Hanf-, nein: Handarbeit nun auch für Männer!

Soso. Das Stricken ist bei Studenten wieder modern, wie ich bei SpOn lese. Ich habe diese Nachricht mit Freude vernommen, erinnert es mich doch an meine seligen Schulzeiten, wo ganze Mädchenkohorten im Unterricht strickten und in diesen selbstgestrickten Sachen sogar herumliefen. Bei den drei, vier hübschen Mädchen der Obersekunda und Prima war es goutierbar. Bei den übrigen natürlich nicht. Auch ein Junge strickte von der Unter- bis zur Oberprima, was ich einigermaßen mutig fand, schließlich gab es an meiner Schule auch allerhand männliches JU-Gesindel.

Ich drehte im Unterricht allerdings lieber Zigaretten auf Vorrat für die jugendverschwenderischen Nachmittage und Abende oder versuchte manchmal, einen unverstohlenen Blick unter das ausgeleierte T-Shirt meiner Tischnachbarin zu erhaschen, wenn sie sich vorbeugte, um in ihrer Tasche zu kramen. Oft habe ich sie gefragt, ob sie nicht einmal wieder in ihrer Tasche kramen möchte.

Irgendwann, nach zahlreichen selbstgedrehten Zigaretten hat mich die Lehrerin des Geschichtsunterrichts (eine gestandene Spät68erin mit DKP-Vergangenheit, fleißige Leserin der UZ) ermahnt, das Zigarettendrehen sein zu lassen, weil das den Unterricht störe. Ich bin ein friedlicher Mensch, wenn man mich nicht ärgert, mir keinen Unsinn erzählt bzw. ein x für ein u vormachen will und wenn man mich ansonsten in Ruhe läßt. So etwas hatte ich aber noch nicht gehört: daß Zigarettendrehen störende Geräusche macht, Stricken aber in aller Stille abläuft. Leider kann man mit Lehrern während des Unterrichts nicht diskutieren. Es war diese Lehrerin aber eine ganz Nette und meine Tutorin. Hinterher haben wir über die Sache sehr gelacht.

Ja, das war eine äußerst spezielle und schöne Schulzeit. Der Deutschlehrer ließ sogar darüber abstimmen, ob im Rahmen der Unterrichtseinheit „Moderne Literatur“ Hesse oder Kafka gelesen werden solle. Die Stricklieseln waren natürlich alle für Hesse. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen nun mein Abstimmungsverhalten erraten: Hat Bersarin a) für „Narziß und Goldmund“ oder b) für „Der Prozeß“ gestimmt? Zusatzaufgabe: Wie lautete das große Wort von Georg Lukács, nachdem er – neutral formuliert – in Schwierigkeiten mit seinen damaligen Machthabern geraten war? (Und wenn ich noch einmal irgendwo in einem Blog lese, daß Lukács falsch geschrieben wird, drohe ich mit Haue.)

Während meines Studiums war Stricken dann nicht mehr en vogue bzw. es wurde in den Fächern, die ich studierte, nicht betrieben. Irgendwann einmal, als ich im Gespräch mit einer Kommilitonin sagte, ich nähme an einer Hegelarbeitsgruppe teil, schaute mich diese Studentin entgeistert an und fragte, wieso ich häkeln würde. Ich mußte das „g“ wohl etwas zu hart ausgesprochen haben. In meiner charmanten Art gelang es mir jedoch, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Jede Generation hat die Studentinnen und Studenten, die sie sich verdient. Kann man eigentlich auch Lederjacken und Riesling stricken?

11 Gedanken zu „Hanf-, nein: Handarbeit nun auch für Männer!

  1. Ich tippe auf „Narziss und Goldmund“ (um sich bei den Stricklieseln einzuschmeicheln?), ansonsten wäre es ja ein bisschen billig, wie Sie nahelegen, dass Sie n i c h t für Hesse waren. ;-).

