Philosophie und Literatur (1)

Die Frage, ob die philosophische Ästhetik selber ästhetisch werden kann (und ob sie es auch sollte), ob man Philosophie als Literatur behandelt, läßt ganz leicht sich nicht beantworten. Eine allzu bündige Antwort, die abschließend mit „Nein“ ausfiele, verfehlte womöglich die Sache und verkennte das kritische Potential, welches in einer veränderten Anordnung läge. Doch zöge man umstandslos die Grenzen ein, entschärfte der Text beide Seiten, und es stünde weder der Philosophie noch der Literatur gut an, in eine trübe Gemengelage zu geraten.

Nur wenigen Texten ist es vergönnt, in einem solchen Modus der Differenzauflösung zu fahren, den Gattungsunterschied einzuziehen und dabei als Text zu funktionieren: Montaignes „Essais“, Nietzsches „Zarathustra“, wenngleich dieser sich vom Heute her gelesen zuweilen großspurig und pathosschwanger ausnimmt, Kierkegaards „Entweder – Oder“, Derridas „Postkarte“, Adornos „Minima Moralia“, Benjamins „Einbahnstraße“, um nur einige wesentliche Texte zu nennen. Dieses Moment des Changierens und Gleitens zwischen den Gattungen verbindet – bei allen sonstigen Unterschieden – diese Texte: Daß der Ausdruck der Sache nicht unwesentlich bleibe.

(Ich frage mich nebenbei, ohne das weiter ausführen zu können, ob man Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ ebenfalls als ein Stück Literatur lesen muß.)

Aber auch eine gegenüber herkömmlichen Werken der Philosophie veränderte Schichtung von Rhetorik und Logik eignet diesen Texten. Insbesondere Derrida geht es, wenn man Habermas in seinem „Philosophischen Diskurs der Moderne“ folgen mag, um eine „Souveränität der Rhetorik über das Gebiet des Logischen“ (S. 221) Die Figurenrede vermag die Wahrheit in eine andere Anordnung zu bringen – paradigmatisch steht dafür der Text Nietzsches. Es ist nicht mehr nur die diskursive Ordnung der (logischen) Argumente, sondern es wird zu einer Frage des Stils, der stilbildenden Figuren, eine Weise zu finden, welche die instrumentelle Vernunft und ihre Zurichtungen übersteigt (Habermas, S. 222) – einen Ort jenseits und doch innerhalb der Grenzen sowie der Abgeschlossenheit zu finden. Zwingend wird diese Art des Denkens im Anschluß an Nietzsche, Adorno (aber auch Heidegger) für die Philosophie Derridas, weil es nicht ausreicht, den Gegensatz bloß umzukehren, und damit wieder in den Oppositionsbildungen zu verharren, sondern vielmehr soll er in einer textuellen Praktik „verwunden“ werden.

Die Philosophie Derridas gibt sich allerdings vielfältig: Sie reicht von einer dezidierten, durchaus diskursiven Analyse, etwa jenes relativ unbekannten Rousseau-Textes „Essai sur l‘origine des langues“ gekoppelt mit Lévi-Strauss, in der Grammatologie“ bis hin zu einer kryptischen Hegellektüre in „Glas“, über eine rechtsphilosophische Ausrichtung – sozusagen die Dekonstruktion des Rechts –, die Derrida in seiner Lesart von Benjamin und Carl Schmitt liefert. Mit einer Aufzählung seiner zahlreichen und heterogenen Werke ist es aber kaum getan, weil diese Philosophie der sich beständig verschiebenden, auflösenden différance sich eben nicht in ein, zwei oder drei Hauptwerke bündelt, sondern in eine Vielzahl von Texten aufspaltet, welche die Motive in Variation in eine Schrift bringt. Begriffe werden entfaltet und ziehen sich zugleich zurück, sie werden über andere Texte angeeignet, umgelesen, abgestoßen. Es gibt kein Eigentum, dieses besitzt illusionären Charakter, jeder Besitz trägt seine Zerstörung in sich.

In einer Weise, die der Literatur sehr nahe kommt, geschieht dieses Spiel in Derridas „Postkarte“, insbesondere in der ersten Lieferung; die „Zweite Lieferung“ ist sozusagen der eher theoretische Part und vor allem eine harte Kritik an Lacan. Bei dieser Lesart Derridas als Literatur, sollte man jedoch einen Begriff derselben haben, der die Reich-Ranickische Sicht (bei weitem) übersteigt.

Andererseits muß man etwa bei Derridas „Postkarte. Erste Lieferung“ fragen, ob es sich bei diesem Text nicht vielmehr um eine in die Form hineingepreßte Philosophie handelt. Dieser Einwand mag sich jedoch bereits dadurch entschärfen, weil die Assonanzen an die Philosophie und ihre Motive derart vielschichtig sind und virtuos angespielt werden, daß der Leser sich fragen wird, wo er eigentlich gerade sich befindet. Liest er Liebesbriefe, verfolgt er eine Theorie der Sendung, der Kommunikation, der Posten, daß ein Brief seinen Bestimmungsort nicht erreichen kann, ist es ein Vorspiel auf jenes Seminar zum entwendeten Brief, eine Kritik an den Facteuren der Wahrheit oder ist es der unaussprechliche Eigenname, der in sich taumelt, deliriert, kreist; das Spiel der Identitäten: Männlich – weiblich, wird hier ein Stück Heidegger aus Frankreich gegeben, die Bedingungen der Möglichkeit einer Sendung und die eines leeren Ortes, der Asche und des Feuers? Schwierig auszumachen, der Text sprengt die Grenzen der Gattung. Es ist nicht ratsam, sich zu sehr an diesen Text anzuschmiegen. Er ist ein Pharmakon.

„Und dann werde ich dafür sorgen, daß das Dir absolut unlesbar wird. Du wirst nichts selbst wiedererkennen, Du wirst nichts fühlen, und ich werde sogar, bei Deiner Lektüre, unbemerkt bleiben. Wir werden, nach diesem letzten Mord, einsamer sein denn je, ich werde fortfahren, Dich zu lieben, Lebendige, jenseits von Dir.“ (J. Derrida, Die Postkarte, S. 216, Berlin 1982)

„Ihr könnt diese Sendung lesen als das Vorwort eines Buches, das ich nicht geschrieben habe.

Es hätte gehandelt von dem, was geht von den Posten, den Posten in allen Genres, bis zur Psychoanalyse.

Weniger, um eine Psychoanalyse des postalischen Effekts zu versuchen, als um zurückzusenden von einem einzigen Ereignis, der freudschen Psychoanalyse, zu einer Geschichte und einer Technologie des Kuriers, zu einer gewissen allgemeinen Theorie der Sendung und all dessen, was durch eine gewisse Telekommunikation beansprucht, sich zu schicken. […]

Was die Sendung selbst angeht, ich weiß nicht, ob die Lektüre dessen aushaltbar ist.“ (S. 7 f.)

In der Tat. Man muß schon sehr viel Empathie und eine große Portion jenes hermeneutischen principle of charity mitbringen. Rein philosophisch orientiert, bewältigt das Buch sich nicht, rein literarisch gelesen auch nicht, es hakt an manchen Stellen. Nicht einmal das Genre ist klar: ein Krimi, ein Briefroman, eine Autobiographie, eine Liebesgeschichte? Die Frage bleibt, wie zu lesen sei. Fast möchte ich, mit Habermas gesprochen, schreiben, daß man sich in einer dem Text entgegenkommenden Lebensform (am besten der studentischen oder zumindest ungebundenen) befinden oder befunden haben muß, um diesen Text vom Anfang bis zum Ende zu lesen. Ich tat es seinerzeit.

Eine Meisterleistung der Übersetzung ist dieser Text allerdings, ich weiß nicht, wie der Übersetzter Hans-Joachim Metzger es anstellte, diese Übertragung angemessen zu betreiben, vor allem deshalb, weil Derrida seine Begriffe derart überkonnotiert, daß eine unendliche Lektüre, ein unendlicher Kommentar nicht ausreicht, um das einzuholen. Die Prägung dieser Texte durch das Judentum ist evident, wenngleich als Erklärung vollkommen unzureichend.

39 Gedanken zu „Philosophie und Literatur (1)

  1. Okay, der Text bricht ab, deshalb vielleicht zu früh der Einwurf – aber muss man dem sich nicht im Grunde genommen auch von der literarischen Adaption der Philosophie nähern? Thomas Mann, Nietzsche und Schopenhauer zum Beispiel? Weil da die Differenz zwischen Philosophie und Literatur vielleicht deutlicher wird? Z.B. bei der Frage, wo Literatur auch zeigen, darstellen, erkunden kann, was der Autor selbst nie vertreten würde, während Philosophie witzlos wird, wenn man vertritt, was man nicht meint?

  2. Nein, es ist nicht zu früh.

    Und: Ja, absolut. Man muß das von beiden Seiten angehen. Und wenn ich das gerade lese, was Du schreibst, merke ich, daß mein Projekt womöglich etwas zu groß(spurig) geraten ist..

    Ich kreise trotzdem darum.

    Andererseits: Diese Stellung, etwas zu vertreten, was man nicht meint, ist mir nicht ganz fremd.

    Soviel nur in ziemlicher kürze.

  3. während Philosophie witzlos wird, wenn man vertritt, was man nicht meint?

    Weshalb das? Das hieße doch, wenn philosophische Gedanken entwickelt werden, die der Gedankenentwickler nicht ‚meint‘, wäre das schon gar keine Philosophie mehr, bzw. sie wäre umgeschlagen in Literatur oder turnte auf der Grenze. Die Frage, ob man es mit Philosphie oder mit Literatur zu tun hat (oder mit witzloser Philosophie), würde damit zumindest zum Teil psychologisch und entzöge sich der Erörterbarkeit spätestens sobald der Autor physisch tot ist.

