommen. Das ist ersichtlich schon auf der Faktenebene unwahr (Blechtrommel mit dem jüdischen Spielzeughändler Marcus, der, ermordet, nahm bekanntlich „alles Spielkzeug dieser Erde mit sich“, mit dem Weihnachtsmann, aus dem der „Gasmann“ wurde, Die Hundejahre mit dem Gedicht „Mein Onkel“ – „Und Itzig, Itzig, Itzig hieß/des Onkels Litanei“ – Bölls Irisches Tagebuch mit bericht darüber, wie ein Ire jüdische Kinder begraben musste 1945 etc) Übrigens: Der Ghetto-Überlebende Reich-Ranicki hat Brieglebs Vorwürfe „Unsinn“ genannt…

    c – Rühmkorfs ästhetisch zu verstehnde Kritik an Celan: Er sagt ja selber: bei „ihm“ (also Celan) „überzeugt“ das Schreibverfahren, während es bei vielen anderen zu einer „baugesetzlich geschützten Modernität“ führe. Ging dort 1962 um ein berühmtes, von Höllerer geleitetes Lyrik-Symposium, wo es um diese Frage geht: Das Gedicht nach Dada, nach hermetischer Lyrik, das Gedicht, nachdem alle Experimente ausgeschrieben/zuendegeschrieben sind. Das Symposium ist in den „Akzenten“ dokumentiert. Hier geht es um literarische Fragen, um mehr nicht.

    Zu Rühmkorfs Leben: geb. 1929, 1944 in einer jugendlichen Widerstandsgruppe, Flugblätter verteilend, in den 50ern von Ex-Nazis wie etwa dem Germanisten Prof. Pyritz von der Uni HH gemobbt. Die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Rühmkorf sind auch auf der persönlichen Ebene einfach nur widerlich.

    Nebenbei: „Artgenosse“ = gehört zu uns!

    Dass verfolgte Minderheiten Sätze, die in aller Unschuld geäußert werden, sagenwirmal in die falsche Kehle bekommen können – klar! Für gewöhnlich ziehe ich mich dann auch zurück, räume den verfolgten Minderheiten hier einen sagenwirmal ´Vorsprung´ ein. „Man kann ja auch die Schnauze halten“ (Hannah Arendt) Allerdings: Wenn etwa Rühmkorf mit ungeheurer Aggressivität zum Antisemiten gelabelt wird, dann darf man seine passende Antwort – nämlich: Unsinn! – auch mal deutlicher formulieren.
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    Ergänzend, leider kann ich nicht editieren: Ggfls sind beide Gedichte – das von Celan und das von Celans Freund Weißglas – auch parallel entstanden.
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    aber es ging in meiner Kritik ja auch um grundsätzliche Fehl-Lesungen. Und „Artgenosse“ ist ein überragend geeignetes Beispiel dafür, wie zwei Wohlmeinende aneinander vorbeireden können. Artgenosse, wortwörtlich, bedeutet Gleichheit, ist also gerade k e i n e Nazi-ideologie. in Rühmkorfs verspielter Sprache bedeutet es darüber hinaus Genosse (Rühmkorf war Linker, „Genosse“ ist bei ihm immer ironisch-freundschaftlich gemeint) in artibus, also Kunstgenosse – Art = Kunst -, das höchste Lob, welches Rühmkorf aussprechen konnte. Celan aber hat natürlich „Art“, „Arten“ gelesen: sortieren nach (pseudo)biologischen Kriterien. So war es nur von Rühmklorf nicht intendiert, und ich finde, bei allem Dekonstruieren von Texten, man muss schon auch den Autor selber Ernst nehmen. Zumal dann, wenn man ihn, in Folge der Dekonstruktion, auch noch moralisch be/ver/urteilt.

    nebenbei: Der Angriff auf Rühmkorf war auch Teil jenes damals gerade massiv betriebenen Spiels, die Linke insgesamt mit „Antisemitismus“ zu kontaminieren. Ich fand und finde das niederträchtig.
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    und hier Thomas Anz zu BRiegleb, sehr wichtig!

    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6015

    Aus Anz´ Kritik:

    „Solche Analogiebildungen liegen jedoch nur nahe, wenn man bereit ist, der fragwürdigen Argumentationsführung in dem Buch zu folgen. Ganz anders als Zolas Anklage basiert Brieglebs philologische Streitschrift auf einer diffus zwischen Psychoanalyse, Ideologiekritik, Diskursanalyse und Dekonstruktivismus positionierten Hermeneutik des Verdachtes und der Unterstellung. “

    Darum geht es!

  2. ich bitte tausendmal um Entschuldigung ;-) aber bitte ein sechstes Mal:

    auch zu Borchert (Deine Kritik enspricht so in etwa derjenigen Reemstmas) gibt es Gegenmeinungen. Zunächst: In „Draussen…“ werden die Verbrechen sehr wohl thematisiert; die Eltern beckmanns waren ja Mitläufer, PGs, und werden auch als solche genannt. Sodann: Borchert hat in einem Kurzprosastück – IM Krieg geschrieben – ua den satz fallen lassen „Alle 20 meter ein Schwein von SS-Mann“. Oder: „Hörst Du Hölderlin noch? Kennst Du ihn wieder, blutberauscht, kostümiert und Arm in Arm mit Baldur von Schirach?“ (geschrieben 1942, wären solche Texte entdeckt worden, hätte Borchert nicht überlebt.) Man sollte hier in der Beurteilung Borcherts vielleicht etwas vorsichtiger sein, als Reemtsma und Du es seid. Vieles wurde – Borchert war ja angeklagt (Heimtücke, Wehrkraftzersetzung) und verurteilt – auch verbrannt, vieles ist nicht überliefert.

