Walter Benjamin – 26. September 1940, Spanien, Port Bou

„In einer aussichtslosen Lage habe ich keine andere Wahl als Schluß zu machen. In einem kleinen Dorf der Pyrenäen, in dem mich niemand kennt, wird mein Leben sich vollenden. Ich bitte Sie, meine Gedanken meinem Freunde Adorno mitzuteilen, ihm die Lage, in die ich mich versetzt sehe, zu erklären. Es bleibt mir nicht genügend Zeit, alle Briefe zu schreiben, die ich noch gerne geschrieben hätte.“ (Gesammelte Briefe VI, S. 483)

Eine philosophische Sichtung, eine Kritik und ein Kommentar zur Philosophie Walter Benjamins, die nicht fragmentarisch ausfallen und – je nach Gusto – lediglich einzelne Aspekte wie die Aura, die veränderten Weisen der Kunstwahrnehmung, die Magie der Sprache, den Erfahrungsverlust, das Übersetzen, das Messianische, den Akt der Namensgebung und das Materialistische hervorheben wollen, weiteten sich zu einem unendlichen Buch aus, sie müßten die zeit- und geistesgeschichtlichen Strömungen der Weimarer Republik sowie das Paris der Volksfront und das der Besatzung durch die Deutschen samt den Europäischen Migrationsbewegungen aufgreifen und sozialgeschichtlich darstellen, diese Aspekte dann in Bezug zu Benjamins heterogenem Werk bringen; ein sicherlich nicht uninteressantes, jedoch mühevolles Unterfangen – als Buchprojekt reizvoll. Und wenn ich noch einmal forschen könnte wie einst, würde ich es übernehmen. Dem monumentalen Buch von Palmier, das er zu Walter Benjamin schrieb, müßte etwas entgegengesetzt werden.

Man könnte dieses Buch an einer beliebigen Stelle aufschlagen und darin lesen.

Zu dicht und verflochten gebaut ist das Werk dieses außerordentlichen Philosophen, als daß man es – so für Zwischendurch – referieren könnte. Von der äußersten Theorie – in der „Eiswüste der Abstraktion“ – bis hin zu den politischen Motiven und den eingreifenden, rettenden Momenten, die insbesondere in seinen späteren Schriften dem Historischen Materialismus eine ganz neue Gestalt gaben, reicht die Facette seines Denkens. Dabei fallen derart viele Aspekte an, die kaum noch in eins zu bringen sind. Insofern auch das Plädoyer für ein Denken in Fragmenten. Was für diesen Blog aussteht: Benjamins Theorie des dialektischen Bildes zu rekonstruieren und darzustellen.

Palmier schreibt: „Die Kindheitserinnerungen verwandeln sich in Symbole, Allegorien, Glücksversprechen, die das Leben nicht erfüllt hat, ganz wie die beschädigten Spielsachen Zeugen der Trauer um eine stumme und verschüttete Welt sind. Jedes Ding läßt in seiner Textur die Tiefe einer historischen Erfahrung durchscheinen, die der Rettung bedarf.“ (S. 44)

Benjamin schließt sein Buch „Goethes Wahlverwandtschaften“ mit diesen Satz: „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns Hoffnung gegeben.“ Man kann dies mit jenem Satz Kafkas zusammenschließen, daß es unendlich viel Hoffnung gebe. Nur eben nicht für uns.

Ich möchte in diesem Text keinen Abriß zu Benjamins Leben und seinem Werk liefern. Wer etwas darüber erfahren will, der sei auf die sehr gute Rowohlt-Monographie von Bernd Witte verweisen. Auch der Artikel bei Wikipedia ist brauchbar. Er enthält zudem einige gute Verweise auf Sekundärliteratur.

Kein Text vermag Benjamin mehr Ehre zu erweisen als sein eigener. Deshalb stelle ich hier einige Zitate zusammen.

„Ich aber bin entstellt vor Ähnlichkeit mit allem, was hier um mich ist. Ich hauste so wie ein Weichtier in der Muschel haust im neunzehnten Jahrhundert, das nun hohl wie eine leere Muschel vor mir liegt. Ich halte sie ans Ohr“ (Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, GS IV, S. 261)

„Unter den Karyatiden und Atlanten, den Putten und Pomonen aber, die mich damals angesehen hatten, waren mir nun die liebsten jene angestaubten aus dem Geschlecht der Schwellenkundigen, die den Schritt ins Dasein oder in ein Haus behüten. Denn sie verstanden sich aufs Warten. Und so war es ihnen eins, ob sie auf einen Fremden warteten, die Wiederkehr der alten Götter oder auf das Kind, das sich vor dreißig Jahren mit der Mappe an ihrem Fuß vorbeigeschoben hat. In ihrem Zeichen wurde der alte Westen zum antiken, aus dem die westlichen Winde den Schiffern kommen, die ihren Kahn mit den Äpfeln der Hesperiden langsam den Landwehrkanal heraufflößen, um be der Brücke des Herakles anzulegen. Und wieder hatten, wie in meiner Kindheit, die Hydra und der Nemeische Löwe Platz in der Wildnis um den Großen Stern.“ (ebd., S. 238 f.)