  4. Natürlich spielt man Gegenargumente durch, probiert rum usw. in der Philosophie, aber ich denke schon, dass Habermas recht hat, daß Philosophie an so was wie ein Vertreten mit Geltungsanspruch gekoppelt bleibt, bei Literatur das sein kann, sie aber darüber hinaus geht. Was er in dem Text, auf den Bersarin sich bezieht, über Literatur schreibt, ist viel doofer.

    Was ich meine, ist doch, dass ich problemlos einen Roman über jemanden wie Rayson als schillernder Heldenfigur schreiben könnte, ohne auch nur ein Wort dessen zu teilen, was der denkt. Deshalb ist auch diese volkshochschulhafte Moralpädagogisierung, die alljährlich mit Grimme-Preisen überhäuft wird, kunstfeindlicher als z.B. die Naturwissenschaft, weil Kunst und Philosophie und Wissenschaft eher an die Wahrheitsfrage geknüpft sind als an jene der normativen Richtigkeit. Und das Wie des Unterschieds in der Wahrheitsfrage ist ja so irrsinnig schwer zu fassen, aber bestimmt nicht jener zwischen Logik und Rhetorik. Dann schon eher der zwischen dem Imaginären und dem Realen. Deshalb sind ja Naturalismen und sozialistischer Realismus so entkunstend, weil die nicht „Was wäre wenn?“ fragen, sondern „Was ist?“ Mal sehr schematisch gesprochen.

    Das mit der Psychologisierung verstehe ich nicht.

  5. Da jeder Text auch in seiner Form wahrgenommen wird, ist auch jeder Text ästhetisch (gegebenenfalls negativ, d.h. er wird als „unschön“ erfahren). Andererseits sind Form und Inhalt nicht identisch. Wäre es anders, gäbe es kein Problem der Formulierung. Weil das Denken (dem die Liebe der Philosophie gilt – diese Aussage allerdings ist tautologisch), an die Sprache gebunden ist, wird alle Philosophie letztlich auch Sprachphilosophie sein müssen. Sokrates sah den Verrat schon in der Verschriftlichung; ein Denken außerhalb des Gesprächs konnte nicht zur Wahrheit führen. Andere verstanden die Sprache symbolisch. Das hieß: Die (Ur-)Form der Sprache zu entdecken, hieß: die Wahrheit zu verstehen. Wer sie allegorisch auffasste, ließ die Bilder in der Sprache des Denkens zu und akzeptierte den Riss, der sich zwischen Wort und Bedeutung auftat. Wem sie als ein willkürliches Zeichensystem galt – wie die Mathematik – , der suchte nach widerspruchsfrei logischen Sätzen. Ich behaupte: Keinem gelang es, die Sprachauffassung, der er folgte oder zu folgen vorgab, „rein“ zu halten. Selbst die Physik steckt voller Metaphern. Schon dass uns die Sprache dazu nötigt, die Wahrheit(en) nacheinander anzuordnen, führt zur Verfälschung. Das heißt: alles Denken ist Umgang mit Fälschung und also Wahl der Form. Diese Erkenntnis führt in Sackgassen. Schnädelbach nannte es den „Morbus hermeneuticus“: Philosophie als Literaturwissenschaft; philosophische Texte interpretieren, statt selbst über Welt nachzudenken. Andererseits: Alles Denken, das über diese Erkenntnis hinweg geht ist – mit Robert Musil gesprochen – „Verstopfung“.

  6. Das mit der Psychologisierung verstehe ich nicht.

    Kann ein Text, egal welcher Art, etwas vertreten, das er nicht ‚meint‘? Falls ja, inwiefern vertritt er es dann tatsächlich noch? Falls nein, so muß doch bei dem, was Du schreibst, das Meinen des Autors entscheidend sein.
    Nun wäre es ja irgendwie denkbar, daß etwa Kant ‚eigentlich‘ ein naiver Realist war, der nur mal gucken wollte, wie weit man mit transzendentalphilosophischen Gedankenspielchen kommt, aber kein Wort von dem, was er schrieb, wirklich meinte. Aber darum wäre die Kritik der reinen Vernunft doch nicht keine Philosophie.
    Und wenn es so wäre, dann hätten wir gar nicht mehr die Möglichkeit, herauszufinden, ob sie Philosophie ist, denn Kant können wir leider nicht mehr fragen, ob er das alles wirklich so gemeint hat.

    Es ist nicht so, daß ich nicht eine Ahnung hätte, worauf Du hinaus möchtest. Ich glaube aber, man müßte das anders formulieren. Vielleicht hat es damit zu tun, daß Philosophie sich schon sprachlich meist im Modus des Erläuterns, Erklärens und Analysiseren eines als vorgängig betrachteten Gegenstandes befindet, Literatur meist eher in einem schildernden, (wieder)gebenden Modus, in dem sie ihren Gegenstand erst erschafft (ist jetzt etwas aus der Hüfte geschossen und trifft es vielleicht nicht ganz). Die Intuition, daß der Philosoph meinen sollte was er schreibt, ließe sich dann darauf zurückführen, daß der Gegenstand als vorgängig betrachtet wird und ihm darum gerecht zu werden ist. Literatur dagegen, die ihren Gegenstand selbst schafft, muß sich nur selbst gerecht werden.

  7. Oder so: „Die Metaphysiker in Tloen suchen nicht die Wahrheit, ja nicht einmal die Wahrscheinlichkeit: sie suchen das Erstaunen. Sie sind der Auffassung, dass die Metaphysik ein Zweig der phantastischen Literatur ist.“

    Da Du mich schon darauf hingetwittert hast.

  8. @ momorulez
    „Und das Wie des Unterschieds in der Wahrheitsfrage ist ja so irrsinnig schwer zu fassen, aber bestimmt nicht jener zwischen Logik und Rhetorik. Dann schon eher der zwischen dem Imaginären und dem Realen.“

    Ja und nein. Aber was die Wahrheitsfrage betrifft, hast Du sicher recht. Andererseits: Was ist die Wahrheit eines Textes. Inwiefern erfährt der Text Verschiebungen?

    Zunächst sollte man wohl differenzieren zwischen philosophischen Texten, die explizit nicht literarisch sind, etwa bei Habermas, aber auch bei Hegel, Kant usw., und solchen, die auf der Grenze stehen. Ich nannte ja einige. Dort spielt das Moment der Rhetorik sicherlich eine große Rolle: es reichen die logischen Bezüge nicht hin; die Stilmittel, die Sprachfiguren, etwa im „Zarathustra“ oder in den „Minima Moralia“, sind hier wesentlich und bilden den performativen Gehalt des Textes. Daß auch ein rein philosophischer Text rhetorisch oder stilistisch und nicht nur logisch geformt ist (Kant schreibt anders als Hegel usw.), sei geschenkt. Darum geht es mir zunächst nicht.

    Den blinden Fleck des Textes finden: „Blindness and Insight“ wie ein Aufsatz de Mans heißt. Andererseits: wenn Dekonstruktion zur rasselnden Methode verkommt – wovor Derrida nicht müde wurde zu warnen: die Dekonstruktion ist keine Methode, sondern eine Praktik – dann sollte man die Laufrichtung wechseln.

    Was Habermas an dem Gegensatz Rhetorik – Logik kritisiert ist ja auch die Position Paul de Mans. Ich komme womöglich noch dazu. Ex negativo fand ich den Text von Habermas gar nicht schlecht. Ansonsten stimme ich Deiner Kritik insbesondere an diesem grauslichen Naturalismus und am sozialistischen Realismus zu. Der Nörgler hat bei Dir drüben ja einmal wieder einen sehr guten Text geschrieben, der es auf den Punkt bringt. Schön auch Dein Satz zu den Grimmepreisträgern.

    Das Imaginäre und das Reale sind in der Tat in diesem Rahmen nicht unbedeutend. Wie gesagt, ich bin mir in diesem Felde selber nicht ganz schlüssig. Es sind dies sehr alte Debatten aus den 80ern, 90ern. Ich muß da einiges wieder hervorgraben. Würde auch mit 20 Jahren Abstand manches anders lesen und bewerten. Wenn man bei dieser Debatte nicht aufpaßt, wird es auch schnell eine Geisterdebatte, die im Grunde ohne Relevanz ist.

    Zur de Manschen Dekonstruktion muß man jedoch sagen, daß diese sich wesentlich auf Literatur bezieht. Und dort, wo er sich mit Philosophie beschäftigt, geht de Man durchaus philosophisch vor. Ganz so dichotomisch und invers wie sich das Paar Literatur/Philosophie darstellt, läuft es also nicht. In diesem Zusammenhang wird man wohl auch auf Danto, insbesondere auf sein Buch „Die philosophische Entmündigung der Kunst“ eingehen müssen. Ich fand den ja stellenweise sogar ganz interessant, auch wieder ex negativo allerdings. Diese Dinge müßte ich aber noch genauer hervorholen.