    Auch hier wieder – sorry, Bersarin – viel zu fröhliches Drauflosdekonstruieren, ohne genaue Kenntnis der Texte, insbesondere durch Reemtsma, über dessen Aufsatz damals ich mich schon geärgert habe.

  3. Zunächst: ich habe mir erlaubt, Deine Kommentare von sechs auf zwei zusammenzufassen. Ich habe sie – bis auf eine Stelle – textlich natürlich nicht verändert. Bei Anz habe ich etwas weggestrichen, weil das ein Hinweis ist, der durch die Zusammenführung nun überflüssig ist.

    „bei allem Dekonstruieren von Texten, man muss schon auch den Autor selber Ernst nehmen. Zumal dann, wenn man ihn, in Folge der Dekonstruktion, auch noch moralisch be/ver/urteilt.“

    Das ist richtig, allerdings enthalten Wörter einen Resonanz- und Assonanzraum. Daß Rühmkorf es so gemeint hat, wie Du schreibst, mag wohl sein und ihm hier Antisemitismus zuzuschieben, ist verfehlt. Trotzdem hatte dieser Satz im Zusammenspiel mit den übrigen, von mir geschilderten Dingen eine fatale Wirkung. Nur dies wollte ich aufzeigen, mehr nicht. Hier haben wir auch gar keine Differenzen. Ich weiß nun aber immer noch nicht, wer Rühmkorf ganz konkret Antisemitismus unterstellte.

    Ganz allgemein, nun nicht auf Celan bezogen, der eben nicht plagiierte: Was das Plagiat betrifft, so bin ich nicht einmal pingelig: Wenn es gut gemacht ist und ein besserer Text dabei herauskommt als der, wo geklaut wurde: wo ist dann das Problem? Ich hätte dann auch nichts gegen Hegemann gesagt. Aber ihr Text ist scheiße.

    Richtig ist, daß man sich mit Einflüssen auseinanderzusetzen hat. Dies ist ja die Arbeit des ins Detail gehenden Literaturwissenschaftlers. Celan borgte sich aus zahlreichen Texten Begriffe, die uns fremd klingen, so bei Jean Paul etwa, und stellte sie in eine andere Konstellation.

    Zur Nachkriegsliteratur: Was die Gruppe 47 angeht, so habe ich Brieglebs Buch noch nicht gelesen. Nun bin ich aber doch neugierig geworden.

    Die Frage ist nicht, ob nun in einzelnen Texten der Nachkriegsliteratur die Shoah zum Thema wurde oder eine ästhetische Auseinandersetzung in der Form stattfand, denn natürlich gibt es in der Blechtrommel Passagen, die zumindest implizit darauf verweisen, und es lassen sich auch andere Texte finden. Ich wollte auf ein merkwürdigen Schweigen der 50er und frühen 60er Jahre in der BRD (und in der DDR sowieso) bezüglich der industriellen Vernichtung der Juden hinaus, das sich nicht nur durch die Gesellschaft, sondern grosso modo auch durch die Literatur zieht. Vielleicht kann man gar nicht anders als schweigen, weil es für das, was geschah, keinen (ästhetischen) Ausdruck und keinen sprachlichen Ausdruck gibt. Adorno thematisiert ja diese Schwierigkeit: Daß selbst aus einem Stück wie „Ein Überlebender aus Warschau“ noch so etwas wie ästhetischer Genuß herausgepreßt werden könne. (Vom Politischen mal ganz zu schweigen: daß das Gros der Täter nie zur juristischen Verantwortung gezogen wurde.)

    Wonach ich fragen möchte: ist dieses Schweigen ästhetisch motiviert oder steckt eben doch mehr dahinter. Warum gibt es derart wenige Texte, die sich mehr als nur passagenweise eine weitreichendere Auseinandersetzung suchen. Warum muß erst ein aus Irland stammender nach Paris sich verlagernder Schriftsteller kommen, der sich dieser Dinge in der ästhetischen Form annimmt?

    Wesentlich ist für diese Zeit jedoch Peter Weiss mit seinem Stück „Die Ermittlung“ zu nennen. In ein breiteres öffentliches Bewußtsein mit anschließender Amnesie trat die Vernichtung der europäischen Juden in den 60er Jahren durch die Auschwitzprozesse. Literarisch bearbeitet und explizit zum Thema gemacht, wurden diese Dinge jedoch erst in den 80er, 90er Jahren mit Begley, Ruth Klüger, Robert Bober und wesentlich Imre Kertész. Ob dies angemessene Formen sind, lassen wir dahingestellt, weil das Thema „Kunst nach Auschwitz“ eine derart differenzierte Betrachtung erfordert, die ein einzelner Blogeintrag oder Kommentar schwer wird leisten können. Und insbesondere die Texte Adornos – für das Grundsätzliche sozusagen – müßten hinzutreten: etwa „Die auferstandene Kultur“, „Kulturkritik und Gesellschaft“ u.v.m.