„Wahrheit tritt nie in eine Relation und insbesondere in keine intentionale. Der Gegenstand der Erkenntnis als ein in der Begriffsintention bestimmter ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein. Das ihr gemäße Verhalten ist demnach nicht ein Meinen im Erkennen, sondern ein in sie Eingehen und Verschwinden. Die Wahrheit ist der Tod der Intention.“ (Ursprung des deutschen Trauerspiels, GS I, S. 216)

„Es ist das Einmalige der Dichtung von Baudelaire, daß die Bilder des Weibs und des Todes sich in einem dritten durchdringen, dem von Paris. Das Paris seiner Gedichte ist eine versunkene Stadt und mehr unterseeisch als unterirdisch. Die chthonischen Elemente der Stadt – ihre topographischen Formationen, das alte verlassene Bett der Seine – haben wohl einen Abdruck bei ihm gefunden. Entscheidend jedoch ist bei Baudelaire in der ‚totenhaften Idyllik‘ der Stadt ein gesellschaftliches Substrat, ein modernes. Das Moderne ist ein Hauptakzent seiner Dichtung. Als spleen zerspellt er das Ideal (‚Spleen et Ideal‘). Aber immer zitiert gerade die Moderne die Urgeschichte. Hier geschieht das durch die Zweideutigkeit, die den gesellschaftlichen Verhältnissen und Erzeugnissen dieser Epoche eignet. Zweideutigkeit ist die bildliche Erscheinung der Dialektik, das Gesetz der Dialektik im Stillstand. Dieser Stillstand ist die Utopie und das dialektische Bild also Traumbild. Ein solches Bild stellt die Ware schlechthin: als Fetisch. Ein solches Bild stellen die Passagen, die sowohl Haus sind wie Straße. Ein solches Bild stellt die Hure, die Verkäuferin und Ware in einem ist.“ (Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, GS V, S. 55)

„Im Flaneuer begibt sich die Intelligenz auf den Markt. Wie sie meint, um ihn anzusehen und in Wahrheit doch schon, um einen Käufer zu finden. In diesem Zwischenstadium, in dem sie noch Mäzene hat, aber schon beginnt, mit dem Markt sich vertraut zu machen, erscheint sie als bohème. Der Unentschiedenheit ihrer ökonomischen Stellung entspricht die Unentschiedenheit ihrer politischen Funktion. Diese kommt am sinnfälligsten bei den Berufsverschwörern zum Ausdruck, die durchweg der bohème angehören. Ihr anfängliches Arbeitsfeld ist die Armee, später wird es das Kleinbürgertum, gelegentlich das Proletariat. Doch sieht diese Schicht ihre Gegner in den eigentlichen Führern des letzteren. Das kommunistische Manifest macht ihrem politischen Dasein ein Ende. Baudelaires Dichtung zieht ihre Kraft aus dem rebellischen Pathos dieser Schicht. Er schlägt sich auf die Seite der Assozialen. Seine einzige Geschlechtsgemeinschaft realisierte er mit einer Hure.“ (ebd. S. 54)

„Die Phantasieschöpfung bereitet sich vor, als Werbegraphik praktisch zu werden. Die Dichtung unterwirft sich im Feuilleton der Montage. Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schullfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (ebd. S. 59)

„Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene. So Strindberg – in ‚Nach Damaskus‘? –: die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde – sondern dieses Leben hier.“ (Passagenwerk, GS V, S. 592)

„Das dialektische Bild ist ein aufblitzendes. So, als ein im Jetzt der Erkennbarkeit aufblitzendes Bild, ist das Gewesene festzuhalten. Die Rettung, die dergestalt – und nur dergestalt – vollzogen wird, läßt immer nur an dem, im nächsten Augenblick schon unrettbar verlornen (sich) vollziehen. (…)

Dialektiker sein heißt den Wind der Geschichte in den Segeln haben. Die Segel sind die Begriffe. Es genügt aber nicht, über die Segel zu verfügen. Die Kunst, sie zu setzen zu können, ist das Entscheidende.“ (ebd., S. 592)

Ich schreibe diesen Text in Verehrung für einen der bedeutendsten und vor allem vielschichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Ich danke ihm, auch für alle diese dunklen, „wolkigen Stellen“, für die Rätselschriften, die Umschriften, welche mich ein Studium lang und darüber hinaus begleiteten und die immer noch wirken. Genauso für die zuweilen schönen Frauen, die er mir zutrieb, habe ich ihm Dank zu sprechen. Walter Benjamins Text konnte manches Frauenherz öffnen.

Heute vor siebzig Jahren nahm sich der Philosoph, Essayist, Übersetzer, Literaturkritiker, Flüchtling, Migrant, einer von vielen in einer unendlichen Kette, die bis in die Gegenwart reicht, Walter Benjamin in Port Bou das Leben, indem er sich eine Überdosis Morphium injizierte.

Sich das Leben nehmen: der Punkt an dem sich das Leben vollendet; an dem jede Dialektik aussetzt bzw. zu einer negativen wird. Der Tod als die Grenze, von der aus Wahrheit zu gewinnen wäre. Doch dieser Ort ist erfahrungslos.

26 Gedanken zu „Walter Benjamin – 26. September 1940, Spanien, Port Bou

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  3. Das hier – ich weiß, es ist nicht originell – ist mir noch immer das Wichtigste.
    „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“
    Doch gibt es kein Halten. Wer sich versteift, wird selbst zertrümmert. Man kann nur die Trauer über das Verlorene bewahren. Denn der Sturm, er kommt ja, man soll das nicht überlesen, „vom Paradiese her“.

  4. Danke für diesen Hinweis. Ich hatte diese Passage in einem anderen Text hier im Blog schon einmal zitiert und gegen eine Textstelle von Heiner Müller gestellt, deshalb habe ich sie jetzt nicht noch einmal gebracht.

    Auch bin ich bei diesem Bild vom Engel vorsichtig, weil das Deutungen evozieren kann, die nicht wirklich gelungen sind. Es ist dieser (häufig zitierte) Text von Benjamin im Grunde ein seht schwieriger Text, der sich leider auch fehllesen läßt. Auch deshalb Skepsis.

    Der Hinweis, daß der Sturm vom Paradiese her kommt, ist in der Tat sehr wichtig. Es ist diese Bild von Benjamin durchaus rätselhaft und bedürfte einer längeren Lektüre.

  5. Lieber Bersarin,

    „Die Wahrheit ist der Tod der Intention“: Gilt das auch umgekehrt: die Intention ist der Tod der Wahrheit? So nämlich verstehe ich es, während ich es in dem Verhältnis, das Benjamin zwischen den beiden herstellt, nicht verstehe. Jedenfalls muss ich Benjamin lesen. Das ist noch nicht die Wahrheit. Aber die Intention.