    @ melusine
    Diesen Aspekt der Verdrängung von Schrift bzw. diese Oppositionsbildung Sprache – Schrift kritisiert Derrida insbesondere. Sprachphilosophie ist vor allem Philosophie der Schrift, denn es liegen uns – trivialerweise – in der Regel Texte vor. Daß jeder Text ästhetisch ist, würde ich so nicht formulieren. Eher paßt hier der Begriff des Rhetorischen. Wenngleich dieses Vorhandensein rhetorischer Elemente nicht den Geltungsanspruch eines Textes untergraben muß. Interessant ist es aber trotzdem, auch auf diese ein wenig abseitigen oder überlesenen rhetorischen Aspekte zu achten. Wie funktioniert die Sprache, mit welchen Bildern wird gearbeitet. Bei Kant in der KdrV etwa die Insel- und Ozeanmetaphern, das Fundament und die Architektur. Freilich sind dies Aspekte, die beispielen und man sollte bei einer solchen Lektüre schon an die Relevanz denken: daß es nicht zu einem Kasperletheater ausartet und viel Rauch um Nichts gemacht wird. Mit den dekonstruktivistischen Lektüren bei einem Text muß man wohl vorsichtig umgehen. Insofern halte ich mich damit eher zurück. Ich finde diese stellenweise interessant, komme aber doch aus einer anderen Richtung. Und Derrida begreife ich als eine (mächtige) Variante der Dialektik.

    Der Schnädelbachaufsatz, ja: lang, lang ist es her.

    @ david und momorulez

    Ja, ein Text kann etwas „vertreten“, was sein Autor nicht meinte. Aber selbst das, was ein Text vertritt, unterliegt zuweilen Unschärfen. Diese motivieren bei allen Unterschieden sowohl die Hermeneutik als auch die Dekonstruktion, beständig aus Texten herauslesen. Freilich mit ganz unterschiedlichen Stoßrichtungen.

    Die Intention des Autors ist in der Tat zweitrangig. In der Regel haben wir es mit Texten zu tun, die sich auf andere Texte beziehen und so fort. Der Autor ist in Literatur und Philosophie eine Schimäre. (Zuweilen eine interessante.)

    Danke für das schöne Borges-Zitat. (Ist es doch? Oder irre ich?) Manches von Borges läßt sich gelungen mit der Philosophie zusammenschließen.

  9. Der Borges-Text ist eine Satire über Philosophie und Bücher, würde ich mal behaupten, kein im engeren Sinne lterarischer Text. Hume taucht da zum Beispiel auf, und zentrale Fragen jeder Philosophie, wie z.B. jene nach dem Substantiv, dem Verb und dem Adjektiv. Und natürlich lebt der Text davon, dass er auf Reales sich bezieht in der Thematisierung einer vermeintlich fiktionalen Welt. Der ist schon ganz gut, um den „Gattungsunterschied“ zu thematisieren. Weil er funktioniert, gerade WEIL jeder weiss, dass Borges nicht als wahr behauptet, was er da schreibt – zumindest nicht im tatsächlichen Sinne. Es glaubt auch keiner, dass Goethe tatsächlich in dieser Form des Teufelspakt beobachtete. Wie man bei Kant schon davon ausgehen kann, dass er meinte, was er schrub, ansonsten hätte er im Gegensatz zu Goethe gelogen – hat der aber nicht, weil das, was den „Faust“ wahr macht, ein anderes Wahrheitsverhältnis ist.

    Mit „Morbus Hermeneuticus“ meinte Schnädelbach übrigens was anderes – eines Text über das, wie er wurde, verstehen, seinen zeitgeschichtlichen Kontext, Biographie des Autors usw., und durchaus auch das Stehenbleiben bei immanenter Kritik – anstatt ihn so zu lesen, dass er einen problembezogenen Beitrag zu aktuellen Debatten darstellt. Als Kant in sich zu erdeuteln, anstatt sich zu fragen, was er uns heute sagen kann.

  10. Die Frage, die ich stelle, ist doch, welche Rolle es spielen kann, ob Kant ein Lügenbold war oder eine ehrliche Haut. Ich halte ihn ja auch nicht für einen Lügner; aber die Antwort auf diese Frage ändert doch kein Iota an der KrdrV.

    Der Borges-Satz sollte meinen Punkt dahingehend verdeutlichen: Die Metaphysiker in Tlön glauben nicht an die Existenz eines Dings an sich. Metaphysik zu betreiben ist ihnen reines phantastisches Gedankenspiel, und wie die Mathematik oder die Literatur schaffen sie sich somit zuerst den Gegenstand, über den sie reden wollen.

  11. Ich freu mich gerade sehr darüber, Dich per Twitter zu dem Borges-Text geleitet zu haben ;-) … ich glaube, man kann in philosophische Diskussionen gar nicht anders argumentieren, als dass man voraus setzt, dass der Andere meint, was er sagt. Gute Literatur ist aber nun oft dann gegeben, wenn die Figur, nicht der Autor, etwas Interessantes, Ungewöhnliches meint. Oder wenn man den Standpunkt des Autoren gar nicht findet und dann verstört reagiert.

  12. „Daß auch ein rein philosophischer Text rhetorisch oder stilistisch und nicht nur logisch geformt ist (Kant schreibt anders als Hegel usw.), sei geschenkt. Darum geht es mir zunächst nicht.“ – Dieses Geschenk, finde ich, ist unannehmbar. Wie Kant schreibt, ist unmittelbar verbunden, mit dem Gedanken, den er formuliert. Freilich kann man Kant lesen und dies unterschlagen. Ich zweifle nicht daran, dass das zu Erkenntnissen führen kann. Doch ebenso lässt sich ein Verständnis´ Kants, ein anderes zwar, dadurch gewinnen, dass die Form des Textes denkend nachvollzogen wird: „Es ist wenigstens von Herrn Kant nicht freundschaftlich gegen seine Leser gehandelt, dass er sein Werk so geschrieben hat, dass man es studieren muss, wie ein Werk der Natur…“ (G.C. Lichtenberg) Das ist nicht bloß Lamoryanz gegenüber der Schwerverständlichkeit des Kantschen Textes. Es nimmt auch wahr, dass dieser Text Leser zwingt, vor allem und zuerst am Verständnis der Kantschen Denkanstrengung zu arbeiten; d.h.: Erfahrung ist verzichtbar. Und das i s t Inhalt des Kantschen Textes (Hier geht es um die „Kritik der reinen Vernunft“). Keine Missverständnisse: Kant ist in meinen Augen nach wie vor der bedeutendste Philosoph der Neuzeit. Worauf ich hinaus will: Man versteht ihn auch, wenn man ihn über die Form versteht. Zumindest kann man es.

    Zu Schnädelbach: Ich meinte oben genau das: „einen Text über das, wie er wurde, verstehen, seinen zeitgeschichtlichen Kontext, Biographie des Autors usw., und durchaus auch das Stehenbleiben bei immanenter Kritik – anstatt ihn so zu lesen, dass er einen problembezogenen Beitrag zu aktuellen Debatten darstellt“. Zwischen die „Sackgasse“ und den „Morbus hermeneuticus“ hätte noch ein erklärender Satz gehört. Ein Kurzschluss, sozusagen.

  13. Ich werde morgen mehr zu diesen Dingen schreiben. Am letzten Absatz von Melusine Barby hätte auch Derrida seine Freunde gehabt. Das konstitutive Verlesen und MIßverstehen.

    Na ja, der Borges-Text ist schon literarisch, auch im engeren Sinne, und er übersteigt diese Literatur zugleich. Das ist ja das interessante bei Borges, daß sich diese Dinge nicht mehr so trennscharf dividieren lassen. Gleichfalls, wenn auch in anderer Weise, geschieht dies bei Nietzsche.

    Morgen mehr, insbesondere folgt eine Verdammung des Meinens. ;-)

  14. @ Melusine Barby
    Natürlich ist die Form keinem Text äußerlich. Und sie ist keine Nebensächlichkeit. Dies gilt auch uns insbesondere für jeden philosophischen Text; etwa bei Hegel zeigt sich dieses Bedingungsverhältnis deutlich: Die Form des Textes, der Stil sind genau der Ausdruck des dialektischen Denkens. Hegel könnte nie so wie Kant schreiben, und insofern lassen sich aus der Form Aspekte herauslesen. Trotzdem lesen wir den Text nicht als Literatur und auch nicht rein auf der Ebene der Form, schon gar nicht, wenn es sich um eine erste Lektüre handelt. Da werden die meisten Leser ganz hermeneutisch herangehen und zunächst nach Sinnkohärenzen suchen, sich eher in Verstehensdimensionen bewegen, den logischen Aufbau prüfen. Dies schließt nicht aus, den Text auch auf den Stil, auf rhetorische Elemente zu sichten und daß diese für den Text ganz wesentlich sind. Das sind ja Dinge, die Adorno etwa in seinem Aufsatz „Der Essay als Form“ ganz dezidiert vertritt und dargestellt hat. Und auch ich schrieb darüber: der Philosophie ist ihre Darstellung, ihre Form nicht äußerlich. Mir ging es in diesem Zusammenhang um etwas anderes: Daß nämlich diese literaturtechnisch-dekonstruktiven Veranstaltungen nachgeordnet sind. Lediglich der Profi, der dekonstruktiv Geübte wird bei der ersten Sichten eines Textes die blinden Flecken, die rhetorischen Momente, die Dinge,wo der Text sich selbst übersteigt, aus seiner Bahn gerät und sich womöglich gegen sich selbst wendet, lesen. Es ist dazu eine jahrelange Textpraktik erforderlich, um das gut zu machen. Eine Methode ist die Dekonstruktion dennoch nicht. Und sie ist als solche nicht handhabbar. Die meisten dekonstruktiven Lektüren, die aus dem deutschen akademischen Mittelbau stammen, sind Laienpfusch am Text. Da ist es wie mit dem Regietheater: es gelingt nur wenigen. Es reicht nicht aus, eine Bühne mit Kartoffelsalat vollzustopfen oder Oppositionen umzudrehen: Ach, heute machen wir mal Sinn und Form statt Inhalt und morgen dann andersrum. Die Dekonstruktion ist, wie Dialektik eine komplexe Angelegenheit, kein Verfahren. Denn gegen den Schematismus opponieren gleichsam beide.

