Schopenhauer und die kritische Theorie der Gesellschaft

Einen interessanten Nachtrag möchte ich zum Schopenhauertext liefern, und zwar ein Zitat aus dem Aufsatz von Heinz Paetzold „Schopenhauers Motive in der Ästhetik des Neomarxismus“. Diese Passage deutet noch einmal darauf, daß es durchaus Verbindungsglieder gibt zwischen Schopenhauer, dem vermeintlichen Philosophen des behaglichen Bürgertums, welches den Spiegel nicht wahrnahm, den Schopenhauer ihm entgegenhielt, und der Kritischen Theorie. Nebenbei bemerkt wird ja auch Wilhelm Busch, der Schopenhauer samt seinem Pudel als Skizze zeichnete, vom behaglichen Bürgertum in Anspruch genommen. Ein wenig zu unrecht, wenn man bedenkt, daß die Zeichner der Neuen Frankfurter Schule diesen Wilhelm Busch, trotz seines Antisemitismus und seiner Spießbürgerlichkeit, illustratorisch nicht gering schätzten.

Doch nun zum Text von Paetzold:

„Die Lektion, die jede sich auf Marx berufende Philosophie der Praxis von Schopenhauer erhält, besteht darin, die Bedingungen mißlingender Befreiung schärfer ins Auge zu fassen. Schopenhauer macht hellsichtig für einen Verlauf der Welt am Rande der Katastrophe. Die Lektion, die ein in der Fluchtlinie Schopenhauers sich bewegendes Denken vom Neomarxismus erhält, besteht darin, daß die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe dann nicht zur Resignation oder zu heroischem Zynismus führt, wenn zugleich die Möglichkeit umwandelnder Praxis zugestanden wird. Als Statthalter dieser Möglichkeit fungiert bei Adorno wie Marcuse, Bloch und Benjamin die Kunst. Man muß allerdings hinzusetzen: Eine Kunst, die aus den Avantegardebewegungen gelernt hat. Das Scheitern der klassischen Avantgarden in dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bei ihren Versuchen, die ästhetische Erfahrung in das gesellschaftliche Leben zu übersetzen, beruhte darauf, daß den künstlerischen Avantgardebewegungen keine sozialen Bewegungen zur Seite standen. Mit der Bürokratisierung der Arbeiterbewegung durch Stalin und seine Nachfolger war die Sprengkraft der Politik gefesselt.“ (S. 172, in: Schopenhauers Aktualität, Wien 1988)

9 Gedanken zu „Schopenhauer und die kritische Theorie der Gesellschaft

  1. Warum die Befreiung nach Schopenhauer misslingt, das stellt auch Paetzold nicht klar heraus. Schopenhauer sah nicht die Welt in dem Sinne in der normalerweise von Welt gesprochen wird am Rande einer Katastrophe, vielmehr sah er die katastrophale Verfassung des Subjekts, die ja die Welt, von der Schopenhauer schreibt, ausmacht. Was die kritische Theorie von Schopenhauer hätte erben können, ist ein wissenschaftlicheres Verständnis des Begriffs „Wert“. Schopenhauers „Wille“ ist ohne weiteres in thermodynamische Prinzipien überführbar, die erstaunliche Selbstreferentialität (der „Strange Loop“ bei Hofstadter) ermöglich die Vorstellung, in der Vorstellung entstehen Werte – die ohne Subjekt nicht existieren. Eine Reflektion über den sich daraus ergebenden Zweck von Werten und vor allem über die Gefahr der Zweckentfremdung – nie war sie offenbarer als heute – hätte den theoretischen Unterbau der kritischen Theorie aufwerten können, ohne den pragmatischen Leitfaden aufzugeben. Aber nun ist es leider zu spät, die kritische Theorie gedeiht nur noch in der Vorstellung der Philosophiehistoriker.

  2. Nein, Paetzold stellt dieses Mißlingen in der zitierten Passage nicht heraus. Als Stichwort läßt sich hier jedoch (für die Eingeweihten sozusagen) der Titel „Dialektik der Aufklärung“ nennen.