    Aléa

  6. @ Aléa Torik

    „Gilt das auch umgekehrt: die Intention ist der Tod der Wahrheit?“
    Gewiß. Der Gedanke: „Die Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein“, zusammen mit der sich anschließenden Polemik gegen das Meinen (wo er mit Karl Kraus, den er bewunderte und verehrte, sich einig weiß), wird von Marx so formuliert: „Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst, sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren sucht, nenne ich ‚gemein‘.“ (MEW 26.2, p 112)
    Die Forderung nach Berücksichtigung des proletarischen Klassenstandpunkts, oder begründen zu wollen, warum der Markt für alle stets das Beste zeitigt – das sind Intentionen, die nicht das Sein der Wahrheit sind.
    Kant sagt: Wissenschaft ist gebunden an die Geltung ihrer Resultate.
    Eben das unterscheidet Wissenschaft von Meinen, Standpunkt, Weltanschauung.

    Deine Irritation („… während ich es in dem Verhältnis, das Benjamin zwischen den beiden herstellt, nicht verstehe“) rührt wohl von Benjamins „Der Gegenstand der Erkenntnis als ein in der Begriffsintention bestimmter ist nicht die Wahrheit.“
    Damit ist aber nur gemeint, daß die Entscheidung dafür, welchem Gegenstand ich mich zuwende, welchen Gegenstand ich auf den Begriff bringen will, ohne Intention nicht zu haben ist; keine Entscheidung ohne Intention.

    Versteht man, und dieses Mißverständnis könnte von der Formulierung her naheliegen, „Begriffsintention“ jedoch als „Intention des Begriffs“, dann ergäbe das im Lichte des Davorstehenden keinen Sinn. Denn eine Intention des Begriffs kann es nicht geben, wenn die Wahrheit ein intentionsloses Sein ist.

    Benjamin ist luzide, brillant, ein wahrhaftes Genie. Aber er ist auch ein Rauner und Mystagoge. Dem Leitsatz des Publizierens „So schwierig wie nötig, so einfach wie möglich“ sind etwa Adorno und Marx stets gefolgt, Benjamin nicht immer. Kraus schreibt über eine ihn betreffende Äußerung Benjamins, er spüre, daß er gelobt wird, er könne jedoch die Ausführungen im einzelnen nicht verstehen.

    Mein Lieblingstext ist übrigens „Frische Feigen“ (GS IV, p 374f).

  7. Danke für diese detaillierte Darstellung, der ich nicht viel hinzufügen kann und die Begriff für Begriff vorgeht. Exakter geht es kaum. Insbesondere die Kritik am bloßen Meinen, an der Doxa, wurde auch Hegel nicht müde zu betonen. So in seiner „Phänomenologie“ im Auftakt bei der sinnlichen Gewißheit. Und man kann das auch heute gar nicht oft genug wiederholen.

    Vor allem Dein vorletzte Absatz zur Sprache Benjamins trifft es. Zum Trauerspielbuch, so schrieb er an Scholem, sei im Grunde die Kabbala erforderlich. Dieser Aspekt des Hermetischen bzw. Raunenden macht es freilich für eine Darstellung und Lektüre seiner Texte aus den Zwanziger Jahren nicht gerade einfach und öffnet Türen und Spalten für Mißverständnisse. Dieses Mißverstehen ist aber im Grunde nicht einmal auf jene 20er Jahre beschränkt, sondern reicht bis zu Benjamins Text „Über den Begriff der Geschichte“ hin.

    Aufgrund der ausführlichen Darstellung vom Nörgler, kann ich lediglich noch den Part der Allgemeinheit übernehmen und möchte für Sie, liebe Aléa, noch ergänzen, daß jenes Benjamin-Zitat der „Erkenntniskritischen Vorrede“ des Trauerspielbuches entstammt. Diese Vorrede ist ein für Benjamin und die Philosophie zentraler Text zur Frage der Wahrheit. Er steht einerseits im Zeichen Kants, was die Erkenntnis sowie das Moment des Transzendentalen („Bedingungen der Möglichkeit von …“) und die Weise intellektueller Anschauung betrifft, und ist andererseits eine – wenngleich elliptische – Auseinandersetzung mit Platon und dem Begriff der Idee. Dieser Text spitzt, wie überhaupt das Trauerspielbuch, die Extreme zu. Benjamin schrieb zu diesem Buch, daß es gewiß noch nicht materialistisch, gewiß aber bereits dialektisch sei.

    Der Text nimmt eine Bestimmung von Wahrheit vor – darin womöglich dem Denken Heideggers vergleichbar –, wo Wahrheit nicht im Sinne einer Urteilswahrheit oder als Weise der bloßen Übereinstimmung (adaequatio-Satz) gedacht wird. Diesen Ansatz gilt es, auch im Zusammenhang mit Sprache zu bedenken; diese besitzt bei Benjamin nicht bloß eine mitteilende, kommunikative Funktion. Wahrheit geht nicht darin auf, daß die Dinge in einer Transparenz erscheinen, die lediglich dazu dient, sie verfügbar zu machen.

    Es gelangt insbesondere in diesen Texten der 20er Jahre, die man als theologisch-metaphysisch eingefärbt bezeichnen kann, ein Denken in die Philosophie, das mit abendländisch-philosophischen Mitteln jenes bloß zugreifende, vorstellende zurüstende abendländische Denken, daß Adorno und Horkheimer in der DA kritisieren, übersteigen will – darin eben Heidegger nicht unähnlich – ohne dabei aber in eine reine Mystik, in bloßen Irrationalismus oder ein geschichtsloses Denken (wie eben bei Heidegger) abzugleiten. Deshalb auch die Extreme Wahrheit (in einem sehr emphatischen Sinne gedacht, ums etwas allgemein zu sagen) und Intention.