    Bei Borchert ging es mir um das Stück „Draußen vor der Tür“, nicht um das, was er ansonsten geschrieben hat. Allerdings lese ich auch aus Deinen Zitaten von Borchert nicht mehr als eine allgemeine Kritik des NS-Staates heraus. Daß er dieses NS-Deutschland kritisierte, sprach ich ihm ja nicht ab. Lediglich die Wahl seiner Mittel ist – nun ja, nennen wir es höflich –: nicht ganz angemessen. Ein Text wie „Draußen vor der Tür“ ist sicherlich auch als Dokument der Zeit, als betroffener Ausdruck zu lesen. Und Borchert war jung, er starb jung, er war von dieser Zeit betroffen und beschädigt. Es wäre wohl überheblich, hier zu richten. Dennoch: wenn mit ästhetischen Maßstäben gemessen wird, fehlt etwas. Sicherlich: Borchert ist ein Kind seiner Zeit, er konnte nicht anders. Lebte er 20 Jahre länger, schriebe er womöglich ein deutsches „Endspiel“. Wir wissen es nicht. „Draußen vor der Tür“ ist sicherlich ein bewegendes Stück, aber es beschäftigt sich primär mit dem Leid eines Kriegsheimkehrers, der eben nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist, dem aufgeht, daß er für Scheiße und für Nichts Soldat war. Es handelt von einer Gesellschaft, die verdrängt. Freilich ist das Stück an manchen Stellen von der Form her nicht uninteressant.

    Die Sicht Reemtsmas war mir bisher nicht bekannt, ich habe es dann auf Wikipedia gefunden.

    Mit Dekonstruktion haben Reemtsmas und meine Sicht jedoch nichts zu tun. Ich kann es nur beständig wiederholen. Es handelt sich hier um Interpretationen und eine bestimmte Sicht auf einen Text. Es ist aber nicht jede Interpretationen eine Dekonstruktion. Die Dekonstruktion bei Derrida ist eine besondere Art, einen Text zu lesen. Es ist ja auch die Erkenntnis daß, wo Licht ist, auch Schatten sei, keine genuin dialektische. Und jeder der behauptet, wer A sagt, der muß auch B sagen, ist deshalb noch kein Dialektiker. Ich weiß nicht, warum so viele, Anz auch, den Begriff Dekonstruktion derart unspezifisch, unscharf und zudem falsch verwenden.

    Leider gibt es bei Word-Press keine Funktion, mit der sich nachbearbeiten läßt. Weshalb ich meine Texte in Open Office vorschreibe und dann in den Kommentarteil einstelle.

  4. ganz konkret zu Borchert: Reemtsma und Du, ihr habt Recht, wenn es um die Rezeption geht. Aber Borchert selber werdet ihr nicht gerecht. Zweifellos haben viele twens damals gesagt: „Ja, wie bei mir, wie bei mir, mir haben die Nazis auch die Jugend geklaut, ich bin Opfer der nazis, wir sind ein großes deutsches Opferkollektiv“ – aber von denen hat eben niemand während des Krieges Prosastücke geschrieben („alle 20 Meter ein Schwein von SS-Mann“), von denen saß eben niemand monatelang wg sog Wehrkraftzersetzung in Haft.

    Wie bei Benn: hat 1933 mitgemacht – und zwar fürchterlich dumm mitgemacht! – , hat danach aber Schreibverbot erhalten, „General“ geschrieben (1938) (Thema: industrielle Vernichtung von Menschen als Ungeziefer, industrieller Krieg), trotz Schreibverbot Anti-Nazigedichte im Privatdruck an Freunde verteilt, Essays geschrieben und Freunden gezeigt, die den Judenmord direkt thematisieren(„und der Minster mit seinem antisemitischen Geschwätz, und wenn sie dann kommen und die Juden abholen – alle klatschen“ 1942) „ich bin 1933 genau wie Benn aus Idealismus mitgegangen“ – ah ja, hast Du später auch Antinazigedichte geschrieben und an Freunde verteilt? Dich in Aufsätzen gegen den Judenmord gewandt, 1942 auf dem Höhepunkt der Nazi-Machtentfaltung?

    zu deiner Frage http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/165862/ Wiedemann selber.
    „In Peter Rühmkorfs kritischen Bemerkungen zu Celan in jener Zeit witterte sie etwa sofort Antisemitismus, obwohl es sich offensichtlich bloß um lyrischen Futterneid und die übliche Literaturbetriebskonkurrenz handelte.“ Was so auch nicht stimmt, wie gesagt: Es ging um Höllerers Lyrik-SYmposium. Rühmkorf hat der konkreten Poesie auf diesem Symposium noch viel heftiger einen eingeschenkt, als Celan, den er als Dichter letztlich eben doch achtete.

    „Die Frage ist nicht, ob nun in einzelnen Texten der Nachkriegsliteratur die Shoah zum Thema wurde oder eine ästhetische Auseinandersetzung in der Form stattfand, denn natürlich gibt es in der Blechtrommel Passagen, die zumindest implizit darauf verweisen,“ – nein, explizit. Wortwörtlich. Bei Böll und Andersch dergleichen. Und da werden Brieglebs Vorwürfe dann eben schon auf der schieren Faktenebene ranzig. Man kann und muss Andersch, Böll, Grass kritisch sehen, aber diese Vorwürfe eines Nachgeborenen sind ranzig.

    Finds schade, dass Du zu meinem entscheidenden Problem – der Hermeneutik des Verdachts – nicht allzu viel gesagt hast.

  5. In einer Inszenierung am Theater mag der Text Borcherts eine Reaktualisierung erfahren. Ich halte dies sogar für eines der spannendsten Projekte. Eine gewisse Qualität spreche in diesem Text auch nicht ab, stellenweise ist er sogar richtig gut.

    Es ging mir nicht um Borcherts Haltung im NS-Deutschland. Wenn viele so handelten, dächten, schrieben wie er, wäre vieles gewonnen und womöglich manches verhindert worden. Schon gar nicht spiele ich mich als Richter auf. Was weiß ich, wie ich mich verhalten hätte.