    „vor allem und zuerst am Verständnis der Kantschen Denkanstrengung zu arbeiten“. Dem ist zuzustimmen. Allerdings ist ein Verständnis über die bloße Form sehr problematisch. In ein (zunächst hermeneutisches) Verstehen, fließen Kontexte und Inhaltliches ein. Daß diese Kontexte flüssig sein können, betonen sowohl Hermeneutik als auch die Dekonstruktion. Wenngleich sie in der Produktion von Sinn zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und die Dekonstruktion auch auf zunächst abseitige Aspekte des Textes oder auf scheinbar Nebensächliches eingeht.

  15. @ momorulez
    Ich möchte es einmal, entgegen meiner Art, etwas provokant formulieren. Aber ich denke, daß Du solches durchaus zu schätzen weißt und mich in meiner Art sowieso ein wenig bedächtig-langweilig findest.

    Die von Dir dargelegten Aspekte bezüglich des Meinens entspringen einer eher konventionellen Sicht und Normierung, fast möchte ich sagen: noch dem vorhegelschen Subjekt-Objekt-Schema verhaftet samt einer Idolatisierung der Person des Autors. Das Kaprizieren auf einen Autor samt seinen Meinungen und Einstellungen sollte eigentlich mit Foucault, Barthes und Derrida als erledigt gelten. Es gibt kein Subjekt des Textes, bei dem der Ariadnefaden in der Hand liegt. Was jedoch nicht heißt, die Frage nach dem Eigennamen auszustreichen. Und noch etwas in großen Geldscheinen gesprochen: Die Wahrheit des Herrn über den Text liegt nicht im Herren.

    Und selbst Hegel kritisierte dieses Fixpunkt Autor: Alles was von mir ist, ist nicht von mir. (Ich zitiere aus dem Kopf und sinngemäß.). Was hilft da noch der Bezug auf das, was der Autor meint?

    Das Verhältnis „Meinen (Person) – Vertreten (Text)“ stellt einen Spezialfall innerhalb eines speziellen Sprechakts dar, und es setzt die Anwesenheit eines Autors samt seines Textes voraus, etwa in einer Diskussionen, ansonsten hätte das Meinen keinen Sinn. Die Meinung eines Abwesenden ist schwierig zu erfahren. Und wenn ich als Geisterseher womöglich Kant fragen könnte: Meinst du das so, was du in der KdrV schriebst?“ Und er antwortete: „Ja, das meine ich so!“ Was ist damit gewonnen? In der Regel haben haben wir nur den Text – nichts sonst – und wir lesen heraus, was dort steht.

    Bei zahlreichen Texten ist der Autor tot und wird nichts mehr meinen, und was er gemeint hat oder gemeint haben könnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Dort, wo ein Autor noch lebt, ist er meist abwesend. Und wenn er oder sie etwas zum Text sagt, so befindet er sich bereits in einem mehr oder minder großen Abstand zu dem Zeitpunkt, als er diesen Text schrieb. Auch hier ist aufgrund dieses Aufschubs ein Meinen mit Vorsicht zu genießen. Wie es in den Akten der sinnlichen Gewißheiten so ist, besteht die einzige Gewißheit des Sinnlichen darin, daß nichts gewiß ist. Und deswegen ist das Meinen ein bloßen Meinen im Gegensatz zur Doxa. Die Meinung eines Autors ist also höchst nachgeordnet. Sie ist unerheblich. Was übrigbleibt, ist der Text, wir haben am Ende nur Text. ll n’y a pas de hors-texte, wie Derrida schrieb. Hier im Blog ist es ja auch nicht anders. Wir kommunizieren über Texte. Was oder wer sich dahinter verbirgt ist zweitrangig. Ich könnte ein ein rechtskonservativer Redakteur der Jungen Freiheit sei, der hier mal den Adorno herauslassen möchte. Es würde dieser Umstand an meinen Texten nichts ändern.

    Nein, Goethe beobachtete keinen Teufelspakt, Kant kein transzendentales Subjekt. Die Ausdrucksmittel sind verschieden, aber es besteht immer die Möglichkeit, daß es trotzdem Übereinstimmungen im Wahrheitsgehalt des Textes geben könnte (und zwar ohne daß es sich um hineingepumpte Schillersche Ideenkunst handelte), wenngleich mit unterschiedlichen Mitteln betrieben, da gebe ich Dir recht. Und daß es verschiedene Textsorten gibt, würde auch Derrida nicht bestreiten. Er würde allenfalls fragen, worin diese Differenz gründet und weshalb sie zunächst unlesbar bleibt. (Und so lohnte es sich natürlich insbesondere, auch Hegel und Goethe parallel zu lesen. Bloch hatte, glaube ich, an einer Stelle darauf verwiesen.)

    Ich denke aber, daß ich demnächst dann auch noch etwas zu Derrida und der Dekonstruktion schreiben muß. Diese Serie Philosophie als/und Literatur weitet sich aus.

    Abschließend, ins Allgemeine geschrieben, soll festgehalten werden, daß die Dekonstruktion keine Methode ist, mit der man einen Text „bearbeiten“ kann. Was Derrida betrieb, ist ein sehr singuläres Umlesen und Umschreiben von Texten.

  16. Na ja, das war jetzt aber selbst ein Griff in die Mottenkiste derer, die sich der Sprachanalyse verweigert haben und dann, mit Verlaub, ja nun gerade keine Literatur produzieren, sondern Schattenboxen betreiben. Weil „jemand, der etwas meint“ keine dieser am Geist sich labenden Gespenstervorstellungen voraus setzen müsste, die Du erfindest. Das ist so eine Derridasche Unsitte, die abendländische Metaphysik an einer vermeintlichen „Présence a soi“ fest tackern zu wollen, die irgendwo randständig bei Sartre mal Erwähnung fand, und dann im luftleeren Raum vor sich hin zu behaupten.

    Wenn ich davon ausgehe, dass es eine raumzeitlich identifzierbare Person gibt, die das meint, was sie sagt oder schreibt, und dass man das verstehen kann, muss ich keine einzige der von Dir getätigten Annahmen teilen, ausser, dass es jemanden gibt, der da was sagt oder schreibt, und den kann ich Autor, Bersarin oder sonstwie nennen, von mir auch auch Turnschuh. Und natürlich haben wir nicht nur Text, sondern auch Lungenkrebs und Liebeskummer, auf die Texte sich beziehen können auch dann, wenn sie das Schreiben selbst thematisieren. Und Literatur wird dies anders tun als Philosophie.

    „Die Welt als Text“ ist als methodisches Postulat sinnvoll, und bei einem philosophischen Text ist dann gar nicht entscheidend, WER meint, wie Du unterstellst als jemand, der häufig auf Adorno, ja, gar dessen Urlaubsreisen in den Westerwald Bezug nimmt, sondern WAS gemeint wird, und ggf. auch WIE. Und das ist kein Aufspüren verborgener Intentionen, auf so was kommt man nur, wenn man das Privatsprachenargument Wittgensteins ignoriert, das steht da, das kann man lesen, wie ich ja nun auch auf Deinen Kommentar problemlos antworten kann.

    Was Du da machst, ist heideggersch seinsdenkend irgendein Supersubjekt Text anzunehmen, dem das alles irgendwie, wie auch immer, abkünftig sei, was dann einfach Subjektphilosophie und Metaphysik mit anderen Mitteln ist. Das ist aber auch nicht mehr das, was Derrida in der „Postkarte“ treibt und führt von der Frage nach dem Gattungsunterschied zwischen Philosophie und Literatur fort, weil es sie gar nicht mehr stellen kann.

    Die intelligenteren Subjekt- und Autorkritiken, Barthes oder Foucault z.B., haben das ja auch raffinierter beantwortet, weil die natürlich all das wussten, was ich hier gerade schreibe. Weil dass Intentionalität Strukturen voraus setzt, die Sinn generieren, kein Argument ist dagegen, dass ich meine, was ich hier gerade schreibe. Dass, indem man über den Autor schreibt, anstatt sich mit dem Text zu befassen, ihn beispielweise unter „links“ verbuchen kann und sich dann nicht mit dessen Gedanken beschäftigen muss, oder dass Subjektivität und Individualisierung sich in Machterzeugungsprozeduren erst herstellen lassen, dass setzt ja nicht außer Kraft, dass Barthes und Derrida das meinten, als sie es schrieben – dass das so ist. „Dass p“ ist eben keine Subjektphilosophie.

  17. Zunächst: Adorno reiste in den Odenwald, nicht in den Westerwald. Das sollte klargestellt werden, das ist ein Unterschied ums Ganze. Soviel Referenz muß erlaubt sein.

    Auch verweigere ich mich nicht der Sprachanalyse oder der Sprachphilosophie – denn sonst würde ich kaum Adorno, Derrida und Benjamin lesen –, sondern ich stelle lediglich bestimmten Methoden der sprachanalytischen Philosophie infrage und verweigere mich ihnen gegenüber, weil ich diese gegenüber einer Philosophie im starken Sinne für unangemessen halte. Andererseits: Der Streit zwischen den verschiedenen Richtungen, die in sich ja auch noch einmal unterschiedlich ausfallen, ist mit der postanalytischen Sprachphilosophie, etwa durch Davidson ein wenig antiquiert. Es gibt sogar Philosophen, die Parallelen zwischen Davidson und Derrida ausmachen möchte. Ich sehe die zwar nicht, aber das ist sicher eine Angelegenheit der Interpretation.