    „Als ein Ideenhaftes ist das Sein der Wahrheit verschieden von der Seinsart der Erscheinungen. Also erfordert die Struktur der Wahrheit ein Sein, das an Intentionslosigkeit dem schlichten der Dinge gleicht, an Bestandhaftigkeit aber ihm überlegen wäre.“ (S. 216)

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    „Frische Feigen“ ist ein unglaubliches Stück Prosa, tief und dicht komponiert, nuanciert und exakt beobachtet, eine Aufsteigerung, die von Kafka stammen könnte und doch einen vollständig eigenen Gehalt und einen eigenen Duktus besitzt, am Ende wirkt diese Prosa wie ein Schlag. Der letzte Satz ist Musik, und er läßt sich eigentlich nur durch sie adäquat in einen interpretierenden Ausdruck überführen, nein besser noch: verwandeln. Und da sage einer, Philosophie sei nicht (auch) sinnlich.

    Die Verbindung dieses Prosastückes zu Derridas „Postkarte“ müßte ich mir zudem genauer anschauen. Ich hatte diesen wunderbaren Text samt dem Brief nicht mehr im Kopfe.

    Loben, Nörgler, kann ich Dich für Deinen Text leider nicht, weil ich ganz einfach nichts anderes von Dir erwartet habe.

  8. Lieber Nörgler, lieber Bersarin,

    vielen Dank für die ausführlichen Antworten: ich kann allerdings gerade nicht folgen, in liege in engster Umarmung mit einem Virus im Bett, oder wahrscheinlich eher mit einer Milliarde Viren. Ich habe sie nicht durchgezählt. Diese Umarmung ist absolut einseitig. Also bitte: keine Eifersuchtsanfälle.

    Sowie ich mich aus der Umklammerung befreit habe, melde ich mich zu der Sache noch einmal.

    Auf den Text über „Frische Feigen“ bin ich dann gespannt!

    Aléa

  9. Beste Genesungswünsche von hier! Das schottische Rezept zur Rekonvaleszenz lautet: Hänge einen Hut an das Ende des Bettes. Trinke schottischen Malt, bis Du vier Hüte siehst. Stünde ich am Krankenbett, so würde ich, um zu ermitteln was konveniert, zwei konträre Getränke offerieren: Einen extrem getorften trockenen Ardbeg und einen blumig-fruchtigen Speysider.
    Ich hoffe, daß auch ohne dergleichen nachhaltiges Eingreifen von Doc Nörgler eine Rückkehr zu den Lebenden möglich sei.
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    „Frische Feigen“ ist mir zudem einer der witzigsten Texte, die ich kenne. Als ich ihn zum ersten mal las, trat fast die urinale Inkontinenz ein.

    Solches wie ‚Wahrheit als intentionsloses Sein‘ meine ich, wenn ich von Benjamin als luzidem Denker spreche. Damit formuliert er nämlich das Kriterium für Erkenntniskritik schlechthin, ein Kriterium, nach welchem die Philosophen, Erkenntniskritiker, Wissenschaftstheoretiker, Logiker geradezu sich sortieren ließen. Daher möchte ich für den Thomas ein wenig Sympathie einwerben, dessen adaequatio rei et intellectu, insofern der Aquinat aristotelischer Metaphysiker war, die im Begriff selbst zur Sprache kommende Sache meint. Daß die Bestimmung gemäß dem „Vorrang des Objekts“ die Bestimmheit desselben formuliert, ist der Anspruch, auf dem gerade der antiinstrumentelle Adorno insistiert.

    Daß es kein Zurück hinter Hegel gibt, wurde mehrfach vom Hausherrn dieses Blogs zwingend dargetan. Die Bestimmung als Leistung des Subjekts, des Geistes, ist Bestimmung nur als Bestimmung der Bestimmtheit dessen, was nicht von sich aus je schon Bestimmung ist. Bestimmt die Bestimmung nicht die Bestimmtheit ihres Gegenstandes, ist sie Bestimmung von Nichts, und damit nicht Bestimmung. Der Begriff wäre damit Begriff ohne weitere Bestimmung und damit Begriff von nichts. Der Begriff von nichts ist aber nicht Begriff.
    Ich wüßte nicht, was gegen Hegel da einzuwenden wäre.

    Das alles ereignet sich in der Sprache, die auch darum als das Subjekt auftritt. Gegen die Depravation der Sprache als Mitteilungsmittel wütete „Die Fackel“ des Karl Kraus Jahrzehnt um Jahrzehnt. Damit haben wir die zwei Bestimmungen der adäquaten Stellung des Gedankens zur Realität:

    – Wahrheit als intensionsloses Sein,
    – Sprache als Subjekt.

    Daß beide Bestimmungen ohne einander nicht zu haben sind, ist evident, und wenn ich diese Website nicht gänzlich mißverstehe, ist das ihr, im Consulting-Sprech ausgedrückt, misson credo.

    Es ist schlichtweg nicht wahr, daß Hegel eine „idealistische“, das heißt irgendwie geistesbetonte Schlagseite hätte. Er sagt nur, daß (a) jegliche Bestimmung in den Geist fällt, und (b) das dem Geist Auswendige seinen Begriff nicht aus sich selbst hat. Denn hätte es dies, wäre es selbst Geist. Ich kenne keinen, der den Unterschied von Geistigem und Nichtgeistigem besser gekannt hätte als Hegel. Den Hegel unterstellten Fehler machte invers erst Saussure. So liebe ich das: Hegel zum Deppen erklären, und dann den bei ihm nicht vorhandenen Mist als „linguistic turn“ selber abfeiern: Erst mußte der gewillkürte Nicht-Zusammenhang von Sprache und Sache („arbiträr“) proklamiert werden, um dann im nächsten Schritt die Sprache zum absolut in sich Subsistierenden zu verklären.

    Indem Hegel die „Noesis Noeseos“ (Aristoteles), das Denken des Denkens, zum Äußersten treibt, achtet er die nicht geistige Objektwelt besser, als die linguistischen Turner, deren sprachmangelbehafteter Bürokratenton, ihre Unfähigkeit zum von Benjamin vertretenen Eros des Worts, ihre Fremdheit zu jener Sphäre anzeigt, die erkannt zu haben sie sich berühmen. Von Benjamin und Kraus hätten sie lernen können, daß und inwiefern die Sprache Subjekt ist. Was die sprachlich ungelenken Sprachhypostasierer betreiben, ist das Sprachsubjekt als entdialektisierter Kalauer. So werden wir schmerzerfüllt Zeuge der Einwanderung der bildungsfernen Schichten in die Bildung selbst. Das modische Speiben gegen Hegel ist der Intellektualneid derer, die dumpf ahnen, daß ihr Hirn Meilen emporwandern müßte, um mit GFWH auf Augenhöhe zu sein.