    Die Vorwürfe gegen Benn und Jünger sind teils haltlos. Mitmacher waren sie anfangs allerdings.

    Nein, es fand in diesen Büchern keine explizite ästhetische Auseinandersetzung statt. Es wurde angespielt und verweisen, mehr nicht. Ich kenne keinen – um es etwas pervers zu formulieren – Holocaustroman, keine Durchkonstruktion des Materials. Vielleicht hat das Ungeheuerliche stumm gemacht. Ästhetisch ist das nicht in den Blick genommen worden. Ich will das als Nachgeborener nicht einmal vorwerfen. Vielleicht konnte man es ganz einfach nicht.

    Natürlich gab es Nachkriegsliteratur, die sich mit dem Krieg beschäftigte, zuweilen deutete sich zart etwas an, daß es mehr als nur diesen Krieg, die Heimkehr, die Bombennächte, die Angst, das eigene zerrüttete, geraubte Leben gab, wie in Anderschs „Efraim“ (1967). Dennoch: die Grundtendenz ist das Schweigen. Die welche, am ehesten hätten schreiben können, sind entweder umgebracht worden oder verstummten.

    Natürlich gab es die Gedichte von Nelly Sachs, die von Celan und die von Ingeborg Bachmann. Und es gab die von Dir genannten Texte. Das ändert aber nichts an der Grundtendenz des zwar nicht expliziten, sondern impliziten Beschweigens, die ich zum Thema machen wollte. Vielleicht habe ich es damals überlesen. Aber mehr als ein paar Andeutungen fand ich in diesem Büchern nicht. Die Reaktion bleib der Sache äußerlich. Das ändert natürlich nichts an der außerordentlichen Qualität etwa der „Blechtrommel“. Diesem Buch werfe ich es am wenigsten vor.

    Wiedemann schrieb in einer begleitenden Fußnote: „PC assoziiert hier Begriffe wie ‚Artgemeinschaft‘ und ‚artfremd‘ und sieht auch hier, und wohl nicht ganz zu Unrecht, Anzeichen für einen Antisemitismus von links“ (S. 664). Ehrlich gesprochen klingen mir die oben im Blogbeitrag zitierten Sätze Rühmkorfs da doch einen Zacken schärfer als die von Wiedemann. Ich lese es nicht so, daß Rühmkorfs inkriminierende Passage antisemitisch ist. Allerdings bin ich kein dem Lager Entronnener und ich bin kein Angehöriger von Umgebrachten oder Entronnenen. Ich kann dennoch gut verstehen, daß man diese Sätze genau so lesen kann, wie Celan sie gelesen hat. Denn ich vermute, daß Celan die Rühmkorfsche Privatsprache, die womöglich mitschwang, kaum kannte. Mit dem Begriff „Artgenosse“ assoziiere ich alles mögliche, zuallerletzt jedoch „in artibus“, oder den Begriff „art“ als Kunst.

    Natürlich folgt dann nach einer kritischen Lektüre wie im Falle Celans, die sich über solche Passagen mokiert, häufig: ach, sei doch nicht so empfindlich, mußt ein bißchen härter werden und dir ein dickes Fell zulegen. Ich weiß nicht, wie Rühmkorf sich nachträglich zu diesen Anschuldigen noch geäußert und diese Passage klargestellt hat, ob ihm das Ausmaß dieser Sätze bewußt war. Ich nehme an, daß er als Mann des Wortes ein paar passende Sätze dazu gefunden hat.

    Von Wiedemann als Literaturwissenschaftlerin hätte man diese Sicht und die Kenntnis des Rühmkorfschen Werkes allerdings erwarten können, zumal wir das Jahr 200 schrieben, als sie diese Fußnote verfaßte.. Sie ist jedoch sehr vorsichtig verklausuliert. „… wohl nicht ganz zu Unrecht …“ Ansonsten hätte sie geschrieben: „zu recht“.

    Was heißt Hermeneutik des Verdachts? Ich habe Brieglebs Text nicht gelesen und kann dazu schlecht ein Urteil abgeben. Ich werde es nun aber in einer geeigneten Stunde doch tun.

    Natürlich ist es geboten, niemandem etwas zu unterstellen, was er explizit nicht gesagt hat. Das Problem sind aber vielmehr die Zwischentöne und das, was Äußerungen ungewollt implizieren und inwieweit sie – auch contre coeur – Träger eines bestimmten Diskurses sind und daran andocken. Auch wenn solche Sätze es womöglich nicht wollen. Daß es zu jedem Text einen Subtext gibt muß in den Blick genommen werden. Das sollte mitgedacht werden. Insbesondere, wenn eine Gegenseite Beschwerde anmeldet. Rühmkorf bewegte sich da auf dünnem Eis. Auch wenn es ein Mißverständnis sein mag.

    Herr Sarrazin wird es sicherlich weit von sich weisen, Migranten eliminieren zu wollen und er gäbe sich empört, wenn einer ihm ins Gesicht sagte, daß sein Buch Aufstachelung sein könnte. Trotzdem ist sein Buch ein Stein im Mosaik. Das ewige Paradoxon: ab wann ist ein Sandhaufen ein Sandhaufen. 800 Körner, 900 Körner? Wieviele Körner hätten Sie denn gerne?