    „… sondern WAS gemeint wird, und ggf. auch WIE. Und das ist kein Aufspüren verborgener Intentionen, auf so was kommt man nur, wenn man das Privatsprachenargument Wittgensteins ignoriert, das steht da, das kann man lesen, wie ich ja nun auch auf Deinen Kommentar problemlos antworten kann.“ Gut, aber wozu brauchst Du dann diese Doppelung: Meinung des Autors und Aussagen und Gehalt des Text, dann ist das identisch und gerät zur Tautologie, weshalb man sich eben besser gleich an den Text hält. Ja, da ist jemand, der den Text geschrieben hat und das an einer bestimmten raumzeitlichen Stelle auch so meint.

    Das Privatspracheargument von Witttgenstein kann ich als Derrida-Leser gar nicht ignorieren, allein deshalb nicht, wenn es um die Idiome und die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten der Übersetzung geht. (Wobei ich dieses joviale Geduze von Wittgenstein zutiefst verabscheue.)

    „Die Welt als Text“ klingt ein wenig nach Thora und Talmud, also Judentum. Derridas Text behauptet so etwas natürlich nicht. Allerdings nimmt ein philosophischer Text (trivialerweise) auf andere Texte Bezug. Derridas Text fällt auch kaum hinter Foucault und Barthes zurück, sondern diese Konzeption von „Subjekt“ ist insofern subtiler, weil der Text, gleichsam als Praktik mit dem Anspruch ernst macht. Derrida ist von den Philosophen, die man so unter dem Gattungsbegriff Poststrukturalismus subsumiert, sicherlich derjenige, welcher die Literarizität am modernsten einsetzt. Barthes Texte sind da auf ihreWeise auch schon nahe dran, aber dort funktioniert der Text noch einmal anders. Die Derridasche Philosophie und auch die bescheidenen Ansätze meiner Texte leugnen weder Lungenkrebs noch Liebeskummer. (Und wie Du das so schreibst, bin ich froh, daß ich bisher nur Liebeskummer hatte. Du siehst, wie sehr ich auf Referenten rekurriere. So sehr, daß ich zuweilen selbstreferenziell werde. Das ist so diese Annahme der Feld-Wald-Wiesen-Dekonstruktionskenner, daß ja auch Liebeskummer nur Text sei. Nein, natürlich nicht. Derrida nähert sich einem Text eben nicht mit so simplen Methoden. Die Dekonstruktion ist zunächst eine Sache, die Dinge problematisiert: überspitzt: eine Art von Ideologie- und Gesellschaftskritik.)

    Daß Literatur und Philosophie sich jeweils anders auf Lungenkrebs und Liebeskummer beziehen können, bestreite ich doch gar nicht. Sogar die Philosophie selbst bezieht sich ja intern bereits different auf diese Phänomene menschlichen Lebens.

    Daß Du meinst, was Du gerade schreibst, mag so sein, es ist aber nicht relevant. Was ist, wenn Du, aus was für Gründen auch immer, Deine Meinung geändert hast? Ist Dein Text dann nichtig? Du wirst schreiben, ja das habe ich aber vorhin noch so gemeint. Schön. Was aber bleibt ist immer der Text, der ja bereits schwierig genug zu lesen und zu entziffern ist. Erst recht, wenn er hinreichend komplex gebaut ist, wie dies bei den meisten philosophischen Texten der Fall ist.

    Doch nach dem, was Du geschrieben hast, verstehe ich immer noch nicht, was Barthes oder Derrida nun „meinten“. Ich kenne nur deren Texte. Mehr nicht. Daß dahinter Autoren stehen, leugnet keiner. Und selbst der Dekonstrukteur möchte aus dem Geldautomaten mit seiner Karte keine Textualität sondern Bargeld ziehen. Auch wenn dieses Geld in gewissem Sinne wiederum Text ist oder in einen solchen eingebettet bleibt.

  18. Sie meinen es in dem Sinne „dass p“, es sind Fürwahrhaltungen auch dann, wenn sie 3 Wochen später was anderes für wahr halten. Und natürlich ist das relevant, weil Liebeskummer in der Philosophie, der Psychologie und der Literatur je anders für wahr gehalten wird. Und wo wir hier schon rumpoststrukturalisieren – Foucault würde in der Untersuchung solcher Differenzen dann die Genese der Genres und Disziplinen in ihrem je historischen Werden analysieren, und das, was dabei produziert wird, in je unterschiedlichen, diesen Disziplinen immanenten Regeln, Praktiken und Wahrheitsspielen untersuchen, die den Objektbereich konstiuieren. Und auf den kann man sich dann wieder kritisch beziehen, aber im Falle der Philosophie ja nicht unter Umgehung dessen, dass einen Satz verstehen heisst, zu wissen, unter welchen Bedingungen er wahr wäre. Nur dass das, was sich als Wahrheit darstellt, im Falle der Kunst anders zu verstehen ist als dass, was in der Literatur als wahr gilt. Und das sehe ich schon als zentral, diese Differenz, weil man sonst immer nur auf die Frage des WIE im Sinne des Stils sich bezieht, was zu kurz greift. Und dann landet man natürlich zum einen beim steten Versuch, mit den Regeln der Disziplinen zu brechen, mit anderen Worten: Konventionen, zum anderen bei all den klassischen Fragen wie jenen nach der Metapher – siehe z.B. Rortys grandioses „Ironie, Kontingenz, Solidarität“, dessen Passagen über Derrida schon grossartig sind. Und weiss immer gar nicht, warum man da nun rumsubtilisieren muss, die kann man doch stellen, die Frage. Und somit eben auch jene nach dem Imaginären. Und auch nach Intertextualität, klar.

    Ich suche ja eigentlich nur danach, was Kunstwahrheit bedeuten kann. Weil es mir nicht klar ist, obwohl mir klar ist, dass „Kind of Blue“ von Miles Davis und Co mir mehr über die Welt, das Material, Haltungen, das Ineinandergreifen und Auseinanderfallen interagierender, akustischer Sequenzen, Kommunikation usw. erzählt als DIE ZEIT. Selbst wenn da Gegenstand immer auch die Musik selbst ist.

  19. Dafür schätze ich Foucault ja auch sehr.

    Natürlich kann und muß man diese Fragen stellen. Und es ist ja auch nicht so, daß ich hier der große Dekonstrukteur bin. Ich verhalte mich da sehr viel vorsichtiger als im dialektischen Denken, weil das so derart übel enden kann und auch lachhaft ist, den Vorstadtderrida zu geben.

    Das Interessante an Derrida ist eben, daß er nichts verabsolutiert, es würde bei ihm nicht das Wort Stil (als Invariante) stehen und seine Ausführungen zur Différance halte ich eher für pädagogisch, um eben diesen Begriff darzustellen.

    Diese Dinge berühren sich ja auch mit den Wahrheitsfragen der Kunst.

    Rorty ist sehr lange her, ich werde aber hoffentlich im Rahmen dieses Projekts, das wahrscheinlich in zahlreiche Richtungen mäandern wird, noch zu diesen Passagen kommen.

    Diese Fragen zur Kunst stelle ich mir an anderen Werken zwar, aber ähnlich auch. Da möchte ich in solchen Momenten zu der Versuchstrilogie von Handke raten: „Versuch über die Jukebox“ etwa, das ist zuweilen ungemein subtil beobachtet (allerdings manchmal auch grenzwertig hochfahrend), aber es kann einem da schon etwas aufgehen, insbesondere durch diese in ein Ding hineingleitende, sich hineintragend lassende Beobachtung. Aufmerksamkeit für das Objekt. Und dann natürlich Beckett, Flaubert. Aber ich will kein namedroping machen.

    Das in Worte zu fassen, was Du im letzten Absatz beschrieben hast, ist doch das Wesen ästhetischer Kritik und das machst Du ja in manchem Deiner Texte, die über Kunst gehen, auch. Und ich hoffe es auch zu betreiben.

  20. @David:

    Foucault ist allerdings auch das Paradebeispiel für jemanden, der in seinem Spätwerk die Frage noch mal anders gestellt hat, weil er wusste, dass das so einfach nicht ist. Das hat ja eine katastrophale Rezeption durch diesen Lebenskunst-Quatsch erfahren, das ist jedoch gewichtig. Die Einleitung zu „Der Gebrauch der Lüste“ ist schon ein bedeutender Text. Barthes hat in seinen Vorlesungen zu „Wie zusammen leben“ und denen zum Schreiben des Romans mit diesen sensationellen Passagen zum Haiku – z.B. – die Frage auch noch mal anders aufgerollt und nicht zufällig eine Sartre-Renaissance prognostiziert – die bei schwarzen Freunden von mir gerade stattfindet, die komplett entnervt von diesem texbezogenen Cultural Studies-Zeug da Gedanken finden, von denen sie immer schon träumten. Ähnliches erlebe ich bemerkenswerterweise unter Fussball-Fans.

    @Bersarin:

    Ich bekenne, nicht übel nehmen, bei „subtil“ mittlerweile zusammen zu zucken ;-) – Du weisst doch, wie sehr ich schätze, was Du schreibst, und Derrida kennst Du ja auch viel besser als ich.

    Gerade Handkes Versuche, der über die „Jukebox“ ist grandios, da hatte ich sogar mal was zu geschrieben, ist allerdings nicht zufällig stark von der Phänomenologie beeinflusst, der ich in ästhetischen Fragen mittlerweile doch zuneige, weil die genauer ist in bestimmten Hinsichten ist und die großen Thesen, Verweisungszusammenhang, Intertextualität, sich verschiebende Differenzen, Tod des Autors, Tod des Menschen usw., die wichtig waren, mittels einer Dezentrierung des Subjekts, die der Adornos, glaube ich, näher steht, zu unterlaufen vermag und so Neuland erschliessen kann.

    Das ist jetzt wieder so ein schreckliches Statement voller Andeutungen und Namen; da das aber Themen sind, die mich wirklich täglich antreiben, sei das vielleicht verziehen.

