Kunst und Geschmack (5)

„angeln ais borer“ in der WordPress-Sektion für Suchbegriff, mit denen dieser Blog am heutigen Tag gefunden wurde, ist sicherlich eine Meisterleistung keltischer, gälischer oder elbischer Ästhetiker, die hierher geraten sind, um ein kräftiges Elrondschnitzel à la Mordor zu essen. Wenn mir der fremdsprachlich versierte Blog-Suchende diese Sentenz übersetzte, täte ich wohl glücklich sein: angeln ais borer: was mag das sein? Ist es der Inuit-Halbblut-Bruder von Karl Heinz Bohrer? Oder sind es Fishermen‘s friend mit Hang zum eiskalten, sezierenden, elliptischen Schreiben? Bor und Brom, wer weiß es schon? Viel des Wundersamen ist, doch nichts wundersamer als der Mensch, um einen bekannten griechischen Dramatiker zu transformieren. Doch flugs zu einem anderen Thema gewechselt.

Ich möchte eine kurze Passage aus Adornos Vorlesungen zur Ästhetik von 1958/59 zum Auftakt nehmen für den morgen folgenden längeren Beitrag zum letzten (oder vorletzten?) Teil dieser Serie. Der Text Adornos ist selbstevident, insofern formuliere ich nichts weiter dazu. Fragen oder Probleme lassen sich womöglich im Kommentarteil erörtern. Einmal wieder zeigt Adorno hier pointiert auf, weshalb die genießende Haltung vor einem Kunstwerk den Wahrnehmenden um das Beste betrügt, weshalb diese (vermeintliche) Unmittelbarkeit in sich selbst das Scheitern trägt. Morgen folgt mehr dazu. Zunächst Adorno:

„… nämlich daß eben das Verhältnis zum Kunstwerk nicht das eines passiven Hinnehmens ist, das dann in all seinen Momenten ein Genuß wäre, sondern daß diese Frage des Genusses zunächst eigentlich gar nicht aufkommt, insofern die künstlerische Erfahrung in einer bestimmten Art eben des ‚Machens‘, nämlich des Mitvollziehens besteht. Nur freilich, daß dieses Machen nun nicht als eine technische Betriebsamkeit, als ein Musikantenwesen, als ein irgendwie Mitmachen zu verstehen ist, sondern als ein geistiger, ein imaginärer Vollzug, als ein Akt des dem Kunstwerk Folgeleistens, des innerlichen geistigen Mitvollziehens dessen, was als sinnliche Erscheinung das Kunstwerk von sich aus eigentlich entscheidet. Im Gegensatz dazu scheint mir die Verhaltensweise der Kunst gegenüber, die sich im allgemeinen als die sogenannte naive und unmittelbare aufspielt – eben die genießende –, in Wirklichkeit gerade das Gegenteil, nämlich eine entfremdete Verhaltensweise zu sein; eine, die abgeborgt ist der des Konsumenten, des Kunden, der die Welt überhaupt nur in Warenkategorien erfährt und – da nun einmal die Waren nach ihren Äquivalenten getauscht werden – bei jeder solchen Ware fragt, ob sie auch worth its money ist, ob sie ihm also sozusagen so viel zurückbringt, wie er von sich hineingesteckt hat; während – wenn man einmal davon ausgeht, daß ein Kunstwerk in der Tat ein objektiver Sinnzusammenhang ist und nicht etwa eine bloße Anhäufung von sinnlichen Reizmomenten – natürlich das Verhalten zum Kunstwerk selbst auch das entgegengesetzte ist, so daß man einmal mit recht formuliert hat, es käme weniger auf das an, was einem das Kunstwerk ‚gibt‘, als darauf, was man dem Kunstwerk gebe, das heißt: ob man in einer bestimmten Art von aktiver Passivität, oder von angestrengtem Sich-Überlassen an die Sache, ihr das gibt, was sie von sich aus eigentlich erwartet. Man kann das, negativ, vielleicht als Faustregel kleiden, daß der Genießende – der Mensch also, der in der kulinarischen Einstellung, wie ich sie das letzte Mal als atomistisch bezeichnet habe – nicht nur das Ganze verfehlt, sondern eigentlich immer das Falsche am Kunstwerk überhaupt wahrnimmt, eben deswegen, weil diese Haltung des Genießens – die ja immer noch im allgemeinen von der Ästhetik ganz unreflektiert als die Haltung der Kunst gegenüber unterstellt wird – von vornherein von dem absieht, was in dem Kunstwerk eigentlich vorliegt.“ (Th. W. Adorno, Ästhetik (1958/59), S. 189 f., Frankfurt/M 2009)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Adorno, Ästhetische Theorie, Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s