    Der profunde Unverstand ins Absolute bei Hegel ist das Signet der Schmalhirne. Sie verstehen nicht einmal das Allersimpelste, nämlich daß das Absolute absolut nur ist in Bezug auf sein Anderes. Könnten die Lemuren 2 und 2 zusammenzählen, so wäre ihnen klar, daß die Existenz des Begriffs des Absoluten das Nichtabsolute voraussetzt. Hegel hat das entwickelt; man müßte ihn nur lesen. Im Begriff des Absoluten ist das Nichtabsolute gesetzt, was man freilich dann nicht versteht, wenn man glaubt, man wäre schlauer als der Satz der Identität.

    Jene Abkoppelung der Sprache von der Sache, die mir auch und gerade linkswärts als sonstwie kritisch verkauft werden will, ist Bekenntnis und Geschäftsgrundlage von Lügnern, Mördern und Betrügern. Kraus‘ genialische Zitatenkollage „Die letzten Tage der Menschheit“ will genau das beweisen, und sie beweist es. Kraus wußte, daß der giftige Atem der Geschichte sein Werk würde nicht altern lassen.

    Dem Lob, ich sei „Begriff für Begriff“ vorgegangen, ist eine homöopathische Dosis Zyankali eingeträufelt, da Benjamin das gerade nicht macht, und auf die Ankündigung, lediglich noch das Allgemeine darzustellen, folgt nicht Ledigliches, sondern Erhebliches. Nicht zuletzt dergleichen ist es, was den Magnetismus dieses Blogs mir bereitet: Das ist der Ton, die Sitte, der Umgang, der Stil im Grandhotel Abgrund; das Parlieren in den alten Lederfauteuls, die Zigarre in der einen, den schottischen Single Malt in der anderen Hand.

    Es bleibt die ewige Schande des deutschen Universitätsbetriebs, das Trauerspielbuch als Habilitationsschrift abgelehnt zu haben. Der dergestalt schuldbeladenen Universität stünde es gut zu Gesicht, sie habilitierte Benjamin posthum. Aber unterdessen ist man ja beschäftigt mit „Bologna“.
    Das „Moskauer Tagebuch“ war ein weiterer Impact in mein Hirn. Wer über den Stalinismus wirklich etwas wissen möchte, lese dies. @ Genova: Da haben „die Linken“ den Stalinismus „aufgearbeitet“.

    Auf meine Intellektualbiographie hatte Benjamin eine ungeheuere Wirkung. Es war wie bei Bloch. Die Begeisterung führte zu exzessiver Lektüre, die zu Zweifeln führte. Die Zweifel schälten heraus, was bei bei diesen Denkern wichtig ist. Bei Benjamin mehr, bei Bloch weniger.

    Der Abschiedsbrief Benjamins ist von einer derartigen Grauenhaftigkeit, daß ich das nicht ertrage. So exzessiv gnadenlos lapidar kann man nur sein, wenn man über die Arroganz verfügt, der Letztinstanz hohnlachend den Stinkefinger zu zeigen. Er sagt: Ja okay, ich geh dann mal, als ginge er zum Zigarettenholen. Er war ein wahrhaft Radikaler, und mir ist, als würde ich plötzlich in meinem Zimmer den Hauch meines Atems sehen.
    So möchte auch ich gehen. Ich befürchte aber, daß mir dazu Kraft und Größe fehlen.

  10. Nun: ein probates Rezept, wie ich hoffe, um die Genesung von Aléa herbeizuführen, die auch ich natürlich wünsche. Ich danke für die Malt-Empfehlung. Da von Dir bereits drei Malts genannt wurden, steht der Hausherr vor der Überlegung, seine Gewohnheiten zu Trinken auch einmal in andere Richtungen zu lenken.

    Ja, voll des Witzes steckt dieses Stück „Frische Feigen“. Dies motivierte auch meinen Vergleich mit Kafka, wobei das Lachen dort noch einmal von einer anderen Region her tönt. Ich habe gestern in den „Denkbildern“ ein wenig geblättert, dort einmal wieder hineingelesen und fand so viele gelungene Passagen und Beobachtungen. Furchtbar, daß so vieles von dem, was einmal das Leben bestimmte, in der Zeit vergessen wird. „Verstecken heißt Spuren hinterlassen.“ Das Lesen von Kriminalromanen auf Reisen. Vor allem diese Paarung von Denken, Detailreichtum, Lust und Genuß bis hin zum Übermaß: auch daran kann und konnte ich mich niemals sattlesen, und Benjamin hat an diesem Punkt mein Denken und die Art wahrzunehmen sowie mit den Dingen umzugehen sehr geprägt. „Ich packe meine Bibliothek aus“: ich las diesen Text noch einmal, bevor ich in eine größere Wohnung umzog, weil ich sonst verzweifeln wäre im Angesicht der Abbau-, Aufbau- und Entstaubungsarbeiten. Aber auch für Reisen: „Wie viele Städte haben sich mir erschlossen, mit denen ich auf Eroberungen von Büchern ausging.“ Diese Art von Beobachtung, das Subtile und Taktile diesen mikrologischen Blick, der bei Benjamin die Dinge in eine ganz andere Perspektive rückt, schätze ich dann auch in der Sphäre der Blogs, wo es manche Perle gibt.