    In den Vorlesungen, gebe ich zu, habe ich immer mit ein wenig Verachtung zu den Strickerinnen geschaut (in Philosophie gab´s die nicht, das stimmt). Die lesen Böll und Hesse und sonst nix (vielleicht noch Christa Wolf, möglicherweise). Dachte ich. Meistens stimmte das auch. Wie Vorurteile gar nicht so selten sich als zutreffen erweisen. Leider. Schlimm ist: Die meisten mit dieser schmalen Lektürebasis wurden LehrerInnen. Da sitzen sie nun und haben immer noch nix anderes gelesen (außer Schlink: Der Vorleser, oweia).

    Diesem bevorstehenden Bildungsmangel versuchte mein Mann früh entgegen zu wirken, indem er den Söhnen androhte: Geht ihr nicht schlafen, so lese ich euch aus Hegels Phänomenologie vor. Das wirkte!

  2. Bezüglich der Lehrer ist dies auch meine Beobachtung. Schlimm, was an den Universitäten zu großen Teilen auf Lehramt studierte. Mir war nicht klar, wie man Schiller und Kleist ohne Kant, wie man Hölderlin ohne Hegel und Schelling behandeln kann. Zumindest als Referenzrahmen muß das im Hintergrund mitlaufen. (Von Lehramtstudentinnen habe ich mich meist ferngehalten, es sei denn sie waren klug und gutaussehend. Wenn ich in den Erinnerungen krame, fällt mir aber keine ein.)

    Aber diese Gesellschaft ist von Bildung so weit entfernt, daß mittlerweile ein Rechtsanwalt, der von Kunst nicht die geringste Ahnung hat, in Hamburg etwa Kultursenator werden kann. Für den der „König der Löwen“ ein Meilenstein der Theatergeschichte darstellt. Schönberg wird er für einen Berliner Stadtteil halten, Mercier und Camier für eine französische Investment-Bank. Mit einem Wort: Stuth ist ein Dummkopf.

    In Berlin ist es nicht viel besser. Es gbit hier gar keinen Senator für Kultur. Das erledigt der Bürgermeister gleich selber mit, sozusagen en passante.

    Hegel vorzulesen ist aber keine Drohung, sondern ein Versprechen. (Na gut, für Elfjährige vielleicht nicht. Ich weiß ja nicht, wie alt die Söhne sind.)

  3. Sie waren 5 und 3 1/2, als er drohte (und anfing). Das brachte sie ins Bett. Verdarb ihnen vielleicht aber auf ewig den Hegel. Wer weiß.

    Vielleicht bilde ich es mir ein, aber mir scheint, dass der Dünkel, mit dem alles, was der Denkfaule selbst nicht gleich versteht, für entbehrlich erklärt wird, sich ausgebreitet hat. Keinem kann man vorwerfen, dass er etwas nicht weiß; dass er jedoch nicht wissen oder lernen will, das kann man zum Vorwurf machen. Aus meiner rückblickenden Perspektive gehört es zur von Kohl propagierten „geistig-moralischen“ Wende, diesem Dünkel ein bequemes Klima zu verschaffen. Dass etwas „verständlich“ und leicht konsumierbar sei (und nach Möglichkeit auch einträglich) wurde zum entscheidenden Qualitätsmerkmal, an dem auch öffentliche Kunstförderung sich zunehmend orientierte. Man kann das beispielhaft an der deutschen Filmförderung nachvollziehen.