  21. Ja, diese Themen treiben mich genauso an.

    Wilhelm Schmid hat ja mit diesem Lebenskunst-Blödsinn angefangen. Da wird Foucault dann auf eine vulgäre Carpe diem- Lesart heruntergebürstet. Furchtbar, in der Tat.

    Interessant ist, daß ich während meines Studiums auch auf afrikanische Kommilitonen (aus den ehemaligen französischen Kolonien) getroffen bin, denen Sartre (als moderne Philosophie) politisch und philosophisch sehr viel näher stand als die verschiedenen Formen des Poststrukturalismus und auch näher als die Kritische Theorie.

    Das Wort „subtil“ ist in der Tat mit Vorsicht zu genießen. Das schlimme ist, daß derart viele Begriffe vergiftet sind, man weiß manchmal nicht mehr, wie zu schreiben sei.

    Ich hoffe ja, in diesem Rahmen noch intensiver auf Derrida zu kommen. Wobei in dieser Literatur/Philosophie-Debatte eigentlich de Man und das Buch von Culler bessere Anknüpfungspunkte darstellen. Derrida hat sich in diesen Dingen sehr bedeckt gehalten, so habe ich es zumindest in der Erinnerung im Kopf.

    Aber im Moment stockt es, und die Zeit ist knapp. Ein Blog ist ja eine ungelenke Angelegenheit, die in so viele Richtungen fließt – je nach Lust und Tagesform.

    Schlimm ist, daß man in der Blogwelt in so viele Richtungen getrieben wird, weil es der Anregungen zahlreiche gibt: Schon grüble ich, den Handke einmal wieder zu lesen. Und Sartre “ Das Imaginäre“ steht immer noch aus.

  22. Das scheint mir das Problem mit aller ästhetischen Theorie zu sein: Ist die einmal gegeben, verweisen dann nicht all die schönen Begriff(e/lichkeiten) nur noch auf die Theorie?, mit anderen Worten, ist eine solche nicht eben gerade deshalb nicht geeignet uns etwas zu zeigen? Und:

    @ „Das schlimme ist, dass derart viele Begriffe vergiftet sind, man weiß manchmal nicht mehr, wie zu schreiben sei.“ – dann nicht erst nichtssagende Ausdrücke wie „delikat“, „subtil“?

    Daher, vermute ich, ist die Form nun wichtig: Definitionen, ja, – um einen verbrauchten Ausdruck eine neue/andere Bedeutung zu geben, nur bliebe sodann wohl nichts mehr übrig, als neue Konstellationen (die ausprobiert werden etc.), eine andere Schreibe, Form hervorzubringen?

    Und es gibt sicherlich mindestens eine Kunstrichtung, die zu verstehen ist, deren Entwicklung nachzuvollziehen ist über das formale Moment. Festzuhalten, um welche Motive und in welcher Sukzession es sich dann handelt, wäre da doch wohl etwas zu oberflächlich.

    Als nun diese Erkenntnis sich durchgesetzt hatte – die Einsicht, dass in der Kunst selbst ein reflexives Moment enthalten ist, welches sich zeigt als etwas formales -, und die Inhalte/Motive an Bedeutung verloren, entstand dieser absurde Reduktionismus: Was ist daran jetzt „besser“? Den Rezipienten ist es nun freilich erleichtert, aus einem solchen Werk die „Theorie“, die „Entwicklung“, die Bewegung, abzulesen, durch die wir diese Aspekte zu fassen bekommen. Aussagen (meinetwegen Metaphern), die mehr als nur Formales identifizieren, müssten sich so herausdestilieren lassen. Aber sind wir einmal soweit, dass die Kunst in diesem Sinne „philosophisch“, „theoretisch“ geworden ist, sind wir angekommen: – in Absurdistan. Also: „fleischlose“ Argumente, das sind Gerippe, die zu der Erkenntnis kommen, dass die Menschen nur noch „Stümpfe“ sind (Adorno in der Fernsehsendung über Becketts Endspiel).

    Stimmt natürlich alles nicht: Kulturdiagnostiker wie Nietzsche u. Adorno waren hochsensible Burschen, jedem Reduktionismus überaus fern. (Aber was soll das jetzt hier, der Autor selbst ist ja vollkommen uninteressant, und die Frage nach dem, was gemeint sein könnte, stellt sich nur, sofern es sich als inkonsistent herausstellt.) Nichts gegen „Formalismus“ in der Kunst, beileibe nicht. Aber Kunst, die Theorie hervorbringt (als sei dies das Anliegen des Künstlers), und Theorie, die dann Kunst ist, bzw. hervorbringt, das sind keine gangbaren Wege, und die Alternative ist wohl einfach falsch.

    Nun, wie auch immer, vielleicht lässt sich etwas mit dem Begriff „Konsistenz“ anfangen, was sich in den Ohren derjenigen, die sich mit Dekonstruktion befassen, womöglich etwas drollig anhört. Vielleicht entsteht durch die Idee, Philosophie solle konsistent sein, wiederum die Vorstellung, philosophische Ästhetik erschaffe sich erst(einmal) ihren Gegenstand selbst, sodass sie nun – gewissermaßen eigenen Kriterien genügend -, „konsistent“ darüber schreiben könne.

    (Irgendwo wollte ich noch was schreiben darüber, dass Kunst/bzw. philosophisches Schreiben über Kunst einander und ihre Zeit widerspiegeln, welches Konzept ich durchaus unbefriedigend finde; Kunst/Philosophie werden so zu den Fehlern einer Zeit, in Gedanken gefasst.)

    Hier breche ich ab. Aus Furcht, inkonsistent zu werden. Andererseits glaube ich, dass Wahrheit in diesen Kontexten allein zustande kommt durch das Fehlen von Falschheit. (Ein Kriterium, dem zu genügen ein ganz anderes Unterfangen ist, als das, was ich hier versuchte, und das jedenfalls eine viele größere sprachliche Sorgfalt erforderte.)

    Wahrheit/Aletheia, dass sie sich zeigt, sich eröffnet, das scheint mir ihr Wesen zu sein, geht es um Kunst; und es gibt ein nicht-falsches Meinen/(oder auch: Sprechen/ … ), welches sich als solches qua Ostentation ausweisen kann (sodass hoffentlich klar wird, dass das Gesagte zutrifft), so, wie Sprache, durch Zitation, sich äußerlich sein kann, zum Glück, denn sonst bliebe uns allein die künstlerische Wahrheit, und vielleicht nicht einmal die.

  23. Ich danke Dir für Deinen ausführlichen Text. Zunächst soviel zur Ästhetik:

    „… mit anderen Worten, ist eine solche nicht eben gerade deshalb nicht geeignet uns etwas zu zeigen?“

    Das wäre die Frage, welche zu klären ist. Das macht eine (gelungene) Ästhetische Theorie derart schwierig: daß sie nämlich dem Kunstwerk als auch den bereits vorhandenen Theorien gerecht werde. Und insofern ist es richtig, daß der Aspekt der Form wichtig ist. Daran entscheidet sich, ob sie zumindest an einer Grenze entlang auch im Modus des Zeigens verfahren kann. (Ich nehme an, Du verweist damit, auf diese Wittgensteinsche Differenz zwischen „Sagen“ und „Zeigen“.)

    Andererseits ist es nicht der Anspruch von Theorie, etwas zu zeigen. Adorno waren diese unterschiedlichen Aspekte und die Differenz von Begriff (Philosophie) und Anschauung (Kunst) bewußt. Philosophie (und damit auch die Ästhetik) findet im Modus des Begriffes statt. Adorno insistierte darauf, etwa wenn er als Movens der Dialektik ansetzte, mit dem Begriff über den Begriff hinauszugehen bzw. mit Begriffen das Begriffslose aufzutun. In der ÄT und der ND befinden sich zahlreiche Passagen, die sich mit diesem Verhältnis auseinandersetzen.

    Ich möchte hier zum wiederholten Male auf Adornos Text „Der Essay als Form“ hinweisen. Und weil ich so oft darauf gedrungen habe, und wenn ich ins Klassenzimmer komme, dann bemerken muß, daß der Text, von einer Ausnahme abgesehen, nicht gelesen wurde, alle mit unschuldiger Miene dasitzen, und nicht ertappt werden wollen, erbarme ich mich demnächst, vor Weihnachten, als Geschenk an meine Leserinnen (an die besonders) und an meine Leser, eine Lektüre dieses Adorno-Textes vornehmen.

    An Deine Frage nach der Konsistenz schließt sich sogleich eine zweite an: nämlich die, was unter Konsistenz zu verstehen ist. Denn auch die Derridasche Dekonstruktion ist im Rahmen ihrer Operationen konsistent.

    Ihren Gegenstand kann sich die Ästhetik nicht gut selbst erschaffen, denn die Künstler und Künstlerinnen fragen den ästhetischen Theoretiker selten, ob sie einmal wieder Kunst machen dürfen. Der Gegenstand ist der Ästhetik immer schon gegeben.

    Zu den anderen Aspekten später oder morgen vielleicht mehr. Ich bin erschöpft und die Sicherheitslage läßt momentan nicht mehr Text zu.

  24. „Das Wort „subtil“ ist in der Tat mit Vorsicht zu genießen. Das schlimme ist, daß derart viele Begriffe vergiftet S I N D, man weiß manchmal nicht mehr, wie zu schreiben sei.“

    Ich habs mal hervorgehoben, um Euren grundlegenden Irrtum zu markieren: dekonstruierende Verfahren wenden sich zunächst gegen den ist-Modus, um ihre Ergebnisse, direkt oder indirekt, dann eben doch wieder im ist-Modus zu präsentieren. Das geht wohl letztlich nicht anders (selbst begriffloses muss ich begrifflich transportieren; auch Metonymien verwenden Begriffe – was denn auch sonst?), öffnet aber entweder der Beliebigkeit oder der Denunziantion Tür und Tor. Motto: Du hast „subtil“ gesagt, also B I S T Du mit…x,y,z…kontaminiert. Nicht böse sein, aber die Inquisition verfuhr prinzipiell genau so: Großfürsten des Diskurses bestimmten, ab wann einer mit Unglauben „kontaminiert“ war.