    Ein Beispiel aus anderer Ecke: Wenn Wallraff sich als Schwarzer verkleidet, tat er dies sicher nicht in der Absicht, Schwarze zu diskriminieren. Trotzdem sitzt er damit dem Rassismus auf und produziert dessen Stereotypen. Das hat nichts mit einer Hermeneutik des Verdachts zu tun. Es steckt in einem solchen Akt eine Form von Rassismus: Gibt es denn keine Schwarzen, die diese Rolle spielen könnten? Es wird mit solchen Weisen, es lassen sich derer viele aufzählen, unbewußt an einen bestimmten Diskurs angedockt. Es geht nicht darum, hier zu labeln, „Du böser böser Rassist“, … Antisemit“ usw.), sondern Einsicht in eine bestimmte Form des Denkens zu erzeugen

    In Anlehnung dazu bei Adorno/Horkheimer, in der „Dialektik der Aufklärung“: „Nicht erst das antisemitische Ticket ist antisemitisch, sondern die Ticketmentalität überhaupt.“ (S. 233, in GS 3)

  6. ich weiß nicht, ob meine Zeit für eine längere Erwiderung langt (dann auf meinen Blog), Stichworte hierher:

    Das Zitat mit der Ticketmentalität ist mir bekannt ;-) Aber um genau diese Mentalität geht es mir ja: guilt by association, clustern, labeling approach. Und am Ende war dann alles wieder einmal ganz anders…Ich kann jedem Dekonstruktivisten nur empfehlen, sich mal mit Kriminologie, kriminalistik und vor allem dem Phänomen des Fehlurteils im Strafprozess auseinanderzusetzen. Da gibt es nichts, was es nicht gibt, bis hin zu falschen Geständnissen.

    Deswegen mein Ratschlag an alle, die allzu hurtig „Subtexte“ wahrgenommen haben wollen: Vorsicht, Vorsicht! Kann alles auch ganz anders sein.

    Und selbst wenn die Subtexte korrekt wahrgenommen worden sind, muss das eingeordnet werden. Mein Lieblingsbeispiel:

    „Auch Juden sind doch Menschen, man mag sich zur Judenfragen stellen wie auch immer“

    Ein fürchterlicher Satz? per heute gewiss. Er entstammt aber den Flugblättern der weissen Rose, und was heute zweifellos antisemitische Klischees transportiert, war damals inmitten einer mordenden, antisemitischen Gesellschaft sensationell.

    Mein grumndlegender Vorwurf bleibt erhalten: dass der Dekonstruktivismus allzu häufig genau das betreibt, dem er vorderhand abschwört: Er schreibt final zu, und er übt damit Macht aus.

    Soll ich mal – wer dekonstruiert die Dekonstrukteure? – ne kleine Gegendekonstruktion Wiedemanns starten? Wiedemann stand damals mit ihrer Zuschreibung gegen Rühmkorf auf Seiten der Mächtigen (nämlich des Neoliberalismus, der damals eine Kampagne durchzog, Linke mit Antisemitismus zu kontaminieren), tat also das, was die Nazis auch taten: Mehrheits- und machtgeschützt ungeschützte Minderheiten (hier: die damals völlig ohnmächtige Linke) unter ihre Stiefel zu nehmen. darüber hinaus betrieb Wiedemann eine deutsche Entlastungsstrategie wie zu Adenauers zeiten: Die eigentlichen Nazis waren die Linken etcetc Und ich muss ganz ehrlich sagen: ich denke, meine Gegendekonstruktion hat noch mehr Plausibilität für sich als Wiedemanns völlig hanebüchener Vorwurf gegen Rühmkorf…

    Und noch etwas: man muss sich Sokal nicht kritiklos untertan machen. Aber man sollte das, was dieser gelungene Wissenschaftsjokus eigentlich wollte, denn doch mal ergebnisoffen diskutieren. Sokal tat das, um die Postmoderne von LINKS zu kritisieren, weil er die PM als letztlich sich im beliebigen zeichengetründel verlierende irgendwie-Philosophie wahrnahm, als Mickey-Mouse-Blödsinn. Als affirmativ. Ist das so völlig abwegig, lieber Bersarin? Hatte diese Sokal-These wirklich überhaupt keine Plausibilität für sich? Sokal tut den Ansätzen wohl letztlich doch unrecht, aber war das wirklich n u r falsch? Ich schrieb vor knapp 20 Jahren mal – damals noch in Unkenntnis Sokals: „Nichts gegen eine Mikrophysik der Macht, aber wissen, wer wo wie warum seit wann mit welchen Interessen von wem inauguriert im Aufsichtsrat sitzt kann auch ganz lecker sein“. Damit meinte ich nichts anderes.

  7. Ah. hf99, Towards a Theory of Run-Of-The-Mill-Deconstructivism
    (nie das „towards“ vergessen) ;-)

  8. Daß alles auch anders sein kann, muß in der Tat in jede Überlegungen einfließen. Man mag sich dazu den Film „Rashomon“ ansehen.

    Was die Subtexte betrifft: ich unterstelle ja, nehmen wir das Beispiel von Wallraff, diesem keinen direkten Rassismus, den er so unmittelbar praktiziert wie der gewöhnliche Nazi von nebenan. Aber er dockt an diesen Diskurs an, greift (ungewollt wahrscheinlich) Elemente desselben auf. Darum geht es doch: sich über die eigene Praxis einmal Gedanken zu machen.

    Der Satz der „Weißen Rose“ ist problemtisch: natürlich und auch vom Jahre 42 oder 43 gelesen. Es dürfte bereits zu dieser Zeit, in der Adorno und Horkheimer die Notizen zur DA entwickelten, ins Bewußtsein gerückt sein, daß die Differenzierung Mensch/Nicht-Mensch (= also zu eliminieren) eine unhaltbare ist. Und wer es mit der Kantischen Ethik möchte: seine Schriften wurden ja nicht erst 1945 in einem dunklen Keller zu Königsberg aufgefunden und dann ediert.