    Herzlichen Gruß in den Sonntag

  4. Ich will mich ja gar nicht unstricklich dazwischen drängeln, aber ich habe im Unterricht auch gestrickt :-D – mehr als eine halbe Pullover-Vordeseite gelang mir jedoch nie. Mit Holznadeln. Wollte ich nur loswerden. Und ergänzen, daß Mohaire als Materialda schon wichtig ist. Wir haben freilich später auch lieber Skat gespielt im Unterricht und fanden selbstverständliche alles, was nach „Öko“ aussah, total uncool – kennst Du eigentlich The National, die Editors, Interpol oder die White Lies? Da fühlt man sich wieder jung ;-) …

    Was ich aber eigentlich wollte, das ist, den Hesse, den ich auch nicht mag, in Schutz zu nehmen. Meine Deutschlehrer haben damals nicht davor zurück geschreckt, „Die Taxifahrerin“ aus der Reihe „Neue Frau“, reinster, sozialistischer Realismus aus Frankreich, uns darzubieten und wären auch vor dem „Tod des Märchenprinzen“ nicht zurück geschreckt. Das war selbst für mich Pro-Feminist zu viel.

    Hesse harrt hingegen der Entdeckung, glaube ich, nachdem der grandiose C.Bernd Sucher mich neulich über ihn belehrte …geh mal zu dessen „Leidenschaften“, wenn der bei euch im Literaturhaus (? – das gegenüber von Gysis Praxis unweit des Kurfürstendamms) ist!

  5. Nein, nein, Du drängelst nicht dazwischen. Von dem Jungen damals fand ich das richtig mutig, zu stricken, eben wegen dieser JU-Hampel. Ein Lächeln konnte ich mir aber nicht verkneifen. Abgewetzter Lederjackenmann, der ich einst war. Abgesehen davon, daß ich manuell eher ungeschickt bin und irgend etwas Unförmiges, nur keinen Pullover zustande gebracht hätte, ginge Stricken bei mir gar nicht. (Im Werkunterricht der Grundschule war ich eine Schande. Beim Steigen eines selbst gebastelten Drachen bin ich während des Rückwärtslaufens in einen Mülleimer gefallen. Es lachte zwar keine Thrakerin, wohl aber die Mitschüler.)

    Nein, The National und Interpol kenne ich nicht. (Irgendwo bin ich in der Zeit stehengeblieben, war nur noch Philosophie und Photo.) Ich habe gerade bei YouTube geschaut und das da gefunden.

    Allein bei dem Anfang kann ich verrückt werden: Godards „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“ (wenn ich mich recht erinnere, nein, wie ich diesen Film liebe.) Das kann nur gut sein. Bei den White lies und Editors werde ich in der Tat jung. (Vor allem aber in Kombination mit der Musik beim Lesen der Philosophie, weil mich das an diese wunderbaren Jahre erinnert. Dies dann noch im Zusammenspiel von Element of Crime und später Tocotronic – ich habe einen ziemlichen Main-stream-Geschmack, ich weiß –, da werde ich sehr, sehr wehmütig.)

    Danke aber für diese gute Musik.

    Allemal traumatisch müssen wohl Deine Literaturerfahrungen in der Schule gewesen sein. Ich glaube wir haben Glück gehabt. Dagegen ist Hesse gute Literatur. Ich habe es noch mit „Steppenwolf“ sowie „Klein und Wagner“ probiert. Das Pathos beim „Steppenwolf“ hat mich sehr gestört.

    Ja. das Literaturhaus in der Fasanenstraße. Ich werde Deine Rat im Auge behalten und mal schauen. Und beim Stöbern habe ich diese beiden Veranstaltungen gefunden, die ich gerade verpaßt habe:

    Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 1982–2001
    Der Autor liest Passagen aus dem Tagebuch und spricht mit Hans-Jürgen Heinrichs.

    Arno Schmidt: Zettel’s Traum
    Susanne Fischer und Friedrich Forssman sprechen über das Werk. Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma lesen daraus.

    Die drei lesen ganz wunderbar. Ich muß gestehen, daß ich mir Hesse fürs Alter aufgespart habe. Vielleicht liest es sich da milder. Nein, ein schlechter Schriftsteller ist er sicher nicht. Ich möchte keinen Stab über ihm brechen. Doch es fehlte mir damals bei der Lektüre etwas.