    Das Spiel geht in etwa so:

    „Du hast subtil gesagt, also bist Du ungläubig“
    „Wieso ist man ungläubig, wenn man subtil sagt?“
    „Weil meine dekonstruierende Theorie T1 genau dies zeigt.“
    „Aber ich habe zum Thema Glauben doch gar nichts gesagt!“
    „Durch Deine Weigerung, die hier an Dir geübte Kritik überhaupt nur anzunehmen und mal für relevant zu halten, zeigst Du nur, wie tief Du kontaminiert bist…“

    Dass vielleicht schon die Voraussetzungen fehlerhaft sein könnten, wird gar nicht mehr debattiert. Ich sehe nicht, wo „subtil“ kontaminiert sein sollte – es sei denn positiv. (Ich persönlich hoffe, wenigstens ab und an auch subtil zu sein….;-) )

    Dekonstruierende Verfahren entgehen dieser Falle m.E. nur, wenn sie ihre Dekonstruktionen als das ausweisen, was sie sind: Als Spekulationen. Die These, subtil sei kontaminiert (wir könnens mit jedem anderen Beispiel durchspielen), diese These in eine heimliche Tatsache zu verwandeln, das halte ich für bedenklich.

  25. @Bersarin

    Vielen Dank eher meinerseits, da du überhaupt auf mich eingehst !! Auf diese Weise kann ich mir Fragen überlegen, die ich dann weiterverfolgen oder an zukünftig hier im Blog zu lesende Texte oder bei Adorno stellen kann. Nun, aber jetzt nicht gleich wieder Fragen stellen.

    Das sind eine Menge; aber dies wohl auch deshalb, weil mir etwas theoretisches Unterfutter fehlt. Auch wenn ich das alles, was du oben nennst, gelesen habe – bis auf Derrida (bloß in paar Zeilen/Seiten) und den Text von Benjamin (da kenne ich nur Berliner Kindheit …). Und „Essay als Form“ in „Noten zur Literatur I“? – Dann muss ich das vor langer Zeit auch mal gelesen haben.

    Etwa was das Zeigen angeht, wäre ein klareres Sprechen vonnöten gewesen. Wittgenstein, auf den du mich hier gerade bringst, – interessant! Es gibt ja noch die „ostentative Definition“ (! ;-)) u.Ä. in der analytischen Philosophie, wo sie eine solche Wichtige Rolle spielen, allerdings weniger, wie mir klar geworden ist, für die Ästhetik. Wir haben es hier weniger, wie mir scheint, mit Wahrheitstheorien zu tun.

    In der Schulzeit bin ich übrigens fast immer total unvorbereitet in jeden Unterricht gegangen. Ich hatte aber einen Dialektiker als Lehrer, dem man bloß die ersten 3 – 6 Minuten sehr aufmerksam zuhören musste, um eine Ahnung zu bekommen, worauf der eigentlich hinaus wollte, und dann brauchte man immer nur noch in Antithesen zu denken, um – bald als einziger Schüler mit noch einer anderen Schülerin – einander sich die Bälle zuspielend den Gedankengang voranzubringen oder antworten vorzuschlagen. Einmal wusste ich als einziger – Herr N. hatte inzwischen ebenfalls den Faden verloren – wie die Antwort lauten sollte, sagte es in dem Moment, als die Stunde zu Ende war – die Frage hatte ich schon vergessen. Mündlich war ich aber immer 1 oder manchmal 2. Gelernt habe ich aber nichts. Ich hoffe, du hast ein wenig Verständnis dafür, dass ich der Dialektik dann etwas skeptisch gegenüberstand. ;-) – Aber, man weiß ja nie … Ich erwarte keinen erschöpfende Antworten auf meine Fragen, freue mich dann aber über jeden Satz.

    @ hf99

    „subtil“ hatte hier aber gar nichts mit „Dekonstruktion“ zu tun. Es ist eines dieser Wörter, die ich schon zu oft als Blabla-Geräusch wahrgenommen habe (was dazu führt, dass dieses Wort mich hier nicht darüber aufklärt, weshalb Handke lesenswert ist, vor dem ich – abgesehen von „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten …“ – ein wenig zurückschrecke).

    „Diese Katze hat eine subtile Art mich fertig zu machen“ – so in etwa, kennst du´s, von Weachter? Das hat schon etwas Untergründig-Boshaftes. „Subtil“ gibt es auch, und nicht zu selten etwa so (du musst dazu das Bild von Weachter sehen), ironisch gebraucht.

    Außerdem waren von vielen – auch lesbar als „andere viele“ – Wörtern die Rede, die vergiftet seien. Hier nun hintergründig-boshafte Ironie zu unterstellen, naja, ich find´s nicht so elegant. Vielleicht geht es einfach um Stil o.Ä. – Stell dir vor, ich habe Bersarin – Bersarin! – einmal darauf aufmerksam gemacht, dass ich an der und der Stelle lieber einen Konjunktiv gehabt hätte! Unverschämt, perfide, fies, gemein!

  26. ziggev, ich hätts gut gefunden, wenn Du Dich mit meiner sorgfältig ausgearbeiteten Argumentation auseinander gesetzt hättest. Es geht mir – ich bin gerne bereit, andere Beispiele zu akzeptieren – um das Problem, per Dekonstruktion dann eben doch wieder in den ist-Modus überzugehen. Dies führt in letzter Konsequenz zu dem Problem, welches ich schilderte.

    Mein Lieblingsbeispiel ist ja Peter Rühmkorf, dem vor einigen Jahren „Antisemitismus“ herbeidekonstruiert wurde durch irgend einen dahergelaufenen Feld-, Wald und Wiesendekonstrukteur, dem man irgend wann einmal 3 Seiten französische Postmoderne erlaubt hat. Da reden wir nicht über pille-palle. jemandem (ersichtlich wahrheitswidrig) Antisemitismus zu unterstellen, das ist schon der Versuch, einen Menschen massiv zu beschädigen. (Rühmkorf hatte Celan einen Artgenossen genannt. Nun war für den frühen Rühmkorf der Ausdruck „Artgenosse“ = Genosse in artibus eines der höchsten Lobreden, die er verteilen konnte… Wer ihm daraus einen Strick dreht, ist entweder dumm und hat sich mit Rühmkorf nie beschäftigt – und dann soll er seine Fresse halten – oder er lügt bewusst.)

  27. Wie gesagt, es ging hier gar nicht um Dekonstruktion. Es wurde eindringlich davor gewarnt, schnell auf gleich damit anzufangen. Damit kippt dein Argument, “ … a- a- ber, ich habe doch gar nicht von Dekonstruktion geredet …“, mit dem ich mich nicht mehr ausgiebig auseinandersetzten muss, da ich es zur Genüge bereits kenne.

    Mein Vorschlag an dich: Stell doch mal auf deinem Blog die „Theorie der Feld-Wald-und-Wiesen-Dekontruktion“ vor. Dann kann ich mal dort und dort gegenlesen, ob ich etwas in der Art zu entdecken vermag, dazu reicht´s aber einfach nicht, was du so bringst.

  28. „es ging hier gar nicht um Dekonstruktion“ – es ging um kontaminierte Begriffe, also um Verfahren, diese Kontamination als solche kenntlich zu machen, indem ich mir Sinn- und Verweisungszusammenhänge klarmache. Man muss das nicht Dekonstruktion nennen, richtig.

    „ob ich etwas in der Art zu entdecken vermag“ ich brachte ja das Rühmkorf-Beispiel. Ein wirklich schon schlimmes Beispiel für die Logik des Verdachts und der Denunziation.

  29. o.k., ein „kontaminierter“ Begriff ist etwas anderes als ein „vergifteter“. Ersterer kann ein gefährlicher Überträger von Krankheiten sein. Letzterer ist leider vielleicht schon an der Vergiftung gestorben. Nun möchte ich diesen Begriff – ohne eine gewisse nicht geringe Bemühung um ihn – nicht mehr verwenden. Das ist traurig. Vorerst steht er ganz ohne Verweis- und Sinnzusammenhänge da. Um diese zu erkennen, ist m. E. eine gute Portion Feingefühl nötig.

  30. @ hf99

    Nein: es sind Begriffe vergiftet. Begriffe wie „kreativ“, „Kunst“ oder „individuell“, die Reihe läßt sich fortsetzten, und ich vermute, daß irgendwann ein Investor sogar in seiner Sprache das Dialektische entdeckt, zunächst verhalten aussprechend, weil er der Sache nicht traut, und wenn mehr und Markt anspringen, etwas forscher redend. Ratsam ist es mittlerweile, die Sprache in Sicherheit zu bringen. Oder besser noch: in Zungen reden. Und deshalb konnte Habermas so gar nicht verstehen, daß Derrida sich diesen Diskursen verweigerte, sondern vielmehr in seiner Sprache gesprochen hat.

    Dekonstruktion im Sinne Derridas ist keine Methode. Das verhält sich wie mit der Dialektik, wie mit den Texten von Marx. Nur weil ein Etikett darauf gelabelt ist, bedeutet es nicht, daß damit auch der Sache gerecht wurde. Richtig ist es allerdings, gegen einen Gebrauch von Dekonstruktion anzugehen, der im Grunde das Gegenteil der Derridaschen Dekonstruktion bedeutet.