    Eigentlich wollte ich mir angesichts eines anstrengenden Tagewerkes einen gemütlichen Abend machen, doch das kann ich nach Deinem Text nicht mehr ganz, weil alles andere bloße Faulheit und Flucht wäre. Ja: Thomas von Aquin ist bei mir im Studium etwas zu kurz gekommen und wurde eher nebenher abgehandelt. Könnte ich heute noch einmal studieren, so käme die Theologie noch hinzu. Freunde damals ermahnten mich mehrfach und streng, dieses Fach gleichfalls ins Studium einzubeziehen. In der Kant- und der Hegelarbeitsgruppe gab es manche Rüge für mich, ich konnte das aber durch meinen Hang zur Französischen Gegenwartsphilosophie ausgleichen.

    Ich denke, daß man den adaeqautio-Satz im Rahmen einer Metaphysik wird lesen müssen, die Adorno dann für die Nachkriegsmoderne zwar nicht im Detail auspinselt, aber in seiner „Negativen Dialektik“ doch anspielt. Insofern ist seine Kritik an dem adaequatio-Satz vielmehr eine an jenem vorstellenden, zurechtmachenden Denken, zu dem dieser Satz im Laufe der Philosophiegeschichte geriet. Und man (nein: ich) muß wohl Thomas von Aquin unter dem Blick Benjamins und Adornos lesen, und zwar diesmal genau.

    Eine dieser blödsinnigen Sprachfiguren in Philosophieseminaren ist diese Für-Tod-Erklären von Denkern und Texten, was dann zu Professorenaufsätzen mit Fragen wie „Wozu Dialektik?“, „Wozu Metaphysik?“ usw. führt. Höhepunkt solchen Unfugs war dann ein Philosophiekongreß in den frühen 80er Jahren in Stuttgart mit dem Titel „Kant oder Hegel?“. Solche Formulierung ist Ausdruck eines antiphilosophischen Denkens und haaresträubend. Solche Titel schlagen ins Gesicht sowohl derjenigen, die sich mit Kant als auch mit Hegel beschäftigten – und diese Titel stehen ja nicht etwa in Skizzenheften (heute Blogs) oder Seminararbeiten von Studienanfängern und sind auf die schnelle geschrieben, sondern die entstanden aus Forschung, Gespräch und Arbeit heraus. Als ob die Philosophie in einer Cafeteria sich befände: „Hätten sie gerne ein Stück Pflaumenkuchen, oder darf es heute lieber ein frischer Bienenstich sein?“

    Der „linguistic turn“, in den Hegel gezogen wird, schneidet leider häufig das Beste an Hegel ab. Und vor allem ist gerade bei Hegel die Sprache dem Denken eben nicht äußerlich. Kritik an Hegel kann, etwas provokant gesagt, sicherlich nur Hegelianisch ausfallen. Und dies eben wußte Hegel, der die adäquate die Kritik an sich bzw. seinem Text bereits mitgedacht hatte. Es ist keine Stelle, die in der Hegelschen Philosophie draußen bleibt – darin ist er in der Tat antiidealistisch – es findet in dieser Philosophie die Rettung des rettungslos Verlorenen statt. Dies eben macht ihren Humanismus aus, um dieses etwas mißbrauchte Wort zu verwenden, und daran knüpfen Adorno und Benjamin an.

    Dieses Moment der Sprache bei Hegel macht wiederum für mich die Schwierigkeit aus, Teile der Phänomenologie und Derridas Hegellektüre zusammenzulesen bzw. in eine Konstellation zu bringen. (Ich hatte solches bereits einmal Momorulez versprochen) Das Interessante an der Lektüre Derridas ist es, daß er Hegel beim Wort nimmt, anders als Deleuze, dessen Sichtung Hegels dem Text schlicht äußerlich bleibt. Darin eben fällt er hinter Hegel zurück, und da nützt und rettet ihn kein Nietzsche.

    Ja, und es ist auf das äußerste bezeichnend, daß Texte von Karl Kraus und Benjamin in Seminaren kaum noch vorkommen. (Zumindest was den Stand meiner Beobachtungen in Berlin betrifft.)

    Dieser letzte Brief Benjamins ist ein Schlag, deshalb mußte ich ihn als Auftakt nehmen. Und wenn ich die Zeit gehabt hätte, fertigte ich zu seinem Todestag eine Montage seiner Texte an, die paßgenau wäre. Ich hoffe, daß wir niemals in die Lage Benjamins kommen werden. Sicher bin ich mir da aber gar nicht.

    Da Dein Text, Nörgler, zu wichtig ist, um ihn im Kommentarbereich verschwinden und versacken zu lassen, stelle ich ihn gerne in den Blog als einen eigenen Beitrag von Dir; vorausgesetzt jedoch, Du stimmst dem zu. Natürlich kannst Du auch noch Passagen ergänzen und sendest mir den Text dann noch einmal als E-Mail. Dies reiche ich natürlich nicht als Aufforderung an alle durch, nun fleißig zu kommentieren, um zum Blogtext zu werden. Es handelt sich hierbei um eine Ausnahme.

  11. Ich stimme gerne zu. Veränderungen möchte ich in Gänze nicht vornehmen; es sollte jedoch der Tippfehler „misson credo“ in „mission credo“ korrigiert werden.
    Ob die Intrada „Beste Genesungswünsche …“ als Auftakt eines eigenen Beitrags paßt, ist fraglich. Man würde aus Gründen der Textdramaturgie außerhalb eines Kommentarthreads so eigentlich nicht formulieren.

    Ich lasse Dir, sofern Du dies als erforderlich erachtest, die freie Hand des Redigierens, da ich der Überzeugung bin, daß unser beider Hände in der Verfahrungsweise sich glichen.

  12. Das ist schon nicht schlecht. Einerseits bezeichnet mich Nörgler an anderer Stelle als Amöbe und ist stolz darauf, mich „geschändet“ zu haben. Er gibt sich da also als engagierter Vernichter. Andererseits präsentiert er sich kurz darauf wieder als subtiler Bildungsbürger, der schon stilistisch Adorno bis ins Detail imitiert. Zwei Herzen wohnen, ach, in seiner Brust. Vielleicht auch mehr. Ich muss dazu wirklich mal was schreiben: Der Vernichtungswille von Menschen, die doch gerne das genaue Gegenteil dessen avisieren würden. Sind sie deshalb vorgebliche Menschenfreunde, weil sie spüren, wie schnell das umschlagen kann?