    Allerdings muß man diesen Satz der „Weißen Rose“ im geäußerten Kontext lesen. Da hast Du natürlich vollkommen recht.

    Aber was soll der Jude auf diesen Satz antworten: „Ach, das ist aber reizend, daß sie uns als Menschen sehen. Schönen Dank auch für diese freundliche Verteidigung!“ Sollen die nun artig „Danke für diese schönen Zug von Ihnen!“ sagen?

    Was die Kriminologie bzw. die Jurisprudenz betrifft, so ist es richtig: Aussagen in einem Strafprozeß (und nicht nur dort) sind mit großer Vorsicht zu genießen. (Ich selber habe die große Gabe, zunächst niemandem zu glauben.) Wir haben das ja gerade gehabt, wie Du ein Deinem Blog berichtetest: dieser Mordfall in Bayern, wo, nach Aussage der Angeklagten, der Vater angeblich zerstückelt den Hoftieren vorgeworfen wurde und dann aber tot in seinem Auto in einem Fluß gefunden wurde. Hat er sich wohl wieder aus den Stücken zusammengesetzt wie Dionysos. Ein Text fast, wie von Werner Schwab ausgedacht.

    Wenn ich den Titel der Sokal-Arbeit lese, muß ich schon in Lachen ausbreche: „Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“ Wer diesen Text so angenommen hat, der ist ein ziemlicher Knallklapsdepp, dem ich nicht einmal eine Stelle in der universitären Poststellen anbieten möchte. Das hat nichts mit Postmoderne zu tun (allenfalls der, wie Klein-Fritzchen-Sokal diese sich vorstellt), sondern es handelt sich um Nachläßigkeit gepaart mit Dummheit, wobei das Gewicht auf letzerer liegt. Wenn mir jemand eine Arbeit mit dem Titel die „Performanz des Performativen – Transfigurationsprozesse als tiefenhermeneutischer Diskursüberstieg“ abgibt, da schaue ich dann schon genauer hin, weil der Titel durchaus hochstaplerisch sein kann. Und sowas will ich dann schon genau wissen, um zu sehen, ob der Anspruch eingelöst wird.

    Daß Arbeiten nicht oder unvollständig gelesen werden (Einleitung und Schlußteil), geschieht im akademischen Betrieb beständig – das reicht von der einfach Hausarbeit bis hin zur Promotionsschrift. Bei Zeitschriften mag da ein peer review -Verfahren schützen. Jene Zeitschrift, die den Artikel annahm, wird das nicht praktiziert haben. Selber Schuld: Mit der Postmoderne hat das soviel zu tun wie seinerzeit die Rowohlt-Comics „Marx für Anfänger“, „Freud für Anfänger“ mit Marx und Freud.

    Sokal selbst ist mit Verlaub, ein Schmalspurdenker. Es reicht nicht, zwei Zeilen Lacan zu lesen, sondern es erfordert ein Studium. Und was bitte ist den die Postmoderne? Wer in der Kunst von der Klassischen Moderne (im Singular) spricht, verfehlt wohl die Komplexität, welche zwischen den Polen Realismus bis Abstraktion über Non-Sense und Surrealismus siedelt. Was Sokal diesen Positionen vorwirft, handelt eher von eigenen Spiegelungen bzw. es ist ein Form von Inkompetenzkompensationskompetenz. Nein, das ist kein Argument gegen die Postmoderne und gegen die philosophische Dekonstruktion als Derridasche Praktik schon gar nicht. Weil die schlechten Adepten der Postmoderne teils sinnfrei wie Micky Maus faseln, trifft das nicht die Postmodernen Positionen im philosophischen Sinne. Weil in den Seminaren zur Analytischen Philosophie Studenten sitzen, die Erbsen, Morgen- und Abendsterne zählen, so ist die (Sprach-)Analytische Philosophie als Heuristik und Vorstufe zur Philosophie ja auch nicht überflüssig.

    Wenn Wiedemann auf der Seite der Mächtigen stand und diese Sätze mit der Absicht streute, links zu diskreditieren und den (berechtigten) Vorwurf eines linken Antisemitismus unzulässig zu verallgemeinern, dann sind Deine Behauptungen keine Behauptungen, sondern Tatsachen und damit richtig, denn es gibt natürlich die Herrn spin doctors, die solche Effekte erzeugen wollen. Allerdings scheint mir deren Kampagne doch ein wenig dünn. Wenn das Geld nur für einen Halbsatz in einer Fußnote reicht, so ist der Satz „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, welchen mancher Linke anstimmt, berechtigt. Insofern wollen wir hoffen, daß es sich so verhält, wie Du schreibt: dem System geht das Geld aus, um seine Büttel zu bezahlen.

    (Schön als mein Oberstufenfreund und ich diese Zeilen im Matheunterricht sangen: „Die rote Front und die schwarze Front sind wir!“ Die Mathelehrerin mahnte zu Ruhe. Aber ganz ernst konnte sie dabei nicht bleiben, weil sie – wie wir – bei Demos im schwarzen Block mitlief. Doch das ist wieder ein anderer Subtext.)

  9. „Aber er dockt an diesen Diskurs an, greift (ungewollt wahrscheinlich) Elemente desselben auf. “ Ich habe den fall Wallraff hierzu nicht verfolgt, vermute aber mal, dass er den rassismus eher entlarven wollte. Wie damals, als er sich beim Augenoptiker einen „stechenden, südländischen Blick“ (O-Ton des Augenoptikers) verpassen ließ, um als „Ali“ loszumarschieren.