    Daß kritische Theorie ein Projekt für Philosophiehistoriker ist, stimmt natürlich nicht. Diverse Blogs und Texte zeigen das Gegenteil. Allerdings ist Kritische Theorie pluraler geworden und nicht mehr nur mit dem Namen Frankfurt verbunden.

    Den Begriff „Wert“, so wie Du ihn verwendest, läßt sich in einem bestimmten Rahmen in den Begriff der Ideologie überführen bzw. übersetzten. Über diese Zweckentfremdung von Werten hat die Kritische Theorie ja Auskunft gegeben, insbesondere in der DA und in Adornos kleineren Schriften wie „Stichworte“, „Eingriffe“, „Ohne Leitbild“, Gesellschaftstheorie und Kulturkritik“, „Prismen“.

    Eine Sichtung des Wertbegriffes in der Philosophie ist nicht leicht zu bewerkstelligen, denn dies reicht von der Wertphilosophie des Neukantianismus über Max Weber bis hin zum Werturteilsstreit, der sich im Positivismusstreit zwischen Kritischer Theorie und Kritischem Rationalismus noch einmal verlängerte.

    Ansonsten ist „Wert“ primär ein ökonomischer Begriff, aus dem sich verschiedene Bestimmungen ableiten lassen, auch solche, die auf Kultur bzw. Gesellschaftliches gehen. Dabei gerät der Wertbegriff dann selber zu einem Stück Ideologie. Er verschleiert sich.

    Ich denke, daß hier die Salonmarxologie ein Stück wird Aufschluß geben können. Einen Aufschluß, der meine Kenntnisse übersteigt, da ich im Grandhotel Abgrund nur den kleinen Salon für Ästhetik gebucht habe. Die Betreiber dieses Grandhotels sind da sehr genau und pingelig. Sie haben zu diesen Türen die Schlüssel weggetan. So bleiben mir nur mein Salon, die kleine Terrasse zum Draußen hin, der Stuhl, das Plaid für die kühlen Tage und meine Pillen.

    _________

    Nachtrag: Verweisen möchte ich zum Begriff des Wertes in der Philosophie noch auf das gleichnamige Kapitel in dem Buch von Herbert Schädelbach „Philosophie in Deutschland 1831-1933“. Es ist dies eine sehr gelungene Darstellung, die einen guten Überblick verschafft. Man kann sich an Schnädelbach immerzu reiben, aber er ist sehr, sehr lehrreich, man kann, zuweilen ex negativo, ungeheuer viel aus ihm schöpfen.

  3. „… die erstaunliche Selbstreferentialität ermöglicht die Vorstellung, in der Vorstellung entstehen Werte – die ohne Subjekt nicht existieren.“

    Marx zeigt, daß der Wert einer Ware keine ihr innewohnende materielle Eigenschaft ist. Noch nie hat ein Chemiker Wert in Perlenkette oder Diamant entdeckt, sagt Marx.

    Insoweit der Wert immateriell ist, besteht er tatsächlich nur in der Vorstellung der Subjekte.
    Eine Bibel hat den Gebrauchswert der Erbauung, Schnaps den des Besaufens. Wird aber 1 Bibel gegen 2 Flaschen Schnaps getauscht (das Geld bleibt hier raus; das ist nur abgeleitet), dann ist 1 Bibel 2 Flaschen Schnaps wert. Plötzlich ist die Werteigenschaft da, gesetzt durch das Handeln der Subjekte, ohne die der Wert tatsächlich nicht existierte.
    Die Bibel kann ihren Wert nicht an sich selbst darstellen. („1 Bibel ist 1 Bibel wert“ ist eine Tautologie und kein Wertverhältnis.) Im Tauschverhältnis zum Schnaps aber sieht der Wert der Bibel aus wie 2 Flaschen Schnaps.
    Im Bezug des Bibelwerts auf den Schnapswert bezieht der Wert, wenngleich noch in unentwickelter Form, sich auf sich selbst, denn genau so gut sind 2 Fl. Schnaps 1 Bibel wert, und dann sieht der Wert des Schnapses aus wie eine Bibel.