    Wobei festzuhalten bleibt, das die Dekonstruktion eine plurale Angelegenheit ist. Über de Man, das close reading, bis zu den Amerikanern in Yale et al.

    Soviel in kürze, zu später Stunde.

  31. Gegen die De(kon)struktion „eigentlich“ (Erinnert an Allan Banks im Rockpalast damals: ich sollte eigentlich nicht immer soviel eigentlich sagen) klarer texte ist nicht nur nichts zu sagen, ich mache das selber genau so. (Soweit ich Derrida verstanden habe, ging es ihm um eine gewisse Haltung zu Texten) ich möchte nur warnen davor, per hurtiger Analyse dann selber zu Festlegungen überzugehen, ohne sich mit den Texten genauer befasst zu haben. „subtil“ halte ich nicht für vergiftet. „Kunst“ k a n n man gar nicht vergiften ;-)

    Grundsätzlicher aber meine ich schon, dass dekonstruierende Verfahren sich immer bewusst sein sollten, zu spekulieren. Sonst können sie wirklich zur Inquisition mutieren. Auch die Inquisition wolte ja das Stumme zum Sprechen bringen. Da sind schon bezüge da.

  32. Und noch etwas, Bersarin: Es geht hier ja auch um Geständnis und Geständniszwang. „Gestehe, Peter Rühmkorf, dass Du zuinnerst und eigentlich ein Antisemit bist. Vielleicht ist es Dier gar nicht bewusst, aber ganz im innern bist Du einer! Gestehe Deine Sünden und tue Buße!“…gefährlich. Offen gesagt, da halte ich es mit Helmut Krausser: Da grausts mir. Das ist ein moralischer Zerknirschungsdiskurs, der mit Progressivem wenig zu tun hat.

  33. @ziggev
    Dialektik ist mehr als These – Antithese – Synthese. Diese Bewegung klingt eher nach Fichte, und diese Trias ist in solcher Form geradezu undialektisch. Denn in Wahrheit ist Dialektik nämlich die Einheit und der Kampf der Gegensätze. (Nein, das war ein Scherz, denn Dialektik läßt sich nur mit Verlust in eine Formel packen. So wie es bei allen philosophischen Begriffen sich verhält.)

    Wenn es ein Ostlehrer war, weil Du in der DDR die Schule besuchtest, ist wohl nichts anderes zu erwarten gewesen. Und wenn Du in der BRD zur Schule gingst, dann hattest Du gleichfalls einen sehr schlechten Lehrer. Ich verstehe nicht, wie Menschen, die studiert haben, solchen Unsinn fabrizieren: Obwohl: eigentlich verstehe ich es ganz gut. Das schlimmste auf einer Universität sind Lehramtsstudenten, noch schlimmer als das sind Lehramtsgermanistikstudentinnen. Am schlimmsten Lehramtsgermanistiksstudenten mit dem Nebenfach Sport und/oder Geologie.

    Die adäquate Einführung in die Dialektik ist nur zu haben, wenn man die Texte dieser Philosophen liest. Mithin zunächst einiges von Hegel, dann etwas Marx, im weiteren ausgewählte Teile bei Adorno. Dazwischen kann man Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ einschieben. So liest man die Grundlagen. Aber natürlich reicht dieser Begriff noch viel weiter zurück.

    ________________

    Vielleicht ist der Terminus „kontaminiert“ für diese Zerstörung bzw. Kolonisierung der Sprache geeigneter, weil nicht so hart klingend, er läßt Raum für Zwischentöne. Aber das wechselt: mal erscheinen die Begriffe kontaminiert, ein andermal treten sie vergiftet auf. Was hilft, ist radikale Sprachkritik. Was fehlt, sind Denker wie Karl Kraus.

    Es kommt insofern darauf an, in welchem Kontext ein Begriff verwendet wird. Das beständige Gefasel von Kunst auf irgendwelchen Vernissagen und von normalbegabten Künstlern ist grauslich. Wer gute Kunst macht, sagt meistens gar nicht „Kunst“, sondern macht. Um ein Wort Adornos abzuwandeln: Bei manchen ist es eine Unverschämtheit, wenn sie sagen „Ich als Künstler …“

    @ hf 99

    Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt in der Tat schwer. Ich kenne weder Rühmkorf noch Celan gut genug (sondern lediglich deren Texte), um diese Dinge abschließend beurteilen zu können. Wenn ich jemandem etwas vorwerfe, so muß ich es ihm in der Sprache, im Habitus, im Denken oder an anderer Stelle nachweisen. Es müssen sich im Text Rühmkorf also Belege ergeben, die einen solchen harten Vorwurf zulassen. Daß es in einer bestimmten Richtung der politischen Linken Antisemitismus feinster Sorte gibt, läßt den Schluß noch nicht zu, dieser existiere auch bei Rühmkorf, insofern Rühmkorf ein Linker ist.

    Diese Dinge bezüglich Rühmkorf – und ich denke, Du sprichst in gewissem Sinne auch pro domo – haben aber wenig mit philosophischer Dekonstruktion zu tun. Der Gulag hat ja auch nichts mit Hegelscher Dialektik zu schaffen. Auch lechts und rinks sind ungeeignete Kategorien. Nach dem, was ich gelesen habe, ist Rühmkorf sicherlich kein Antisemit (dazu demnächst mehr), zumindest so wie ich das einschätze. Ich weiß nicht, ob Du mit diesem Vorwurf dem Hamburger Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb meinst, der ja ein Buch zur Gruppe 47 und deren Antisemitismus schrieb. (Und der, um das lobend herauszustellen, zudem für die großartige Heinrich Heine-Ausgabe als Herausgeber fungierte.)

    Es wäre nützlich, wenn Du in diesem Falle den Namen nennst, damit das überprüfbar wird.

    In der Sache Celan / Rühmkorf werde ich (vielleicht) heute oder morgen noch einen Text schreiben, sozusagen als Information für die Leser. Sie wird also später verhandelt.

  34. @ bersarin

    … ach, ich fand den N. damals ja doch ganz gut. Der wollte, dass wir einen Gedankengang soz. im Alleingang nachvollzogen, wobei er sich mächtig ins Zeug legte und recht unterhaltsam war. Danach zu urteilen muss er sich wirklich etwas dabei gedacht haben, mit seinem D.-Hildebrandt-Pullover. Den Dialektiker hätte ich vielleicht besser in Anführungszeichen schreiben sollen, als solcher war er vielleicht schlecht, wenn er glaubte einer zu sein. Muss allerdings in den Spätsechzigern studiert haben. Ich erinnere mich nur an eine Stunde, aber mir schwante schon, das geht in die Hose, und dass ich nicht ganz ehrlich zu mir selbst war, die ging so los:

    N.:“Es geht um die … Revolution. Was braucht man für ne Revolution?“

    (alle Schüler fühlen sich auf den Arm genommen, was soll das jetzt wieder? Zeit verstreicht, niemand hat auch nur den blassesten Schimmer vom Thema, einige beschließen weiterzuschlafen.)

    ziggev denkt sich: ah, das wird wieder was, ma schaun; fänds interessant, wie die überhaupt auf die Idee für ne Revulotiun gekommen sind. Bin ja vollkommen ahnungslos. Anderreseits muss es ja die Idee schon lange vorher gegeben haben. Das soll er mir jetzt mal schön aufdröseln, wie das ist mit Materiellem und Geistigem. Am besten erstmal Widerspruch erregen. Bitte jetzt nicht: die armen Leute hungerten usf.

    Dann im Brustton der Überzeugung: „Man braucht erstmal die Idee.“

    (einige Schüler sind empört, ziggev bleibt ganz cool; verteidigt sich schwach; N zögert zwar, muss es aber aufgreifen, macht ziggev plausibel. Sucht, redet sich nicht, wie üblich, in Begeisterung, oder kaum, kommt dann doch noch mit ner Frage, die keiner versteht.)

    ziggev denkt sich, hm, ist zwar nicht interessant, aber es sieht so aus, dass er impliziert, dass …. was darauf hinauslaufen könnte, dass … keine Ahnung, am besten erstmal Widerspruch erregen.

    und immer so weiter, bis maximal drei Leute durchblicken; trotzdem waren N. und ziggev diesmal nicht in Form, während letzterer sich nicht eingestehen will, dass er es nun zuweit getrieben hat … an die Tafel sind drei Begriffe gekritzelt … für ziggev ist es etwas bedauerlich, nichts gelernt zu haben und allein eine Zigarette zu rauchen auf der riesigen Sonnenterrasse, von der im Sommer ab und zu Haschischdüfte in die sonnendurchfluteten Erdgeschossräume des Schumacherbaus ziehen …

  35. Na, da hast Du doch eine angenehme Schulzeit gehabt. Fast wie ich. Mit Zigarette, Philosophie und Weißwein (auf dem Schulklo). Blondhaarigen Frauen, dunkelhaarigen Frauen. Vielfach im Öko-Look: Lila Latzhose und weite T-Shirts. Tastversuche. Feine Sache.

    Meine erste Philosophie-Klausur in der Obersekunda schrieb ich über Hegels Herr/Knecht-Kapitel aus der „Phänomenologie des Geistes“. Es wurde ein 4 minus. Herr H. war der erste Lehrer, welcher tatsächlich Ansprüche stellte, und er bremste mein unstrukturiertes Drauflosdenken und -schreiben. Mit ihm haben wir den Anfang der „Dialektik der Aufklärung“ gelesen. Und Heidegger.

    Wenn ein Schüler, um sein wildes Schreiben zu rechtfertigen, sagte: „Aber Hegel hat doch auch kompliziert geschrieben!“, so kam von ihm zur Antwort: „Aber Du bist nicht Hegel.“

  36. Pingback: goal | neuköllner botschaft

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