    Wiedemann hat wohl eher unbedacht an den damals herrschenden Diskurs angedockt. Ich glaube nicht, dass das Bezahltätigkeit war. Einige der antideutschen Schreiberlinge haben wohl auch eher entschlossen Karrierechancen wahrgenommen, statt irgendwo direkt im Solde zu stehen. Wenn ich an den congress for cultural freedom 1950 denke (CIA-finanziert) und daran, dass man Pollocks action painting damals dienstseitig protegierte, wil ich im Einzelfall allerdings auch nichts ausschließen. Insofern trifft Dein gegenargument nicht. ich wollte zeigen, wie leichtfertig man jemandem Subtexte zulügen kann. Diese Subtexte k a n n es geben, muss es aber nicht.

    Zur Weissen Rose: Ich sehe mir immer auch die historische Perpsektive an. Wir haben heute leicht schwatzen und können den Satz sehr wohlfeil zurückweisen – per damals war er eine Sensation. Ich habe Thomas Mann seinen per heute in der Tat indiskutablen Salonantisemitismus nie sonderlich übel genommen, sondern es mit Golo Mann und MRR gehalten (siehe deren Briefwechsel): das war halt damals in der 1870er Generation so. Entscheidend ist für mich seine Genese: dass der, der nach den betrachtungen sehr wohl den renommierschrftsteller der antidemokratischen Rechten in der WR hätte spielen könnemn, auf seine alten Tage in den BBC-Reden den Judenmord anprangerte. Nebnbei: Klaus war auch nicht besser. Gibt da im 1934er Tagebuch – als Klaus Mann im Exil Antinazizeitungen machte – einen doch recht heftigen antijüdischen Eintrag („es ist ja doch eine häufig recht widerliche Rasse“ oder so ähnlich, habs jetzt nicht nachgeschlagen – Klaus Mann war einfach enerviert von einer jüdischen Familie, die am Nachbartisch im Cafe in Amsterdam etwas Lärm machte…). His sister desgleichen („Beermann, der gesichtslose Geschäftsjude“). Gerade deswegen wirkt Erika Manns hasserfüllter Hohn über Adorno (Brief an Ludwig Marcuse, nachdem Adornos Musikrezensionen 1933 „rauskamen“ zu Beginn der 60er) auch so ranzig. Was Adornos Eigentor 1933 nicht schöner macht. Da habe ich eine Haltung lieber, die, in etwa, besagt: Virtuelle Leichen im privaten Keller ham wer all. Es geht nicht darum, was einer an Idiosynkrasien vielleicht privat auslebt, sondern was er tut. Und die Hermeneutik des Verdachts will den gegner in der Unterhose erwischen – das passt mir nicht, ganz ehrlich. Da halte ich es mit einem biederen „Das macht man einfach nicht“.

  10. very sorry, vielleicht kannst Du es einfügen: Selbst bei dem Weisse Rose Satz wissen wir nicht genau, wie er zu verstehen ist: Haben da die Studenten – es wäre gemessen an der Situation damals immer noch aller Ehren wert! – „lediglich“ den Mord verweigert, hatten aber religiös-christliche Vorbehalte gegen Juden als „Christusmörder“? Kann sein. Spricht, gemessen an ihrer evangelischen geistigen Sozialisation, sogar einiges dafür. Kann aber auch sein, dass der Satz in einer massiv antisemitisch strukturierten Gesellschaft taktisch gemeint war. („Hey Leute, auch wenn ihr die Juden nicht mögt, das ist Mord!“ – so herum)

    Wir wissen es nicht, ganz einfach.

  11. Sicherlich wollte Wallraff in guter Absicht den Rassismus der Gesellschaft entlarven. Aber wie es in den meisten Fällen so läuft: das gut Gemeinte ist der Feind des Guten.

    Na ja, die Sätze Rühmkorfs und Wiedemann lesen sich in den Rahmungen und Kontexten. Was Rühmkorf und Wiedemann bewogen hat, als sie das schrieben, das wissen wir nicht. Der Satz Wiedemanns ist zudem derart knapp gehalten, daß man kaum von einer Kampagne ausgehen kann. Im Jahre 2000 hätte das aber von ihr in jedem Falle besser recherchiert werden müssen. Celan Reaktion ist verständlich, ihre nicht – zumindest hätte sie die Andeutung des Antisemitismus als Sicht Celans ausgeben müssen, nicht als die ihre.

    Geschichte aus dem Zusammenhang zu beurteilen und die Umstände einzubeziehen, sollte selbstverständlich sein. Kant wird ja nicht genauso gedacht haben wie Habermas.

    Als Verurteilung will ich diese Dinge auch gar nicht verstehen. Ich schrieb es ja: was weiß ich, wie ich mich in dieser Zeit verhalten hätte. Helden ex post factum sind mir in der Regel suspekt.

  12. Es gibt diese Alterungsanzüge, die es einem jungen Menschen ermöglichen zu erleben, welchen Geh-, Sicht- und Höreinschränkungen ein alter Mensch unterliegt. Würde man einem Dreißigjährigen, der dem sich unterzieht, vorwerfen, er docke an Vorurteile gegen Alte an?