    Sorry für das OT, wobei es das bei Benjamin nicht wirklich ist.

  13. Gerne erkläre ich es immer wieder: Was dem tumben Blick als Adorno-Imitat erscheint, ist eine Übereinstimmung in der Sache, für die es nur eine Formulierungsweise gibt. Zudem ist es gutes Deutsch. Tschulligung, wenn ich hier nicht wie der Gangsta-„Nigga inda houze“-Rapper mich ausdrücke.

    Wie kommst Du darauf, daß der Vernichtungswille das Gegenteil dessen wäre, was ich „avisiere“? Ich habe den Willen und die Fähigkeit zur Schwachsinnsvernichtung, ich avisiere dies und führe es aus. Da bin ich ganz widerspruchsfrei und selbstidentisch.

  14. Aha. Und zu dieser einen Formulierungsweise gehört also die freudig geschändete Amöbe, du du wohl in angenommener Übereinstimmung zu Adornoschen Tiernamen wie Gazelle oder Nilpferd verwendest. Dass du da selbstidentisch bist mag sein, das wirst du besser wissen als ich. Mein liebes Nörglerlein, du spielst deine Rolle gut, nur manchmal drehst du durch. Aber das kennt man ja. Es ist diese Diskrepanz zwischen Rolle und Ausrasten, die mich interessiert.

  15. „freudig geschändete Amöbe, du du wohl in angenommener Übereinstimmung zu Adornoschen“
    „Du du“ mach erst mal Deine sprachlichen Hausaufgaben.
    Mein Rat: Wir machen das auf Deiner Website aus. Bei Bersarin paßt das nicht, dudu.

  16. Da kommt man vom Abendessen nach Hause, speiste mit einer schönen Frau. Und was muß ich sogleich nach dem Betreten der Küche beim Öffnen des Kühlschrankes feststellen?: Der Weißwein steht nicht dort. Es wurde vergessen, ihn dort einzulagern. Würden Sie, liebe Leser, warmen Weißwein trinken? Oder dann lieber keinen Alkohol? Das sind schwierig zu klärende Fragen am Abend. Nein, warmer Weißwein geht nicht und eine Schockkühlung im Gefrierer wird sich als nicht gut erweisen. Für den Wein nicht, für mich nicht. Doch der geübte Weintrinker hat ja auch Rotweine im Regal vorrätig, so daß der Abend zu guter Letzt dennoch gerettet ist. Um diesen Abend sich noch ein wenig im Internet zu versüßen, bevor ich mit der Arbeit beginne, schaue ich in meinen Blog und stelle fest, daß sich auch einmal wieder etwas im Kommentarteil regt. Wie schön, sage ich zu mir selbst.

    Ich will mich jedoch in diese Dingen nicht sehr einmischen, weil es vergeblich ist und sie sich nicht werden klären lassen. Oft und gut erledigen sich solche Angelegenheiten Face-to-Face bei einigen guten Flaschen Riesling, einem gediegenen Bordeaux oder einem Single Malt Whisky. Leider wird das aber nicht gehen.

    Was Adorno betrifft, so handelt es sich um die letzte große Gegenwartsphilosophie des 20. Jahrhundert, die nicht nur auf Kunst, sondern zugleich auf die Gesellschaft geht. Da man sich nur mit dem Besten begnügen sollte („Geben Sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten!“, so Oscar Wilde), ist es verständlich, dieser Philosophie im Denken einen hohen Stellenwert einzuräumen. Ich tue das ja auch, und mein Blog dürfte zu einem guten Teil von Adorno und Benjamin geprägt sein.

    Falls hier ein kleine Blog-Battle entsteht, bitte ich darum, mir das Mobiliar im Grandhotel Abgrund nicht kaputtzumachen. Es handelt sich bei den Stücken teils um kostbare Unikate. Die Türen zum Weinkeller und zur Bibliothek habe ich vorsorglich zusperren lassen. Mein Gehilfe Clov erledigt solche und andere Dinge äußerst professionell, auch wenn er zuweilen vergißt, Weißweine kühlzustellen.

    Vorziehen würde ich es jedoch auch, wenn diese Auseinandersetzung nicht unbedingt hier stattfindet. Natürlich verschließe ich mich nicht, denn ich habe ein weites Herz, doch greife ich weder zensierend noch als Schiedsrichter ein: Ich will mich ja nicht drücken, aber als Dritter Position zu beziehen, zu vermitteln und zu schlichten mag im Gespräch von Angesicht zu Angesicht funktionieren, im Internet nicht. Auch muß ich mich heute abend dem dritten Teil von „Kunst und Geschmack“ widmen. Und das mit einem Rotwein! Allerdings von meinem Hausmarkenweingut. Es verspricht also doch, ein guter Abend zu werden.

  17. Ich hoffe, der Wein hat gemundet. Nein, es wird keine Battle geben, weil die sich nur durch Erkenntnisgewinn legitimieren lassen würde. Und der ist nicht erwartbar. Vielleicht hat es zu tun mit einem Satz, den Nörgler irgenwann einmal bei mir geschrieben hat. Er meinte sinngemäß, mein Blick auf linke Zusammenhänge würde seine komplette politische Sozialisation infrage stellen. Das kann man natürlich nicht zulassen. Da schändet man lieber eine Amöbe. Denn das eigene individuelle Tun muss man nicht infrage stellen, wenn man den Adorno auswendig gelernt hat.

    So, von mir wars das hier zu dem Thema.

  18. “ … mit einem Satz, den Nörgler irgenwann einmal bei mir geschrieben hat. Er meinte sinngemäß, mein Blick auf linke Zusammenhänge würde seine komplette politische Sozialisation infrage stellen.“
    Den Satz würde ich gerne nochmal wiederlesen. Das, Genova, ist nämlich frei erfunden.