  6. Ja, dem ist nichts hinzuzufügen. Pyronalen, Bratwurstbudenmeilen und Musicals laufen als Kultur. Gut. Adorno und Horkheimer sagten dazu einiges. Und das, was sie über den sogenannten Kulturbetrieb schrieben ist ja nur eine verlängerte Linie ins Heute.

  7. Später bin ich dann ja auch zu den abgewetzten Lederjackenträgern übergelaufen ;-) – wir haben damals im Deutschunterricht tatsächlich irgendwann gefordert, wir wollten nun bitte Klassiker lesen, Goethe, Shakespeare, später auch die Expressionisten.

    So Leute wie der Raddatz fehlen total, wenn man sich die jetzigen Feuilleton-Nasen so anguckt. Der hätte heute auch gar keine Chance mehr, sich medial zu etablieren, viel zu eigen. Bernd ist da aber durchaus auch einer der Großen, die „Leidenschaften“ sind sehr unterhaltsam und sehr informativ. Dir könnte das zu glatt sein, ich höre ihm immer gerne zu.

  8. „… bin ich während des Rückwärtslaufens in einen Mülleimer gefallen.“
    Sie hätten fragen sollen, ob Du Nagg oder Nell bist.

  9. @ Raddatz
    Leider hat er „Die Dritte Walpurgisnacht“ von Karl Kraus so gar nicht verstanden, wofern man nicht sagen möchte, er hat es verstanden, und es faßte ihn der blanke Neid.

  10. Trotzdem hatte der wenigstens eine eigene Schreibe und eigenes Denken, das meinte ich eher, nicht dieses weichgewaschen-nivellierte Pseudohandwerk irgendwelcher Pappnasen und mit ihrem These-light-Gebrabbel.

  11. Nell und Nagg wären mir trotz meines Assoziationsreichtums in diesem Kontext nicht eingefallen. Schade daß die Kinder nicht fragten – ich wäre noch früher zu Beckett gekommen.

    _______

    Ja, Raddatz ist zuweilen in seiner Lektüre flüchtig, manchen Fehler und manche sprachliche Schludrigkeit kann man ihm nachweisen. Die Titanic hat das in ihren „Briefen an die Leser“ ausführlich gemacht und auch R. Gernhardt und E. Henscheid schrieben wenig wohlwollend über Raddatz. Was er gegenüber Kraus getan hat ist unverzeihlich, zumal er es nicht zurücknahm und sich nicht korrigierte, sondern beharrte. Solches darf einem Literaturkritiker nicht passieren. Dagegen ist „Goethes Bahnhof“ läppisch zu nennen.

    Dennoch: Als Literaturkritiker schätze ich Raddatz: seinen Stil, seine Art zu schreiben und den Blick auf Literatur zu werfen. Andererseits gibt es solche Momente im Schreiben, wo man bei ihm nur mit dem Kopf schütteln kann. Raddatz polarisiert. Zuweilen schneidet er auf, doch er weiß darum. Viele seiner Essays und Kritiken sind aber brillant. Vielleicht ragt er deshalb heraus, weil es im Betrieb der Literaturkritiker so viel Mittelmaß gibt. Schade daß Nörgler, Momorulez, Hartmut und ich nicht ein Jahr lang das Feuilleton der Zeit übernehmen dürfen. (Die Büroräume von Momorulez und Hartmut sollten vielleicht etwas weiter auseinander liegen.)

    Wenn ich mir das gegenwärtige Feuilleton der Zeit anschaue, so ist das ein großer Abfall zum Raddatz-Feuilleton der 80er Jahre; eine solche Mannschaft ist in Gold nicht aufzuwiegen. Mit Wehmut denke ich etwa an Benjamin Henrichs zurück. Egal: Raddatz kann schreiben; zuweilen, wenn er es zu schnell macht, mißlingt der Text allerdings. Trotzdem mag ich diese Art zu schreiben, vielleicht gerade wegen dieser gesteigerten Subjektivität. Da stimme ich Momorulez zu.

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