  13. Es kommt hier allerdings die Einbindung in ein journalistisches Projekt hinzu, womit der Bereich des bloßen Ausprobierens um der eigenen Erfahrung willen verlassen wird. Bersarins Frage greift da: „Gibt es denn keine Schwarzen, die diese Rolle spielen könnten?“ Um den Weißen zu zeigen, wie sie die Schwarzen diskriminieren, braucht es anscheinend einen Weißen, der den Schwarzen spielt. Worin liegt der moralische Mehrwert dieser Charade?

  14. Laut Sarrazin hat der Neger das Neger-Gen. Der Weiße, der den Neger spielt, kann das Neger-Gen aber nicht haben. Wenn andere Weiße auf den negerungenetischen weißen Negerdasteller reagieren, als sei er Negergeninhaber, dann ist die Theorie des Negergens empirisch falsifiziert.

  15. In dem Sessel sitzt der Nörgler,
    marxologisch, geisterhöht.
    Der Laphroaig schwenkt in dem Glase
    während die Cohiba glöht.

    „Abgrund“ heißt aus jenem Grunde
    das Hotel, das Heimat ward.
    Schwere Hirne, starke Runde,
    Argumente durchgegart.

    Altvergangen, abgesungen,
    sind so vierzig abgeliebt:
    Weiberleiber dampfen brünstig,
    wenn sie’s über’n Kolben zieht.

    Wer nur, wer, beschwört die Fee mir?
    Wird mir noch ein Rettungsort?
    Alt ergraut und nah dem Sarge
    mache ich mich fort, und fort.

    Trockne Blätter rascheln um mich
    auf dem harten Marmor-Eis.
    Kalter Blick der bösen Spinne,
    die ich als meine Seele weiß.

    Finsternis statt Sternenzelt.
    Nichts, kein Halt, kein Vater droben,
    außer dass in einer Ferne
    irgendwo ein Köter bellt.

  16. Wallraffs Qualitäten möchte ich nicht kleinreden. Ich habe in meiner unbewegt-bewegten Jugend seine Texte gelesen: von den Industriereportagen („Befehlsverweigerung“, „Berichte vom Mittelpunkt der Welt“) über die „Bild“-Bücher.

    Insbesondere bei Wallraffs Industriereportagen und auch in seinen neuen Projekten, die mir aus dem „Zeit-Magazin“ bekannt sind, handelt es sich um Meisterleistungen der Recherche. Arbeiteten noch heute Reporter so: viel wäre hinsichtlich einer nicht-affirmativen Berichterstattung aus der Arbeitswelt gewonnen. Kritisch zu sehen ist jedoch, die „Schreibe“ Wallraffs, insbesondere in seinen neuen Texten im „Zeit-Magazin“. Da wünschte ich mir, daß jemand gegengelesen hätte und teils korrigierend eingriffe. Es bedarf im Text des Pathos bzw. der eingeschobenen Bewertungen nicht, weil der Inhalt, das Dargestellte für sich sprechen. Wallraff hat nicht nur ein journalistisches Genre entwickelt, das ausgebaut und verfeinert werden muß, sondern greift genauso über in den Bereich qualitativer Sozialforschung.

    Nebenbei: daß diese neuen Reportagen ins Magazin verbannt sind, zeigt bereits, daß man sie journalistisch entschärfen will.

    Ansonsten schließe ich mich Davids Kommentar an.

    Jedoch liegt es mir fern, Wallraff nun direkten, intendierten Rassismus zu unterstellen. Ich schrieb das ja auch. Er dockt jedoch an einen fragwürdigen Diskurs an. Nicht unbedingt im Sinne des blackface minstrelsy, da der Wirkungskreis sowie die Bedingungen in den USA andere sind,. Und natürlich kann man am Ensembletheater, wenn der Othello gegeben wird, sagen: Wir haben nur die Darsteller, die wir haben. Zudem handelt es sich um eine künstlerische Freiheit. Lieber ein guter weißer Schauspieler als ein schlechter schwarzer. Die Frage bleibt trotzdem: gibt es keine schwarzen Darsteller, will man keine schwarzen Darsteller? Auch wenn Theater eine Illusions-Desillusions-Maschine ist, hat es mich im Othello befremdet, wenn ich da einen auf schwarz geschminkten Weißen sehe.

    Es bleibt am Ende sicherlich die Frage, worüber man sich nun mehr erregen sollte: Über den Alltagsrassismus in einer Gesellschaft oder über das von Wallraff praktizierte Verfahren. Die Antwort dürfte relativ klar ausfallen.

    Zudem muß bei einer solchen Kritik an Wallraff (wie auch bei der an Rühmkorf) geschaut werden, daß man sich nicht die Ach-so-Antirassistischen von rechts und den Dreck aus dem Hause Springer et al. ins Boot holt, die solches natürlich begierig aufgreifen – Beifall von der falschen Seite eben. Diese Dinge freilich fallen nicht mehr in das Feld des ästhetischen Theoretikers, der sich, weil Winter werdend, von nun an wieder auf Rotweine kapriziert. Groß war der Sommer und die Weißweinzeit ist vorüber. In den Bäumen krächzen die Krähen. Wehe dem, der jetzt keinen Vorrat hat. By the way steht ja auch noch der Weg to the next Whisky Bar aus. Über dieses komplexe Unterfangen wird hier demnächst berichtet.

    Die Besprechung des Gedichts muß aufgeschoben werden. Ich halte es für gelungen, denn es knüpft in gekonnter Weise an Tradition an, ohne diese aber blind zu adaptieren. Das Gedicht changiert zwischen Melancholie und Ironie, zwischen Ernst und Heine-heiter, zwischen der Höhe des Geistes und dem ganz Profanen, das als Rest und Grundrauschen bleibt: dem Köter als zerbrochene Immanenz.

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