    Weil der Wert nur an einem Ding erscheinen kann, entsteht so notwendig die falsche Vorstellung, der Wert komme dem Ding selbst als dinghafte Eigenschaft zu: „Es erscheint wie es ist, nämlich verkehrt“ (Marx).

    Der Wert ist ein rein gesellschaftliches Verhältnis, als solches aber gewinnt er, der er selbst immateriell ist, materielle Macht, und zwar in ungeheuerer Weise.
    Das ist der Irrsinn von etwas, das es ‚eigentlich‘ gar nicht gibt, und das gleichwohl den ganzen Planeten durchherrscht.

  4. Marx ist nicht nur in dieser Hinsicht zuzustimmen. Jetzt aber kurz die Gegenposition. Da das Subjekt in letzter Instanz Teil eines wie auch immer genannten Prozesses ist – sehr reduktionistisch könnte das Bewusstsein zum Beispiel als Teil einer chemischen Reaktion bezeichnet werden – ist auch davon auszugehen, dass dieser Prozess zur Erhaltung eines Zustands oder zur Erreichung bestimmter Zustände gewisse Ressourcen benötigt. Zum Beispiel Energie. Die Währung des Universums wären demzufolge zum Beispiel Kilojoule und auch Bibel und Schnaps können in Kilojoule umgerechnet werden. Beim Schnaps zum einen wegen der enthaltenen Kalorien, zum anderen wegen der Förderung weiterer Prozesse, die den Gesamtenergieumsatz steigern. Bei der Bibel ist die Umrechnung zwar schwierig, der Energiegewinn ist ungewiss, dennoch dient auch die Bibel zur Förderung bestimmter Prozesse, zur Energieerhaltung oder zur Erschließung neuer Energiequellen. Gleiches gilt für Liebe, Wissenschaft, Ästhetik. Damit ist vollständige Objektivierbarkeit und Kommensurabilität von Werten gegeben.

    Da ich persönlich ein Roboter bin, kann ich ein Liedchen vom objektiven Wert der Energie singen.

  5. Was für ein Typ von Roboter sind Sie? Eher „Star Wars“ oder „Per Anhalter …“? (Marvin heißt er, wenn ich mich recht erinnere, wie Sam Hawkins zu sagen pflegte.)

    Das ist für mich als Blade Runner nicht ganz unwichtig zu wissen.

  6. Es bestätigt gewiß meinen Ruf als schmierig-kollusiver Verbrüderungsschleimer, wenn ich sage, daß ich eine „Gegenposition“ da gar nicht sehe. Energie, deren Messung und Gewinnung, gehört auf die Seite der Produktivkräfte. Gegen deren Entwicklung gibt es bei Marx keine Einwände.

  7. @bersarin: Ich bin der Zweihundert-Jahre-Mann (199). Bitte bedenken Sie Ihre eigene Beschaffenheit, bevor Sie Weiteres unternehmen.

    @Nörgler: Mit Stolz verkündige ich, dass hier und gestern endlich eine Brücke zwischen Subjektivität und Objektivität aufgesponnen wurde.

  8. Hi bersarin

    Schopenhauers „Zur Ethik“ ( in den p & P II) macht vielleicht deutlich, was Paetzold meinte: Hab leider keine Zeit, das genauer auszuführen, aber ich meine jene Passage, wo er sich für seinen Pudel entscheidet, weil der nicht falsch, nicht verschlagen sein könne… Eine ergreifende Passage, wo Schopenhauer sich zB massiv gegen Rassismus/Sklavenhaltersüdstaaten ausspricht.

    Zu Busch und „Antisemitismus“: Ja. Jein. Also man weiß es nicht… Robert Gernhard hat dazu einmal einen klugen Aufsatz geschrieben:
    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6369
    Spricht Busch selber bei „Schöner ist doch unsereiner“, oder mokiert er sich über Spießers Sicht per Rollengedicht?

  9. Danke für den Link zum verehrten Robert Gernhardt.

    Ich suche mir die Passagen von Schopenhauer noch mal heraus.

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