  19. Der Rotwein war vorzüglich. Es war ein Spätburgunder, mit Barrique-Reife. Heute gibt es einen Cuvée Cana (2009) vom Weingut Heinz Sauer. Das ist zwar ein merkwürdiger Name für einen Winzer. Er führt aber gar köstliche Weine. Dazu gab es gedünsteten Lachs, selbstgemachtes Kartoffelpüree und grüne Bohnen an Buttersoße (das „an“ war ein Witz). Hernach trinke ich noch einen Grauburgunder von meinen Hausmarkenweingut. (Mit einen meine ich natürlich Flasche, nicht Glas.)

    Nun jedoch zu Eurem Konflikt: Diesen Satz wird der Nörgler kaum geschrieben haben, schon deshalb nicht, weil eine intellektuelle Biographie durch den Blick eines anderen nicht sich kaputtmachen läßt.

    Wenn ich hier Nörgler zustimme, dann will ich aber auch einen Satz zu Deiner Verteidigung schreiben, um des Ausgleichs willen. Eine Bezeichnung wie „Amöbe“ ist unfair. (Die Details und denZusamenhang zu analysieren führte jedoch zu weit, weil da ein ganzer Diskussionsgang rekonstruiert werden müßte, und ich hier nicht Dinge aufrollen möchte, die ich dann auch hier diskutieren muß.) Ich hätte solches so nicht gesagt, schon deshalb, weil ich Dich als Blogger schätze, aber lies mal bei Karl Kraus, wie es dem armen Theaterkritiker Alfred Kerr erging. Gut: das wird Dich nicht trösten. Die Umgangsformen im Internet sind zuweilen hart, insbesondere in der Sphäre, wo es ins Politische geht. Es führt jeder Blogger oder Schreiber eine Auseinandersetzung auf seine Weise. Nörgler führt sie polemisch, und er reagiert allergisch auf Sprachhülsen, ich bin eher der ironische Mensch. Ich will damit jedoch die Beschimpfung nicht abbmildern.

    Beim Nörgler schätze ich die Analyse, die kurz, bündig, präzise ausfallen und ohne Umschweife es auf den richtigen Punkt bringen, den ungeheuren Sachverstand, den Sprachwitz, den Sarkasmus, das Bitterböse. Es gibt keinen Blogger, der mir derartige Lachanfälle bereitet hat – seinen Kommentar bei mir zu „dieblaueneu“ lese ich immer wieder – und vor dessen Texten ich zuweilen Chapeau sage.

    Bei Dir schätze ich das ästhetische Empfinden in der Photographie, deine – meist – gelassene, ruhige Art, auch Deine Flüchtigkeit, die Du zugibst, Deine Bereitschaft, Dich auf Philosophie einzulassen. Manche Deiner trockenen Formulierungen, Deine Höflichkeit (in der Regel). Vor allem Deine Texte zur Architektur und Deinen Humor.

    Bevor wir uns hier aber alle in die Arme fallen und die Identität des Nichtidentischen und Identischen herbeizaubern und feiern, denke ich jedoch, daß Ihr diese Auseinandersetzung in der Tat besser bei Dir führt, dort ist sie richtig aufgehoben. Ich verweise hier niemanden und lasse Euch in dieser Sache natürlich weiterkommentieren, solange Ihr mir hier keine Vorschriften macht, wie ich mich zu verhalten habe. Solches hat in diesem Blog lediglich einmal der Kommentator Loelie versucht, der aber dank erfolgreicher Arbeit des Verfassungsschutzes Berlin in die Schweiz ausgewiesen wurde.

    Aber schön wäre es schon, wenn diese Dinge woanders debattiert werden. Und es hilft womöglich sogar bei der Klärung.

  20. Ja danke, liebe Aléa. Frauen schätzen mich auch deshalb, weil ich ihre ungezogenen mißratenen Kinder manchmal mit einem Schwert zerteile.

  21. Daß ich auf G. 2. Oktober 2010 um 19:23 nicht antwortete, zeigt doch, daß ich es akzeptiert habe. –

    Das Weingut Sauer ist mir nicht bekannt. Welches Anbaugebiet? Weinkompetente Menschen mit einem geschulten Gaumen verfügen übrigens über die Idealvoraussetzungen für den Whisky-Genuß. Und Falkensee mit einem der besten Whiskyhändler ist nur einen Katzensprung von Berlin entfernt.

  22. Zunächst muß ich mich korrigieren. Es ist hochnotpeinlich, Namen falsch wiederzugeben, natürlich muß es heißten: „Heiner Sauer“

    Weingut bzw. Anbaugebiet befinden sich in Rheinland-Pfalz. Ich zitiere die Selbstbeschreibung:

    „In der Weinregion Pfalz befindet sich unser Weingut in den Winzerdörfern Böchingen und Nußdorf am westlichen Ende der Rheinebene inmitten der sanften Hügel, die dem Haardtrand vorgelagert sind. Die Grenze zu Frankreich liegt 25 km südlich von uns.

    Hier im Wind- und Regenschatten der Berge des Pfälzer Waldes gedeihen unsere Reben auf sehr unterschiedlichen Böden. Das Spektrum reicht von leichten Buntsandstein-Verwitterungsböden über Schiefer- und Lößböden bis zu schweren Kalkmergelböden.“

    Danke für Falkensee. Ich ahne dunkel, daß ich dort einmal auftauchen werde. Ich weiß nicht, ob es ein eher geheimer Tip ist, freute ich mich über eine E-Mail, ansonsten auch im Blog geschrieben, über eine Adresse und – da ich Anfänger bin – über eine Empfehlung, die, um den Anfänger-Auftakt zu machen, weniger rauchig, eher blumig ausfallen sollte. Analog zur Philosophie: da kam erst Hegel, dann Adorno.

    Oder besser: ich überlasse diesen Auftakt Dir.

  23. Ich lobe Deinen Text über die Pfalz nicht und schreibe auch nicht: „Das ist Arno Schmidt. Nur um eine Klasse besser“, weil es sonst aussähe als geschähe in diesem Blog die Apotheose des Nörglers.

    Auf die Whisky-Empfehlung und die Adresse freue ich mich natürlich schon.

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